[ [ Homepage ] [ Impressum und Datenschutzerklärung ]

   

Medienrundschau:

News zum Single-Dasein

 
   
News 11.-14. November 2017
News 06.-10. November 2017
News 01.-05. November 2017
News 22.-31. Oktober 2017
News 15.-21. Oktober 2017
News 07.-14. Oktober 2017
News 01.-06. Oktober 2017
News 25.-30. September 2017
News 22.-24. September 2017
News 19.-21. September 2017
News 14.-18. September 2017
News 09.-13. September 2017
News 06.-08. September 2017
News 01.-05. September 2017
News 25.-31. August 2017
News 22.-24. August 2017
News 12.-21. August 2017
News 09.-11. August 2017
News 05.-08. August 2017
News 01.-04. August 2017
News 26.-31. Juli 2017
News 16.-25. Juli 2017
News 12.-15. Juli 2017
News 07.-11. Juli 2017
News 01.-06. Juli 2017

News 1-5/2017
News 2000-2016

 
 
   
Medienberichte über single-dasein.de
 
 
 
   

News vom 15. - 30. November 2017: [15.11.] [16.11.] [17.11.] [18.11.] [20.11.]

 
 
     
 
   

Zitat des Monats:

Die Ungewissheit der Lebenssituation als Problem der privaten Altersvorsorge

"Die empirischen Ergebnisse zeigen, dass die allgemeinen Unsicherheiten bei der Organisation der privaten Altersvorsorge insbesondere dann für den Abschluss eines Produkts problematisch sind, wenn sich Individuen in einer unsichereren Lebenssituation befinden. So sind es gerade Jüngere und Personen in instabilen Beschäftigungslagen, die sich mit der Planung und dem Abschluss von Vorsorgeprodukten zurückhalten. Die betreffenden Personen handeln dabei nicht irrational oder kurzsichtig, sie sind sich vielmehr der problematischen Absicherungssituation im Alter bewusst, nur sind sie erst dann in der Lage größere Zeithorizonte und damit das Alterssparen in den Blick zu nehmen, wenn kurze Zeithorizonte hinreichend abgesichert erscheinen."
(Felix Wilke "Private Vorsorge zwischen Wunsch und Wirklichkeit - die ambivalente Rolle von Unsicherheit im neuen Rentenmodell" in der Zeitschrift Deutsche Rentenversicherung, September 2017, S.331)

 
       
       
   

20.11.2017

 
       
   

KAFSACK, Hendrik (2017): Soziale Säulen-Eilige.
Die Befürworter einer Transferunion machen Druck. Es wird schwer, sie aufzuhalten
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 20.11.

Der Artikel von Hendrik KAFSACK hätte genauso gut in einer Parteizeitung der AfD stehen können! Der Autor hetzt gegen eine Sozialunion, die angeblich von Jean-Claude JUNCKER, Stefan LÖFVEN (Schwedischer Ministerpräsident) und Emmanuel MACRON vorangetrieben werden soll. Tatsächlich ist die EU nichts als ein neoliberaler Verein, dessen sozialpolitische Propaganda nur zur Verschleierung der wirtschaftsliberalen Agenden dient.

 
       
   

LOCKE, Stefan (2017): Zurück in den Hinterzimmern.
Petrys neue Partei hat große Ziele - und einige Feinde,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 20.11.

Stefan LOCKE berichtet über die nationalliberale Partei der Blauen, die sich als Koalitionspartner der CDU in Sachsen bei der Landtagswahl 2019 profilieren will. LOCKE benutzt den Begriff "aktivierendes Grundeinkommen", um die nationalliberale Position in Sachen Sozialstaat zu verdeutlichen. Als nationalkonservatives Element wird das Familiensplitting hervorgehoben, das auch in der FAZ besonders beliebt ist, weil es vor allem besserverdienende und reiche Familienclans (die gerne mit dem schönfärberischen Begriff "Dynastie" bezeichnet werden) subventioniert.

 
       
   

Wie die Wahlkampfberichterstattung in der deutschsprachigen Presse im Jahr 2017 unser Frankreichbild geprägt hat

HANKE, Thomas (2017): Marcheur der ersten Stunde.
Christophe Castaner: Emmanuel Macron hat mit dem Ex-Sozialisten bei seiner Partei "La République en Marche" einen engen Vertrauten installiert,
in:
Handelsblatt  v. 20.11.

Thomas HANKE berichtet über den Akklamationsverein LREM, mit dessen Hilfe Emmanuel MACRON willfährige Zuarbeiter in Ämter hievt.

"Statt der völlig neuen Politik und des veränderten hierachiefreien Stils, die versprochen wurden, gab es Durchregieren von oben herab",

schreibt HANKE, als ob das nicht im Voraus absehbar war. Die Partei der Blauen will dieses autoritäre Modell in Deutschland installieren.

 
       
   

Das Single-Dasein in Polen

FELDGES, Dominik (2017): Eine "abgehängte" Stadt meldet sich zurück.
Die polnische Grosstadt Lodz wurde vom Niedergang ihrer Textilindustrie schwer getroffen. Doch seit einigen Jahren macht sie einen eindrücklichen Wandel durch. Einst vergammelte Altbauten werden renoviert, junge Leute finden es wieder chic, in Lodz zu wohnen,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 20.11.

"Lodz hat jahrzehntelang mit Abwanderung gekämpft. Auf dem Höhepunkt Ende der 1970er Jahre lebten noch 870 000 Menschen in der Stadt – fast ein Viertel mehr als heute. Vor allem in den Jahren nach dem EU-Beitritt Polens im Jahr 2004 verliessen Tausende von Lodzern ihre Heimat Richtung Deutschland und noch mehr Richtung Grossbritannien, wo Einwanderer aus den neuen Mitgliedsländern im Osten der EU umgehend von der Personenfreizügigkeit profitierten",

erklärt uns Dominik FELDGES. Tatsächlich kann nicht von einer Trendwende gesprochen werden, weshalb auch keine konkreten Zahlen zur Bevölkerungsentwicklung von Lodz genannt werden. Das wenig informative EUROSTAT bietet zu Lodz keinerlei Daten zur Bevölkerungsentwicklung an. Im September 2017 erschienenen Regionenhandbuch wird Lodz lediglich beim Durchschnittsalter der Bevölkerung erwähnt. Für EUROSTAT sind nur die 20 größten Städte in Europa von Interesse. Die Urbistat-Website präsentiert Lodz als schrumpfende Stadt (Stand 2015). Auch auf anderen Websites finden sich entweder veraltete Daten oder zumindest keine Daten, die eine Trendwende unterstützen würden.

Um den Eindruck einer Trendwende zu erwecken, greift man sich deshalb eine Altersgruppe heraus, die passend ist:

"Die schnelle Expansion dieser jungen Branche (Anm.: gemeint sind Tätigkeiten im Back Office-Bereich), die für polnische Verhältnisse gut bezahlte Arbeitsstellen anbietet, gilt als einer der Hauptgründe, warum die Abwanderung aus Lodz inzwischen weitgehend gestoppt werden konnte. Wie die Stadtpräsidentin Hanna Zdanowska betont, verzeichnet man in der Bevölkerungsgruppe der 18- bis 32-Jährigen neuerdings sogar einen positiven Wanderungssaldo."

Fazit: Der Artikel ist zu erst einmal nur Stadtmarketing im Investoreninteresse.

 
       
   

18.11.2017

 
       
   

SPANHEL, Hanna (2017): War's das mit der Liebe?
Beziehung: Viele ältere Singles haben vom Alleinsein genug und wollen sich noch mal verlieben. Eine von ihnen ist Susanne. Partnersuche bei einer Wanderung im Silberwald,
in:
Stuttgarter Zeitung v. 18.11.

"Laut einer jährlich durchgeführten Studie der Universität Leipzig gilt etwa ein Drittel der Über-60-Jährigen hierzulande als alleinstehend - verwitwet, getrennt, ohne festen Partner",

schreibt Hanna SPANHEL in ihrer Reportage. Von Elmar BRÄHLER gibt es eine Langzeitstudie. Erhoben wurden die Daten aber nur 1994, 2005 und 2016. Aus der Untersuchung Sexuelle Aktivität und sexuelles Begehren in Deutschland 2016 unter besonderer Berücksichtigung der älteren Menschen geht die verwendete Definition von Partnerschaft nicht hervor. Werden z.B. nur zusammenwohnende Paare oder auch getrenntwohnende Paare erfasst? Der Text ergibt keine Hinweise darauf, dass Letztere als Paare erfasst werden, was ein Manko wäre. Zudem wird der Anteil nur nach Männern und Frauen getrennt angegeben (vgl. Tabelle 5, S.10). Es gibt danach wesentlich mehr partnerlose Frauen als Männer. Im Alter 60- 69 sind es rund 15 Prozent, bei den Über 70-Jährigen sogar fast 35 %. Dies spiegelt sich auch in der Reportage wieder, wenn bei der beschriebenen Wanderung nur 8 Männer und 26 Frauen beteiligt waren. SPANHEL geht auf die Phasen des Beziehungsverlaufs einer 54- und 71-jährigen Frau und eines über 70-jährigen Mannes näher ein.    

 
       
   

LOCKE, Stefan (2017): Machtlos gegen den Umbruch.
Siemens will fast 7.000 Menschen entlassen. Görlitz trifft das besonders hart. Die Arbeitslosigkeit könnte sich verdoppeln. Stärkt das jetzt die radikalen Kräfte?
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 18.11.

Stefan LOCKE berichtet über die Situation in der ostdeutschen Stadt Görlitz, derer mediales Image als aufstrebenden, aber strukturschwachen (Rentner)-Stadt, das insbesondere von westdeutschen Medien gepflegt wurde, auf der Kippe steht:

"In Görlitz geht es um 950 Arbeitsplätze (...). (E)s ist das größte Siemens-Werk im Osten und zugleich so etwas wie eine Lebensversicherung für Deutschlands östlichste Stadt. Die Dimension der Entscheidung verdeutlicht eine simple Rechnung der IG Metall. Sollte das Werk schließen, stiege die Arbeitslosigkeit in der Stadt von zwölf auf 24 Prozent. Görlitz hatte nach 1990 bereits eine Welle der Deindustrialisierung hinter sich".

LOCKE zitiert den Görlitzer CDU-Landrat dahingehend, dass eine neue Abwanderungswelle droht und bei Wahlen die CDU weitere Verluste hinnehmen müsste. Verwiesen wird auf das Bundestagswahlergebnis. Die AfD hat dort die CDU deklassiert. Zuletzt wird der Verdacht geäußert, dass ostdeutsche Werke besonders gern geschlossen werden, weil dies die Konzerne - im Vergleich zu westdeutschen Werke - wenig kostet.     

 
       
   

MATZIG, Gerhard (2017): Bodenlos.
Die Wohnungsnot hat die Mitte der Gesellschaft erfasst. Sie ist das Resultat eines dreifachen Versagens,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 18.11.

Inzwischen dämmert es sogar Gerhard MATZIG in der Greisenzeitung, die Anfang des Jahrtausends den Niedergang des schrumpfenden und alternden Deutschlands zu bebildern versprach, dass die Schrumpfungsideologie fatale Folgen hatte:

"Die Politik begreift nicht, dass man ein endliches Gut wie den Boden und ein unendlich bedeutsames existenzielles Grundbedürfnis wie das Wohnen nicht allein dem Markt überlassen darf. Deshalb rächt sich nun (...), dass man vor Jahrzehnten nur zu gern einer Vorhersage vom angeblich »schrumpfenden Deutschland« Glauben schenkte: Deutschland, so die Annahme, sei »zu Ende gebaut«. Tatsächlich nahm aber allein zwischen 2011 und 2016 die Bevölkerung um 2,5 Millionen Menschen zu."

Wo war MATZIG als im Jahr 2012 sein SZ-Kollege Gustav SEIBT das 10 jährige Jubiläum der demografischen Zeitenwende feierte? 

 
       
   

RIESE, Dinah (2017): Wenn Gesetze Relikte werden.
Die Ärztin Kristina Hänel muss bald vor Gericht. Weil sie Frauen wissen ließ: Bei mir könnt ihr abtreiben. Über den Sinn und Unsinn eines veralteten Paragrafen,
in:
TAZ v. 18.11.

Dinah RIESE kritisiert dass heutzutage Frauen, die eine Abtreibung vornehmen wollen, aufgrund der derzeitigen Situation "fast zwangsläufig auf den Webseiten der Abtreibungsgegner*innen landen."

 
       
   

BAER, Claudia (2017): Kinder sind ein Ego-Projekt.
Wer Kinder grosszieht, erbringt wertvolle Leistungen für die Allgemeinheit und verdient deshalb deren Unterstützung. So lautet eine verbreitete Meinung. Aber die Fakten sagen etwas anderes,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 18.11.

Vorgestern hat Iris RADISCH in der Zeit vor den jungen Antinatalisten gewarnt. Nun wendet sich in der Schweiz Claudia BAER, Jahrgang 1957, gegen die staatliche Förderung von Kindern und bezieht sich dabei u.a. auf den "Klimakiller Kind", eine Debatte, die nicht neu ist, aber immer wieder sicher für Aufmerksamkeit in den Medien sorgt. Zuletzt am 12. Juli diesen Jahres als die  Wissenschaftler Seth WYNES & Kimberly NICOLAS die Studie The climate mitigation gap: education and government recommendations miss the most effective individual actions veröffentlichten. Neubürgerliche und rechte Medien entrüsteten sich daraufhin. Spiegel online titelte Kinderwunsch streichen, Klima retten. Wenn nationalkonservative Bevölkerungspolitik auf ökologische Heilslehren trifft, dann ist Kulturkampf angesagt.

Während die Befürworter einer stärkeren staatlichen Förderung gegen Kinderlose zu Felde ziehen, instrumentalisieren Gegner einer solchen Förderung Eltern. In diesem Kulturkampf sind krude Thesen die Normalität - mit den Bedürfnissen von Eltern und Kinderlosen hat dieser Kulturkampf nichts zu tun.

"Der bekannte Freiburger Ökonom Reiner Eichenberger betont seit Jahren, dass es unsinnig sei, «Kinder für die Altersvorsorge instrumentalisieren zu wollen». Aus den sogenannten Generationenbilanzen, die das Staatssekretariat für Wirtschaft vor einigen Jahren in Auftrag gegeben hat, geht laut Eichenberger hervor, «dass heute im Durchschnitt ein Kind über sein ganzes zukünftiges Leben gerechnet mehr Leistungen und Transfers vom Staat erhält, als es an ihn mit all seinen Steuern und Abgaben bezahlt». Und weiter sagte der Vater zweier Kinder in einem NZZ-Interview 2009: «Rein finanziell betrachtet kostet ein Kind die Gemeinschaft im Durchschnitt also mehr, als es ihr bringt. Wenn man dazurechnet, dass seine Mutter wegen Geburt und Erziehung oft weniger arbeitet und Steuern zahlt, sieht die Nettobilanz pro Kind noch negativer aus.» Finanziell lohnend für die Gemeinschaft sind laut dem Freiburger Ökonomen «nur besonders produktive Menschen, die wegen des progressiven Steuersystems weit überproportional für die öffentlichen Lasten aufkommen»",

argumentiert Claudia BAER. Interessant ist, dass sich der Ökonom Reiner EICHENBERGER eine Generationenbilanz von Bernd RAFFELHÜSCHEN und Co-Autor bezieht. Generationenbilanzen werden normalerweise gegen Kinderlose instrumentalisiert. Schon 2013 wetterte Conny SCHMID: Die Alleinstehenden ziehen den Karren. Dahinter verbirgt sich auch ein Klassenkonflikt:

"Die Nonchalance, mit der sich Paare zuweilen auf eine Schwangerschaft einlassen, ohne zuvor fundamentale Fragen wie etwa die familieninterne Aufteilung zwischen Beruf und Kinderbetreuung und die Folgen für die Karriere miteinander besprochen zu haben, ist nur schwer nachvollziehbar. Dies umso mehr, als gescheiterte Paarbeziehungen mit Kindern nicht nur viel Leid – gerade für die Kinder – bringen, sondern auch hohe Kosten verursachen können. So leben, wie die jüngsten Zahlen zeigen, in den Städten über 80 Prozent der alleinerziehenden Mütter unter 25 Jahren von der Sozialhilfe."

So genannte Sozialhilfemütter wurden in der deutschen Debatte um das Elterngeld bemüht, um Bevölkerungspolitik im Interesse des Akademikermilieus zu betreiben, denn es war immer schon klar, dass damit nicht die alleinerziehenden Akademikerinnen gemeint waren. Dass auf diesem Feld Kulturkampf betrieben werden kann, liegt auch daran, dass die Datenlage zum Thema unzureichend ist. Inzwischen gelten Zuwanderer als Hauptverursacher, weswegen die rechte Weltwoche titelt: Auffangnetz für die Welt. Migrationshintergrund ist inzwischen nicht nur im rechten Spektrum zum Synonym für Sozialhilfebezug geworden.

Fazit: Solange in der Politik die Lebensstile gegeneinander ausgespielt werden, solange wird der Kulturkampf auf dem Felde der Bevölkerungspolitik weiter gehen. Je nach Perspektive werden dann Lebensstile instrumentalisiert und Politiken gegeneinander in Stellung gebracht. Letztlich kann jedes Politikfeld in Widerspruch zu anderen Politikfeldern gebracht werden. Die Ökologie gegen Bevölkerungspolitik in Frontstellung zu bringen ist seit den 1970er Jahren eine eingeübte Praxis. Antinatalismus ist immer auch eine Reaktion auf eine nationalkonservative Bevölkerungspolitik, die Kinderlose an den Pranger zu stellen versucht.

"Kinder sind in Zeiten, wo sichere Verhütungsmittel leicht zugänglich sind, weitgehend planbar. Im Gegensatz zu Alter und Krankheit besteht beim Nachwuchs heute Wahlfreiheit: Jeder und jede kann grundsätzlich selber entscheiden, ob er oder sie Kinder haben will und wie viele es denn sein sollen",

begründet BAER ihr Sicht, dass Kinder lediglich ein Projekt (manche sagen: Statussymbol) sind. Tatsächlich sind ungeplante Schwangerschaften weit verbreiteter als diese Sicht behauptet. Waltraud CORNELIßEN, Jasmin ABEDIEH und Alexandra N. LANGMEYER wenden sich in dem Beitrag Wege in die Elternschaft. Kein Kind ohne vorgängigen Kinderwunsch seiner Eltern? in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift für Familienforschung.

Insbesondere die Kinderwunschforschung wurde in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder bevölkerungspolitisch missbraucht, indem eine angebliche Kluft zwischen Kinderwünschen und Geburten behauptet wurde, die sich in der Differenz zwischen Umfragen bzw. Befragungen und der tatsächlichen Geburtenrate ergab. Erst in neuerer Zeit wurde aufgedeckt, dass die Vorstellungen zum Zusammenhang zwischen Kinderwunsch und Verhalten sich keineswegs auf die simplen bevölkerungspolitisch motivierten Annahmen reduzieren lassen. Diese Praxis wurde auf dieser Website frühzeitig kritisiert. Während des Kulturkampfes Anfang des Jahrtausends wurden solche Kinderwunschbefragungen genutzt, um eine Kultur der Kinderlosigkeit zu behaupten, die nie in der proklamierten Weise existierte, sondern ein Forschungsartefakt der Kinderwunschforschung war. Sind Forschungsartefakte anschlussfähig zu politischen Ideologien, dann werden sie auch nicht oft empirisch überprüft, zumal die damals existierenden Forschungsdaten gar nicht für solche Fragestellungen geeignet waren. Erst ein neuerer Datensatz ermöglicht bessere Überprüfungen. So heißt es bei CORNELIßEN u.a.:

"Daten einer deutschen Längsschnittstudie (pairfam) (...) (zeigen), dass ein bis zwei Jahre vor der Geburt eines Kindes nur bei drei Viertel aller Paare eine konsensuelle positive Fertilitätsintention bestand. Bei Paaren mit geringer Bildung liegt dieser Anteil bei nur 65%. Im Durchschnitt werden 8,1% der Kinder geboren, obwohl sich ihre Eltern ein Jahr zuvor noch beide gegen ein Kind in den nächsten zwei Jahren ausgesprochen hatten, weitere 17%, obwohl das Paar noch keinen Konsens in der Kinderfrage erzielt hatte."

Die Ergebnisse zeigen, dass keineswegs nur bei Sozialhilfemüttern Kinder kein bewusstes Projekt sind und Familiengründung nicht unbedingt langfristig geplant sind. Kinderwünsche sind also nicht unbedingt geeignet, um Geburten vorherzusagen. Dies gilt ebenso für vorhandene Kinderwünsche. In ideologischen Umfragen zum Kinderwunsch werden gerne viele Altersgruppen und Kinderlose sowie Eltern in einen Topf geworfen, obwohl dies nicht zu realistischen Ergebnissen führt.      

 
       
   

Wie die Wahlkampfberichterstattung in der deutschsprachigen Presse im Jahr 2017 unser Frankreichbild geprägt hat

TZERMIAS, Nikos (2017): Mitglieder von Macrons Partei beklagen ein Demokratiedefizit.
Die Basis der Präsidentenbewegung La République en marche beschwert sich über den Mangel an Mitspracherechten,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 18.11.

 
       
   

17.11.2017

 
       
   

ND/DPA (2017): Prognosen wider die Realität.
Mecklenburg-Vorpommern: Auch im Nordosten hält das Geburtenwachstum an - die Politik ging vom Gegenteil aus,
in:
Neues Deutschland v. 17.11.

Nicht nur auf Bundesebene, sondern auch auf Länderebene sind die Bevölkerungsvorausberechnungen hinsichtlich der Geburtenentwicklung völlig überaltert. Das hat gravierende Folgen wie Andreas WELLMANN, Geschäftsführer des Städte- und Gemeindetags jetzt kritisiert:

"Das Problem falscher Prognosen: Die Politiker in Land und Kommunen treffen auf ihrer Basis Entscheidungen, wie Schließung, Erhalt oder Neubau von Schulen und Kitas oder auch Verwaltungsreformen. In Schwerin etwa gibt es einen Schul- und Hortplatzmangel - plötzlich sind viel mehr Kinder da als geplant.
Wellmann wünscht sich Bevölkerungsprognosen, die mehr mögliche Szenarien betrachten und häufiger aktualisiert werden. »Wenn ich merke, meine Annahmen stimmen nicht und es entwickelt sich anders, dann muss ich ran, weil davon Planungsprozesse abhängen«, sagte er."

Im Zeitungsbericht wird auf die 4. Bevölkerungsprognose aus dem Jahr 2008 verwiesen. Die Zahlen entstammen dem Statistischen Bericht vom 10. März 2009 (vgl. S.30). Wie gestern von single-dasein.de für die Bundesebene, werden Prognose und tatsächliche Entwicklung gegenübergestellt für Mecklenburg-Vorpommern verglichen. Als weitere Prognose wird die "vorerst letzte Überarbeitung" der 4. Bevölkerungsprognose aus dem Jahr 2012 genannt, wobei nur Zahlen für Schwerin präsentiert werden, die mit dem Statistischen Bericht vom 21.06.2013 übereinstimmen (vgl. S.38f.).

Die 5. Bevölkerungsprognose ist gemäß Bericht in Arbeit, wobei neue Annahmen zur Geburtenentwicklung geplant sind. Man sollte sich nicht zu viel davon versprechen, denn solche Prognosen sind ideologisch, worauf bereits der Tenor des Berichts hinweist, wenn es heißt:

"Das Ministerium teilte auf Anfrage mit, dass in die Überarbeitung der Prognose von 2012 auch neue Geburten-Vorhersagen aufgenommen wurden. Für 2014 traf diese neue Vorhersage fast genau zu, für 2015 lagen die Experten im Vergleich zur Realität bereits 4,2 Prozent zu niedrig, 2016 um 6,8 Prozent. Sie vermuten, dass ein großer Teil der Entwicklung auf Flüchtlinge zurückzuführen ist und nicht zwingend langfristig anhält.
Die Zahl der Geburten sei abhängig von der Anzahl der Frauen im gebärfähigen Alter, erklärte eine Ministeriumssprecherin. Diese gehe stetig zurück und werde auch in Zukunft nicht steigen, »so dass perspektivisch absolut die Anzahl der Geburten leicht zurückgehen wird, falls nicht wesentlich mehr Kinder pro Frau geboren werden«."

Statistiker sollten keine Vermutungen anstellen, sondern sich auf empirische Daten stützen. Eine Ministeriumssprecherin dürfte kaum die geeignete Auskunftsperson sein.    

 
       
   

Das Positionspapier "Parteiunabhängiger Bürgermeister des Erzgebirgskreises" zur Situation Kreisangehöriger Kommunen in den Medien

DRESCHER, Claudia (2017): Es rumort in Sachsens Erzgebirge.
21 Bürgermeister kritisieren Landesregierung,
in:
Neues Deutschland v. 17.11.

Claudia DRESCHER nennt nur die Bürgermeister von Annaberg-Buchholz, Lauter-Bernsbach und Marienberg. Das Papier haben auch die Bürgermeister von Bad Schlema, Bärenstein, Crottendorf, Elterlin, Jöhtal, Mildenau, Neukirchen, Raschau-Markersbach, Scheibenberg, Schlettau, Sehmatal, Stollberg, Schneeberg, Tannenberg, Thermalbad Wiesenbad, Schönheide, Wolkenstein und Zschopau unterzeichnet. Das sind rund ein Drittel der Erzgebirgsgemeinden der über 60 Kommunen. Auf der Website des Erzgebirgskreises heißt es:

"Der Erzgebirgskreis verfügt über 60 Kommunen, in denen insgesamt 345.995 Einwohner leben. 27 Kommunen besitzen das Stadtrecht. Die größte Kommune des Landkreises ist Annaberg-Buchholz mit rund 20.435 Einwohnern, gefolgt von Schwarzenberg mit rund 17.354, Marienberg mit rund 17.289 und Aue mit rund 16.338 Einwohnern" (Stand: 18.11.2017)

Bei der Bundestagswahl war der Erzgebirgskreis in zwei Wahlkreise unterteilt: 164 Erzgebirgskreis I (AfD-Zweitstimmenergebnis: 29,2 %) und 163 Erzgebirgskreis II (AfD-Zweitstimmenergebnis: 30,6 %). Die unterzeichnenden Bürgermeister der Gemeinden gehören fast alle zum Wahlkreis 164, lediglich Neukirchen und Stollberg gehörten zum Wahlkreis 163. In beiden Gemeinden blieb die AfD hinter der CDU und trugen damit nicht dazu bei, dass die AfD in Sachsen stärkste Kraft wurde. Das war in Annaberg-Buchholz (29,2 %), Elterlein (35,0 %), Jöhstadt (35,4 %), Lauter-Bernsbach (32,0 %), Raschau-Markersbach (34,2 %), Schlettau (30,1 %), Tannenberg (34,2 %) und Zschopau (28,2 %) anders. Dort wurde die AfD stärkste Kraft vor der CDU.

 
       
   

DRIBBUSCH, Barbara & Dominik BAUR (2017): "Wir sind keine Penner".
Die Zahl der Wohnungslosen steigt. Doch die Statistik verschleiert, wie heterogen diese Gruppe heute ist. Manchmal reicht ein Schufa-Eintrag für die Misere,
in:
TAZ v. 17.11.

Die Statistik verschleiert? Es ist noch viel schlimmer: eine Statistik, in der Armut in Deutschland erfasst wird, existiert gar nicht! Wohnungslose fallen aus dem Mikrozensus heraus, der Basis für die Armutsstatistik nicht nur in Deutschland, sondern auch in der EU ist. Wohnungslosigkeit ist zudem in den Medien ein Saisonthema: Wenn es kalt wird und sich Weihnachten nähert, dann erinnern sich die Medien, dass es ja auch noch die Wohnungslosen gibt. 

 
       
   

ECKERT, Daniel (2017): Das Märchen vom gerechten Deutschland.
Zerfällt die Gesellschaft immer weiter in Arm und Reich? Eine groß angelegte Studie der Bertelsmann-Stiftung liefert Antworten,
in:
Welt v. 17.11.

Das Märchen vom gerechten Deutschland? Auf solch eine Schlagzeile wartet man beim neoliberalen Wirtschaftsteil vergebens. Stattdessen wird das Gegenteil suggeriert: Das Märchen vom ungerechten Deutschland! Das liegt auf der Argumentationslinie der neoliberalen Leithammel, die Ungleichheit als Anreiz für die ungerecht Behandelten versteht. Dies soll das Konkurrenzdenken stärken. Die Ökonomen erhoffen sich damit mehr Profite für die Wirtschaft.

Daniel ECKERT präsentiert uns den Soziale Gerechtigkeit in der EU - Index Report 2017 der neoliberalen Bertelsmann-Stiftung. Index heißt, dass alle möglichen Gerechtigkeitsfaktoren auf wenige Kennzahlen reduziert werden. Das sind jene, die der Wirtschaft und den Reichen besonders viel einbringen. Nach der vorherrschenden Ideologie lautet die Annahme, dass die Armen davon ebenfalls profitieren. Die Realität ist jedoch eine andere.

Der Report vergibt Schulnoten für jedes Fach. Zeugnisse gibt es jeweils jährlich in Form dieses Reports. In der Schule gibt es Lehrpläne und heimliche Lehrpläne - genauso wie in diesem Report. Die Kennzahlen geben deshalb nicht Auskunft über Gerechtigkeit, sondern über die neoliberale Gerechtigkeitsvorstellung. Wie bei Schulnoten so üblich, wird nie ganz deutlich, warum welche Note wofür vergeben wird. Wenn Länder sich nur durch die zweite Stelle hinter dem Komma unterscheiden, soll das kleine Unterschiede suggerieren. Die Noten für die 28 EU-Länder liegen zwischen 3,7 und 7,39. Was wäre, wenn die Notenskala von 37 bis 73,9 reichen würde? Würden die kleinen Unterschiede allein durch eine andere Skala nicht gleich viel größer erscheinen?

BERNAU, Patrick (2017): Den Deutschen geht es ziemlich gut.
Drei Studien in drei Tagen zeigen den Wohlstand,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 17.11.

Die FAZ geht effizienter vor. Sie handelt die PR der Bertelsmann-Stiftung zusammen mit einem OECD-Bericht und der PR der Versicherungswirtschaft ab. Da wird dann gleich klar, welche Interessen bedient werden.

"Schon lange wird auch darüber gesprochen, dass die Vermögen relativ ungleich verteilt sind - das liegt auch an statistischen Eigenheiten des deutschen Rentensystems",

belehrt uns Patrick BERNAU. Rentenanwartschaften möchten Neoliberale gerne als virtuelles Vermögen zählen. Im Gegensatz zu echtem Vermögen lassen sich die jährlichen Renteninformationen über die Höhe der zu erwartenden Rente jedoch nicht jederzeit in bare Münze umsetzen.

Noch lieber würden Neoliberale die gesetzliche Rente natürlich ganz abschaffen, weshalb uns die Lobbyorganisation IW Köln vorrechnet, dass Arbeiten im Rentenalter die Armut senkt. Dass es auch die Löhne senkt ist ein Effekt, der gerne mitgenommen wird, aber nicht publiziert wird.  

"Würden die sozialen Unterschiede verringert, glaubt nicht mal die Hälfte der Deutschen, dass sie davon profitieren würde. Dafür rechnet zwei Drittel mit persönlichen Vorteilen, wenn die Belastungen durch Steuern und Abgaben sinken",

hebt BERNAU bei der Umfrage der Versicherungswirtschaft hervor. Soll heißen: Soziale Gerechtigkeit ist schlecht, Ungleichheit ist besser.

Der OECD-Bericht verbucht unter dem Punkt "Zivilengagement" (vgl. 2017, S.2) die Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2013. Hätte man die Bundestagswahl 2017 genommen, dann wäre der einzige negativ nach unten zeigende Pfeil weggefallen. Die AfD könnte sich also zugute halten, dass sie viel zur Lebensqualität in Deutschland beiträgt. Bei der Bundestagswahl 2021 könnte die AfD dann damit werben.

 
       
   

FREIBERGER, Harald & Max HÄGLER (2017): "Ich möchte verheilte Wunden zum Bluten bringen".
Der Schriftsteller Friedrich Ani über seinen mühevollen Weg zu einer eigenen Existenz, sein Leben auf 45 Quadratmetern, vernichtende Kritik in der Kindheit - und darüber, wie er sich einmal fast einen Ford Mustang gekauft hätte,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 17.11.

"Opfer wie Täter leben in schwierigen Verhältnissen, in balkonlosen Zimmern nach Norden, schwermütige, von der Gesellschaft und deren Tugendwächtern verbeulte Gestalten",

beschreibt Friedrich ANI sein Kriminalromanpersonal.

 
       
   

JANISCH, Wolfgang (2017): Riester-Verträge nicht pfändbar.
Voraussetzung ist dem BGH zufolge aber eine staatliche Förderung,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 17.11.

Nach dem BGH-Urteil sind nur Riester-Verträge unpfändbar, für die ein Zulagenantrag gestellt wurde. Das Urteil nützt den Finanzdienstleistern (im konkreten Fall der Allianz) mehr als jenen Menschen, deren Altersvorsorge eigentlich unantastbar sein sollte. Schließlich wurde erst durch die Teilprivatisierung die private Altersvorsorge zur Notwendigkeit/Pflicht für alle. 

 
       
   

HERZ, Carsten (2017): "Eine herausfordernde Zeit".
Achim Kassow: Der Vorstandschef der Ergo-Deutschland spricht über einen möglichen Verkauf von Ergo Leben und Victoria, die Sorgen der Kunden und wie viele Lebensversicherungs-Policen er selbst besitzte Zahl der Wohnungslosen steigt. Doch die Statistik verschleiert, wie heterogen diese Gruppe heute ist. Manchmal reicht ein Schufa-Eintrag für die Misere,
in:
Handelsblatt v. 17.11.

"Natürlich werden wir den Interessen von Kunden, Eigentümern, Mitarbeitern und Vertriebspartnern bestmögliche bei unserer Entscheidung Rechnung tragen",

verspricht der Ergo-Manager. Nicht jedes Interesse der Betroffenen steht jedoch auf der Prioritätenliste ganz oben. Ganz oben steht das Renditeinteresse. Das Kapital der Lebensversicherer könnte rentabler eingesetzt werden, d.h. die früheren Versprechungen an die Kunden sind eine Last geworden. Der Kunde steht bei den Überlegungen des Konzerns am Ende. Bei ihm geht es lediglich um zweierlei: erstens ist er ein Störfaktor, denn ihm muss die Entscheidung plausibel vermittelt werden. Für KASSOW ist das lediglich ein Kommunikationsproblem. Zum zweiten darf die Reputation nicht leiden. Auch das ist lediglich ein Imageproblem. Das Interview dient letztlich dazu, das Image von Run-off-Plattformen in Deutschland zu verbessern. Die Mitarbeiter sind das übliche Problem, mit dem es Manager zu tun haben, wenn Jobabbau droht. Wichtig ist hier nur, die Arbeitnehmervertreter auf die eigene Seite zu bringen.

Der Vorteil von Run-off-Plattformen wird wie üblich in der Größe und damit verbundenen Synergieeffekten gesehen. Dieses Argument soll beruhigen, denn es handelt sich um eingeführte Argumentationsmuster, die durch ständige Wiederholung zur Selbstverständlichkeit werden. Ob die Argumentation stichhaltig ist, ist dann nur sekundär.    

 
       
   

16.11.2017

 
       
   

Die Pressemeldung Mehr Geburten und weniger Sterbefälle im Jahr 2016 des Statistischen Bundesamtes in den Medien

In den meisten deutschen Leitmedien herrscht heute Stillschweigen über die Geburtenentwicklung in Deutschland. Vor zehn Jahren war das dagegen ganz anders, da wurden dreimal im Jahr die Geburtenzahlen vermeldet. Das Elterngeld war gerade eingeführt worden und die Familienministerin Ursula von der LEYEN stand unter Erfolgszwang. Doch die Geburtenzahlen entsprachen nicht den Erwartungen, weshalb das Vermelden von Quartalszahlen schnell wieder außer Mode kam.

Dass dieses Jahr die Geburtenzahlen ausgerechnet den entscheidenden Sondierungsgesprächen um die Renten- und Familienpolitik in die Quere kommen, ist sicherlich ein Grund für die Zurückhaltung der Medien. Optimistische Zahlen zum demografischen Wandel wären da Gift für die neoliberale Neuausrichtung. Den Tenor gibt Spiegel Online vor: Mehr Babys - aber nicht genug lautet die Schlagzeile, die sich an die Hauptzielgruppe der deutschen Bevölkerungspolitik richtet: das Akademikermilieu.

Die Kinderlosigkeit der Akademikerinnen war das Megathema des letzten Jahrzehnts, erst in letzter Zeit hat die Bevölkerungswissenschaft das Fehlen der Kinderreichen auf die politische Agenda gesetzt. Das ging mit einem personellen Wechsel von Jürgen DORBRITZ zu Martin BUJARD einher. Dass seit den 1990er Jahren die Kinderlosigkeit überschätzt wurde, lag an fatalen Fehleinschätzungen aufgrund der populären Individualisierungsthese, die als Popsoziologie punktete und dadurch oftmals empirische Forschung ersetzte. Der Konflikt zwischen alter (Verteidigung der traditionellen Familie) und neuer Mitte (Vereinbarkeit von Karriere und Familie) führte zur politisch motivierten Blockade der empirischen Forschung. Der nationalkonservative Bevölkerungswissenschaftler Herwig BIRG bestimmte mit seiner Propaganda die Debatte um die Geburtenentwicklung. Erst die Mikrozensuserhebungen 2008 und 2012 brachten erstes Licht in das Dunkel. Nur noch stramme Rechte und Nationalkonservative meinen heutzutage noch, dass die Kinderlosigkeit das Hauptproblem der niedrigen Geburtenrate in Deutschland ist.

Was bedeutet es, dass das Statistische Bundesamt von falschen Annahmen in seinen Bevölkerungsvorausberechnungen bei der Geburtenentwicklung ausging? Vor ziemlich genau 8 Jahren wurde die 12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung (kurz: 12. BVB) des Statistischen Bundesamtes veröffentlicht. Die mittlere Variante wurde als Untergrenze und Obergrenze ausgewiesen. Ein Vergleich mit der tatsächlichen Entwicklung von Geburten und Sterbefällen zeigt, wie schon nach weniger als 10 Jahren die Abweichungen aus dem Ruder laufen.

Tabelle: Abweichungen zwischen der 12. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des
Statistischen Bundesamtes und der tatsächlichen Entwicklung von Geburten, Todesfällen
und Geburtendefizit zwischen 2008 und 2016
Jahr 12. BVB Tatsächliche
Entwicklung
12. BVB Tatsächliche
Entwicklung
12. BVB Tatsächliche
Entwicklung
Abweichung
Lebendgeborene Gestorbene Geburtendefizit
2008   682.514   844.439   - 161.925  
2009 666.000 665.126 848.000 854.544 - 182.000 - 189.418 + 7.418
2010 662.000 677.947 862.000 858.768 - 200.000 - 180.821 - 19.179
2011 660.000 662.685 871.000 852.328 - 211.000 - 189.643 - 21.357
2012 660.000 673.544 882.000 869.582 - 222.000 - 196.038 - 25.962
2013 660.000
661.000
682.069 892.000 893.825 - 231.000
- 232.000
- 211.756 - 19.244
- 20.244
2014 661.000
662.000
714.927 901.000 868.356 - 239.000
- 240.000
- 153.429 - 85.571
- 86.571
2015 662.000
663.000
737.575 910.000 925.200 - 247.000
- 248.000
- 187.625 - 60.375
- 59.375
2016 663.000
665.000
792.000 919.000 911.000 - 254.000
- 256.000
- 118.000 - 136.000
 (46,1 %)
- 138.000
(46,5 %)
 

Innerhalb von nur 8 Jahren haben sich fast 50 % Abweichung zwischen der Bevölkerungsvorausberechnung und der tatsächlichen Entwicklung beim Geburtendefizit ergeben. Abweichungen beim Geburtendefizit können sich durch gleichläufige Entwicklungen erhöhen oder durch gegenläufige Entwicklungen verringern. So gab es im Jahr 2015 zwar rund 75.000 Geburten mehr, aber dafür starben auch 15.000 Menschen mehr. Das Geburtendefizit fiel deshalb geringer aus, während dieses Jahr die Geburten stark zunahmen und gleichzeitig die Todesfälle abnahmen. Im Gegensatz zur Suggestion von Bevölkerungsvorausberechnungen, dass die Entwicklung von Bevölkerungen einer Parabel gleicht, die nach dem Scheitelpunkt dem Abgrund entgegengeht, schwanken realistische, langfristige Bevölkerungsbewegungen zwischen Aufwärts- und Abwärtstrends. 

An den Abweichungen sind nicht nur tatsächliche Ereignisse wie Geburten- und Sterbefälle, sondern auch statistische Korrekturen aufgrund des Zensus 2011 schuld. Zahlen für das Jahr 2050 oder 2060 sind letztlich nichts als Kaffeesatzleserei und haben deshalb lediglich eine ideologische Funktion: Sie sollen die Durchsetzung von Politiken erleichtern.

Die Nebenfolgen dieser Art von Politikdurchsetzung können jedoch verhängnisvoll sein, wenn Wachstumschancen dadurch verbaut werden. Dies ist mittlerweile der Fall, wenn Schulen und Betreuungseinrichtungen sowie das Lehrpersonal fehlen, weil die Schrumpfideologie zum Abriss und zu Entlassungen der nunmehr dringend benötigten Einrichtungen und Lehrkräfte geführt haben. Auch die Wohnungsbaupolitik, die auf eine schrumpfende Bevölkerungspolitik ausgerichtet wurde, zeitigt mittlerweile Folgen.   

MENKENS, Sabine (2017): Babyboom in Deutschland.
Zum fünften Mal in Folge sind die Geburtenzahlen hierzulande gestiegen. Verantwortlich ist nicht nur die Zuwanderung - sondern auch die Familienpolitik,
in:
Welt v. 16.11.

Online hieß die Schlagzeile Deutschland erlebt Babyboom – doch das reicht nicht, damit auch der Dümmste mitbekommt, dass gute Nachrichten immer schlechte Nachrichten sind.

Sabine MENKENS verbreitet die nationalkonservative Doktrin, die sich in der Bestandserhaltungszahl von 2,1 Geburten pro Frau ausdrückt. Der Soziologe Karl-Otto HONDRICH hat sich bereits vor 10 Jahren gegen eine solche Sicht gewandt und stattdessen das evolutionäre Kriterium der Problemlösefähigkeit in den Mittelpunkt gerückt. Im heutigen Welt-Interview von Matthias KAMANN mit der nationalliberalen AfD-Spitzenpolitikerin Alice WEIDEL heißt es:

"Nötig ist vor allem, die demografische Entwicklung so zu beeinflußen, dass es  (...) endlich wieder eine Nettoreproduktionsrate von mehr als zwei Kindern pro Frau gäbe."

Die Rentenpolitik ist eines der Felder, die angeblich davon abhängig sei. Tatsächlich reicht zur Stabilisierung der Bevölkerungszahl eine Geburtenrate von 1,6 bis 1,7. Dies gilt umso mehr bei Bevölkerungen mit steigender Lebenserwartung. Die Glorifizierung der Bevölkerungspyramide gehört zu den Fundamenten einer solchen Sichtweise, obwohl diese Form die Folge hoher Kindersterblichkeit ist. Das linksliberale Bürgertum hat sich vor 15 Jahren der Bebilderung des demografischen Niedergangs verschrieben und hat damit den Erfolg der AfD mitzuverantworten.

Im Artikel werden Felix zur NIEDER vom Statistischen Bundesamt und Martin BUJARD vom Institut für Bevölkerungsforschung mit ihrer Sicht zitiert.

Der Begriff "Babyboom" - wie er von MENKENS verwendet wird - ist nicht wissenschaftlich, sondern ideologisch, denn er wird allein auf die absoluten Geburtenzahlen bezogen, statt wie es richtig wäre, auf die Entwicklung der Fruchtbarkeit in Deutschland. Darüber gibt letztendlich nur die endgültige Kinderzahl der Frauenjahrgänge Auskunft. Die absolute Zahl der Geburten kann neben der Geburtenrate auch durch Veränderungen beim Timing der Geburten steigen, was in dem Artikel unerwähnt bleibt. Sollte bei den jüngeren Frauenjahrgängen das Erstgebäralter gegen den Trend sinken statt weiter zu steigen, dann könnte dies zum Anstieg der Geburtenzahlen trotz gleich bleibender Geburtenrate führen.

Könnten die Babyboomer - und nicht nur die Kinder der Babyboomer - einen Anteil am jetzigen Geburtengeschehen haben. Diese Erklärung erscheint entweder fragwürdig oder wäre eine echte Sensation. Im Jahr 1975 gab es 782.310 Geburten in Deutschland, d.h. weniger als in diesem Jahr geboren wurden. Die 1975 geborenen Frauen können also kaum zu den geburtenstarken Jahrgängen gezählt werden. Diese waren 2016 bereits 42 Jahre alt. Wenn man die Babyboomer als jene Geburtsjahrgänge definiert, die mehr als 1 Million Geburten umfassten, dann war der Frauenjahrgang 1971 der letzte Babyboomer-Jahrgang. Dieser war 2016 bereits 45 Jahre alt, d.h. die 45-Jährigen und Älteren hätten vermehrt Kinder bekommen müssen, wenn dieser Faktor einen entscheidenden Einfluss auf die Geburtenentwicklung 2016 gehabt hätte. Noch Mitte des letzten Jahrzehnts galten 40-jährige Frauen als endgültig Kinderlose, deren Beitrag am Geburtengeschehen als vernachlässigbar angesehen wurde. Das wurde selbst noch vor kurzem vertreten, wenngleich dies eher der Datenlage geschuldet ist.

Die Kinder der Babyboomer wären jene, die von Frauen der Geburtsjahrgänge 1947 bis 1971 geboren wurden. Anhand einer DESTATIS-Tabelle lässt sich nachvollziehen, in welchen Jahren diese Kinder der Babyboomer hauptsächlich geboren wurden. Die Tabelle enthält bislang die altersspezifischen Geburtenziffern bis zum Jahr 2015.    

Fazit: Eine seriöse Einschätzung zu den Ursachen der jetzt veröffentlichten Geburtenzahlen ist erst möglich, wenn die (altersspezifische) Geburtenrate und das Erstgebäralter der am Geburtenaufkommen beteiligten Frauenjahrgänge vorliegt.     

FUCHS, Carola (2017): Ein kleiner Babyboom im Land.
Statistik: Im vergangenen Jahr gab es wieder mehr Geburten als Todesfälle,
in:
Stuttgarter Zeitung v. 16.11.

In Baden-Württemberg gab es 2016 sogar einen Geburtenüberschuss, d.h. es gab rund 800 Geburten mehr als Todesfälle in diesem Bundesland. Der Amtsstatistiker Werner BRACHAT-SCHWARZ wird mit den Worten zitiert: "Ich hätte das nicht für möglich gehalten.".

Im Gegensatz zur Welt wird von Carola FUCHS neben der Familienpolitik auch die Wirtschaftsentwicklung als nicht-demografische Ursache der Geburtenentwicklung  genannt.

 
       
   

RADISCH, Iris  (2017): Rettet die Welt vor den Menschen.
Die jungen Antinatalisten wollen sich nicht mehr fortpflanzen,
in:
Die Zeit v. 16.11.

Iris RADISCH befürchtet das Wiedererstarken des Antinatalismus. Diesem deutschen Gespenst widmete bereits Günter GRASS einen Roman - die Bibel derjenigen, die immer noch in der Kinderlosigkeit der Hauptgrund für den Rückgang der Geburtenrate in Deutschland sehen wollen. RADISCH unterscheidet zwischen alten und neuen Antinatalisten - also zwischen Guten und Bösen (die Neuen ist sind im Grunde immer die Bösen, denn sie bringen die Ordnung durcheinander!).

"(D)ie junge Generation der Antinatalisten (...) hält die Nachkommenslosigkeit für eine absolut notwendige, umweltschonende Maßnahme. (...). Sie sind hoffnungsvolle Apokalpytiker. Ihr Lieblingsschriftsteller ist weder Sartre noch Houellebecq. Es ist der verträumte Minimalist Haruki Murakami aus dem fortpflanzungsfaulen Japan",

belehrt uns RADISCH. Antinatalismus ist in Deutschland lediglich unter den wenigen Kinderfreien zu finden. Und dies scheint eher eine Reaktion auf den unsäglichen, nationalkonservativen Diskurs im letzten Jahrzehnt gewesen zu sein, als Kinderlose in Deutschland am Pranger standen. Eine Wiederkehr droht, wenn die AfD zusammen mit der CDU/CSU eine Regierung stellen sollte. Angesichts der kaum noch vorhandenen Unterschiede durchaus keine realitätsferne Einschätzung.   

 
       
   

BUDE, Heinz  (2017): Dazwischen sein.
Deutschland hat sich von Grund auf verändert. Eine Jamaika-Koalition der gültige Ausdruck seines Zustands. An welchen Weltbildern orientieren sich die Parteien?
in:
Die Zeit v. 16.11.

Wird BUDE auch eine CDU/CSU/AfD-Regierung als gültigen Ausdruck seines Zustandes rechtfertigen, wenn es so weit kommt?

"Egal, ob sie sich rechtspopulistisch positionieren wie Sebastian Kurz oder Viktor Orbàn oder linkspopulistisch wie Jeremy Corbyn oder Bernie Sanders: Die Dramatisierung von rechts mobilisiert eine Wählerschaft, der etwas verloren zu gehen droht, und die von links eine, die etwas zurückgewinnen will.
Diese Tendenz steht auch Deutschland ins Haus",

doziert der mittepopulistische BUDE. Bei den politischen Ideologien, die BUDE präsentiert: von Konservatismus über Sozialdemokratie bis zum Liberalismus ist der Neoliberalismus (andere sprechen von Wirtschaftsliberalismus) die Leerstelle, die umkreist wird. Interessant ist, dass BUDE den Grünen nicht etwa die Ökologie zuschreibt, sondern sie zu einem Mischling in Sachen der drei politischen Ideologien (andere sprechen auch von Weltanschauungen) macht. Die AfD wird als "Partei der Unbeugsamen und Ungehörten" beschrieben. Wer bei Unbeugsamen an die "linkspopulistische" Partei France Insoumise von Jean-Jacques MÉLENCHON denkt, der liegt sicherlich nicht falsch, denn BUDE steckt als Mitte-Populist Linke und Rechte in einen Topf.

 
       
   

SOZIALPOLITIK-PORTAL (2017): Sondierungsstand Arbeit, Rente, Gesundheit, Pflege, Soziales,
in:
sozialpolitik-portal.de v. 16.11.

Über 60-seitiges Papier zum Stand der Sondierungsgespräche (Stand 15.11.2017), das die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen empfiehlt. Ab Zeile 560 (S.17) geht es um die Sozialversicherung.

 
       
   

Die Verschuldung von Großstädten in der Debatte

KAISER, Tobias  (2017): Großstädte historisch stark verschuldet.
Prekäre Lage vor allem in Westdeutschland,
in:
Welt v. 16.11.

Tobias KAISER stellt die PR einer Wirtschaftsprüfergesellschaft vor. Bereits im letzten November wurde hier auf Schwachstellen der Analyse hingewiesen.

SIEVERS, Markus  (2017): Städte mit Rekordschulden.
Analyse: Die Wirtschaft brummt - doch im Westen geht der Aufschwung an den Metropolen vorbei. Landeshilfen bewirken wenig,
in:
Frankfurter Rundschau v. 16.11.

 
       
   

KAUFMANN, Stephan (2017): Gerecht ist schlecht.
Ökonomie: Die Wirtschaftsweisen sehen in der Ungleichheit einen Ansporn für Abgehängte,
in:
Freitag Nr.46 v. 16.11.

Stephan KAUFMANN kritisiert die Sicht der Wirtschaftsweisen:

"Chancengerechtigkeit statt Umverteilung, auf den Nenner lässt sich dieses Programm bringen. Was wie ein Angebot klingt, beinhaltet allerdings Zwang".

Der Kampfbegriff "Chancengerechtigkeit" wurde im Zuge der Gerechtigkeitsdebatte der SPD Anfang des Jahrtausends in die politische Debatte eingeführt, um die Agenda 2010 und den aktivierenden Sozialstaat durchzusetzen. Statt Fördern UND Fordern hieß es bald nur noch Fordern STATT Fördern - eine Linie, die Wirtschaftsweisen weiterhin durchsetzen wollen.  

 
       
   

FREITAG (2017): A - Z Aufsteiger.
Klasse: Aufsteigen, Karriere machen, gutes Geld verdienen. Davon träumen viele. Wer aufgestiegen ist, war mal woanders. Unten. Darüber zu sprechen ist nicht leicht. Der Soziologe Didier Eribon hat einen Bestseller über seinen Aufstieg aus der Arbeiterklasse geschrieben. Unser Lexikon, mit F für Fallhöhe,
in:
Freitag Nr.46 v. 16.11.

Unter dem Stichwort Kevin behandelt Marlene BREY die Tragödie von Kevin HÖNICKE, der als sozialer Aufsteiger für die SPD als erster Kevin in den Bundestag einziehen wollte:

"Hönicke (...) war der Erste in seiner Familie, der Abitur gemacht hat, der Erste, der studierte. Doch bei dieser Wahl scheiterte er mit der SPD. Weder ihm noch der SPD gelang es diejenigen zu überzeugen, für die Kevin Hönicke stehen könnte. Wer aufsteigt (...), steigt eben nicht mit seiner Klasse auf, sondern er steigt aus seiner Klasse auf."

Für die Medien war die Repräsentativität der Bundestagsabgeordneten (oder der Wähler) nur ein Thema, wenn es um Geschlecht (zu wenig Frauen) oder Alter ("Rentnerdemokratie") ging - die Klassenthematik wurde dagegen außen vor gehalten, wenn es nicht um die AfD ging.

 
       
   

REUTER, Timo (2017): Arm gegen Ärmer.
Obdach: Viermal mehr Wohnungslose als 2008 gibt es heute in Deutschland, der Anteil von Zuwanderern ist stark gestiegen. Verschärft das die Rivalität auf der Straße?
in:
Freitag Nr.46 v. 16.11.

 
       
   

Annie Ernaux - Die Jahre

TRÖGER, Beate (2017): "Vom Tod her denken".
Im Gespräch: Annie Ernaux' "Die Jahre" war Inspiration für Didier Eribon. Wir haben mit ihrer deutschen Übersetzerin gesprochen,
in:
Freitag Nr.46 v. 16.11.

 
       
   

Die Gebietsreform in Brandenburg in der Debatte

NEIßE, Wilfried  (2017): Kein "Scheiß" im Landtag.
Brandenburg: Turbulente Debatte zur Regierungserklärung nach dem Abblasen der Kreisreform,
in:
Neues Deutschland v. 16.11.

 
       
   

Die Gebietsreform in Thüringen in der Debatte

ND/DPA  (2017): Ein "Murks-Projekt" steht auf der Kippe.
Kreisreform in Thüringen wird erneut Fall für den Koalitionsauschuss,
in:
Neues Deutschland v. 16.11.

 
       
   

Wie die Wahlkampfberichterstattung in der deutschsprachigen Presse im Jahr 2017 unser Frankreichbild geprägt hat

BALMER, Rudolf  (2017): Macron-Fans wollen keinen Sonnenkönig.
Die Partei des französischen Präsidenten hat vor ihrem ersten Parteitag mit internen Kritikern zu kämpfen: Sie kritisieren Strukturen wie im Ancien Régime,
in:
TAZ v. 16.11.

 
       
   

15.11.2017

 
       
   

DESTATIS (2017): Mehr Geburten und weniger Sterbefälle im Jahr 2016,
in:
Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts v. 15.11.

"Im Jahr 2016 wurden in Deutschland 792.000 Kinder lebend geboren. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) nach vorläufigen Ergebnissen weiter mitteilt, waren das 55.000 Neugeborene oder 7,4 % mehr als im Jahr 2015 (738 000).
Im Jahr 2016 starben 911.000 Menschen, gegenüber dem Vorjahr ist die Zahl der Sterbefälle um 1,5 % gesunken (2015: 925.000). Seit 1972 starben somit jährlich mehr Menschen, als Kinder geboren wurden. 2016 lag die Differenz bei 118.000, im Jahr 2015 hatte sie 188.000 betragen",

meldet das Statistische Bundesamt. Die tatsächliche Anzahl der Geburten in Deutschland liegt damit sogar über der Schätzung der Bertelsmann-Stiftung vom Juli diesen Jahres. Die Schätzung lag um rund 11.000 Geburten niedriger (781.092) als die jetzt gemeldete Geburtenzahl. Und sie liegt sogar um rund 37.000 Geburten über der erst in diesem Jahr nachgebesserten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes (754.000). Die erst im April 2015 erstellte 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, die auf dieser Website bereits damals heftig kritisiert wurde - lag mit 697.000 Geburten sogar um rund 95.000 Geburten daneben. Treffsicherheit sieht anders aus und wurde inzwischen auch aus dem Kriterienkatalog für Bevölkerungsvorausberechnungen gestrichen. 

Am Ende der Meldung befinden sich deshalb keine Fakten, sondern eine ideologische Einschätzung, wenn es heißt:

"Der Anstieg der Geburten und der Rückgang der Sterbefälle im Jahr 2016 bedeuten nicht, dass der demografische Wandel, den eine zunehmende Alterung der in Deutschland lebenden Bevölkerung kennzeichnet, gestoppt ist. Die durch Jahrzehnte entstandenen Ungleichgewichte in der Altersstruktur der Bevölkerung bleiben bestehen.
Unter Berücksichtigung der demografischen Strukturen ist derzeit nicht vorauszusehen, dass die Zahl der Geburten auf lange Sicht weiter ansteigt. Hingegen wird die Zahl der Sterbefälle voraussichtlich nicht zurückgehen."

Demographismus nennt der Politikwissenschaftler Christian RADEMACHER einen solchen Begriff von demographischem Wandel, den hier das Statistische Bundesamt, das eine "Unterabteilung" des Innenministeriums ist, benutzt. Der demografische Wandel wird in dieser Sicht zu einem bewerteten Phänomen. Demografische Entwicklungen sind jedoch Vorgänge, die jede Bevölkerungsentwicklung bezeichnen. Wenn nur die als negativ angesehenen Entwicklungen als "demografischer Wandel" bezeichnet werden, dann haben wir es mit einer Ideologie zu tun.

Geburten und Todesfälle werden in der nationalkonservativen Bevölkerungswissenschaft als "natürliche Bevölkerungsbewegung" bezeichnet, als ob Wanderungen in offenen Gesellschaften wie Deutschland ein unnatürlicher Vorgang wäre. Der Demographismus beinhaltet immer auch eine territoriale Machtvorstellung. Mit der Wiedervereinigung hat sich z.B. die Bevölkerungsstruktur von heute auf morgen geändert - ohne natürliche Bevölkerungsbewegungen - allein durch politische Entscheidungen. Die Folgen dieser Entscheidung werden nonchalant durch Demographismus naturalisiert und uns nun als "demografische Fakten" präsentiert.

Fazit: Die angebliche Alternativlosigkeit von "demografischen Fakten" verschleiert, dass politische Interessen hinter solchen Meldungen stehen, die besonders dann zutage treten, wenn Bevölkerungsvorausberechnungen - auf die sich das Statistische Bundesamt ja bei seiner Einschätzung beruft, ungeahnte Nebenfolgen haben, was man z.B. in Brandenburg oder Sachsen studieren kann

 
       
   

STALA BW (2017): Höchste Geburtenzahl seit 1999.
Baden-Württemberg: In immerhin 19 der 44 Stadt- und Landkreise gab es im Jahr 2016 mehr Geborene als Gestorbene,
in:
Pressemitteilung des Statistischen Landesamt Baden-Württemberg v. 15.11.

"In Baden‑Württemberg wurden im vergangenen Jahr nach vorläufigen Ergebnissen des Statistischen Landesamtes rund 107.500 Kinder lebend geboren und damit ca. 7.200 mehr als 2015. Somit lag die Zahl der Lebendgeborenen zum fünften Mal in Folge höher als im jeweiligen Vorjahr. Die Ursache für diesen positiven Trend wird in der in den vergangenen Jahren enorm angestiegene Zuwanderung gesehen, die auch zu einer Zunahme der Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter geführt hat. Hinzu kommt, dass nun Kinder der geburtenstarken Jahrgänge Anfang der 1960er-Jahre, die so genannten Babyboomer, selbst wieder Kinder bekommen. Schließlich ist in den vergangenen Jahren auch die Geburtenrate, also die durchschnittliche Kinderzahl je Frau, angestiegen.
Gleichzeitig sank im vergangenen Jahr die Zahl der Gestorben gegenüber 2015 um etwa 1.400 auf knapp 106.700. Damit lag die Zahl der Sterbefälle erstmals wieder seit dem Jahr 2005 niedriger als die Geburtenzahl.
Stadt- und Landkreise: Aufgrund der gestiegenen Geborenenzahlen konnten im vergangenen Jahr immerhin 19 der 44 Stadt- und Landkreise Baden‑Württembergs ein Geburtenplus erzielen; im Jahr zuvor gab es diese günstige Konstellation lediglich in 8 Kreisen. Die Spitzenstellung beim Geburtenüberschuss nahm im Jahr 2016 die Landeshauptstadt Stuttgart ein (1.591 mehr Geborene als Gestorbene), gefolgt vom Landkreis Böblingen (+743) und dem Stadtkreis Freiburg im Breisgau (+730). Dagegen wiesen 25 Stadt- und Landkreise im Südwesten weniger Geborene als Gestorbene auf. Die höchsten Geburtendefizite waren 2016 im Zollernalb- und im Rhein‑Neckar-Kreis sowie im Landkreis Karlsruhe zu beobachten. Die unterschiedliche Bilanz aus der Zahl der Geborenen und der der Gestorbenen in den einzelnen Kreisen wird wesentlich durch die Altersstruktur der Bevölkerung beeinflusst. Aber auch die Geburtenhäufigkeit – also die durchschnittliche Kinderzahl je Frau – und die unterschiedliche Lebenserwartung in den einzelnen Teilräumen bestimmen das Verhältnis von Geburten zu Sterbefällen", meldet das Statistische Landesamt Baden-Württemberg.

 
       
   

STALA THÜRINGEN (2017): 2016: Mehr Geburten, weniger Sterbefälle und mehr Eheschließungen in Thü-ringen – dennoch Sterbefallüberschuss von 9 841 Personen.
Neuer Höchststand bei den Geburten und Eheschließungen seit 1991,
in:
Pressemitteilung des Statistischen Landesamt Thüringen v. 15.11.

"In Thüringen liegen nach einer vorläufigen Auswertung die ersten Ergebnisse der natürlichen Bevölkerungsstatistiken für das Jahr 2016 vor. Nach Mitteilung des Thüringer Landesamtes für Statistik wurden 18.474 Geburten, 28.312 Sterbefälle und 10.115 Eheschließungen registriert. Somit gab es 2016 mehr Geburten, weniger Sterbefälle und mehr Eheschließungen als im Jahr 2015. Bei den Geburten und Eheschließungen stellten diese Ergebnisse zudem neue Höchststände seit 1991 dar. In Zahlen ausgedrückt gab es in Thüringen ein Plus von 540 Geburten (+3,0 Prozent) und einen Rückgang um 518 Sterbefälle (-1,8 Prozent) im Vergleich zum Jahr 2015. Die ansteigende Zahl an Geburten bei gleichzeitigem Rückgang an Sterbefällen führte 2016 zu einem deutlichen Rückgang des Sterbefallüberschusses. Dieser lag dennoch bei -9.841 Personen, aber um 1.055 Personen (-9,7 Prozent) niedriger als noch 2015. Bei den Eheschließungen gab es im Vergleich zu 2015 ein Plus von 381 Hochzeiten (+3,9 Prozent)", meldet das Statistische Landesamt Thüringen.

 
       
   

STALA SACHSEN-ANHALT (2017): Geburtenanstieg und weniger Sterbefälle 2016 in Sachsen-Anhalt,
in: Pressemitteilung des Statistischen Landesamt Sachsen-Anhalt v. 15.11.

"Erstmals seit 15 Jahren wurden wieder mehr als 18.000 Babys in Sachsen-Anhalt geboren (2001: 18.073). Wie das Statistische Landesamt in Halle (Saale) mitteilte, kamen nach vorläufigen Angaben im Jahr 2016 insgesamt 18.093 Kinder zur Welt, das waren 678 bzw. 3,9 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Entwicklung verlief regional sehr unterschiedlich. Im Saalekreis und in der Landeshauptstadt Magdeburg erhöhte sich die Zahl der Lebendgeborenen gegenüber dem Jahr 2015 um 9,6 bzw. 9,2 Prozent. Einen starken Anstieg verzeichneten ebenfalls der Landkreis Stendal mit 7,4 Prozent sowie der Salzlandkreis und die kreisfreie Stadt Dessau-Roßlau mit je 6,8 Prozent. Rückläufige Geburtenzahlen wurden im Altmarkkreis Salzwedel und im Landkreis Harz mit jeweils 1,8 Prozent sowie im Landkreis Anhalt-Bitterfeld mit 1,0 Prozent beurkundet. Im Jahr 2016 starben nach vorläufigen Ergebnissen 31 453 Sachsen-Anhalter und Sachsen-Anhalterinnen. Das waren 916 bzw. 2,8 Prozent weniger als im Jahr 2015. Auf der Ebene der kreisfreien Städte und Landkreise wurden überwiegend rückläufige Sterbefälle registriert. Der Landkreis Börde und die kreisfreie Stadt Halle (Saale) verbuchten sogar Rückgänge um 6,9 bzw. 6,0 Prozent. Nur in der kreisfreien Stadt Dessau-Roßlau, der Landeshauptstadt Magdeburg und im Landkreis Mansfeld-Südharz stieg die Zahl der Gestorbenen im Vergleich zum Vorjahr. Aufgrund steigender Geburtenzahlen und rückläufiger Sterbefälle verminderte sich das Geburtendefizit gegenüber dem Jahr 2015 um 1.594 auf 13.360 Personen", meldet das Statistische Landesamt Sachsen-Anhalt.

 
       
   

Berichte zur Lage der Rentenversicherung vor dem Hintergrund der Sondierungsgespräche

ZSCHÄPITZ, Holger (2017): Jetzt tut der Minuszins auch der gesetzlichen Rente weh.
Bislang galt das System der deutschen Alterssicherung als immun gegen Finanzmarktlaunen. Die aktuellen Zahlen belegen das Gegenteil,
in:
Welt v. 15.11.

Bei Holger ZSCHÄPITZ werden Argumente der Verfechter einer Privatisierung der Altersvorsorge zu Argumenten der Befürworter einer Stärkung der gesetzlichen Rentenversicherung umgedeutet. Das ist ganz im neoliberalen Sinne, denn die private Altersvorsorge steht unter starkem Rechtfertigungsdruck.

Während die anderen Mainstreamzeitungen wenigstens nicht nur die Sicht des Arbeitgebervertreters der Deutschen Rentenversicherung präsentieren, ist der Bericht über eine Veranstaltung der Rentenversicherer von ZSCHÄPITZ völlig einseitig. Verschwiegen wird, dass es vor den entscheidenden Sondierungsgesprächen zur Sozialversicherung darum geht, ob die "Überschüsse" zu Beitragssenkungen, Steuersenkung oder zur Stärkung der gesetzlichen Rentenversicherung verwendet werden sollen. Der tendenziöse Beitrag von ZSCHÄPITZ soll die FDP-Position stärken.

"Der Beitragssatz für die gesetzliche Rente sinkt Anfang kommenden Jahres voraussichtlich leicht um 0,1 Prozentpunkte auf 18,6 Prozent. Die Bundesregierung dürfte diesen Schritt per Verordnung vollziehen",

weckt ZSCHÄPITZ Hoffnungen der Mehr Netto vom Brutto-Fraktion. Die Rentner sollen mit Zahlen zu einer voraussichtlichen Rentenanpassung 2018 zufrieden gestellt werden. Erst im Frühjahr 2018 wird sich zeigen, was die Zahlen wert sind, denn erst dann erfolgt die Festlegung aufgrund der dann vorliegenden Zahlen.

THELEN, Peter (2017): Die Kasse füllt sich.
Die Rentenversicherung hat Rücklagen angehäuft. Negative Zinsen kosten Millionen,
in:
Handelsblatt v. 15.11.

Peter THELEN rückt die mangelnde Nachhaltigkeit der Rücklage in den Mittelpunkt:

"Wenn es weiter so gut läuft, könnte der Beitrag sogar bis 2023 so niedrig bleiben, also bis weit nach Ende der Legislaturperiode. Erst dann wird die Verrentung der geburtenstarken Jahrgänge dafür sorgen, dass er zunächst auf 18,7 Prozent, danach aber sehr schnell auf 21,6 Prozent bis 2030 angehoben werden muss."

Für Leistungsausweitungen war auch angeblich 2014 kein Geld da:

"Als 2014 die Rente ab 63 und die Mütterrente beschlossen wurden, herrschte Konsens, dass es nun auf Talfahrt gehen würde mit den bis dahin staatlichen Rentenreserven und schon bald auch wieder aufwärts mit dem Rentenbeitragssatz."

Das Spiel, dass Geld nur da ist, wenn es um Entlastungen der so genannten "Mitte" geht, die man einkommensmäßig eher als obere Mitte bezeichnen muss, kennt man zur Genüge, wenn man die Wirtschaftsteile der Mainstreamzeitungen studiert. Bestes Beispiel Martin GREIVE. Sobald es um Sozialausgaben geht, sind die sprudelnden Quellen plötzlich von heute auf morgen völlig versiegt.

THELEN präsentiert auch die Sicht von Annelie BUNTENBACH, bügelt das Problem Altersarmut mit einer fadenscheinigen Begründung ab:

"Doch auch diese Probleme sind als Folge des Beschäftigungswunders nicht mehr so drängend wie noch vor wenigen Monaten. Die Renten steigen wieder stärker im kommenden Jahr nach ersten vorsichtigen Schätzungen sogar in Ost und West um drei Prozent. Auch der Sinkflug des Rentenniveaus macht Pause."

Das ist nichts als Schönfärberei. Dass die Renten genauso schnell steigen sollen wie die Löhne, was erst einmal nur eine optimistische Annahme ist, heißt lediglich, dass der Abstand nicht noch größer ist als er bislang schon ist. Mit der Zunahme der Rentnerzahlen wird auch die Altersarmut zunehmen.

Am Schluss geht THELEN auf die Sondierungsgespräche ein.

THELEN, Peter (2017): Vorläufige Entwarnung.
Kommentar: Die positiven Signale sollten die Politik nicht zum Verpulvern der Reserven verleiten,
in:
Handelsblatt v. 15.11.

Peter THELEN wendet sich gegen eine "Minisenkung des Rentenbeitrags" und benutzt den neoliberalen Kampfbegriff vom "demografischen Zwischenhoch", eine Erfindung des Jahres 2016 als die Rente zum Bundestagswahlkampfthema zu werden drohte. Das Zwischenhoch ist ein Komplementärbegriff zur "nachhaltigen Finanzierung", der jedoch durch den Glaubwürdigkeitsverlust von Bevölkerungsvorausberechnungen wegzubrechen droht.

ÖCHSNER, Thomas (2017): Ein paar gute Jahre.
Rentner können mittelfristig mit steigenden Bezügen rechnen, auch die Beiträge sinken 2018 leicht. Doch bald droht der Ruhestand der Babyboomer-Jahrgänge,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 15.11.

"Schon sicher ist, dass der Beitrag zur Rentenversicherung 2018 niedriger ausfallen wird. Derzeit liegt er bei 18,7 Prozent. Dieser wird voraussichtlich vom nächsten Jahr an auf 18,6 Prozent gesenkt",

erklärt uns Thomas ÖCHSNER in einer sehr merkwürdigen Formulierung. Soll die Beitragssatzsenkung also noch höher ausfallen? 18,65 Prozent oder gar 18,69 Prozent kann wohl nicht gemeint sein, wenn man sich nicht lächerlich machen will.

Eine Senkung sei unvermeidlich, suggeriert ÖCHSNER, weil dies der Rentenmechanismus so vorsehe ("Obergrenze von 1,5 Monatsausgaben"). Die letzte Regierung hat gezeigt, dass man auch mit Leistungsausweitungen reagieren kann. Die VdK-Präsidentin wird mit einem Plädoyer für Verbesserungen bei der Erwerbsarmutsrente zitiert und Annelie BUNTENBACH als Gegnerin einer CSU-Mütterrente. Zufälligerweise alles Forderungen, die auch Neoliberale erheben - nur dass Kosten dabei möglichst zu vermeiden sind.

Zur Rentenerhöhung 2018 wird der Standardrentner herbeizitiert, also der Phantomrentner, dessen Rente kaum ein realer Rentner erreichen kann. Dieser Phantomrentner erhält eine Bruttorente von 1.396 Euro, was zur Erhöhung von "knapp 42 Euro" führen würde. Die Bildzeitung titelte gestern bereits großflächig:

Dietrich CREUTZBURG kritisierte dagegen gestern in der Online FAZ:

"Einige Medien hatten zu Wochenbeginn mit Bezug auf denselben Entwurf vermeintlich genaue Zahlen zur Höhe der Rentenanpassung 2018 gemeldet: 3,09 Prozent im Westen und 3,23 Prozent im Osten. Die Zahlen sind aber in dieser Genauigkeit wenig belastbar, auch wenn sie sich aus den amtlichen Annahmen so ableiten lassen. Die erforderlichen statistischen Daten zur tatsächlichen Lohnentwicklung werden, wie üblich, erst im Frühjahr vorliegen. Eine Erhöhung um 3 Prozent würde bedeuten, dass die sogenannte Standardrente von derzeit brutto 1.383 Euro um gut 41 Euro im Monat steigt."

Tages zuvor kündigte die Bildzeitung noch großflächig eine Finanzserie an, die aufzuzeigen verspricht, wie die Rentenlücke zu schließen sei. Auch die SZ berichtete gestern über die Schließung der Rentenlücke.     

ÖCHSNER, Thomas (2017): Im Zwischenhoch.
Kommentar: Rente,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 15.11.

Thomas ÖCHSNER warnt davor, dass die "Rente nicht wie Hartz IV ein Symbol für Armut in Deutschland" werden darf und fordert deshalb eine Verbesserung der Erwerbsminderungsrente und eine "kluge Form einer steuerfinanzierten Mindestrente", soll heißen: Verbesserungen sollten möglichst kostenlos sein. Und die gesetzliche Rente soll nicht auf den ersten Blick den Anschein erwecken, dass sie zur Armenfürsorge zurückgestutzt werden soll.

PETER, Tobias  (2017): Mehr Geld im Ruhestand.
Rentenversicherung verkündet günstige Zahlen - aber unter Vorbehalt,
in:
Frankfurter Rundschau v. 15.11.

Bei Tobias PETER wird Annelie BUNTENBACH mit einer Warnung vor einer Anhebung des Renteneintrittsalters zitiert, obwohl Union und FDP das gar nicht fordern, sondern diese wollen das Renteneintrittsalter ganz wegfallen lassen, wie Daniela VATES berichtet.

VATES, Daniela  (2017): Rente auf der Agenda.
Jamaika-Sondierer haben neues Thema,
in:
Frankfurter Rundschau v. 15.11.

Daniela VATES hat die Liste der Jamaika-Wünsche auf 8 Stichworte heruntergebrochen. Das ist so vage, dass sich darüber gar nicht zu reden lohnt.

 
       
   

Die Pressemeldung 860.000 Menschen in 2016 ohne Wohnung der BAG Wohnungslosenhilfe in den Medien

FRANKFURTER RUNDSCHAU-Tagesthema: Leben in Deutschland.
Von der Politik ignoriert, von der Gesellschaft vergessen: 860.000 Menschen haben hierzulande keine Wohnung. Darunter sind immer mehr Frauen und junge Leute

ERB, Nadja  (2017): "Wir brauchen eine Notfallstatistik".
Expertin Rosenke über Strategien gegen Wohnungslosigkeit, die angespannte Lage auch auf dem Land und die verheerenden Folgen der Hartz-IV-Gesetze,
in:
Frankfurter Rundschau v. 15.11.

Ist eine separate Wohnungsnotfallstatistik sinnvoll oder wäre es nicht viel wirkungsvoller, wenn Wohnungslose und Heimbewohner als Teil der Armutsstatistik geführt werden müsste?

taz-Titelgeschichte: Das ABC der Armut.
In unserem reichen Land gibt es immer mehr Wohnungslose, mehr Geringverdiener, mehr mittellose Migranten - und mehr Konkurrenz unter den Betroffenen. Wie kann das sein? 26 Stichworte

REUTER, Timo  (2017): Arm gegen arm.
Die Zahl der Wohnungslosen ist seit 2008 um das Vierfache - auf 860.000 - gestiegen. Doch Armut ist kein Naturzustand, sie wird gemacht - wie auch die Konkurrenz unter Betroffenen. Ein ABC,
in:
Frankfurter Rundschau v. 15.11.

"Wohnungslose: In Deutschland verfügten 2016 rund 860.000 Menschen über keinen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum. Die meisten Wohnungslosen leben in Notunterkünften, Wohnheimen, Frauenhäusern, bei Freunden – manche aber auch auf der Straße (siehe Obdachlose)",

heißt es unter einem der 26 Stichworte von Timo REUTER. Was fehlt? Der Punkt Statistik, denn würden Wohnungslose in der amtlichen Armutsstatistik aufgeführt werden, dann könnte das Problem nicht unter den Tisch gekehrt werden. Aber Armut kommt - nicht nur in Deutschland - nur in Haushalten vor, aber nicht unter Wohnungslosen oder Heimbewohnern.

 
       
   

Wer WSI-Verteilungsbericht 2017 in den Medien

POELCHAU, Simon  (2017): Kurzes Vermögen.
Laut dem WSI-Verteilungsbericht reicht das Eigentum der meisten für nur wenige Wochen und Monate,
in:
Neues Deutschland v. 15.11.

PFEIFFER, Hermannus  (2017): Deutschland ist ein reiches Land.
Das Gesamtvermögen der Bundesbürger beträgt rund 14 Billionen Euro. Was das eigentlich bedeutet, hängt von der jeweiligen Statistik ab,
in:
Neues Deutschland v. 15.11.

 
       
   

Wie eine Umfrage der Versicherungswirtschaft bestimmte Antworten nahe legt und Journalismus dies durchgehen lässt

SIEVERS, Markus  (2017): Zufriedene Generation Mitte.
Die mittleren Jahrgänge in Deutschland freuen sich über größeren Wohlstand durch den langen Aufschwung,
in:
Frankfurter Rundschau v. 15.11.

Markus SIEVERS präsentiert uns eine PR-Broschüre des Lobbyverbandes der Versicherungswirtschaft (GDV), die das konservative Meinungsforschungsinstitut aus Allensbach erstellt hat. Bereits die Fragestellungen führen notwendigerweise zu Antworten, die im Interesse der Versicherungswirtschaft liegen. So wird bei der Frage nach Schwächen das Rentensystem vorgegeben, während bei den Regierungsaufträgen lediglich die Antwort Die Altersvorsorge an die zunehmende Alterung der Gesellschaft anpassen vorgegeben ist. Bereits die Antwortmöglichkeiten zielen darauf, dass es bei der Alterssicherung um die Stärkung der privaten Altersvorsorge zu gehen hat. Womöglich hat nicht einmal jeder Befragte diese begriffliche Heimtücke der Umfrage bemerkt.

Ausgeklammert werden von SIEVERS zudem Antworten, die nicht zur neoliberalen Stoßrichtung passen bzw. sogar der Umfrage widersprechen. So heißt es:

"Flexibel zeigt sich die Generation der Berufstätigen beim Renteneintrittsalter. 40 Prozent wissen noch nicht, ob sie zum gesetzlichen Renteneintrittsalter in Rente gehen oder früher oder später. 29 Prozent, also knapp jeder Dritte, plant, vorzeitig aus der Berufstätigkeit auszuscheiden. Von der nächsten Koalition erhoffen sich 60 Prozent eine bessere Förderung der Altersvorsorge."

Auf der Website der GDV liest sich das fast genauso:

"40 Prozent der Befragten können noch nicht sagen, wann sie in Rente gehen wollen bzw. machen den Renteneintritt von den Umständen abhängig. 24 Prozent wollen bis zum gesetzlichen Eintrittsalter arbeiten, 29 Prozent früher aufhören und nur 7 Prozent wollen länger arbeiten."

Die vorgegebenen Antwortmöglichkeiten "Weiß noch nicht" und "Kommt darauf an" werden von SIEVERS zu 40 Prozent aufaddiert. 19 Prozent davon, machen ihren Ausstieg aus dem Erwerbsleben von der Situation abhängig. Da 30- bis 59-Jährige befragt werden, hängt die Antwort wohl auch davon ab, wie weit sie von dem möglichen Renteneintrittsalter entfernt sind. Von Flexibilität zu sprechen, scheint in diesem Zusammenhang mehr als gewagt. Der Begriff Unsicherheit wäre treffender.

Der Satz

 "Von der nächsten Koalition erhoffen sich 60 Prozent eine bessere Förderung der Altersvorsorge."

den SIEVERS anfügt, hat mit der Frage dagegen gar nichts zu tun, sondern betrifft notwendige Maßnahmen zur Sicherung des Alterssicherungssystems. An erster Stelle von 9 Antwortmöglichkeiten steht der Wunsch nach Ausbau der gesetzlichen Rente zu einer Erwerbstätigenversicherung (71 %).

Die finanzielle Förderung der betrieblichen UND privaten Altersvorsorge sehen lediglich 58 % als notwendig. Eine Differenzierung zwischen betrieblicher und privater Altersvorsorge hätte hier einen niedrigeren Anteil erbracht. Entscheidungen der Fragebogenersteller, ob  Aspekte getrennt oder zusammen erfragt werden, haben also bereits enormen Einfluss auf das Ergebnis.

Die weiteren Antwortkategorien zielen auf ganz unterschiedlichen Aspekte (Finanzierungsart, Altersvorsorge vs. gesetzliche Rente, Renteneintrittsalter) statt Alternativen für jeden Aspekt vorzugeben.   

Fazit: Seriöser Journalismus hätte über solche Beschränkungen von Umfragenaussagen aufzuklären, statt sie wie SIEVERS einfach nur wiederzugeben. Die Versicherungswirtschaft bedankt sich für solche kostenlose PR.

 
       
   

HUNZIKER, Christian  (2017): Zurück aufs Land.
Alle reden von der Wohnungsnot in den Großstädten. Eine Lösung könnte die Stärkung bestimmtr Städte und Gemeinden in der Provinz sein,
in:
Welt v. 15.11.

Christian HUNZIKER gilt Neuruppin als Modellstadt für Ankerstädte, die den ländlichen Raum retten sollen:

"Neuruppin: eine 31.000 Einwohner zählende brandenburgische Kommune, die eine wachsende Bevölkerung aufweist, obwohl sie im strukturschwachen, schrumpfenden Landkreis Ostprignitz-Ruppin liegt."

Ankerstädte werden folgendermaßen definiert:

"Mittelstädte, die sich durch ein attraktives Orts- und Stadtbild auszeichnen und positiv auf ihr Umland ausstrahlen".

Dies widerspricht jedoch dem, was Neuruppin (AfD-Zweitstimmenanteil von 17,1 % bei der Bundestagswahl)  ist, denn offenbar strahlt sie nicht aufs Umland aus, wenn dieses schrumpft und strukturschwach ist. Eher ist es so: Orte, die attraktiv für Investoren sind, werden zu Ankerstädten erklärt - egal, ob sie gut fürs Umland sind oder nicht.

In Brandenburg ist gerade die rot-rote Gebietsreform gescheitert. Modelle sehen anders aus!

SIEMS, Dorothea  (2017): Mär vom armen Dorf.
Leitartikel: Die Politik treibt die Angst vor den Abgehängten in den ländlichen Regionen um. Die Kanzlerin verspricht Hilfen. Dabei gibt es gar kein wachsendes Stadt-Land-Gefälle,
in:
Welt v. 15.11.

Dorothea SIEMS wendet sich gegen eine Politik, die soziale Ungleichheit bekämpft. Sie fordert die Starken zu stärken. Die Menschen sollen abwandern aus den "tristen Gebieten".

 
       
 

[ zum Seitenanfang ]

Zu den News vom 11. - 14. November 2017
 

   
  • Rezensionen zum Single-Dasein finden sie hier

 
 
   

Bitte beachten Sie:
single-dasein.de ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten

 
 
  [ Homepage ]
 
   
© 2000-2017
Bernd Kittlaus
Bernds@single-dasein.de Stand: 20. November 2017