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Medienrundschau:

News zum Single-Dasein

 
       
   
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Medienberichte über single-dasein.de
 
 
 
   

News vom 07. - 11. August 2018: [07.08.] [08.08.] [09.08.] [10.08.] [11.08.]

 
 
     
 
   

Zitat des Monats:

Die Bildungspolitik als Opfer interessengeleiteter Bevölkerungsprognosen

"Die jetzt revidierten Voraussagen über die künftigen Schülerzahlen bestätigen die Warnungen von Kritikern. (...). Denn immer wieder, zuletzt in den 1990er Jahren, ist er plötzlich da, der »Lehrermangel«, mit dem angeblich niemand rechnen konnte. Und immer wieder beruhen die bildungspolitischen Versäumnisse auf interessengeleiteten Bevölkerungsprognosen. (...).
Mit dem Kleinrechnen des Faktors Einwanderung und der unhinterfragten Fortschreibung niedriger Geburtenraten haben die Demografen den Alarmismus über eine aussterbende (biodeutsche) Bevölkerung befördert. Stiegen die Einwohnerzahlen trotz gegenläufiger Prognosen, erklärten die Forscher das kurzerhand zum statistischen Ausreißer.
Realistische Voraussagen sind aber gerade in der Bildungspolitik wichtig. (...). Statt den Versicherungen und ihren Lobbyisten auf den Leim zu gehen, sollte die Politik eine kinderreiche Zukunft planen - und deutlich mehr in die Ausstattung und das Lehrpersonal der Schulen investieren
"
(aus:
Thomas Gesterkamp "Falsche Prognosen mit Folgen", Neues Deutschland v. 04.08.2018)

 
       
       
   

11.08.2018

 
       
   

SOLDT, Rüdiger (2018): Wenn die Vielfalt einfach zu vielfältig wird.
In Mannheim ist zu besichtigen, wie eine Einwanderungsgesellschaft funktioniert. Oder auch nicht. Denn es gibt Viertel, die sich entwickelt haben und blühen, und andere, in denen es kaum noch Gemeinsinn gibt. Hier wie dort hat man gelernt: Nur wenn es eine Mehrheit gibt, die Maßstäbe setzt und sich kümmert, hat die Stadt eine Zukunft,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 11.08.

Am 19.06.2018 hat der Soziologe Konrad HUMMEL die Gentrifizierungsdebatte um die Mannheimer Neckarstadt-West in der ZEIT eröffnet. Das Problem dabei: Das Ziel Gentrifizierung bleibt entweder unerwähnt oder wird schönfärberisch umetikettiert. Rüdiger SOLDT spricht nur von mangelnder sozialer Durchmischung.

"Soziologen geben heute zu, dass in Stadtteilen mit einem Zuwandereranteil von 70 Prozent und mehr gar keine Integration mehr möglich ist. Dazu bräuchte man eine Mehrheitsgesellschaft, die kulturelle Leitbilder prägt",

behauptet SOLDT. Wer von "Soziologen" spricht, statt Namen zu nennen, ist unseriös. Man muss ihm unterstellen, dass es möglicherweise nur ein einziger ist oder sie unbekannt sind.

"In den Quadraten G und H (...) flackerten vor zehn Jahren noch Neonreklamen von Rotlichtbars. Die Straßenzüge in der Nähe des Mannheimer Marktplatzes sind heute ein gehobenes türkisch geprägtes Einkaufsquartier"

erzählt uns Rüdiger SOLDT. Wer sich in Mannheim auskennt, der weiß, dass das Rotlichtviertel mit dem türkisch geprägten Einkaufsviertel um den Marktplatz nie etwas zu tun hatte. Der ehemals verruchte Mannheimer Stadtteil Jungbusch ist inzwischen gentrifiziert. Wer wie SOLDT zudem die zweite Generation von Einwandern aus Türken oder Griechen auf Aufsteiger in die Mittelschicht reduziert, um sie dann mit Einwanderern der ersten Generation zu vergleichen, die SOLDT vor allem als Armutseinwanderer aus Bulgaren beschreibt, der will die Debatte anheizen statt aufzuklären.

"Inseln der Normalität gibt es in der Neckarstadt an vielen Stellen, aber für ein gedeihliches Zusammenleben reicht das nicht. »Man kommt voran, wenn man so etwas wie Stadtakupunktur macht: also Nadelstiche setzen, um den städtischen Organismus wieder in Bewegung zu setzen«, sagt Hummel. Dazu gehörte es, Orte wie den »Kaisergarten« zu sanieren",

erklärt uns SOLDT. Man kann das als Beschreibung von Gentrifizierung auffassen. Der Stadtteil, der eine lukrative Altbausubstanz beinhaltet, ist wie geschaffen dafür. Andere Mannheimer soziale Brennpunkte sind dagegen baulich unattraktiv und geraten deshalb (noch) nicht ins Visier der Stadtplaner.

"Den Zuzug von 1.600 Flüchtlingen vor drei Jahren und von Tausenden von Armutseinwanderern aus Bulgarien und Rumänien muss auch die Polizei erst verkraften. Sie schafft die Voraussetzungen dafür, am Thema Integration zu arbeiten. (...). » (...). Alle, die bildungsmäßig nicht mitkommen, könnten Kundschaft der Polizei bleiben«",

wird ein Repräsentant des Sicherheitsstaats zitiert. Man könnte auch sagen: Wer den Sozialstaat abbauen will, der bedarf eines Polizeistaats. Mannheim wird uns als vorbildlich in Sachen der Zusammenarbeit zwischen Politik und Polizei dargestellt.      

 
       
   

KROHN, Philipp (2018): Was steigt, ist Definitionssache.
Verbraucherschützer regen Debatte über Provisionen an,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 11.08.

Der Artikel von Philipp KROHN offenbart, dass Berechnungen in politischen Debatten nicht als falsch/richtig oder gar wahr/unwahr einzuordnen sind, sondern ausschließlich aufgrund ihrer Interessenlage. KROHN erregt sich über die Stellungnahme des Bundes der Versicherten (BdV) zur "Evaluierung der Lebensversicherungsreform 2014", damit macht er sich zugleich zum Sprachrohr des Lobbyverbandes der Versicherungswirtschaft und der Versicherungsvermittler. In dem Artikel stellt KROHN die Sicht von Versicherungsvermittlern, des BdV, der GDV und eines Versicherungsmathematiker, der als "unabhängig" klassifiziert wird. Keiner ist jedoch unabhängig, sondern alle Standpunkte sind interessengeleitet, wobei sich gewisse Interessen diametral entgegen stehen. Dies gilt insbesondere für die Interessen der Versicherten, deren Höhe der Altersvorsorge von der Profitgier der Lebensversicherer und den Interessen nach einem möglichst hohen Einkommen der Versicherungsvermittler geschmälert wird. Die von KROHN in den Raum geworfene Frage nach einer "fairen Bezugsgröße" ist hier lediglich eine Nebelkerze. Es gibt nur Bezugsgrößen, die entweder der einen oder der anderen Seite gerechter werden.

Wenn man auf dem Standpunkt steht, dass die Altersvorsorge in der Hand der Lebensversicherer grundsätzlich nichts zu suchen hat, dann ist dieser Streit sowieso nur Ablenkungsmanöver von grundsätzlicheren Frage zur Sicherstellung der Altersvorsorge.  

 
       
   

DRIBBUSCH, Barbara (2018): Bigotterie der Mittelschicht.
Im Streit über das Kindergeld für EU-Ausländer werden ständig die Ebenen vermischt und wird eine bigotte Osteueropa-Aversion befeuert. Eine Betrachtung,
in: TAZ v. 11.08.

 
       
   

HEISTERHAGEN, Nils (2018): Der Sieg des Liberalismus war keiner.
Linker Realismus - das wäre der momentan richtige Weg für die politische Linke,
in: TAZ v. 11.08.

Nils HEISTERHAGEN ("Die liberale Illusion"), bei der SPD für die Rhetorik zuständig, rechnet mit dem Neoliberalismus, statt mit seiner Partei ab. Noch 2014 hat HEISTERHAGEN in der neoliberalen WirtschaftsWoche den Reformstau beklagt und eine Agenda 2030 gefordert. Seine Sprache war damals noch nicht auf Klassenkampf gebürstet wie nun.

Foto: Bernd Kittlaus 2018

Der Artikel garniert eine typische Sonntagsrede eines Politikers mit einer einzigen konkreten (12 Euro Mindestlohn) und mehreren vagen Forderungen am Schluss, die der neoliberalisierten SPD ein soziales Image verpassen soll. Allein mit einer rhetorischen Erneuerung lässt sich jedoch kein Vertrauen schaffen. Weder spiegelt das Personal, noch die aktuelle Selbstdarstellung der SPD den Willen zur Erneuerung. Die SPD glaubt, wenn sie AfD und Grünen hinterher rennt und der Linkspartei mit einer kleinen Kurskorrektur das Wasser abzugraben versucht, dass damit neue Wähler angesprochen und alte nicht vergrault werden könnten. Die Landtagswahlen in Hessen und Bayern werden zeigen, ob so eine Kosmetik den weiteren Abstieg aufhält oder vielmehr den Niedergang noch beschleunigt. Bislang deutet alles darauf hin, dass der einzige wirkliche Gewinner die AfD ist.    

 
       
   

TÜGEL, Nelli (2018): Kämpfen nach dem Boom.
Beim britischen Bergarbeiterstreik und in Rheinhausen standen Arbeiter und Linke zusammen. Lässt sich daraus lernen?
in: Neues Deutschland v. 11.08.

Nelli TÜGEL stellt das Buch Kohle, Kumpel und Krawalle des Historikers Arne HORDT vor, in dem es um den britischen Bergarbeiterstreik 1984/85 und um den Kampf ums Stahlwerk in Duisburg-Rheinhausen 1987/88 ging, die als "Verteidigungskämpfe" beschrieben werden. In Deutschland war die Linke damals bereits längst gespalten: auf der einen Seite die SPD und auf der anderen Seite die Grünen. Von Solidarität konnte deshalb bereits damals nicht mehr gesprochen werden.

"Die tiefe Sehnsucht nach dem Klassenkompromiss (...) hat die Niederlagen der 80er und damit auch die heutige Lage mit verursacht".

TÜGEL vermisste damals die notwendige Unversöhnlichkeit. Dies ist jedoch romantische Verklärung, denn anders als es die Mainstreamdeutung will, strebten damals die Klassen bereits auseinander. Im linken Individualisierungsglauben der damaligen Zeit lag der Keim der wachsenden sozialen Ungleichheit, die sich inzwischen deutlich sichtbar in einer neuen Klassengesellschaft zeigt. Von Klassenpolitik sprachen damals weder bei SPD noch die Grünen, wenn man von jenen wenigen absieht, die mehr und mehr in die Defensive gedrängt wurden.    

 
       
   

SCHARNIGG, Max (2018): Das gelobte Land.
Wenn Großstädter reif und mürbe werden, ziehen sie gerne raus. Aber ist die Flucht aus der Betonhölle ins Dorf ein Fortschritt? Über die ewige Frage, ob man woanders nicht glücklicher wäre,
in: Süddeutsche Zeitung v. 11.08.

Anlässlich eines Umzugs einer Prominenten aufs Land stöhnt Max SCHARNIGG über die Zwänge des klassischen geografischen Normallebenslauf, der mit der Familiengründung (Kinderlose existieren nicht!) weg von Urbanität hin zur Suburbanisierung und dann zur Einsamkeit (?) in zu großen Häusern führt. Den Artikel kann man in die Rubrik Wiederkehr der Konformität einordnen auch wenn der Schluss scheinbar indifferent ist:

"Womöglich wären kleine Städte, so zwischen dreißig - und hunderttausend Einwohnern eine genauere Überlegung wert. (...). Oder aber, wir hören einfach mal auf, unser Lebensglück mit der Topografie zu verknüpfen."

Die grundsätzliche Frage, warum der neoliberale Zeitgeist jene Art von Debatte entstehen lässt, diese Frage wird gar nicht erst gestellt.

 
       
   

FERSTL, Max (2018): Koks im Kanal.
Chemnitz ist Europas Crystal-Meth-Hauptstadt, bei Kokain liegt Barcelona vorne. Woher man das weiß? Forscher untersuchen jedes Jahr das Abwasser der Großstädte und blicken tief in das Privatleben der Bewohner,
in: Süddeutsche Zeitung v. 11.08.

Max FERSTL berichtet über ein Ranking der besonderen Art, bei dem gerade einmal 66 Städte in Europa teilnahmen. Die Auswahlkriterien bleiben genauso im Dunkeln wie die Repräsentativität. Und warum soll das Ergebnis etwas über das Privatleben der Bewohner aussagen und nicht etwa über Partytourismus, organisierte Kriminalität und deren Infrastrukturen?

 
       
   

ESPOSITO, Roberto (2018): Im Fokus der Politik: Der Mensch als Lebewesen.
Wer die Gegenwart verstehen will, darf von der Biopolitik nicht schweigen. Etablierte Unterscheidungen sind am Erodieren - zwischen privat und öffentlich, natürlich und künstlich. Welche Folgen hat es, wenn sich die Politik um das Leben der Bürger kümmert?
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 11.08.

Der italienische Philosoph Roberto ESPOSITO beschreibt den Neoliberalismus als fortschrittlicher als die Demokratie, weil er die Biopolitik technokratisch für seine Ziele einsetzt. Mit Colin CROUCH und Ralf DAHRENDORF sieht uns ESPOSITO im Zeitalter der Postdemokratie angekommen:

"Geburt und Tod, Sexual- und Generationsleben, Gesundheit und Krankheit sind die Grenzlinien, entlang deren die Schutzdämme der modernen Kultur brechen.
Die drei Grundkategorien der Demokratie - die Repräsentanz der Wähler durch gewählte Vertreter, die Identität von Regierenden und Regierten und die Souveränität des Volkes - gewinnen in diesem Zusammenhang eine völlig neue Bedeutung. Während die Souveränität zur Gouvernementalität wird, verwandelt sich die Repräsentanz in Repräsentation (im Sinne der Inszenierungen ...). Dies führt wiederum zur Verwandlung des Begriffs des öffentlichen",

erklärt uns ESPOSITO, der das Zusammenspiel von Medien und Meinungsumfragen (Öffentlichkeit) folgendermaßen beschreibt:

"Eine solche Öffentlichkeit wird nicht nur wiedergegeben, sondern regelrecht konstruiert von Meinungsumfragen und Abstimmungen, bei denen die Antworten durch die Fragen vorweggenommen werden".

Was ESPOSITO als Biopolitik bezeichnet, wird auf dieser Website als Demografisierung gesellschaftlicher Probleme beschrieben. Es geht dabei um eine Gesellschaftssteuerung durch Expertenwissen ("Technokratie"). Während ESPOSITO die Biologie als Leitwissenschaft betrachtet, wird hier die Bevölkerungswissenschaft als Leitwissenschaft betrachtet, denn die Biologie stellt nur die Grundlagen der Steuerung dar, aber nicht die Ziele der Steuerung wie sie der Neoliberalismus vorgibt (ESPOSITO unterscheidet zwei Formen des Neoliberalismus: Ordoliberalismus deutscher Prägung und österreichisch-amerikanischer Wirtschaftsliberalismus).

Im Gegensatz zur historischen Darlegung, die von Michel FOUCAULT inspiriert ist, sind seine Zukunftsvorstellungen eher vage. Außer der Forderung nach einer neuen Sprache, die derzeit inflationär ist und einer kosmopolitischen Leerformel hat ESPOSITO nichts zu bieten.

Statt einer Kritik der Biopolitik läuft ESPOSITOs Darstellung auf eine Romantisierung hinaus. Ob die Technokratie fortschrittlicher als die Demokratie ist, darf bezweifelt werden. Populismus als Ausdruck biopolitischer Gesellschaftssteuerung statt von Globalisierungsprozessen zu begreifen scheint wenig sinnvoll. Populismus ist vielmehr das Ergebnis eines politischen Vakuums, das durch die mangelhafte Repräsentanz großer Teile der Bevölkerung im politischen System entstanden ist.   

 
       
   

Das Single-Dasein in Frankreich

KLIMM, Leo (2018): So lovely, mon Chéri.
Im malerischen Südwesten Frankreichs haben sich Zehntausende Briten niedergelassen, der EU sei Dank. Jetzt, vor dem nahenden Brexit, Schließen beide Seiten einen unausgesprochenen Handel: Die Zuwanderer retten historische Dörfer vor dem Verfall - und bleiben dauerhaft Europäer,
in: Süddeutsche Zeitung v. 11.08.

"Combiers (...), nordöstlich von Bordeaux. (...) Von 104 Haushalten sind 31 britisch. (...) Und es gibt weitere Orte in diesem Landstrich, da ist die britische Präsenz noch viel stärker.
(...) Mehr als 150.000 Briten leben ständig in Frankreich, noch mehr haben dort einen Zweitwohnsitz. Sie konzentrieren sich im besonders malerischen Département Dordogne und überhaupt in der Großregion Nouvelle-Aquitaine, zu der sie sich seit Jahrhunderten verbunden fühlen, weil die Gegend im Mittelalter von den englischen Königen beherrscht wurde.
(...). Seit dem Vertrag von Maastricht von 1993 - der für EU-Bürger eine Aufenthaltserlaubnis in der ganzen Union begründete - sichern sich besonders Briten im Rentenalter hier gern ihr eigenes kleines Idyll",

erzählt uns Leo KLIMM. Mit britischen Rentner meint KLIMM jedoch vorwiegend Briten aus der oberen Mittelschicht - so genannte Globalisierungsgewinner, die er in dem Artikel porträtiert.

Der Artikel ist Teil der Serie Was bringt Europa wirklich? in der angeblich die Folgen der europäischen Wirtschaftspolitik für die Bürger behandelt werden sollen. Mit Bürgern sind aber offensichtlich nur Globalisierungsgewinner gemeint, auch wenn die Legende einer Win-Win-Situation gestrickt wird:

"Wenn man fragt, was Europa wirklich bringt, dann kann man sagen: Europa hat diese Dörfer gerettet - vor dem Verfall, vor dem Vergessen. Das heißt, die Käufer aus dem Vereinigten Königreich haben das dank Europa getan".

Die französischen Globalisierungsverlierer dürften das völlig anders sehen, aber deren Perspektive interessiert nicht.

 
       
   

Das Single-Dasein in Nigeria

HAAF, Meredith (2018): Mangogelbe Zweitfrau.
In ihrem berührenden Familienroman "Bleib bei mir" erzählt die nigerianische Schriftstellerin Ayobami Adebayo aus einem Land, in dem es für einen unerfüllten Kinderwunsch folgende Lösung gibt: die Ehe zu dritt, zu viert, zu fünft,
in: Süddeutsche Zeitung v. 11.08.

"Baby-Voodoo: Frauen, die größte Demütigungen ertragen, um ihrer Fruchtbarkeit willen, denen permanent erklärt wird, mit der richtigen Einstellung werde das schon - die gibt es auch im Jahr 2018 in Deutschland",

schreibt Meredith HAAF in ihrer Rezension des Buchs Bleib bei mir einer nigerianischen Schriftstellerin. Nigeria gilt westlichen Demografen als demografisches Problemland Nr.1, weil viele Kinder dort als Reichtum gelten - anders als in Deutschland, was Demografen ebenfalls als Problem deuten. In beiden Ländern wird Kinderlosigkeit als Problem betrachtet. Aber was bedeutet ungewollte Kinderlosigkeit für das jeweilige Selbstwertgefühl in beiden Ländern? 

 
       
   

10.08.2018

 
       
   
WELT-Themenausgabe: Die Würde des Alters

DOWIDEIT, Anette (2018): Siechtum ist menschlich.
Rüstige Senioren himmeln wir an. Wer aber dement wird oder gebrechlich, wer Pflege braucht und damit auch die finanzielle Unterstützung der Solidargemeinschaft, der wird oft auf die Rolle des Kostverursachers reduziert. Wir brauchen ein Umdenken,
in: Welt v. 10.08.

Die Springer-Zeitung widmet die heutige Ausgabe dem Thema Die Würde des Alters. Der heimliche Lehrplan heißt dagegen: sozial verträgliches Ableben:

"(M)eine Oma (...), die meinen krebskranken Opa jahrlang gepflegt hatte, blühte nach dessen Tod richtig auf. Sie fing an, das bescheidene Vermögen (...) zu investieren: in Erlebnisse. (...).
Das alles ist fast 15 Jahre her, und heute ist das, was bei meiner Großmutter noch als Exotentum gegolten haben mag, der Normalfall. (...).
Meine Oma (...) war 84, als sie starb. Sie selbst hätte gesagt, sie sei »sozialverträglich abgelebt«",

erzählt uns Anette DOWIDEIT, die ihre Großmutter zur Pionierin des aktiven Unruhestands stilisiert  Siechtum, das betrifft dagegen höchstens die anderen. Das dominante Altersmodell der Gerontologie entspricht dem Möglichkeitsraum der oberen Mittelschicht bzw. der Oberschicht, aber es wird als allgemeingültiges Modell im Neoliberalismus gepredigt. In der heutigen Ausgabe der Welt lässt sich das ganze Spektrum dieser Vorstellungswelt erkennen.

FRITZ, Philipp (2018): Die alten Deutschen von Zabelkow.
In Polen spezialisieren sich Altenheime auf deutsche Bewohner. Sie locken mit guter Betreuung zu Preisen, von denen man in Deutschland nur träumt,
in: Welt v. 10.08.

"Grundsätzlich können diejenigen, die sich im EU-Ausland oder in der Schweiz pflegen lassen, Pflegegeld aus Deutschland beziehen. Trotzdem steht dem eine Mehrheit der Deutschen immer noch skeptisch gegenüber, sie würden ihre Angehörigen zum Pflegen nicht ins Ausland bringen",

lautet as Problem, dem Philipp FRITZ mit seinem Artikel begegnen möchte, weshalb uns eine Seniorenresidenz in dem 800 Einwohner zählenden polnischen Zabelkow vorgestellt werden, in dem 76 deutsche Rentner ihrem sozialverträglichen Ableben entgegenleben:

"Ein Einzelzimmer in der Rezydencja kostet 1.400 Euro im Monat inklusive aller Pflegeleistungen. In Deutschland kann das schnell mal 4.000 Euro kosten: ein großer Unterschied. (...). Die meisten Polen übrigens können sich die Pflege in Rezydencja nicht leisten, polnische Renten sind in der Regel zu niedrig."

Wer sich auch das nicht leisten kann, dem bleiben die noch günstigeren Pflegeheime, die sich selbst Polen leisten können. Es besteht also keinerlei Grund - nur wegen der Pflege dem üppigen deutschen Wohlfahrtsstaat jenseits der privaten Pflegeversicherung - unnötig auf der Tasche zu liegen. Die erwähnte Schweiz dürfte sich dagegen nur die betuchte Welt-Klientel leisten können.

IACUB, Marcella (2018): Die Sinnlichkeit der Menopause.
Ältere Frauen mit einem jüngeren Mann werden stigmatisiert. Denn trotz sexueller Revolution gehe es immer um das Projekt Mutterschaft, meint die französische Autorin,
in: Welt v. 10.08.

SIEMS, Dorothea (2018): Arbeitende Rentner sind ihrer Zeit voraus.
1,4 Millionen Senioren sind in Deutschland berufstätig. Die meisten haben einen Teilzeitjob und Spaß an der Beschäftigung. Experten sehen bei der freiwilligen Erwerbstätigkeit viel Luft nach oben,
in: Welt v. 10.08.

Dorothea SIEMS arbeitet sich am Feinbild Linkspartei ab, bei der das Arbeiten im Rentenalter als Notwendigkeit aufgrund der Altersarmut gilt. Für SIEMS dagegen ist das Ruhestandsmodell der oberen Mittelschicht und Oberschicht ("Avantgarde") die Folie auf der die Erwerbstätigkeit im Rentenalter betrachtet wird:

"Deutlich überrepräsentiert sind die Selbständigen und deren Angehörige. (...). Dagegen verdienen sich Arbeiter oder ehemalige Angestellte im öffentlichen Dienst und Beamte eher selten etwas zu ihren Alterseinkünften hinzu",

zitiert SIEMS eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung. Und natürlich entspricht die Ideologie des Neoliberalismus den Interessen der Arbeitgeber:

"Für die Wirtschaft werden die sogenannten Silver Worker in den Zeiten des Fachkräftewandels immer wichtiger. (...) Wenn in wenigen Jahren die geburtenstarken Jahrgänge ins Rentenalter kommen, droht sich die Situation noch deutlich zu verschärfen."

Fachkräftewandel steht da tatsächlich! Wer gerade beim Schreiben an den demografischen Wandel denkt, der kann sich schon mal verschreiben. Natürlich soll es Fachkräftemangel heißen. Der Fehler zeigt jedoch, dass bereits ganz bestimmte Assoziationsketten erfolgreich unbewusst im Denken verankert worden sind.     

BOLZEN, Stefanie (2018): Angewiesen auf die Barmherzigkeit der eigenen Bürger.
Der britische Staat spart Milliarden im Sozialbudget ein. Besonders hart trifft es die Alten. Ohne Freiwillige wären diese auf sich allein gestellt,
in: Welt v. 10.08.

In Großbritannien herrschen geradezu paradiesische Zustände, wenn man ein deutscher Neoliberaler ist. Es wundert deshalb kaum, dass Stefanie BOLZEN vom unentgeltlichen Ehrenamt schwärmt. Ein ehemaliger Manager des Lebensversicherers Standard Life und jetziger Schatzmeister von Aging better wirbt - im Eigeninteresse - für das Ehrenamt.

Die Leistungskürzungen der Konservativen werden damit verteidigt, dass sie die Lebensqualität der Rentner erhöhen:

"Die finanzielle Krise (...) hat (...) einen positiven Effekt: Zahlreiche Ehrenamtliche genießen den Beitrag, den sie für die Gesellschaft leisten. (...) Eine Studie bescheinigte im Jahr 2013 sogar, dass das Ehrenamt im Alter das Leben verlängert."

Fake-Science müsste man solche Interpretationen nennen, bei denen von Korrelationen auf Ursachen geschlossen wird. Die umgekehrte Interpretation, dass Wohlhabende gesünder sind und deshalb auch vermehrt ehrenamtlich tätig sind, ist mindestens genauso plausibel.

"Im Vergleich zu Deutschland hat Großbritannien eine jüngere Bevölkerung, das Durchschnittsalter liegt bei 40 Jahren. Dazu kommt eine Geburtenrate von durchschnittlich 1,8 Kindern pro Frau. In der Bundesrepublik verbesserte sich diese zuletzt zwar auf 1,5, das Durchschnittsalter liegt jedoch bei fast 46 Jahren. Im Gegensatz zu Deutschland, wo das Thema Alter regelmäßig auf der politischen Agenda auftaucht, spielt es in Großbritannien keine allzu große Rolle",

behauptet BOLZEN. Die Geburtenzahlen stammen noch aus dem Jahr 2015.2016 stiegt die Geburtenrate in Deutschland auf 1,59, während sie im Vereinigten Königreich bei 1,79 stagniert. Die Briten haben sicherlich ganz andere Probleme als die angebliche "Vergreisung", die von deutschen Neoliberalen auf die Agenda gesetzt wird.

STOCKER, Frank (2018): Zehn-Punkte-Check vor der Rente.
Mit der Altersvorsorge sollte man zwar nicht zu spät beginnen. Trotzdem kann kurz vor dem Ruhestand noch viel geklärt werden,
in: Welt v. 10.08.

Von der Wiege bis zur Bahre, dafür ist im Neoliberalismus nicht mehr der Sozialstaat zuständig, sondern der Bürger, schließlich sind die Älteren für unseren Finanzkapitalismus eine sprudelnde Profitquelle, wie der Artikel von Frank STOCKER beweist.

WELT (2018): "Die meisten Menschen wissen nicht, wie sie alt werden wollen".
Der Onkologe Ezekiel Emanuel, 61, will nicht älter als 75 Jahre werden. Danach sei kein bedeutungsvolles Leben möglich. Nicht einmal die Geburt seines Enkelkindes konnte ihn umstimmen,
in: Welt v. 10.08.

Natürlich ist der Artikel kein Aufruf zum Selbstmord mit 75 Jahren, sondern es geht darum,

"nach dem 75. Lebensjahr keine medizinischen Eingriffe mehr durchführen (zu) lassen, die allein dazu dienen, mein Leben zu verlängern".

Es handelt sich also um eine Art Fortsetzung der Hüftgelenksdebatte, die der damals junge CDU-Wilde Philipp MIßFELDER in den Nuller Jahren anstieß, nur dass der Artikel subtiler ist

PILZ, Michael (2018): Ihr seid langweilig.
Früher waren die Jungen die Rebellen, heute sind es die Älteren. Müssen wir, die Veteranen der Achtzigerjahre, den Generationenkonflikt wiederbeleben? Eine Hymne auf die Arroganz des Alters,
in: Welt v. 10.08.

Das Feuilleton musste sich auch am Thema beteiligen. Der Artikel strahlt aber eher Unlust aus, was bezeichnend für die Überdruss ist, den das Generationenthema inzwischen auslöst:

"Der Generationenkonflikt feiert sein Comeback. Die Generation Kohl-Honecker gegen die Generation Merkel. Diesmal sind die Alten die Rebellen und vor allem: Sie sind mehr, viel mehr. Die Babyboomer (...), die geburtenstarken Jahrgänge, sind froh darüber, nicht für immer jung zu sein. Aber wer weiß: Vielleicht wird ihre Altersarroganz die Jugend auf die Barrikaden treiben wie vor fünfzig Jahren, bis der Jugend diese Welt gehört. (...). Vielleicht aber auch nicht. Wahrscheinlich nicht."

 
       
   

NECKEL, Sighart (2018): Völlig losgelöst.
Eine globale Finanzelite hat sich ihre eigene Parallelgesellschaft erschaffen. die Bewohner dieser entgrenzten Welt - höchstbezahlt, kosmopolitisch, gesellschaftlich entkoppelt - sind nirgendwo zu Hause außer in den Refugien ihrer eigenen Piivilegierung,
in: Wirtschaftswoche Nr.33 v. 10.08.

Der Soziologe Sighart NECKEL rechnet mit der globalen Finanzelite ab:

"Als Wirtschaftssektor betrachtet, sind die Finanzmärkte zu einem globalen Leitmarkt aufgestiegen, der den Branchen der »Realwirtschaft« die Kennziffern und Konjunkturen vorgibt. Gesellschaftlich haben die Finanzmärkte eine massive Vertiefung sozialer Ungleichheit in praktisch allen OECD-Ländern hervorgebracht. Die hohen Profite im Finanzgeschäft ließen eine Klasse von Superreichen entstehen. Zudem bildete sich (...) eine neue Sozialkategorie der »working rich« (Andrew Sayer), die zu den Hauptgewinnern des Aufstiegs des Finanzwesens zählt."

NECKEL hält am Begriff der "globalen Elite" fest, weil geografische Mobilität für deren Existenz an Bedeutung verloren hat und die Existenz eines globalen Finanzmarktes entscheidender ist:

"Wechsel ins Ausland (sind) nicht mehr der wichtigste Faktor in der Globalisierung des Finanzmanagements. Inzwischen ist hierfür die Transnationalisierung der Berufspraxis selbst, die weltweite Standardisierung ihrer zentralen Methoden, Kategorien, Geschäftsmodelle und Anschauungsweisen weitaus bedeutender geworden."

Best-Practice-Modelle stellen für NECKEL Einfallstore für die globale Vereinheitlichung dar.

 
       
   

LASCH, Hendrik (2018): Leipzig zahlt für Kitas kräftig drauf.
Studie zeigt klare Nachteile für Investorenmodell. Linke: Stadt muss mehr selbst bauen,
in: Neues Deutschland v. 10.08.

Hendrik LASCH berichtet über ein von der Linkspartei beantragtes Gutachten, das die Nachteile des Investorenmodells, das in Leipzig beim Kitaausbau dominiert, belegt. 2008 wurde die Ausweitung des Rechtsanspruchs auf Kitaplätze beschlossen. Das Gesetz ist jedoch erst 2013 in Kraft getreten. LASCH zitiert einen Landesrechnungshofbericht, wonach es Versäumnisse der Stadt gab, die nicht rechtzeitig Grundstücke aufkaufte. Genug Vorlaufzeit hätte es gegeben.

Man darf jedoch daran erinnern, dass Bevölkerungsvorausberechnungen damals von falschen Annahmen ausgingen und die Bevölkerungsdynamik in Leipzig noch gering war. Die Fehlprognosen für Leipzig sind keine Ausnahme, sondern sind dem neoliberalen Zeitgeist geschuldet.

"In der Zeit (zwischen 2013 und 2018) sollten in Leipzig 94 Kitas neu in Betrieb gehen. Nur 22 davon errichteten oder erichten die Stadt oder ihre Unternehmen selbst; die übrigen 72 Projekte gingen an private Investoren"

schreibt LASCH zum Untersuchungszeitraum. Bis 2022 wird ein Bedarf von weiteren 36 Einrichtungen erwartet. Die Linkspartei sieht aufgrund der rigiden Vertragsbedingungen (weder Kündigungsrecht vor 25 Jahren, noch ein Ankaufsrecht für die Zeit danach) des Mietmodells, Probleme aufgrund möglicher Änderungen bei den Bedarfszahlen,

"weil niemand weiß, wie sich Einwohner- und Kinderzahl in 15 oder 20 Jahren entwickeln. Womöglich brauche Leipzig dann wieder weniger Kitas."

Dass von weniger Kindern - und nicht von noch mehr Kindern - ausgegangen wird, entspricht genau der gegenwärtigen amtsstatistischen Interpretation der Geburtenentwicklung und zeigt eher, dass auch die Linkspartei demselben neoliberalen Denkdefekt der Demografisierung gesellschaftlicher Probleme unterliegt wie die anderen etablierten Parteien.  

 
       
   

PFEIFFER, Hermannus (2018): Lebensversicherer unter Beobachtung.
Der Ausverkauf alter Verträge an Finanzinvestoren ruft die Bundesfinanzaufsicht auf den Plan,
in: Neues Deutschland v. 10.08.

"Jetzt kommt Axa. Der französische Versicherungsriese will sich von einem Teil seines Lebensversicherungsbestandes trennen. Dazu soll die irische Tochtergesellschaft an den Londoner Finanzinvestor Cinven verkauft werden. Im Gepäck sind unter anderem 230.000 deutsche Verträge, meldete der Fachinformationsdienst »Versicherungsjournal« kürzlich",

schreibt Hermannus PFEIFFER zum externen Run-off von "Twin-Star"-Policen, der in Deutschland - im Gegensatz zu anderen Verkäufen von Altbeständen - keine große Nachricht mehr war.

"Unter dem Strich soll für Generali ein kleiner Gewinn von 275 Millionen Euro verbleiben.
Solche bescheidenen Zahlen stoßen auf Skepsis. Der frühere Versicherungsmanager Holger Balodis wirft der Branche »legalen Betrug« vor. (...). Die jüngsten Zahlen der Generali scheinen Balodis recht zu geben: Der Versicherungsriese hat im ersten Halbjahr mit netto 1,3 Milliarden Euro so viel Gewinn erwirtschaftet wie seit zehn Jahren nicht mehr",

meint PFEIFFER zum Run-Off bei Generali.

 
       
   

AFP/ND (2018): Kein Zwang zu Abschlagsrente.
Bundessozialgericht schützt abschlagsfreie Rente für Hartz-IV-Empfänger,
in: Neues Deutschland v. 10.08.

Die Agenturmeldung befasst sich mit der Frage, ob Hartz-IV-Empfängern hohe Abschläge zugemutet werden können, obwohl es bis zur Rente ab 63 nur vier Monate wären. Das Jobcenter sieht die Grenze bei höchstens drei Monaten. Dagegen urteilte das Bundessozialgericht, dass in der "Unbilligkeitsverordnung" - im Gegensatz zum Referentenentwurf keine feste Grenze gab. Zudem gab es zum Zeitpunkt des Gesetzesentwurf noch nicht einmal eine abschlagsfreie Rente für langjährig Versicherte. Man darf nun gespannt sein, ob nun für jeden Rentenjahrgang neue Schwellen eingeklagt werden müssen, weil sich die Abstände zwischen dem Bezug der Renten immer wieder ändern.  

 
       
   

09.08.2018

 
       
   

DESTATIS (2018): Weniger Jugendliche als vor zehn Jahren.
Anteil der Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss deutlich zurückgegangen,
in: Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts v. 09.08.

"Ende 2016 lebten in Deutschland rund 3,2 Millionen Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren. Ihre Zahl sank innerhalb von 10 Jahren um fast 470.000. (...). (D)er Anteil der 14- bis 17-Jährigen an der Gesamtbevölkerung (ging) von 4,4 % Ende 2006 auf 3,8 % Ende 2016 zurück",

erklärt uns das Statistische Bundesamt. In zehn Jahren wird es heißen: Mehr Jugendliche als vor zehn Jahren, weil die Geburtenrate und die Zuwanderung - entgegen allen Prognosen der Amtsstatistiker zugenommen statt abgenommen bzw. gleich geblieben sind.

Vor 10 Jahren - also 2006 - wurden lediglich 672.724 Kinder geboren, weil 2007 das Elterngeld eingeführt wurde und deshalb viele Frauen den Kinderwunsch aufschoben. Es war das Jahr, in dem der Alarmist Frank SCHIRRMACHER das Buch Minimum veröffentlichte und die Mainstreammedien das Aussterben der Deutschen prophezeiten. Deutschland stand angeblich am Abgrund. Es war der Höhepunkt der medial erzeugten Hysterie.

Inzwischen werden rund 120.000 Kinder pro Jahr mehr geboren als 2006. Deutschland hat den Geburtenanstieg verschlafen, denn es durfte ihn nicht geben, weil starke Interessengruppen vom angeblichen Aussterben profitierten. Opfer dieser Leugnung ist nun unser Erziehungs- und Bildungssystem, dessen Probleme sich in den nächsten Jahren weiter verschärfen werden, weil alle Gegenmaßnahmen zu spät kommen werden. Die Politik ist der Meinung, dass wir das Problem einfach aussitzen könnten. Echo-Effekt heißt das Argument dieser kurzsichtigen Fraktion. Was aber, wenn der Anstieg der Geburtenrate den Echo-Effekt überkompensiert, d.h. die Geburtenzahlen nicht wie derzeit propagiert wieder stark zurückgehen? Und was, wenn die interessengeleiteten Fehlprognosen den Geburtenanstieg bremsen, weil verärgerte Eltern keinen geeigneten Kita- oder Schulplatz mehr finden?

Fazit: Unser Erziehungs- und Schulsystem wurde bewusst kaputt gespart, um Leistungskürzungen beim Sozialstaat als alternativlos darstellen zu können und die Profite des Finanzkapitalismus zu steigern. Die Konsequenzen werden uns in den nächsten Jahren schmerzlich bewusst werden!

 
       
   

REMÉ, Monika (2018): Diese Mütter arbeiten alle Vollzeit.
Armut: Neue Zahlen zur Lage Alleinerziehender alarmieren - und veranlassen Zeitungen zu wohlfeilen Ratschlägen,
in: Freitag Nr.32 v. 09.08.

Monika REMÉ empört sich über Ratschläge von Tagesspiegel, Süddeutsche Zeitung und FAS, die sich einig sind, dass die Alleinerziehenden an ihrer Armut selber schuld sind - entweder weil sie nur Teilzeit, statt Vollzeit arbeiten oder sich von ihrem Mann trennten. REMÉ plädiert stattdessen für ein Erziehungsgehalt und fordert eine bessere Entlohnung in Pflege- und Sorgeberufen.

 
       
   

CWIERTNIA, Laura (2018): "Sie leben in einer völlig anderen Welt".
Die Eliten entfernen sich immer weiter von der normalen Bevölkerung, sagt der Soziologe Michael Hartmann. Das verändere ihr Denken und nütze Rechtspopulisten,
in: Die ZEIT Nr.33 v. 09.08.

"In unserer letzten Elitestudie untersuchten wir nur die wichtigsten Machtpositionen: Konzernmanager, Ministerpräsidenten, Bundesrichter, einige Journalisten. Andere zählen auch die Oberbürgermeisterin von Köln dazu. Aber egal wie man rechnet: In Deutschland umfasst die Elite im Kern etwa 1.000, breiter gefasst maximal 4.000 Leute"

meint der Soziologe Michael HARTMANN, dessen Buch Die Abgehobenen demnächst erscheint. Als Beispiel für die Abgehobenheit der Eliten nennt HARTMANN die "Präsidiumsmitglieder der führenden Wissenschaftsorganisationen", die mehr Flexibilität im Wissenschaftsbetrieb fordern, obwohl gerade dort viele Wissenschaftler nur Zeitverträge haben. Neoliberale halten feste Anstellungen für unproduktiv. Merkwürdig also, dass ausgerechnet die beamteten Eliten die Flexibilisierungskeule schwingen. HARTMANN weist insbesondere auf die Akademisierung des Politikbetriebs hin, speziell der Bundesregierung:

"Bis Mitte der 60er Jahre stammte ein Drittel der Minister aus dem Bürgertum - also den oberen drei bis fünf Prozent der Bevölkerung. (...). Dann gab es einen radikalen Wechsel. Zwischen 1999 und 2009 kehrte es sich um: Der Anteil der Bürgerkinder in der Regierung erhöhte sich auf zwei Drittel. Einen Arbeiterhintergrund haben heute nur zwei im Kabinett: Peter Altmaier und Horst Seehofer."

Es wäre aber verkürzt, wenn man das Repräsentanzproblem in der Politik lediglich auf die soziale Herkunft der Regierungsmitglieder verkürzen würde. Ein besserer Zugang wäre das politische Repräsentanzproblem auf der Sachebene aufzudecken. Beispielhaft steht dafür der Ansatz des Politikwissenschaftlers Armin SCHÄFER.

Ein Problem ist die Unschärfe des Elitenbegriffs, der gemäß HARTMANN von Rechtspopulisten überdehnt wird. Dass die Macht in Deutschland mit einer Bevölkerung von über 80 Millionen Menschen nur bei 4.000 Menschen liegt, das erscheint eher unwahrscheinlich. Macht ist ein Kontinuum, in dem die Macht abgestuft ist. Aus Wissenschaftssicht mag es aus Gründen des Forschungsdesigns notwendig sein, die Zahl der Mitglieder der Eliten stark einzugrenzen.

HARTMANN benutzt zudem den Begriff "Bürgertum". Fünf Prozent der Bevölkerung, das wären rund 4 Millionen Angehörige des Bürgertums. Auch dieser Begriff ist nicht sehr genau und nicht identisch mit dem Akademikermilieu:

"In der Bevölkerung liegt der Akademikeranteil (...) immer noch bei nur 15 Prozent."

Die Grünen sind mit 68 Prozent die Akademikerpartei par excellence, wobei jedoch HARTMANN für die FDP und die AfD keine Zahlen nennt.

Auf dieser Website wird der Elitenbegriff für die Oberschicht und die obere Mittelschicht verwendet, wobei letztere jenen Teil meint, der ein Einkommen jenseits der Bemessungsgrenze in der Rentenversicherung erhält. Im Jahr 2014 waren das etwas mehr als 1,3 Millionen Menschen in Deutschland. Man könnte nun mit HARTMANN argumentieren, dass nicht jeder dieser Menschen unbedingt Einfluss auf die Gestaltung der Verhältnisse nimmt:

"Wenn jemand Millionär ist und sein Geld bloß auf dem Sparbuch liegen lässt, gehört er nicht zur Elite. Wenn er es nutzt, um Einfluss zu nehmen, dann schon."

Studien zum Aktienbesitz und Sparverhalten zeigen dagegen eindeutig, dass Millionäre, die ihr Geld lediglich auf dem Sparbuch parken, sehr selten und nicht die Regel sind. Und was ist eigentlich Einflussnahme? Der Artikel bleibt eine sinnvolle Abgrenzung letztlich schuldig.  

 
       
   

SOBOCZYNSKI, Adam (2018): Das rote Sommermärchen.
Um Sahra Wagenknecht und ihre Sammlungsbewegung "Aufstehen" hat sich ein Zirkel von Intellektuellen und Künstlern formiert. Wer sind diese Menschen, wie kamen sie zusammen, und was wollen sie?
in: Die ZEIT Nr.33 v. 09.08.

Liest man den Artikel von Adam SOBOCZYNSKI, dann könnte man meinen die neubürgerliche ZEIT wäre die Brutstätte der linken Sammlungsbewegung. Da wird Bernd STEGEMANN ("Das Gespenst des Populismus"). Nach diesem ZEIT-Märchen beginnt die Sammlungsbewegung mit dem STEGEMANN-Artikel Die andere Hälfte der Wahrheit vom 31.03.2016.

"Der Text zählte damals zu den wenigen Beiträgen, die die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin von linker Seite aus angriffen"

erklärt uns SOBOCZYNSKI. Bekanntlich bröckelte die Einheitsfront der Mainstreammedien spätestens mit der Kölner Silvester Nacht 2015/2016. Man muss also den Artikel als Teil einer Legendenbildung sehen, mit dem der Gründungsmythos einer linken Bewegung konstruiert werden soll.

"Er erzählt vom bildungsfernen Kleinbürgertum in München, dem er entstammt. Vom sozialdemokratischen Bilderbuchaufstieg durch Gymnasium und Universität",

beschreibt uns SOBOCZYNSKI die soziale Herkunft von STEGEMANN. Man könnte meinen, es handele sich um einen typischen 68er, der von der Bildungsexpansion der 1960er Jahre nach oben geschwemmt wurde, würde da nicht stehen, dass er "erst seit der Bankenkrise" politisiert wurde. STEGEMANN, Jahrgang 1967, wurde im beschaulichen katholischen Münster geboren. Und der Begriff des "sozialdemokratischen Bilderbuchaufstiegs" erscheint reichlich deplatziert, denn ein solcher wäre eher jener über den zweiten Bildungsweg gewesen und nicht aus dem "Kleinbürgertum", sondern aus dem Arbeitermilieu. Und was heißt bildungsfern? Der Artikel arbeitet mit vielen Etiketten, die mehr verschweigen als aufklären.

STEGEMANN wird als derjenige beschrieben, der die Kontakte knüpfte. Erwähnt wird z.B. der Soziologe Wolfgang STREECK:

"Der heute 71-Jährige hatte kurz nach Stegemanns ZEIT-Aritkel in einem großen und aufsehenerregenden Beitrag in der FAZ ebenfalls mit Merkels Flüchtlingspolitik abgerechnet",

erzählt uns SOBOCZYNSKI, weil es der Legende dient. Nicht aber, weil es die Chronologie will, denn Aufsehen erregt hat bereits mit der Buchkritik Scenario for a wonderful tommorow in der London Review of Books, die zwei Tage vor dem ZEIT-Artikel von STEGEMANN erschien. Die SZ-Edelfeder Gustav SEIBT empörte sich daraufhin in der SZ v. 08.04.2016 über die Attacke gegen Merkels Willkommenskultur:

"So sieht linke Europafeindlichkeit aus Bielefelder Schule aus, ein deutscher Front National, vorerst ohne Islam-Hass".

Ausführlich wird der Weg von Sebastian SCHWARZ, Jahrgang 1984, von der SPD zum Anhänger der linken Sammlungsbewegung beschrieben. Ihn überzeugte die Kritik an der "Identitätspolitik der Linken" von Mark LILLA und empörte den "verwässerte Wahlkampf" 2017. Nur erwähnt werden der ostdeutsche Soziologe Wolfgang ENGLER und der Schriftsteller Eugen RUGE. Ausführlicher widmet sich dagegen SOBOCZYNSKI dem Politikwissenschaftler Andreas NÖLKE:

"Der 54-Jährige hat im Frühjahr sein Buch Linkspopulär veröffentlicht, das ihm heftige Anfeindungen im eigenen Milieu eingebracht hat. Arbeiter, Gewerkschaftsmitglieder und Arbeitslose, argumentierte er, würden zur AfD abwandern, während die Linken sich kosmopolitischen Blütenträumen hingäben. Solange das Land so ungerecht sei, gelte es, die Migration zu drosseln. Nölke arbeitet unter anderem mit Stegemann an einem Gründungsmanifest für die Sammlungsbewegung. Es soll Anfang September veröffentlicht werden."

Fazit: Es bewegt sich etwas auf der linken Seite des Parteienspektrums. Ob sich daraus endlich eine starke Alternative zu den neoliberalisierten Parteien von SPD, Grünen und regierender Linkspartei ergibt, wird sich zeigen müssen.   

 
       
   

Das Single-Dasein in Island

BIGALKE, Silke (2018): Die Gier des Fischerfolks.
SZ-Serie Die Spuren der Finanzkrise (3): In Island brachen 2008 innerhalb weniger Tage die drei größten Banken zusammen. Danach fand der Staat seinen eigenen Weg aus der Krise. Die Wirtschaft hat sich unerwartet schnell erholt. Doch das Land hat seine Unschuld verloren,
in: Süddeutsche Zeitung v. 09.08.

"Ausländische Sparer legten wegen der hohen Zinsen in Island an, geliehene Dollar oder Euro, die sie gegen isländische Kronen tauschten",

schreibt Silke BIGALKE und zitiert den Zentralbankchef, der in den ausländischen Investoren die eigentlichen Verlierer der Finanzkrise sieht. Um wie viele Ausländer es sich handelte, die im Vergleich zu Isländern ihr Vermögen verloren, darüber schweigt der Artikel. Stattdessen kommt der isländische Popliterat Halligrímur HELGASON zu Wort:

"Die Isländer seien gut darin, Gelegenheiten zu ergreifen. Die Makrele vor ihrer Küste. Die Energiegeschäfte mit der Aluminiumindustrie. Die Finanzdeals der Boomjahre. Nun der »Tourismus-Tsunami«".

Ein Verein isländischer Hausbesitzer kommt zu Wort. Mehr als 10.000 isländische Familien sollen nach deren Schätzung ihre Häuser verloren haben. Diese Information ist wenig aussagekräftig, wenn nicht die Zahl der Hausbesitzer insgesamt mitgeteilt wird.

Fazit: Die Artikel reiht sich in die bisher erschienenen Teile dieser Serie, bei der der Nutzen für den Leser eher gering ist, weil aussagekräftige Zahlen zugunsten von zusammenhanglosem Faktenwissen und Einzelfällen fehlen. Strukturelle Probleme bleiben zugunsten psychologisierender Phänomene (z.B. "Gier") entweder im Hintergrund oder werden ganz ausgeblendet.      

 
       
   

Das Single-Dasein in Rumänien

PAUN, Carmen (2018): Für einen Hungerlohn nach Deutschland.
In Rumänien schrumpft vielerorts die Bevölkerung, weil die Jungen auf der Suche nach besserer Arbeit fortziehen. Die schicken zwar Geld nach Hause - das allein hilft den sterbenden Gemeinden nicht,
in: Welt v. 09.08.

"In Zusammenarbeit mit Politico" heißt es schlicht zum Artikel, als ob Politico nicht Teil des Springer-Medienkonzerns wäre. "Sterbende Gemeinden" in Rumänien und der Vorwurf der "Einwanderung in die Sozialsysteme" in Deutschland. Zwei scheinbar voneinander unabhängige Themen, die jedoch die Handschrift des Nationalkonservativen Bevölkerungswissenschaftlers Herwig BIRG trägt, dem Gewährsmann der sozialpolitischen Strömung der AfD. 

 
       
   

08.08.2018

 
       
   

WASCHINSKI, Gregor (2018): Kaum Eigenvorsorge beim Pflegerisiko.
Das Interesse der Deutschen an Pflege-Zusatzversicherungen bricht ein. Die Regierung unternimmt gegen den Trend nichts,
in: Handelsblatt v. 08.08.

Vor vier Tagen jammerte das Handelsblatt noch über den Zinsnotstand. Nun wird uns die Kapitaldeckung wieder als Nonplusultra gegen den drohenden Pflege-GAU verkauft. Statt uns gnadenlos der Profitgier von Finanzdienstleistern auszuliefern, sollte die Pflege kommunalisiert werden, denn Politiker können abgewählt werden, während der Markt zur Abzocke einlädt.

WASCHINSKI, Gregor (2018): Die Vollkasko-Illusion.
Kommentar: Der Staat wiegt die Bürger mit seinen Versprechen in der Pflege in Sicherheit. Ohne private Vorsorge wird es aber nicht gehen,
in: Handelsblatt v. 08.08.

Gregor WASCHINSKI übernimmt die Argumentation der Privaten Krankenversicherung (PKV) eins zu eins und macht sich damit zum reinen Durchlauferhitzer des Unternehmens.

 
       
   

SCHWENN, Kerstin (2018): Für Erwerbsgeminderte kann sich Warten lohnen.
Nach der Reform winkt höhere Rentenzahlung. Abreitgeber: Koalitionspläne schießen übers Ziel hinaus,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 08.08.

Kerstin SCHWENN nimmt die geplanten Verbesserungen bei der Erwerbsminderungsrente ins Visier. Den Finanzmathematiker lässt sie vorrechnen, warum es vorteilhaft ist, einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente erst nach Inkrafttreten des Rentenpakets zu stellen. Letztlich lassen sich alle Argumente auf den Missbrauchsvorwurf reduzieren:

"Die Deutsche Rentenversicherung erwartet im kommenden Jahr wegen der Pläne der Koalition einen deutlichen Anstieg der Rentenanträge von Versicherten mit gesundheitlichen Problemen über 60 Jahre, weil deren Erwerbsminderungsrenten auch nach Berücksichtigung des Rentenabschlags von 10,8 Prozent oft höher ausfallen könnten, als wenn sie eine Altersrente (mit Abschlägen) beantragten. Schon jetzt könnten sich die von der Rentenversicherung beauftragten Vertrauensärzte vor Zusatzarbeit nicht retten, wird berichtet.

Der Artikel suggeriert, dass jeder Rentner einfach eine Erwerbsminderungsrente erhalten könnte, wenn er sie nur beantragt. Im Jahr 2016 wurden 355.572 Anträge von der Deutschen Rentenversicherung bearbeitet, jedoch nur 187.603 Anträge auch bewilligt. Dies bedeutet, dass 52,7 % der Anträge abgelehnt wurden. Die Hürden gegen Missbrauch sind also sehr hoch. Die Ablehnungsquote ist in den letzten Jahren zudem sogar noch gestiegen.

Fazit: Neoliberale argumentieren gerne, dass Verbesserungen bei der Erwerbsminderungsrente zielgenau seien, um andere Verbesserungen zu kritisieren. Wenn es jedoch ernst wird, dann schieben sie Missbrauchsmöglichkeiten vor, um Verbesserungen zu sabotieren. Diese Doppelmoral zeigt eindeutig, dass Neoliberale grundsätzlich kein Interesse an sozialstaatlichen Verbesserungen der Arbeitnehmer haben.

 
       
   

SEIBT, Gustav (2018): Mobiles Leben.
Von der Bewegung zur Partei: Was Sahra Wagenknechts Sammlungsaufruf erreichen könnte - und was er zu zerstören droht,
in: Süddeutsche Zeitung v. 08.08.

Geradezu panisch reagieren die Mainstreammedien auf die linke Sammlungsbewegung.

"Entweder gelingt es #Aufstehen, die Politik der linken Parteien zu drehen und zu sammeln, oder die Bewegung wird selbst zur Partei und nimmt eine weitere Spaltung in Kauf, diesmal nicht von einer, sondern von drei Parteien",

meint Gustav SEIBT. Diese Sicht setzt einen Konkurrenzkampf der linken Parteien voraus, den es jedoch lediglich auf der Ebene der Stimmenkonkurrenz, aber nicht auf der Ebene der Repräsentanz der Bevölkerung gibt. Wenn alle etablierten Parteien nur um die Stimmen der aufstiegsorientierten Mittelschicht und der vermögenden Oberschicht kämpfen, dann ist etwas faul an der Parteienkonkurrenz. Die Angst vor dem Abstieg wird bislang nur von der nationalliberalen AfD erfolgreich ins Parlament getragen - nicht unbedingt über deren eigenen Politiker, sondern vornehmlich über den Rechtsruck der etablierten Parteien. Die Stimmen der Nichtwähler und der Abgehängten bzw. der von Wahlen ausgeschlossenen Bevölkerung werden im Parteiensystem weiterhin nicht repräsentiert. Es wäre also grundsätzlich falsch, wenn sich eine linke Sammlungsbewegung nur an das Reservoir der linken Wähler richten würde und nicht auch das grundsätzliche Repräsentanzproblem angehen würde.

Fazit: Der Versuch der Mainstreammedien die linke Sammlungsbewegung als reine Abwerbeveranstaltung von SPD/Grünen/Linkspartei-Wählern zu kritisieren, will vom Hauptproblem ablenken: der mangelhaften Interessenrepräsentation der Bevölkerung im etablierten Parteiensystem.

 
       
   

FABRICIUS, Michael (2018): Wo Studenten Luxusmieten zahlen.
In deutschen Universitätsstädten sind die Preise für eine normale WG-Wohnung rasant gestiegen. Wer die Möglichkeit hat, sollte sich jetzt noch nach einem günstigeren Studienort umsehen,
in: Welt v. 08.08.

"Immerhin lebt mehr als ein Drittel der Studenten in Wohngemeinschaften. Nur etwa jeder Neunte dagegen hat einen Platz im Wohnheim. Der Rest wohnt individuell, mit einem Partner oder - angesichts der Wohnungsnot auch immer häufiger - noch bei den Eltern",

behauptet Michael FABRICUS. Noch in den Nuller Jahren wurde diese Vielfalt der Wohnformen mit dem Schlagwort "Single" belegt und ihnen die Verursachung der Wohnungsnot in den Mainstreammedien zugeschrieben. Seit die Kinder der im Medienbetrieb arbeitenden Berichterstatter selber mit dem Problem konfrontiert werden, erhalten jene, die früher als Singles bezeichnet wurden, einen Opferstatus.

Die Amtsstatistik kennt keine WG-Mitglieder, weshalb sie überwiegend den Einpersonenhaushalten zugeschlagen werden. Dass nun vermehrt Berichte über die Wohnungsmarktlage ohne Kopplung an die Entwicklung der Einpersonenhaushalte publiziert werden, ist auch der kosmopolitischen Willkommenskultur seit 2015 zu verdanken. Denn plötzlich wurde das Fehlen von "Singlewohnungen" beklagt, statt Singles zu stigmatisieren.

Statt der Partnerlosen, wie Alleinlebende (neudeutsch: "Singles") im ursprünglichen Begriffssinne einmal verstanden wurden, konkurrierten schon immer die seit den 1980er Jahren positiv bewerteten Wohngemeinschaften von Studenten mit Familien, was aufgrund der Debatte um die Single-Gesellschaft jedoch als Tabuthema galt. Inzwischen wird das Problem zumindest vereinzelt auch benannt, was als Fortschritt zu werten ist.

Fazit: Bei der Debatte um die Wohnungsnot sind erstaunliche Wendungen zu erkennen, die auch die bisherige Verlogenheit der Single-Debatte offen legen. Mit dem Verlust der Deutungshoheit der 68er-Generation in Wissenschaft und  Medien und dem Nachrücken der Nach-68er-Generationen in Positionen mit Deutungsmacht, verliert der Single-Begriff seine zentrale Bedeutung. Das ist einerseits zu begrüßen, andererseits führen nun andere Konfliktlinien zu neuerlichen blinden Flecken, die mit dem kosmopolitischen Akademikermilieu der politischen Mitte zusammenhängen.

 
       
   

HEBEL, Stephan (2018): Oh, Aufmacher vergessen!
Unsere Serie gibt Einblicke in den Redaktionsalltag: Wie unser Autor mal einen Text nicht schrieb,
in: Frankfurter Rundschau v. 08.08.

Die Mainstreammedien haben an Glaubwürdigkeit verloren und versuchen seitdem mit verschiedenen Mitteln die Leserbindung zu erhöhen. Die FR versucht es mit Werkstattberichten, die eher Anekdoten aus dem Redaktionsalltag sind, aber nichts wirklich relevantes über die (Selbst)Zwänge im Medienbetrieb preisgeben. Aufklärung im Zeitalter des Glaubwürdigkeitsverlustes sähe anders aus!

 
       
   

Die Altersvorsorge in der Schweiz in der Debatte

FERBER, Michael (2018): Von der Zeit überholte Sterbetafeln.
Demografische Entwicklung zwingt Pensionskassen zur Umstellung auf anderes Modell,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 08.08.

Michael FERBER berichtet über die propagierte Umstellung von Perioden- auf Generationensterbetafeln in der beruflichen Vorsoge. Er greift dabei auf den Bericht finanzielle Lage der Vorsorgeeinrichtungen 2017 vom 08.05.2018 zurück. Im Kapitel 4.1 Biometrische Grundlagen (Seite 22)wird auf den Stand der Entwicklung der Bilanzierung mittels der neuen Generationensterbetafeln eingegangen. Diese haben angeblich den Vorteil dass die Erhöhung der Lebenserwartung im Gegensatz zu den Periodensterbetafeln realistischer berechnet werden. Damit soll der Deckungsgrad bei Pensionskassen genauer berechnet werden können.

Da es sich bei solchen Generationensterbetafeln jedoch um Fortschreibungen vergangener Steigerungsraten der Lebenserwartung handelt, führen Verlangsamungen zu Fehleinschätzungen zu Lasten der Versicherten. Auch hier geht es darum, dass die Risiken von Falschannahmen nicht die Pensionskassen tragen sollen, sondern die Versicherten die Leidtragenden sind.    

 
       
   

07.08.2018

 
       
   

RÜHLE, Alex (2018): Biografische Hintergrundstrahlung.
Schule, Studium, Arbeit - über den Unsinn der Lebenslaufbeschleunigung in immer rasanteren Zeiten,
in: Süddeutsche Zeitung v. 07.08.

Alex RÜHLE präsentiert uns den Popsoziologen Hartmut ROSA, der mit seinem Buch Beschleunigung im Jahr 2005 den damals grassierenden neoliberalen Zeitgeist zum Merkmal der Moderne stilisierte. RÜHLE plustert sich nun zur Avantgarde der Entschleunigung auf. Dass er dazu absurderweise die Sommerloch-Debatte neokonservativer CDUler um ein allgemeines soziales Jahr als Beispiel zur Entschleunigung erwähnt ist wohl eher geschmacklos. Als ob eine aufgezwungene Entschleunigung nichts anderes als ein "Hippiedasein" wäre!  

 
       
   

Die Pressemitteilung Bevölkerung mit Migrationshintergrund 2017 um 4,4 % gegenüber Vorjahr gestiegen in den Medien

SCHMITT, Peter-Philipp (2018): Familie als Hauptmotiv.
Was der Mikrozensus über Deutschlands Einwohner mit Migrationshintergrund verrät,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 07.08.

 
       
   

STILLING, Gwendolin (2018): Paritätisches Jahresgutachten: 90 Prozent der Bevölkerung sorgen sich um sozialen Zusammenhalt. Verband fordert soziales Reform- und Investitionsprogramm,
in: Pressemitteilung des Paritätischen Gesamtverbands v. 07.08.

 
       
   

GREIVE, Martin (2018): Mehr Geld für kleine Einkommen.
Die geplante Reform der Sozialversicherung würde Geringverdiener kräftig entlasten. Dennoch ist der SPD-Vorschlag umstritten,
in: Handelsblatt v. 07.08.

Martin GREIVE präsentiert uns Zahlen von Frank HECHNTER, die schon im Januar - also bevor der jetzige Gesetzesentwurf überhaupt erstellt wurde - Umlauf gebracht wurden.

"Wer 850 Euro im Monat verdient, hat im nächsten Jahr 339 Euro mehr in der Tasche",

schreibt GREIVE. Dagegen heißt es auf wirtschaft.com:

"Geringverdiener könnten bei Zustandekommen einer neuen großen Koalition mit spürbaren Entlastungen rechnen. So würde ein Alleinstehender mit 850 Euro monatlichem Verdienst allein durch die Änderungen in der Sozialversicherung im Jahr um insgesamt 339 Euro entlastet."

Gilt also die Entlastung nur für Unverheiratete oder auch für Verheiratete? Dem Schaubild im Handelsblatt ist keine Differenzierung zwischen Unverheirateten und Verheirateten zu entnehmen, sondern die Entlastung ergibt sich lediglich aus der Differenz der Prozentanteile bei den Sozialbeiträgen.

Als Kritiker der Entlastung werden der DGB, der CDU-Wirtschaftsrat und die INSM-Studie genannt. Die Kritik des DGB in seiner Stellungnahme zum Gesetzesentwurf an der Umsetzung der Entlastung für Geringverdiener wird von GREIVE nur so dargestellt, als ob es keine Differenzen zur Sicht der Arbeitgeberlobby gäbe.

 
       
   

ŽIŽEK, Slavoj (2018): Fake-News, wohin das Auge reicht.
Manipulation und Verzerrung gehören zum Nachrichtengeschäft. Das war früher nicht anders als heute,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 07.08.

"Die Geschichte einer Epoche oder eines Landes gehört aus allen Perspektiven erzählt - auch aus jener der Verlierer. Dieser Zugang trägt zu einem »wahreren« Bild der Geschehnisse bei, weil es die Dynamik der gesellschaftlichen Ganzheit insgesamt besser zu erfassen hilft",

meint Slavoj ŽIŽEK, der das Ende des Wahrheitsmonopols der Eliten begrüßt, denn:

"Die Vergangenheit war nicht »aufrichtiger«, vielmehr war die ideologische Hegemonie viel stärker als heute. Statt des Gewimmels an lokalen »Wahrheiten« herrschte damals eine Wahrheit bzw. eine grosse Lüge vor. Im Westen war dies die Wahrheit der liberal-demokratischen Meistererzählung. (...). Der letztlich gültige Grund für diese Unterminierung ist (...) das Versagen des internationalen Establishments, das nicht länger in der Lage ist, seine ideologische Hegemonie aufrechtzuerhalten."

 
       
   

Das Single-Dasein in Italien

ZOLLINGER, Marc (2018): Ein Land im Hausverkauf.
Obwohl vieles in Italien Anlass zu Sorge gibt, kaufen immer mehr Ausländer ein Haus in diesem Sehnsuchtsland - längst nicht mehr nur in der Toskana. Und: Diese Fremden sind willkommen,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 07.08.

 
       
 

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Zu den News vom 01. - 06. August 2018
 

       
   
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Bernd Kittlaus
Bernds@single-dasein.de Stand: 17. August 2018