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Debatte zur steigenden Lebenserwartung (mit Links zu weiterer Literatur)

 
   

Falsche Schlussfolgerungen?

 
   

Eine Erwiderung

 
   
 
 

Falsche Schlussfolgerungen? Mitnichten!

Meine Schlussfolgerungen seien falsch, wird mir in der taz vom 16.05.01 vorgeworfen. Die Einwände klingen jedoch nur auf den ersten Blick plausibel. Entweder handelt es sich gar nicht um Widersprüche, sondern allenfalls um Erweiterungen, und zweitens werden Prämissen unterstellt, die alles andere als realistisch sind.

Natürlich muss die Lebensarbeitszeit verlängert werden, aber das reicht nicht aus. Die Basis derjenigen, die Beiträge leisten, muss dennoch erweitert werden.

Der Kinderlosenbegriff, den Herr Hartmann gebraucht, zeigt die perfide Logik der Scheindebatte "Familien gegen Singles" auf. Er vermischt - wie das in der Single-Debatte so üblich ist - den Strukturaspekt des Problems (Haushaltsstruktur und Altersstruktur in Deutschland) mit dem Prozessaspekt (Lebenslauf und Abfolge von Kohorten). Sein Einwand reproduziert nur das übliche Vorurteil, indem es den Generationenkonflikt auf einen Konflikt zwischen "Eltern" und "Kinderlose" reduziert.

Die Kinderlosen von heute, sind aber überwiegend die Eltern von gestern gewesen! Bei den angeblich Kinderlosen muss zwischen drei Arten unterschieden werden: Noch-Kinderlose in der Vor-Familienphase, lebenslang Kinderlose und Eltern in der Nach-Kinderphase. Dann wird deutlich, was meine Kritiker tatsächlich fordern.

Sie möchten erstens den Noch-Kinderlosen die Familiengründung erschweren, indem sie den Jungen das Geld vorenthalten wollen, das sie bräuchten, bevor sie überhaupt in der Lage sind, eigene Kinder zu ernähren. Investitionen in die Kinder werden schliesslich heutzutage überwiegend VOR der Gründung eines eigenen Haushaltes getätigt. Es ist natürlich auch möglich, dass diese Kritiker nichts anderes wollen als die Single-Phase vor der Gründung eines eigenen Haushaltes abzuschaffen. Man möchte die Noch-Kinderlosen zwingen im Elternhaushalt zu bleiben (Zwang zum Nesthockertum!) bis der eigene Haushalt gegründet wird. Oder noch schlimmer: man möchte Noch-Kinderlose zu Teenager-Schwangerschaften zwingen, ob sie nun die soziale Reife besitzen oder nicht: zuerst Kinder zeugen und dann die Schäden reparieren.

Die Eltern, deren Kinder aus dem Haushalt ausgezogen sind, die quasi ihren generativen Beitrag schon geleistet haben, sollen dagegen einen zweiten Beitrag leisten, d.h. ihr bereits geleisteter Beitrag wird schlichtweg ignoriert. Ihnen wird zu Last gelegt, dass sie zufällig heute alt sind und nicht schon gestorben sind. Dies ist auch der Kernkonflikt der gegenwärtigen Umverteilungsdebatte. Jene, die für den Babyboom der 60er Jahre verantwortlich sind, sollen dafür zahlen, dass sie zu viele Nachkommen in die Welt gesetzt haben. Ist das nicht eine Ironie des Schicksals? Man möchte in Zukunft mehr Kinder, aber das sollen gefälligst jene bezahlen, die für den Kinderreichtum vergangener Tage gesorgt haben. Man wirft Ihnen vor, dass sie ihr Geld in Mallorca ausgeben, statt in es in die Kinder ihrer Kinder zu investieren. Man soll dies dann auch gefälligst so krass sagen und nicht so tun, als ob man es hier mit dauerhaft Kinderlosen zu tun hätte.

Übrigens gibt es in Österreich so etwas wie eine "Inländer-raus-Bewegung". Die Österreicher wollen die Alten zum Arbeiten ins Ausland schicken. Also könnten doch die Deutschen Mallorca mit Senioren-Arbeitern beglücken! Wenn diese dann auch noch ihren Wohnsitz in Deutschland aufgeben, dann haben wir auch gleichzeitig noch das Durchschnittsalter der Bevölkerung elegant reduziert.

Mit den Noch-Kinderlosen und den Schon-wieder-Kinderlosen habe ich die beiden Gruppen von Kinderlosen genannt, die in unserer Gesellschaft dominieren. Die Gruppe der lebenslang Kinderlosen ist dagegen so klein und wenig finanzkräftig, dass sie keine Alternative zur Heranziehung der beiden anderen Kinderlosen-Gruppen darstellen. Der einzige wissenschaftliche Beitrag, der auf dieses Dilemma des Sozialstaatsproblems hinweist, stammt aus dem Jahr 1996 von Wissenschaftlern des Deutschen Jugendinstituts (DJI). Der Familiensurvey ist die einzigste repräsentative Datenquelle, mit deren Hilfe die drei Formen von Kinderlosigkeit überhaupt angemessen erfasst werden. Es ist im Grunde ein Skandal, dass selbst in der Wissenschaft mit einem undifferenzierten Kinderlosenbegriff operiert wird, der unseren gegenwärtigen Problemen völlig unangemessen ist. Die DJI-Wissenschaftler kommen zu folgendem Schluss: "Die Situation der Familie zu verbessern (...) ist auf jeden Fall richtig. Wenn ein geplanter Ausgleich allerdings von der irrtümlichen Annahme ausgeht, daß es eine Majorität von dauerhaft Kinderlosen gäbe, die wirtschaftlich so stark ist, daß sie die Probleme im Bereich der Familien mit Kindern im Haushalt und eventuell zu erwartender Rentenprobleme lösen könnte, dann kann dies nur fehlgehen. Die Gruppe der dauerhaft Kinderlosen ist immer noch relativ klein, zwischen 10% und 20% der Bevölkerung(...). D.h. eine sicherlich wünschenswerte stärkere Beteiligung dieser Gruppe an den Familienkosten wird kaum ausreichen als Lösung der aktuellen und zukünftigen wirtschaftlichen Probleme."

Bezüglich der Wirtschaftskraft liegen die dauerhaft Kinderlosen noch hinter den Eltern ohne Kinder im eigenen Haushalt. Dies ist keineswegs verwunderlich, denn dauerhaft Kinderlose haben im Laufe ihres Lebens mit Problemen zu kämpfen, die sich keine Mutter und kein Vater wünschen sollte. Diese Benachteiligten können das Versagen von 50 Jahren Familienpolitik nicht rückgängig machen.

Die Einwände von Herrn Mobius sind ebenfalls nicht stimmig. Wenn ich die BevöIkerungsentwicklung mit vier Kindern über mehrere Generationen berechnet habe, dann habe ich nur das gemacht, was Bevölkerungswissenschaftler in ihren Prognosen üblicherweise auch tun. Sie gehen von der Prämisse aus, dass sich das generative Verhalten nicht ändert. So hat z.B. der renommierte Bevölkerungswissenschaftler Karl SCHWARZ Ende 1963 eine Vorausberechnung für das Jahr 2000 veröffentlicht, die keine zwei Jahre später nicht mehr haltbar gewesen wäre. Herwig BIRGs Vorausberechnungen gehen unter umgekehrtem Vorzeichen ebenfalls davon aus, dass sich generatives Verhalten zukünftig nicht ändert. Jeder Baby-Boom zeigt jedoch, dass Änderungen auch nach oben möglich sind.
Wenn ich den "Pillenknick" der 60er Jahre als Chance betrachte, dann heisst das ja nicht, dass ich davon ausgehe, dass die Deutschen aussterben. Im Gegenteil! Ich bin viel optimistischer als unsere Kassandras. Ich bin mir sicher: wir werden über die gegenwärtige Epoche einmal so reden wie über den Babyboom der 60er Jahre. Die Generation der Vierzigjährigen wie sie ein deutsches Nachrichtenmagazin nennt, wird als Single-Generation in die Geschichte eingehen - vorausgesetzt natürlich - die Familienpolitik schafft jene Strukturen, die sie eigentlich schon vor 40 Jahren zu Beginn der Bildungsexpanison hätte schaffen müssen. Spätere Generationen müssen dann wenigstens nicht mehr an der Unvereinbarkeit von Beruf und Familie scheitern.

Ein typisches Problem von Ökonomen wie Herrn Mobius sind ihre Steuerungsmythen. Sie gehen vom Menschenbild des "Homo oeconomicus" aus. Ein Blick auf die Börsen genügt, um vor Augen zu führen, dass selbst in der Wirtschaft "Psychologie" eine grosse Rolle spielt. Die Medien versuchen mittels einer Rhetorik des Aussterbens Panik zu erzeugen. Aber jeder weiss, dass in solchen Situationen selten die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Ein Blick in die Bevölkerungsgeschichte lehrt zudem, dass erstens die Rhetorik des Aussterbens bereits eine 100jährige Tradition besitzt (nicht nur der Geburtenrückgang wie gesagt wird!) und zweitens bevölkerungspolitische Massnahmen keineswegs so wirksam sind wie das die Steuerungsmythen glaubhaft machen wollen. Die Zukunftsängste angesichts politischer und sozio-ökonomischer Umbrüche sind viel ausschlaggebener für eine Bevölkerungsentwicklung als die finanziellen Anreize, die die staatliche Finanzlage zulassen. Der Einbruch der Geburtenzahlen in den neuen Bundesländern nach der Wende - ein Phänomen, das in der Debatte gerne schnell übergangen wird, aber die Geburtenrate in Deutschland erheblich belastet hat, führt diesen Zusammenhang eindrucksvoll vor Augen.

In Bezug auf die Verkraftbarkeit eines höheren Bevölkerungsniveaus werden ausgerechnet Frankreich und die USA genannt. Das sind jedoch wesentlich dünner besiedelte Länder (siehe hierzu: http://www.ecopop.ch/chbev.html ). Wenn aber selbst in der Schweiz die ökologischen Grenzen des Bevölkerungswachstums debattiert werden, dann gilt das auch für Deutschland. Es ist zudem noch nicht so lange her, dass die Deutschen als ein "Volk ohne Raum" galten. Dieser Aspekt muss deshalb immer mitberücksichtigt werden.

Es ist an der Zeit, dass sich diejenigen, die nicht an einer Weiterführung der Scheinkontroverse interessiert sind, zusammenschliessen. Dies könnte in Form eines Vereins oder eines lockeren Netzwerks geschehen. Es sollte darum gehen das Verständnis für das notwendige generationelle Miteinander von "Singles" und "Familien" fördern und sich gegen die Ausgrenzung von "Eltern" und "Kinderlosen" in Deutschland zu wenden. Darüber hinaus sollten Lösungen propagiert werden, die sowohl den "Eltern" als auch den "Kinderlosen" zugemutet werden können. Es darf nicht sein, dass nur Joschka Fischer Lernfähigkeit zugestanden wird. Sowenig Eltern per se sozial sind, so wenig sind Singles an sich schon unsozial. Wer also etwas tun möchte, statt nur Vorurteile zu pflegen, der kann sich zivilgesellschaftlich engagieren. Ich biete mit meiner Website allen denjenigen ein Forum, die nicht an einem "Krieg der Generationen", sondern an einem Miteinander von Generationen Interesse haben.

Nie zuvor mussten in Deutschland so viele Generationen wie heute miteinander auskommen. Die Erhöhung der Lebenserwartung hat die Spaltung ins "Singles" und "Familien" überhaupt erst hervorgebracht. Wer die strukturellen Gegebenheiten der Gegenwartsgesellschaft leugnet und sich stattdessen im "Hedonismus"-Vorwurf gefällt, der hat genauso wenig begriffen wie jene, die diesem Ideal tatsächlich anhängen. Ab heute kann jedenfalls keiner mehr guten Gewissens behaupten, dass es keine Alternative dazu gäbe. Jeder darf sich engagieren für eine bessere Zukunft, in der "Singles" und "Familien" jenseits der alten Feindbilder zusammenleben. Beide sind mehr aufeinander angewiesen als dies die sozialpolitische Debatte deutlich werden lässt.

 
 
 
       
   

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weiterführende Literatur

 
     
   
  • Zitierte Literatur:

    • BIEN, Walter/BAYER, Hiltrud/BAUEREIß, Renate/DANNENBECK, Clemens (2001): Die soziale Lage von Kinderlosen, in: Bien, W. (Hg.) Familie an der Schwelle zum neuen Jahrtausend. Wandel und Entwicklung familialer Lebensformen, DJI Familiensurvey Bd. 6, Opladen: Leske und Budrich, S. 97-104
    • PROFIL (2001) "Inländer raus".
      Personalberater und Wirtschaftspsychologe Otmar Hill über "Arbeiten bis 65" und warum das kein Fluch, sondern ein Segen sein kann,
      in: Profil Nr.20 v. 14.05.
    • SCHWARZ, Karl (1963): Vorausschätzung der Bevölkerung des Bundesgebietes bis zum Jahr 2000,
      in:
      Wirtschaft und Statistik, Heft 12, S.729-735
 
     
       
   
 
   

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© 2000-2001
Bernd Kittlaus
[email protected] Erstellt: 23. April 2001
Update: 16. Mai 2001
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