Bei Malte HENK erfahren wir wenig über
Japan, aber viel über die
deutsche Seele im Zeitalter der Demografiepolitik. Persönlicher Ausgangspunkt
seiner Recherche war nach eigenen Angaben eine
Reportage im britischen Observer
vom Oktober 2013, der bereits kurz danach - gekürzt - ins Deutsche
übersetzt wurde. Kein Sex mehr, fragte aber bereits Die
Presse 4 Jahre zuvor besorgt über Japans Zukunft.
Demographisierung heißt der
Begriff für jenen Blick, der sich nicht für eine Gesellschaft
interessiert, sondern langfristige Bevölkerungsvorausberechnungen zum Ausgangspunkt
eines geschichtskonservativen Zukunftsentwurf macht. Nicht ein
Spektrum möglicher Zukünfte, sondern der Entwurf einer einzigen
Zukunft, in diesem Fall ein endzeitliches Szenario, in dem eine
Gerontokratie der Jugend jegliche Zukunft raubt, beherrscht damit
unser Denken.
"Jugend (...). Recherche über
eine Randgruppe. Sie handelt von Einsamkeit",
fasst HENK seinen Endzeitbericht
zusammen.
Hikikomoris,
ein soziales Phänomen, das in den internationalen Medienberichten
über Japan dominant ist, wird mit diesem demografischen Wandel in
Verbindung gebracht. Weitere Sozialfiguren, die international im
Umlauf sind, ist der Freeter (Freiberufler, Prekariat), die Verliererhündin und
der
Parasiten-Single.
"Die Geschichte (...) beginnt
nach dem Zweiten Weltkrieg als innerhalb einiger Jahre so viele
Kinder zur Welt kamen wie nie zuvor und nie wieder danach",
schreibt HENK im Stile der typisch
deutschen Babyboomer-Phrasologie, die wir dieses Jahr zur Genüge
präsentiert bekommen. Nur mit Japan hat das nichts zu tun. Es gab in
Japan keinen Babyboom in unserem Sinne, sondern
der Baby-Boom war ein Absturz der Geburtenrate von über 4,5
Geburten pro gebärfähiger Frau in den 1940er Jahren auf um die 2
Geburten in den 1960er Jahren, wobei im Ausnahmejahr 1966 die
Geburtenrate sogar auf ca. 1,6 fiel - ein Wert, der erst 1990 wieder
unterschritten wurde. In Deutschland dagegen fing der Geburtenrückgang bereits ca. 50 Jahre
früher an.
In Deutschland erfährt man über
Japans demografische Entwicklung so gut wie nichts, weil nur jene
Entwicklung in den Blick gerät, die für Deutschland und andere
westliche Industriestaaten typisch ist. Die Differenzen dagegen
werden tabuisiert, weil sie die Konsensfiktion des demografischen
Wandels, den globale Organisationen wie z.B. die OECD herstellen,
stören, indem sie aufzeigen, dass nationale - und auch
innernationale - Entwicklungen durchaus verschieden verlaufen
können. HENK nutzt diese Differenzen, um Japans Entwicklung als
durchaus wahrscheinlich auch für Deutschland - trotz aller NOCH
bestehenden Differenzen - darzustellen:
"Noch fallen die Unterschiede ins
Auge. Anders als in Japan darf in Deutschland ein Lebenslauf brüchig
sein und ein Freiberufler eine Freundin haben. Anders als die
Japaner akzeptieren die meisten Deutschen Einwanderer, um den
Rückgang der Einwohnerzahl auszugleichen. Und anders als Japan ist
Deutschland keine Insel, sondern liegt inmitten eines Kontinents,
der immer mal wieder in Unordnung gerät. Noch ist die Zukunft bei
uns nicht an ihr Ende gekommen - was Japan durchlebt, ist nicht das
zwangsläufige Ergebnis jenes Geschehens, das demografischer Wandel
heißt.
Es ist nur eine Möglichkeit. Aber eine, die vielleicht sehr nahe
ist."
Wie weit fortgeschritten die
Demographisierung gesellschaftlicher Probleme, wird deutlich, wenn
HENK über den Wandel des Deutschen Instituts für Japanstudien
schreibt:
"In Tokio gibt es ein Deutsches
Institut für Japanstudien, gegründet in den achtziger Jahren, um den
Unternehmen der Bundesrepublik dieses erstaunliche Land zu erklären,
dessen Konzerne damals die Weltmärkte beherrschten. Heute
analysieren sie an diesem Institut die vergreisende Gesellschaft -
und sie glauben, dass auch dies für Deutschland interessant sein
könnte.
Die Forscher erwarten, dass demnächst ein japanisches Wort in die
deutsche Sprache gelangt, vielleicht sogar in den Duden, so wie
einst Karoshi - Tod durch Überarbeitung. Der neue Kandidat es
Instituts, ein Exportprodukt des japanischen Stillstands, heißt
Kodokushi - Tod in Einsamkeit."
HENK konstruiert einen
Zusammenhang zwischen demografischem Wandel und ökonomischer
Stagnation, der typisch für den geschichtskonservativen
Demographismus ist, eine Ideologie, die die nationalkonservative
Bevölkerungswissenschaft prägt, deren prominentester Vertreter
Herwig BIRG ist. Der Begriff "Eiszeit" soll zudem verdeutlichen,
dass dieser Stillstand auch Auswirkungen auf das soziale
Zusammenleben hat:
"Als Ende der achtziger Jahre das
begann, was in Japan die »Eiszeit« heißt, als die Börsenkurse
einfroren und das japanische Wirtschaftswunder erstarrte, da sank
auch die soziale Temperatur. (...). Kaum ein Festangestellter über
vierzig verlor seine Stelle. Dafür entstand eine Serviceökonomie aus
Zeitarbeit, Leiharbeit, Teilzeitarbeit, eine Parallelwirtschaft fast
ohne Aussicht auf sozialen Aufstieg. Sie ist die Heimat jedes
zweiten jungen Japaners."
Der neoliberale Demographismus
(Christian RADEMACHER) stellt einen engen Zusammenhang zwischen
Bevölkerungsrückgang, ökonomischem Niedergang und mangelnder
Generationengerechtigkeit bzw. Altenherrschaft (Gerontokratie) her.
Hauptvertreter dieser Position in Deutschland ist der Ökonom
Hans-Werner SINN.
Die japanische Katastrophe im
März 2011 mit Erdbeben, Tsunami und Super-Gau im Atomkraftwerk
Fukushima wird von HENK nur einmal erwähnt, weil sie im
Sinnzusammenhang der Demographismen, d.h. von Ideologien, die im
demografischen Wandel vorzugsweise einen Fluch sehen, keine Rolle
spielt. Vor allem passt die Katastrophe nicht zu dem Bild des
Wohlstands, das HENK zeichnet:
"Die Kinder der Eiszeit sind die
erste Generation eines Industrielandes, der es nicht besser gehen
wird als der Generation ihrer Eltern. Sie sind aber auch die Ersten,
die keine Not leiden, wenn sie keine Arbeit finden und kaum eigenes
Geld verdienen. Die Eltern haben so viel Wohlstand erschuftet, dass
für alle etwas übrig bleibt."
In Deutschland hat Mercedes BUNZ
dafür den Begriff
"Urbanes Pennertum" geprägt. Wäre HENK nicht nach Tokio
gegangen, sondern in die Präfektur Fukushima, wie wäre dann wohl
sein Bild ausgefallen? Tokio steht für die globalisierte, urbane
Mittelschicht und ihre Eliten - dazu gehört auch der japanische
Schriftsteller
Haruki MURAKAMI:
"Sein früher
romantisch-verklärtes Japanbild ist nach jetzt über drei Jahren
Aufenthalt in Tokio nicht mehr kratzerfrei. Die Romane von Haruki
Murakami sowie die Filme von Takeshi Kitano und Shunji Iwai hatten
den Teenager und Studenten für die japanische Kultur begeistert und
ihn zum Japanischlernen motiviert. Inzwischen musste Schumann
feststellen, wie unkritisch die japanische Gesellschaft sich selbst
wahrnimmt. »Mir war nicht klar, wie sehr Murakami in Japan ein
Außenseiter ist«, sagt er nachdenklich",
heißt es in einem
Porträt eines Deutschen, der in Tokio lebt, und in dem die Kluft
zwischen globalisiertem Japanbild und der Kultur der einheimischen
Bevölkerung zur Sprache kommt.
"Ayako, die
Beziehungsschauspielerin. Henry, der ewige Single aus der Vorstadt.
Yuri, die Heiratsjägerin. Hikaru, der von einem Leben im Einreiher
träumt. Sie wohnen alle in derselben Stadt. Aber sie werden einander
wohl nie begegnen",
schreibt HENK über das Personal,
das seine Story bevölkert. Sie alle könnten auch einem Roman oder
dem neuen Kurzgeschichtenband Männer ohne Frauen von Haruki
MURAKAMI entstammen.
Menschen ohne Beziehungserfahrung (Absolute Beginners) sind
spätestens seit Michel HOUELLEBECQs Roman
Ausweitung der Kampfzone ein Thema mit steigendem
Aufmerksamkeitspotenzial. Ist dies nur eine Frage der Demographie
(Heiratsengpass) oder eher eines des Geschlechtsrollenwandels und
seiner Probleme (Schüchternheit) oder der sozioökonomischen Lage (Hartz
IV) oder welche Faktoren spielen bei diesem wenig erforschten, dafür
aber medial präsenten Thema eine Rolle? HENK stellt es
simplifizierend in den Zusammenhang des demografischen Wandels, also
der Demographie und seinem geschichtskonservativen Denkmuster, das
den Bevölkerungsrückgang mit ökonomischem Niedergang gleichsetzt.
Dem widerspricht auch nicht, dass
HENK die Sicht des japanischen Bevölkerungswissenschaftler Fumihiko
NISHI und den
Umgang der japanischen Massenmedien mit den Problemen der Jugend
(HENK schreibt nicht über Jugendliche, sondern über die
Postadoleszenz um die 30Jähriger) kritisiert, weil diese Sicht von
HENK der Demographisierung gesellschaftlicher Probleme geschuldet
ist.