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Medienrundschau:

News zum Single-Dasein

 
   
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News 1-5/2017
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Medienberichte über single-dasein.de
 
 
 
   

News vom Oktober 2017: [15.10.] [16.10.] [17.10.] [18.10.] [19.10.] [20.10.] [21.10.]

 
 
     
 
   

Zitat des Monats:

Altersdiskriminierung ist ein weltweites Problem

"Mit Blick auf die altersbezogenen Agenden von OECD, Welthandelsorganisation, Weltbank, IWF und EU kritisiert der Gerontologe Anton Amann: Die Alterung gilt als gefährliche Bürde für den Sozialstaat; sie gefährde die Produktivität des Wirtschaftsstandortes; Eigenvorsorge und individuelle Verantwortung seien zu forcieren; Pensionssysteme seien in profitable Pensionsfonds umzubauen. Unter dem ausgegebenen Label der Aktivierung wirken hier Konstruktionen fort, die Alter(n) als Problem definieren.
Hier ist der Anschluss an gängige Altersdiskriminierungen möglich. Alte wurden seit jeher als nutzlos stigmatisiert und diskriminiert. Heute wird den Alten die Verantwortung für ihre Bedarfe zugeschrieben, weil sie mangels gesunder Lebensführung und finanzieller Vorsorge allein verantwortlich für ihre Probleme seien. Im neueren Ageismus werden Alterserscheinungen als Resultat nachlässiger Lebensführung stigmatisiert. Das Leitbild ist und bleibt der junge, leistungsstarke Mensch."
(Winfried Rust "Gepriesen und vernachlässigt" in der Zeitschrift iz3w, September/Oktober 2017, S.19)

 
       
       
   

21.10.2017

 
       
   

MARSCHALL, Birgit (2017): Rentner zieht es ins Ausland.
Die Zahl der Rentenbezüge im Ausland hat sich seit 1990 auf fast 1,8 Millionen mehr als verdoppelt. Viele Gastarbeiter sind in ihre Heimat zurückgekehrt, aber auch deutsche Senioren mögen Südeuropa,
in:
Rheinische Post v. 21.10.

 
       
   

LASCH, Hendrik (2017): Schifferstadt fürchtet Untergang.
Zehn Jahre nach der Fusion streitet Dessau-Roßlau über den Stadtnamen,
in:
Neues Deutschland v. 21.10.

"Der Name Dessau-Roßlau tauchte erst 2007 auf Landkarten auf. Damals schlossen sich das nördlich der Elbe gelegene Roßlau (...) und das südlich des Flusses gelegene Dessau zusammen. Es war eine Fusion, die eher aus der Not erfolgte: Nur unter dieser Bedingung sah Sachsen-Anhalts Landesregierung davon ab, Dessau im Zuge einer Gebietsreform in einen Landkreis einzugliedern. Die Stadt hatte seit Ende der DDR wegen des Wegbruchs vieler Industriebetriebe 20.000 Einwohner eingebüßt. Unter Einschluss der 12.500 Roßlauer Bürger brachte man es immerhin wieder auf eine Einwohnerzahl von knapp 90.000 - Tendenz seither freilich: weiter kräftig sinkend",

berichtet Hendrik LASCH anlässlich einer Kontroverse um die Namensgebung der Stadt, die eine politische Gruppe zur "Bauhausstadt Dessau" umbenennen möchten, um das schlechte Image der Stadt aufzubessern.

 
       
   

BARON, Christian (2017): Sollen sie doch zugrunde gehen.
Sahra Wagenknecht und Katja Kipping repräsentieren gesellschaftliche Gruppen, die sich nichts mehr zu sagen haben,
in:
Neues Deutschland v. 21.10.

Christian BARON sieht im Machtkampf innerhalb der Linkspartei einen Konflikt zwischen neuer und alter Mittelschicht aufscheinen. Während Katja KIPPING als Anwältin der neuen Mittelschicht beschrieben wird, gilt ihm Sahra WAGENKNECHT als Sprachrohr der alten Mittelschicht:

"Der Soziologe Andreas RECKWITZ findet in seinem neuen Buch »Die Gesellschaft der Singularitäten« für diese Fronten analytische Begriffe: Kippings Basis ist demnach als »neue Mittelklasse« zu bezeichnen, die laut Reckwitz die politische Kultur bestimmt".

Cornelia KOPPETSCH schreibt in ihrem Beitrag in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung Freitag ebenfalls vom Konflikt zwischen dieser alten und neuen Mittelklasse. Und auch die sozialen Gruppen von denen BARON und KOPPETSCH schreiben, sind identisch, wenngleich BARON nur die verbreiteten Etiketten benützt:

"Kipping steht für oft als »Hipster« diffamierte bildungsbürgerliche Großstädter, Wagenknecht für die oft als »Abgehängte« diffamierte Stadt- und Landbevölkerung. Erstere mögen nicht zwangsläufig wohlhabend sein und Letztere mag in vielen Fällen nicht arm sein. Warum beide Milieus sich nichts mehr zu sagen haben, liegt dennoch im kulturell aufgeladenen Widerspruch zwischen Arm und Reich begründet.
Wer in der alten Bundesrepublik die kurze Zeit der Bildungsexpansion bis in die siebziger Jahre erlebte, konnte so leicht sozial aufsteigen wie nie zuvor. In der DDR wiederum standen den Angepassten fast alle Türen offen. Die Kinder dieser Generationen sind die derzeit in Berlin oder Hamburg häufig prekär beschäftigten Junglinken. Und die werden nicht selten durch Eltern oder andere bis ins Erwachsenenalter finanziell unterstützt. Was es heißt, im Strudel der Armut zu stecken, das wissen sie nicht."

BARON führt die Querellen innerhalb der Linkspartei zum einen auf einen Klassenkonflikt und zum anderen auf unterschiedliche politische Strategien zurück, die auf unterschiedliche Zielgruppen abzielt. Während es KIPPING und ihren Mitstreitern um die Regierungsfähigkeit der Linkspartei (nicht nur) im Bund geht, geht es BARON und WAGENKNECHT um eine wirksame Opposition, die auch die Arbeiterklasse anspricht. Der Soziologe Stephan LESSENICH gilt BARON  zusammen mit dem Philosoph Thomas SEIBERT als Vordenker einer kosmopolitisch orientierten Linkspartei, die im großstädtisch-akademischen Milieu ihre Klientel sieht. Dagegen wird der Linkspopulismus von WAGENKNECHT als Versuch gedeutet, die Zielgruppe der Arbeiter nicht zu vernachlässigen, die zuletzt zur AfD abgewandert ist.

"Wagenknecht versucht, diejenigen im Wahrnehmungshorizont linker Politik zu halten, die gefühlt als Einzige für die »Willkommenskultur« bezahlen müssen. Das führt die Politikerin manchmal in rhetorisch gefährliche Fahrwasser, sie vertritt aber eine in der Diskussion kaum präsente Perspektive. Wenn Geflüchtete, obgleich sie studiert haben, in Deutschland als Putzkräfte oder in anderen mies bezahlten Jobs arbeiten müssen, dann erhöht das den Druck auf das Lohnniveau der sogenannten Geringqualifizierten. Diese Menschen über den Umweg einer Kritik an Wagenknecht als Rassisten zu beschimpfen, das wird keiner linken Partei helfen.
Für Kippings Anhänger erhöht Migration die Lebensqualität, weil sie beispielsweise sicherstellt, dass in Berlin-Neukölln weiterhin Schnellrestaurants exotische Gerichte zu günstigen Preisen anbieten."

Letztlich stellt sich die Frage inwiefern Linkspopulismus das Phänomen des Rechtsrucks in Deutschland verhindern kann. Und wäre es nicht besser, wenn sich die Linke neu formieren würde, statt einen Spagat zu versuchen, der lediglich den Nationalkonservatismus in Deutschland stärkt?

 
       
   

Der Wohnungsmarktbericht Ostdeutschland 2017 in den Medien

FABRICIUS, Michael (2017): Traumrenditen in der Provinz.
Die Mieten steigen, die Kaufpreise sind niedrig: Ostdeutschland wird für Anleger interessant,
in:
Welt v. 21.10.

Wie bereits beim Bericht vor einem Jahr ködert Michael FABRICIUS die Welt-Leser mit hohen Renditen und zielt damit auf Anleger und nicht auf jene, die eine Immobilie selbst bewohnen. Auch ist der Bericht nicht repräsentativ für Ostdeutschland, sondern den Interessen des Auftragsgebers geschuldet.

"Entweder muss die Stadt in der Nähe einer der größeren Metropolen oder Schwamstädte liegen (...). Oder die Stadt ist ein Wissens- oder Industriestandort",

erklärt uns FABRICIUS die Auswahlkriterien, die man eher als Wetten auf die Zukunft betrachten muss. Als Zielgruppen werden folgende vier Käufertypen gepriesen:

"Rückkehrer aus Westdeutschland, Zuzügler, denen es in den größeren Städten zu teuer geworden ist, Umzügler, die höhere Ansprüche an die Qualität und Wohnfläche haben. Und Studenten".

Die Bevölkerung wächst, wird uns erklärt, auch wenn dann lediglich die Haushaltszahlen gemeint sind, die uns als "entscheidende" Größe präsentiert wird. Aus der Übersicht ist ein Vergleich der Renditen mit dem Vorjahr ersichtlich, wie sie in den beiden Welt-Artikeln in einer Grafik dargestellt wurden:

Stadt Wohnungsmarktbericht 2016
(durchschnittliche Bruttorendite in Prozent)
Wohnungsmarktbericht 2017
(durchschnittliche Bruttorendite in Prozent)
Görlitz 11,8 % 11,8 %
Merseburg 9,5 % 10,2 %
Dessau-Roßlau 9,5 % 10,2 %
Gera 10,0 % 10,0 %
Nauen 10,0 % 10,0 %
Freiberg 9,5 % 9,5 %
Döbeln 9,1 % 9,1 %
Chemnitz 9,1 % 9,1 %
Eberswalde 9,5 % 9,1 %
Waren (Müritz) 8,7 % 8,7 %

Auf dem ersten Blick handelt es sich bei diesen Städten eher um Problemstädte mit schrumpfenden oder stagnierenden Bevölkerungen bzw. um Städte, die ihr Image durch Marketingkampagnen zu verbessern versuchen.

Ob es ein gutes Zeichen ist, dass sich in 7 der 10 Städte die Bruttorenditen nicht verändert haben, darf bezweifelt werden, denn das deutet eher drauf hin, dass wenig Bewegung auf diesen Märkten herrscht. Und für Eberswalde gilt sogar, dass die dortigen Angebote nicht der Nachfrage entsprachen und deshalb nun die Renditen sogar gesunken sind. Wer also auf hohe Renditen schielt, könnte am Ende der Dumme sein!  

 
       
   

20.10.2017

 
       
   

DESTATIS (2017): Jugenderwerbslosenquote in Deutschland war 2016 mit 7 % EU-weit am niedrigsten.
Statistisches Jahrbuch 2017 mit Daten zu Deutschland im internationalen Vergleich erschienen,
in:
Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts v. 20.10.

 
       
   

BARTSCH, Michael (2017): Ratlos in Sachsen.
Wie die sächsische CDU die neuen Zeiten verschlief,
in:
TAZ v. 20.10.

MAIER, Anja (2017): Fleisch vom Fleische der Sachsen-CDU.
Personalien: Michael Kretschmer, christdemokratischer - und politisch gescheiterter - Hardliner, soll der nächste sächsische Regierungschef werden. Das wünscht sich jedenfalls Noch-Ministerpräsident Tillich,
in:
TAZ v. 20.10.

"Nun soll (...) mit Kretschmer jemand die Dresdner Staatskanzlei übernehmen, der nicht einmal ein politisches Mandat hat. Ein Amt hat er zwar - seit 2005 ist er Generalsekretär der sächsischen CDU, aber im Landtag saß er nie. Stattdessen ab 2002 im Bundestag, das dürfte man getrost eine Turbokarriere nennen. (...).
Bei der Bundestagswahl holte ein No-Name von der AfD seinen Görlitzer Wahlkreis", berichtet Anja MAIER über den designierten Ministerpräsidenten Michael KRETSCHMER.

POLLMER, Cornelius (2017): "Wir hatten kein DDR-Ergebnis".
Die CDU-Fraktion in Sachsen spricht sich nach "harten" Fragen mehrheitlich für Michael Kretschmer als neuen Ministerpräsidenten aus. Dieser muss jetzt nicht nur den Koalitionspartner von sich überzeugen,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 20.10.

LOCKE, Stefan (2017): Der Jüngste.
Michael Kretschmer,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 20.10.

Stefan LOCKE zeichnet ein wohlwollendes Porträt des designierten Ministerpräsidenten, den er als "eines der größten politischen Talente der Sachsen-CDU" tituliert, obwohl der gerade durch den Verlust seines Direktmandats, das er "viermal mit großem Abstand gewonnen hatte", gezeigt hat, dass er das "Volk" nicht mehr versteht. Am Ende bleibt nur noch die Gnade der späten Geburt als sein "Verdienst", wenn LOCKE schreibt:

"Sollte er im Dezember gewählt werden, wäre er der jüngste Ministerpräsident Deutschlands und der erste Regierungschef Sachsens, der weder in der alten Bundesrepublik noch in der DDR, sondern im wiedervereinigten Deutschland sozialisiert wurde."

Bis vor kurzem wurde noch Manuela SCHWESIG als jüngste Ministerpräsidentin tituliert. Sie ist gerade einmal ein Jahr vor KRETSCHMER geboren. Im "alternden Deutschland" gilt offenbar das junge Alter bereits als Auszeichnung, was ja durch den Hype um Emmanuel MACRON und seinen österreichischen Kollegen befördert wird. Nur: geliefert hat noch keiner!   

 
       
   

HICKMANN, Christoph (2017): Lars Klingbeil.
SPD-Generalsekretärskandidat und Problem für den Partei-Proporz,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 20.10.

Christoph HICKMANN porträtiert den SPDler Lars KLINGBEIL, der das Direktmandat im Bundestagswahlkreis Rotenburg I - Heidekreis gewonnen hat, und der Liebling der rechten Journalisten ist, die mit dem Seeheimer Kreis sympathisieren.

"Sollte Klingbeil beim Parteitag im Dezember gewählt werden, wären drei der vier wichtigsten SPD-Posten (Vorsitzender, Generalsekretär, Fraktionschefin, Parlamentarischer Geschäftsführer) mit Männern besetzt, obwohl es stets heißt, die Partei müsse weiblicher werden. Außerdem gehört Klingbeil dem konservativen Seeheimer Kreis an und damit der Strömung, aus der auch Schulz kommt - was den Parteilinken nicht gefallen kann. Und schließlich dürfte die Personalie nach den SPD-Proporzregeln die Chancen eines weiteren Niedersachsen schmälern, Anfang der Woche als Bundestags-Vizepräsident nominiert zu werden: Thomas Oppermann",

erklärt uns HICKMANN, der Andrea NAHLES (fälschlicherweise gerne den Partei-Linken zugeordnet) beschädigt sieht, wenn OPPERMANN nicht gewählt wird, der gleichfalls den Rechten zugeordnet werden muss.      

 
       
   

19.10.2017

 
       
   

DELHAES, Daniel (2017): Plötzlich Ministerpräsident.
Michael Kretschmer: Der Generalsekretär der Sachsen-CDU soll neuer Ministerpräsident des Bundeslandes werden. Stanislaw Tillich tritt nach der Schlappe bei der Bundestagswahl zurück,
in:
Handelsblatt v. 19.10.

Michael KRETSCHMER war der Verlierer der Bundestagswahl. Sein Direktmandat ging an die AfD, womit seine Karriere als Bundestagsabgeordneter besiegelt schien. Doch die Personaldecke der CDU ist so dünn, dass nun die letzte Reserve an die vorderste Front geschickt werden muss. Die CDU hat sich offenbar zu Tode regiert!

 
       
   

KOPPETSCH, Cornelia (2017): Ich Globus, du Dorf.
Essay: Erbittert kämpfen Kosmopoliten und Traditionalisten darum, was Heimat ist und was sie sein soll. Ihre Werte und Strategien ähneln sich dabei erstaunlich,
in:
Freitag Nr.42 v. 19.10.

Die Soziologin Cornelia KOPPETSCH verortet die neue Klassengesellschaft mittels Heimatbegriff als Riss innerhalb der Mittelschicht und sieht damit das kulturelle Kapital und die Bildung als Motor der neuen deutschen Klassengesellschaft.

"Das Politische kreist in der Gegenwart nicht mehr primär um Verteilungs-, sondern um kulturelle Fragen, um grundlegende Werte wie Individualität oder Gemeinschaft, Freiheit oder Bindung, Öffnung oder Schließung. Und diese kulturellen Fragen spalten nicht etwa zwischen oben und unten, sondern gehen mitten durch die Mittelklasse. Vor allem die bürgerliche Mitte, in der die AfD ihre stärksten Zugewinne, vor allem auf Kosten der CDU, zu verzeichnen hat (...). Die politische Kluft verläuft nun zwischen neuer und alter Mittelklasse, zwischen progressiven und konservativen Milieus, zwischen Modernsierungsbefürwortern und Modernisierungsskeptikern",

meint KOPPETSCH, als ob diese Konfliktlinie neu wäre. Tatsächlich existiert dieser Konflikt bereits seit den 1980er Jahren, nur dass die damalige erfolgreiche Parteibildung der Grünen von der neuen Mittelschicht erwünscht war, während mit der erfolgreichen Parteibildung der AfD erst jetzt eine Gegenbewegung entstanden ist, die von den herrschenden Eliten nicht mehr ignoriert werden kann.

"Der ersten Heimatvorstellung liegt ein kosmopolitisches Selbstverständnis zugrunde (...). Heimat darf demnach nicht zum Ausschluss anderer, nicht zu Differenz und Abgrenzung führen (...).
Demgegenüber geht mit dem Heimat als Schicksal-Modell die Überzeugung einher, Heimat sei in erster Linie etwas für Eingeborene und nicht für Zuwanderer",

schreibt KOPPETSCH. Man darf das nicht als empirische Gegenüberstellung verstehen, sondern es handelt sich hier um die idealtypischen Pole der Debatte, bei der die Ambivalenz dieser beiden Modelle außen vor bleibt. Der Schicksals-Fraktion wird die Furcht vor Überfremdung zugeschrieben:

"So glauben viele »heimatverbundene« Deutsche, dass Einwanderung und die höhere Geburtenrate der »Muslime« mittelfristig zu einer Beherrschung der »deutschen Gesellschaft« durch diese führen würden. Der Schriftsteller Michel Houellebecq hat ein solches Szenario in seinem Roman Unterwerfung entfaltet."

Lange vor Michel HOUELLEBECQ wurde diese Gefahr von Philip LONGMAN ("The Empty Cradle") beschworen, dessen Thesen zur Rückkehr des Patriarchats in Deutschland in den Jahren 2004 und 2006 vom kosmopolitischen Feuilleton ausufernd diskutiert wurde.  

"Hinter dem Kampf um »die Heimat« verbergen sich (...) nicht nur unterschiedliche Begriffe, sondern konkurrierende Gesellschafts- und Lebensauffassungen. Die Schicksalsprotagonisten sehen sich in moralischer, politischer Opposition zur akademischen Mittelklasse, der primären Trägergruppe des Kosmopolitismus.
Die Kosmopoliten wiederum weisen die Vorstellung als Schicksalsgemeinschaft scharf zurück",

beschreibt KOPPETSCH die jeweiligen Ideale, die jedoch auf Basis ganz spezifischer Klasseninteressen vertreten werden. Das wird deutlich, wenn KOPPETSCH die sozialräumliche Exklusivität und damit die Schließung des Lebensraums der angeblich so offenen "kreativen Klasse" (ein anderer Begriff für die akademische Mittelschicht) beschreibt, deren Entstehung KOPPETSCH folgendermaßen schildert:

"Ursprünglich entstand die neue Urbanität mit dem historischen Aufstieg der »zweiten Heimaten« im Zuge der Landflucht der Mittelschichtjugend seit den 1970ern. Angeführt durch Alternativbewegungen und Künstlerszenen hat in Deutschland seit den 1980ern eine Re-Urbanisierung der Innenstädte eingesetzt, deren »kreative Vielfalt« und lebenswerte Eigensinnigkeit sukzessive zum Vorreiter des postindustriellen Lifestyles und urbaner Kultur- und Kreativökonomien geworden sind. Dieser Urbanismus ist seit der Jahrtausendwende ins Visier neoliberaler Gouvernance-Strukturen und des Städtemarketings geraten, welche auf die Herausbildung von Metropolen zielen, die sich mittels ihrer architektonischen Besonderheiten, Geschichtsbilder und Mythologien sowie spezifischen Alltagspraktiken vermarkten sollen. Seine soziale Exklusivität gewinnt dieser Lebensstil jedoch erst durch die wachsende sozialräumliche Polarisierung zwischen den postindustriellen Großstädten als Zentren, in denen sich die akademische Mittelklasse konzentriert, und den Peripherien: alte Industriestädte, Kleinstädte und Dörfer. Von dort wandern die Hochqualifizierten in die Großstädte."

Die heutigen Kosmopoliten, d.h. die Kinder jener Eltern, die von der Bildungsexpansion profitierten, ziehen ihre Grenzen mittels Herkunftsprivilegien und Gentrifizierung INNERHALB Deutschlands:

"Die kosmopolitische Offenheit bewegt sich in engen Grenzen. Offenheit kann man sich leisten, weil man über wirkungsvolle Grenzanlagen verfügt: gentrifizierte Stadtteile, ein sozial und ethnisch hoch selektives Bildungswesen, Zugangsbeschränkungen in Form teurer Freizeiteinrichtungen und Clubs. Die ökonomischen Privilegien schützen wirkungsvoll gegenüber unteren Schichten und Migranten."

Die Umdefinition von Verteilungsfragen in Fragen des richtigen Lebensstils wird von KOPPETSCH zwar genannt, aber nicht als Teil dieser Grenzziehung betrachtet:

"Die Subjekte der akademischen Mittelklasse (...) (begreifen) sich (...) als Träger einer zukunftsweisenden Lebensform (...), die zum gesellschaftlichen Maßstab gelingenden Lebens insgesamt geworden ist. Damit begründen sie ihre Privilegien gegenüber untergeordneten Sozialklassen. Sozioökonomische Ungleichheiten werden dann nicht auf kapitalistische Ausbeutungsverhältnisse, sondern auf Defizite in Kompetenzen, Ethos, in der Alltagsästhetik und insgesamt in der Lebensführung zurückgeführt. Andersgeartete Lebensformen werden entwertet."

Ob der Heimatbegriff geeignet ist, um die gegenwärtigen politischen Konfliktlinien angemessen zu beschreiben, darf bezweifelt werden. Der zentrale politische Konflikt verläuft stattdessen zwischen Umverteilung und Anerkennung.

Ob der Versuch Verteilungsfragen zu Anerkennungsfragen umzudeuten mittel- und langfristig gelingen wird, das ist die spannende Frage. Es könnte gut sein, dass die jetzigen Umdeutungsversuche zu einem erneuten Umbruch in der Parteienlandschaft führen wird. Dann nämlich, wenn die AfD und der Rechtsruck zu neuen Enttäuschungen führt, weil die Erwartungen nicht erfüllt werden können. Dass dieses Scheitern inzwischen bereits gedanklich vorweggenommen wird, zeigt der Beitrag von Thomas STEINFELD in der heutigen SZ, in dem die Rückkehr der "gefährlichen Klassen" nicht ausgeschlossen wird.          

 
       
   

MICHAL, Wolfgang (2017): Links ist Geschichte.
Niedersachsen: Stephan Weils Sieg zeigt: Kommt es zur Erneuerung der SPD, wird diese mit Rot-Rot-Grün nichts mehr zu tun haben,
in:
Freitag Nr.42 v. 19.10.

 
       
   

STEINFELD, Thomas (2017): Die kommende Gefahr.
Patrick Eiden-Offe fragt, wie die Vorstellung vom Proletariat entstand und die Wirklichkeit prägte,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 19.10.

Thomas STEINFELD bespricht das Buch Die Poesie der Klasse von Patrick EIDEN-OFFE über den "romantischen Antikapitalismus und die Erfindung des Proletariats". Am Ende geht es um die Gleichsetzung der Begriffe "Arbeiterklasse" und "Prekariat":

"Am Ende der Studie erweitert Patrick Eiden-Offe die Perspektive auf heutige Verhältnisse. Die Kategorie »Arbeiterklasse« stellt keineswegs den einzigen Fall dar, in dem ein Wort, das zur analytischen oder auch zur poetischen Beschreibung gesellschaftlicher Verhältnisse dient, zugleich eine praktische Wirkung in eben diesen Verhältnissen zeitigt. Der Begriff »Prekariat« etwa, ein Wort der Gegenwart, das sie Unsicherheit von Arbeitsverhältnissen in Zeiten einer weitgehend digitalisierten Industrie bezeichnet, weist Merkmale auf, die auch zur Formel von der »Arbeiterklasse« gehörten - und um diese zu erkennen, muss man nicht so weit gehen wie der britische Wirtschaftswissenschaftler Guy Standing, der im »Prekariat« die Wiederkehr der »gefährlichen Klassen« erahnt. Patrick Eiden-Offe wahrt solchen Parallelismen gegenüber die Distanz, erklärt aber: Was eigentlich wiederkehre, sei das Bedürfnis nach einem Mythos, der »gefährlich zu werden droht oder verspricht«. Und damit hat er recht".

Man könnte auch sagen, dass es eine Sehnsucht nach einer neuen Erzählung gibt, die einem neuen politisches Subjekt zum Durchbruch verhilft und dadurch politische Veränderungen herbeiführt. Bislang sieht jedoch nichts danach aus, dass eine neue Linke dazu fähig wäre, einen solchen "Mythos" zu erschaffen.

 
       
   

18.10.2017

 
       
   

SIEMS, Dorothea (2017): Die Rente wird teuer.
Mit neuen Wohltaten für Senioren könnte die künftige Koalition die Kosten des Sozialsystems in die Höhe treiben. Experten sind besorgt,
in:
Welt v. 18.10.

Obwohl es noch keine handlungsfähige Koalition und auch keinerlei Neuigkeiten gibt, bringt Dorothea SIEMS schon mal vorsorglich das neoliberale Mantra zur Rentenpolitik ins Gespräch. 

 
       
   

BARTSCH, Michael (2017): Selbstfindung der Zivilgesellschaft.
Das Wahlergebnis als kulturelle Herausforderung: Kulturleute in Sachsen zwischen Kapitalismuskritik und Sinnstiftung,
in:
TAZ v. 18.10.

 
       
   

17.10.2017

 
       
   

LOOMAN, Volker (2017): Die schwere Last mit leichten Witwen,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 17.10.

 
       
   

16.10.2017

 
       
   

EUROSTAT (2017): Abwärtstrend beim Anteil der von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedrohten Personen in der EU.
Jedoch immer noch über 115 Millionen Personen betroffen,
in:
Pressemitteilung des statistischen Amt der Europäischen Union v. 16.10.

 
       
   

Der Dritte Wohngeld- und Mietenbericht 2016 in den Medien

ÖCHSNER, Thomas (2017): In der Warteschleife.
Vor allem Rentner beziehen Wohngeld. Doch das wird nicht regelmäßig an die steigenden Kosten angepasst. Bis zur nächsten Reform können Jahre vergehen,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 16.10.

"Vor allem Rentner erhalten zunehmend Wohngeld. (...).
Die meisten dieser Rentner leben allein, fast zwei Drittel von ihnen sind Frauen",

berichtet Thomas ÖCHSNER. Im Bericht der Bundesregierung heißt es zum Wohngeld:

"Am 1. Januar 2016 ist die Wohngeldreform 2016 in Kraft getreten. Mit ihr wurde das Wohngeld erstmalig seit der Wohngeldreform 2009 wieder an die Mieten- und Einkommensentwicklung angepasst. (...). Durch die Wohngeldreform 2016 werden einkommensschwache Haushalte oberhalb der Grundsicherung bei den Wohnkosten schnell, wirkungsvoll und treffsicher entlastet.
Rund 660.000 einkommensschwache Haushalte profitieren derzeit von der Wohngeldreform 2016. Darunter sind rund 200.000 Haushalte, die durch die Reform neu oder wieder einen Anspruch auf Wohngeld erhalten." (2017, S.116f.)

 
       
   

15.10.2017

 
       
   

NIEDERSÄCHSISCHE LANDESWAHLLEITRIN (2017): Landtagswahl 2017 - Vorläufiges Endergebnis,
in:
landeswahlleiter.niedersachsen.de v. 15.10.

Die AfD erhielt im Wahlkreis 11 Salzgitter mit 13,7 Prozent ihr bestes Zweitstimmenergebnis (Bestes Ergebnis im Salzgitter Wahlbezirk Lebenstadt 32 mit 38,0 Prozent). Die Stadt Salzgitter umfasst die Wahlkreise 10 und 11. Im Wahlkreis 65 Delmenhorst erhielt die AfD mit 10,5 Prozent ihr zweitbestes Ergebnis (Bestes Ergebnis im Delmenhorster Wahlbezirk Parkschule mit 23,4 %).

 
       
   

NOWAK, Peter (2017): Der ostdeutsche Patient und seine Gesundbeter.
Nach dem AfD-Erfolg wächst die Schar der Ossi-Versteher,
in:
Telepolis v. 15.10.

 
       
 

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Zu den News vom 07. - 14. Oktober 2017
 

   
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Bernds@single-dasein.de Stand: 22. Oktober 2017