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Medienrundschau:

News zum Single-Dasein

 
     
       
     
       
       
   

News vom 16. - 31. Januar 2002

 
       
     
     
     
       
       
   
  • VAHABZADEH, Susan (2002): Schaum der Vergangenheit.
    Es war einmal ein Zwischenreich... "Was tun, wenn's brennt?",
    in: Süddeutsche Zeitung v. 31.01.
    • Kommentar:
      "Was tun, wenn's brennt" von Gregor Schnitzler läuft heute in den Kinos der Republik an und ist deshalb Thema in verschiedenen Tageszeitungen.
            
      Der Film spaltet die Kritiker in die Spassfraktion der Generation Golf und die Ernstler der Anti-Spassgesellschaft, denen der Film zu postmodern, d.h. realitätsfern, ist.
            
      Der Tagesspiegel hat deshalb gestern gleich eine Pro- und Contra-Kritik geliefert und die Süddeutsche Zeitung verbindet eine Filmkritik und ein Interview mit einer Reportage vom "echten" Vorbild eines Hausbesetzers.
            
      Bei der TAZ wird aus der Perspektive des "wahren" Häuserkämpfers der Hausbesetzersozialkitsch und das Unauthentische kritisiert: "Dass wir damals Fehlfarben auf Demos vom Lautsprecherwagen gehört haben, stimmt, nur haben die wohl nicht die Genehmigung gegeben, ihren dialektischen Song »Ein Jahr (Es geht voran)« für diesen Film zu verwenden. Also hört es der Zuschauer als aufgepeppte Coverversion von Ex-Selig Jan Plewka."
 
   
  • FUHRIG, Dirk (2002): Hautenge T-Shirts in Fernost.
    Die neue chinesische Literatur drückt aufs Tempo und Wei Hui setzt sich mit "Shanghai Baby" an die Spitze,
    in: Frankfurter Rundschau v. 31.01.
 
   
  • PAMPUCH, Thomas (2002): Die guten alten Jugendforscher.
    Onlinedatenbanken könnten schon heute Forschungsergebnisse viel besser speichern als herkömmliche Publikationen. Aber gerade wissenschaftliche Institutionen haben in Deutschland immer noch große Hemmungen, diese Technik zu nutzen,
    in: TAZ v. 31.01.
    • Kommentar:
      PAMPUCH kritisiert anlässlich der Vorstellung des 11. Kinder- und Jugendberichts, dessen Ergebnisse auch auf Forschungen des Deutschen Jugendinstitut (DJI) beruhen, die Enthaltsamkeit des Instituts in Sachen Internet-Öffentlichkeitsarbeit.
            
      Das DJI verfügt mit den Daten des "Familiensurvey" über das einzigste repräsentative Datenmaterial, das über den dominanten Haushaltsansatz der amtlichen Statistik hinausgeht. Mit Hilfe des Netzwerkansatzes lässt sich der Gegensatz "Familien contra Singles" auflösen. Dies ist angesichts des bevorstehenden Familienwahlkampf jedoch politisch unerwünscht. Die Abhängigkeit der Wissenschaft(ler) von staatlichen Geldgebern - rationalisiert als Postulat der Wertfreiheit - erklärt wohl zum grossen Teil die Zurückhaltung der Wissenschaftler, selbst an die Öffentlichkeit zu gehen.
 
   
  • KOCH, Hannes (2002): "Attac in den Währungsfonds".
    Der Soziologe Ulrich Beck will Stimmrecht in transnationalen Organisationen für Globalisierungskritiker,
    in: TAZ v. 31.01.
    • Kommentar:
      Der Soziologe Ulrich BECK, ein Sprachrohr der zweitmodernen, transnationalen Eliten, muss eingestehen, dass die globalen Nomaden auf die vor-zweitmodernen Sicherheitsstaaten angewiesen sind, denn sie haben ein existentielles - notgedrungen körperlich-geografisches - Interesse "an einem sicheren Leben, an Wohlstand und Bildung".
            
      BECK fordert deshalb eine "Weltinnenpolitik", d.h. eine Politik, die Nationalstaaten dazu zwingen soll, die zweitmodernen Interessen der transnationalen Eliten gegen die erstmodernen Interessen der jeweiligen Staatsbürger durchzusetzen. Damit dies auch moralisch korrekt erscheint, werden die zweitmodernen, transnationalen Eliten zu Anwälten von Flüchtlingen und Migranten.
 
   
  • TAGESSPIEGEL (2002): Das gab's noch nie: Hausbesetzer als Kinohelden.
    Der neue Film von Gregor Schnitzler blendet zurück in die Zeit des Berliner Häuserkampfs. Packende Story - oder Vergangenheitsfälschung? Zwei Meinungen sind besser als keine,
    in: Tagesspiegel v. 30.01.
    • SCHULZ-OJALA, Jan (2002): Pro: Brennen lassen!
      Ein Thesenfilm, der die Wahrhaftigkeit liebt,
      in: Tagesspiegel v. 30.01.
    • MAHRENHOLZ, Simone (2002): Kontra: Löschen!
      Die unscharfe Erinnerung wird zur Karikatur,
      in: Tagesspiegel v. 30.01.
 
   
  • IRLE, Katja (2002): Rückkehr zur Großfamilie.
    Die Genossenschaft Wohnsinn will in Darmstadt Alt und Jung als Zweck-WG unter einem Dach versammeln,
    in: Frankfurter Rundschau v. 29.01.
 
     
   
  • RIK (2002): Führerkult,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 29.01.
    • Inhalt:
      HOUELLEBECQ hat dem Nachrichtenmagazin Focus eines seiner berüchtigten Interviews gegeben, das RIK für die FAZ-Leser zusammenfasst.
 
   
  • WOLFSGRUBER, Axel (2002): Unheiliger Abend.
    Anwälte und Eheberater registrieren zum Jahresanfang einen massiven Anstieg von Trennungswilligen,
    in: Focus Nr.5 v. 28.01.
    • Kommentar:
      WOLFSGRUBER beschäftigt sich mit der Weihnachtskrise der Ehepaare, von der die Anwälte profitieren. Wenn die Erklärung jedoch so einfach wäre, wie der Autor es darstellt, dann wäre die Abschaffung der Weihnachtsfeiertage ein Beitrag zur Stabilisierung der Ehe.
 
   
  • DOTZAUER, Gregor (2002): "Ich bin ein bisschen reaktionär".
    Jonathan Franzen ist der amerikanische Romanautor der Saison. Ein Gespräch über Literatur und Erfolg,
    in: Tagesspiegel v. 28.01.
 
   
  • FAS (2002): Die 100 wichtigsten deutschen Intellektuellen.
    Geistige Wirkung ist meßbar: Ein erstes Internet-Ranking für die gebildeten Stände,
    in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 27.01.
    • Kommentar:
      "Der erste Gedanke ist natürlich: Könnten wir in Deutschland auch gebrauchen", schreibt Georg DOTZAUER im heutigen Tagesspiegel und fügt hinzu: "So eine Liste mit den 100 einflussreichsten Intellektuellen, wie sie Richard A. Posner gerade für Amerika veröffentlicht hat: errechnet aus allen Erwähnungen, die 546 zumeist universitär verankerte Kandidaten durch ihre wissenschaftlichen und publizistischen Veröffentlichungen in Leitartikeln, Essays oder Webkommentaren zwischen 1995 und 2000 gefunden haben. Denn was haben wir? Die 100 peinlichsten Berliner, die 50 meistbegehrten Singles - und in der nächsten Talkshow schon wieder Guido Westerwelle als liberalen Vordenker. Gut, dass zumindest in den Staaten endlich mal einer anhand einer solchen Aufstellung darüber nachdenkt, in welchem Verhältnis Leistung und öffentliche Präsenz stehen. "
            
      Die FAS hat DOTZAUER erhört und liefert das gewünschte Internet-Ranking für Deutschland. Auf der Basis der Suchmaschinen Google und Alltheweb, hat die FAS das Web als "Intellektuellenmacher" erforscht.
            
      Single-Dasein.de hat seinen Beitrag zu dieser neuen Sportart geleistet. Unter den 100 bekanntesten GOOGLE- und ALLTHEWEB-Intellektuellen befinden sich Ulrich BECK (Platz 7), Martin WALSER (9), Elfriede JELINEK (15), Alice SCHWARZER (20), Peter GLOTZ (25), Botho STRAUß (26), Dietrich SCHWANITZ (35), Christoph HEIN (39) und Diedrich DIEDERICHSEN (84).
 
   
  • TRABANT, Jürgen (2002): Wühlen in Europas Wunden.
    Eine trostlose Suche nach Liebe und Glück: Michel Houellebecqs Roman "Plattform",
    in: Tagesspiegel v. 27.01.
    • Inhalt:
      Professor TRABANT begnügt sich nicht mit einer Rezension von "Plattform", sondern bewertet auch die Romane "Ausweitung der Kampfzone" und "Elementarteilchen". Sein Fazit: "Wie Voltaire ist auch Houellebecq kein wirklich großer Erzähler. Aber mit Houellebecq hat Frankreich endlich wieder etwas Wichtiges und etwas sehr Französisches beizutragen zum aktuellen Roman"
 
     
   
  • DPA/LSW (2002): Mehr Singles und "wilde Ehen",
    in: Stuttgarter Zeitung v. 26.01.
    • Kommentar:
      In Baden-Württemberg sind die Mehrzahl der Menschen, die einen Einpersonen-Haushalt führen, entweder jugendliche Singles in der Vor-Familien-Phase oder ältere Witwen in der Nach-Familienphase.
 
     
     
   
  • LAGER, Sven (2002): Eine Nacht in der Sukhumvit Road.
    Das literarische Kneipenquartett: Ein Gespräch in der Bangkok Bar, ebendort, über den abwesenden Herrn Houellebecq, dessen lang erwarteter und kontrovers diskutierter Sextourismusroman "Plattform" kommende Woche auf Deutsch erscheint
    in: TAZ v. 25.01.
    • Kommentar:
      Sven LAGER debattiert vor Erscheinen der deutschen Übersetzung über den neuen Roman "Plattform" von "HouelleBECK".
            
      Die Verballhornung des Namens soll wohl darauf hinweisen, dass es im Denken und Schreiben des französischen Literaten Michel HOUELLEBECQ und des deutschen Soziologen Ulrich BECK mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede gibt.
            
      Obwohl BECK - wie der Sozialwissenschaftler Volker STORK in seiner Abrechnung mit dem "Phänomen BECK" durchaus richtig beschreibt - seine Individualisierungsthese gegen die Position von HOUELLEBECQs "Atomisierungsthese" genauso abgrenzen würde wie vom neoliberalen "Homo Oeconomicus", so gibt es doch bei diesen drei Perspektiven unverkennbar eine grundlegende, gemeinsame Vorstellung vom Funktionieren der Gesellschaft als Marktkonkurrenz von Individuen.
 
   
  • KLAUS, Michael (2002): Frühes Leid.
    Von Spießern und Rebellen,
    in: Frankfurter Rundschau v. 25.01.
    • Inhalt:
      KLAUS erzählt den Lebenslauf eines Angehörigen der Single-Generation. Es wird deutlich, dass sich auf dem Wohnungsmarkt seit Anfang der 70er Jahre so manches geändert hat:
            
      "Ohne die Erlaubnis der Eltern keine Trauung, ohne Trauschein keine Wohnung zu zweit. Ich musste abwarten.
            
      Der magische einundzwanzigste Geburtstag rückte näher. Die Feiern begannen schon drei Tage vorher. Die letzte Nacht wurde durchgemacht. Und am Morgen hätten Anna und ich natürlich zum Standesamt gehen können. Als Verheiratete hätten wir dann endlich den Wohnberechtigungsschein und den Mietvertrag gekriegt. Aber inzwischen war Anna abgesprungen."
 
   
  • SCHLÜTER, Christian (2002): Intellektueller Volkstribun.
    Dank seines Blicks für feine Unterschiede wurde alles anders: Zum Tod des französischen Soziologen Pierre Bourdieu
    in: Frankfurter Rundschau v. 25.01.
    • Kommentar:
      Der bekannteste französische Soziologe Pierre BOURDIEU ist im Alter von 71 Jahren gestoren. Mit dem Buch "Die feinen Unterschiede" stellte der die Politik der Lebensstile in den Mittelpunkt.
 
     
     
   
  • PFLEIDERER, Verena (2002): Mit 30 Buchstaben zum Traumpartner.
    Nogambo: Neues Computersystem sucht bei Single-Party für jedes einsame Herz einen Partner,
    in: Augsburger Allgemeine v. 23.01.
 
     
     
   
  • Singlefeindlicher Beitrag:
    OBERNDÖRFER, Dieter (2002): Nur Zuwanderung sichert den Wohlstand Deutschlands.
    Dieter Oberndörfer über die kollektive Verdrängungsmentalität der Politiker und die verfehlte Ausländerpolitik,
    in: Frankfurter Rundschau v. 22.01.
    • Kommentar:
      Die FR dokumentiert eine Erwiderung des emeritierten Politikwissenschaftlers Dieter OBERNDÖRFER, der erster Vorsitzender des Deutschen Rats für Migration ist. Er vernimmt in BIRGs Gutachten "die Grundmelodie für den bevorstehenden Wahlkampf".
            
      OBERNDÖRFER stimmt mit Herwig BIRG bezüglich der Faktenlage zur demografischen Entwicklung überein und kritisiert deswegen nur dessen Kritik am Zuwanderungsgesetz. Gemeinsam ist den beiden Wissenschaftlern die Singlefeindlichkeit, die sich aus dem Ziel einer "energischen Familienpolitik" herleitet. Frankreich hält auch OBERNDÖRFER für das familienpolitische Musterland. Seine Einschätzung des bevorstehenden Verteilungskonfliktes liest sich folgendermassen:
            
      "Der Aufbau einer wirklich wirksamen Familienpolitik wäre überaus kostspielig und wird daher ganz neue und tief greifende wirtschaftliche Umverteilungen notwendig machen. Er wird in einer Gesellschaft der 'Singles', in der Familien mit Kindern schon seit längerem als politische Lobby eine ungeliebte Minderheit geworden sind, nur gegen hinhaltenden politischen Widerstand durchsetzbar sein."
            
      OBERNDÖRFER setzt Familie mit der Haushaltsfamilie gleich, d.h. Familienpolitik soll sich zukünftig auf eine einzige Lebensphase im Familienbildungsprozess konzentrieren. Die familieninternen Generationenbeziehungen der Familienmitglieder werden damit weiter aufgelöst und staatlich normiert, d.h. die Individualisierung der Familie wird forciert. Eine solche Familienpolitik, die eine einzige Generation fördert, forciert den Generationenkonflikt.
      OBERNDÖRFER dramatisiert die Bevölkerungsentwicklung, indem er im Vergleich der Geburtenraten von Deutschland und Frankreich bewusst unterschiedliche Definitionen der betrachteten Bevölkerungsgruppen gegenüberstellt
      und somit die Kinderlosigkeit in Deutschland höher erscheint, um Frankreich als Vorbild darstellen zu können:
            
      "Seit Ende der 70er Jahre betrug die jährliche Geburtenrate Deutschlands (...) nur 1,35 bis 1,3. Sie lag damit weit unter der Bestandszahl. Ohne die Zuwanderung von Ausländern und deutschstämmigen Aussiedlern hätte sich die Bevölkerung Deutschlands schon bis heute um zirka drei bis vier Millionen verringert. Auch wenn es gelänge, die derzeitige Geburtenzahlen allmählich auf das höhere Niveau Frankreichs von 1,7 anzuheben, wären die Auswirkungen auf die ab 2005 sich beschleunigende Schrumpfung der Bevölkerung gering."
            
      Aus der Darstellung muss man davon ausgehen, dass OBERNDÖRFER hier die Geburtenrate "deutscher" Frauen (statt der Geburtenrate in Deutschland) mit denen "französischer" Frauen vergleicht. Dies ist jedoch nicht der Fall. Das geht erst aus einer Passage hervor, die sich eine Seite weiter befindet:
                  
      "Wenn 'Ausländer' nicht allein nach ihren Pässen, sondern auch nach der ausländischen Herkunft der Wohnbevölkerung definiert werden, fällt Deutschland in der Rangordnung der Aufnahmeländer Europas auch noch weit hinter Frankreich, Großbritannien und die Niederlande zurück. Ihre Zuwanderer kamen zum großen Teil aus ehemaligen Kolonialgebieten und wurden daher in der nationalen Statistik nicht unter der Rubrik 'Ausländer' registriert. Zudem verringerte sich die Zahl ihrer Pass-Ausländer kontinuierlich durch großzügige Einbürgerungsregelungen. So beläuft sich inzwischen auch die Zahl der moslemischen Franzosen auf 5,5 Millionen bei einer Gesamtbevölkerung von nur 58 Millionen (Deutschland 2,3 Millionen Moslems, die meisten aber sind im Unterschied zu Frankreich nicht eingebürgert)."
            Aus dieser Passage lässt sich die Schlussfolgerung ziehen, dass die Geburtenrate "deutscher" Frauen im Vergleich mit "französischen" Frauen gar nicht so niedrig ist, wie sie eingangs von OBERNDÖRFER dargestellt wird.
            Singles werden aufgrund argumentationsstrategischer Überlegungen zum Buhmann gemacht. Während nämlich BIRG mit seinen Ausführungen belegen wollte, dass die Geburtenrate der deutschen Frauen ohne Zuwanderer auf ein ausreichendes Niveau zurückzuführen wäre, bestreitet OBERNDÖRFER gerade dies. Um zu zeigen, dass Zuwanderung notwendig ist, muss er deshalb die Bevölkerungsentwicklung noch stärker dramatisieren als BIRG dies tut, z.B. indem er den betrachteten Zeitraum ausweitet und zur Rhetorik des Aussterbens greift.
            
      Beiden Wissenschaftlern sind die Belange der Singles in der Phase vor der Gründung eines Familienhaushalts bzw. nach Auszug der Kinder gleichgültig. Sie sind das Bauernopfer im Familienwahlkampf. Die Dramatisierung gilt der Durchsetzung einer als Familienpolitik getarnten Bevölkerungspolitik.
            
      Die Bevölkerungsprognosen divergieren durchaus, weswegen es aufschlussreich ist, die Prognosen verschiedener Institute zu vergleichen. Das Eurostaat-Jahrbuch 2001 (PDF-Format, 1 MB Grösse) ermöglicht einen Überblick. Wenig erstaunlich: Die nationale Statistik von Deutschland ist jene, die mit den niedrigsten Geburtenraten operiert.
 
   
  • Titelstory: "Der künstliche Kindersegen. Boom aus der Retorte."

    • BLECH, Jörg/LAKOTTA, Beate/NOACK, Hans-Joachim (2002): Babys auf Rezept.
      Jedes 80. Kind in Deutschland kommt heute aus der Petrischale. Die einst verteufelte künstliche Fortpflanzung ist zum globalen Geschäft geworden. Und die "Retortenkinder" gedeihen prächtig. Nur an einem scheitern die Babymacher bisher - die biologische Uhr der Frau zu stoppen.
      in: Spiegel Nr.4 v. 21.01.
    • BLECK, Jörg & Gerald TRAUFETTER (2002): "Laborbabys werden mehr geliebt".
      Der Chemiker und Schriftsteller Carl Djerassi über den Erfolg der Anti-Baby-Pille, die Trennung von Sex und Fortpflanzung und die Zukunft des Kinderkriegens,
      in: Spiegel Nr.4 v. 21.01.
      • Kommentar:
        DJERASSI widerspricht der landläufigen These vom "Pillenknick":
              
        "Der Rock'n'Roll, die Hippiekultur, die Drogen, die Frauenbewegung - all das hat in den sechziger Jahren eine Rolle gespielt. Die Pille hat die ganze Revolte nur erleichtert - und natürlich angenehmer gemacht."
              
        Seine Vision für die Zukunft der wohlhabenden Staaten: "Ich behaupte, dass am Ende Verhütungsmittel total unnötig sein werden. Die Menschen werden ihre Spermien und Eier in einer Bank auf Eis legen können und lassen sich anschließend sterilisieren." Damit soll die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Karriere bei Frauen ermöglicht werden.
              
        DJERASSI hält die Reproduktion sogar für einen Segen für die traditionelle Familie:
        "Die im Labor entstandenen Kinder sind stets gewünscht: Sie werden deshalb mehr geliebt als natürlich gezeugte Kinder, was die Familie auch sehr stärken könnte."

              
        Eine solche Sichtweise ist jedoch zu einseitig. Wenn dadurch die biologische Elternschaft gestärkt wird, dann bedeutet das gleichzeitig eine Schwächung der sozialen Elternschaft und damit werden Scheidungs- und Waisenkinder noch stärker zu den Problemkindern dieser schönen neuen Familienwelt.
    • LAKOTTA, Beate (2002): Drillinge - die Schattenseite der Fortpflanzungsmedizin.
      Zwei Nürnberger Ärzte fühlen sich von den Reproduktionsmedizinern missbraucht: Der eine ist Pränatalmediziner und muss immer wieder Drillingskinder aus der Retorte im Mutterleib töten, damit ihre Geschwister eine Chance haben, der andere päppelt Mehrlinge im Brutkasten auf.
      in: Spiegel Nr.4 v. 21.01.
 
     
     
     
     
     
   
  • ZIELKE, Anne (2002): Vernunft in Zeiten der Liebe.
    Heiraten nach Plan: Indien feiert die Love Season,
    in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 20.01.
    • Kommentar:
      ZIELKE berichtet von einem Ehemodell das in westlichen Ländern unbeliebt ist, ausser bei Bevölkerungswissenschaftlern, Soziologen und konservativen Kulturpessimisten: "93 % der jungen Inder wünschen sich noch immer eine arrangierte Hochzeit. Wenn es schiefgeht, kann man es einfach auf die Eltern schieben."
 
   
  • LEHNARTZ, Sascha (2002): Vor die gläserne Wand gerannt.
    Was Angela Merkel widerfahren ist, passiert auf dem Weg in Führungspositionen eigentlich ständig,
    in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 20.01.
    • Kommentar:
      LEHNARTZ beruft sich auf Rita SÜSSMUTH, um das Problem von MERKEL zu umschreiben: ihre Kinderlosigkeit, denn "die effektivsten Karrierekiller sind für Frauen in der Wirtschaft immer noch Kinder".
 
   
  • GERMIS, Carsten (2002): Krippenplätze statt Kindergeld.
    Der Kinder- und Jugendbericht fordert eine neue Politik für die Familie
    in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 20.01.
 
   
  • FRÖMEL, Susanne (2002): Ich könnte platzen vor Glück.
    Hera Lind ist die erfolgreichste Autorin Deutschlands und liebt die Idylle. Intime Einblicke in ein fast perfektes Leben
    in: Welt am Sonntag v. 20.01.
    • Kommentar:
      Eine Homestory von FRÖMEL über das Superweib Hera LIND, dessen neuestes Buch nicht die erhoffte Auflage bringt.
 
   
  • MÄNZ, Christina (2002): Weiblich, ehrgeizig, erfolglos.
    Viele der amerikanischen Top-Managerinnen scheiterten in den vergangenen Monaten. Frauen haben sich in der Männerdomäne noch lange nicht etabliert
    in: Welt am Sonntag v. 20.01.
    • Inhalt:
      Scheitern ist weiblich! MÄNZ nimmt den Misserfolg von Angela MERKEL zum Anlass, um über das Schicksal der amerikanischen Top-Managerinnen zu berichten:
            
      "Viel zu gucken gibt es da allerdings immer noch nicht. Gerade mal neun der Top-1000-Unternehmen in den Vereinigten Staaten werden von Frauen geleitet; in den Fortune-500-Unternehmen beläuft sich ihre Zahl auf sechs. Im Jahr 2000 waren es nur zwei. Und dann auch noch das: Viele der ambitionierten Business-Ladys, die die Hitliste der exklusiven Männer-Enklave ‚Top-Management' erklommen hatten, scheiterten in den vergangenen Monaten."
 
   
  • KAISER, Alfons (2002): Namenlos
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 19.01.
    • Kommentar:
      KAISER beschäftigt sich auf der Titelseite angesichts "1,4 Kinder pro Frau" mit dem Problem der Namensfindung in individualisierten Ein-Kind-Familien, die er fälschlicherweise zur Regelfamilie macht.
            
      Er folgt damit zwar der weitverbreiteten Logik von Ulrich BECK, der die Neue Mitte mit der Gesamtgesellschaft gleichsetzt und damit die Mehrheit der Gesellschaft ignoriert. Aber in einer Zeitung für die Neue Mitte interessiert dies sowieso niemand.
            
      KAISER hält deshalb Namen für "Symptome sich verändernder Lebensstile. So wie man sich heute im Individualisierungssog seine Biographie wie aus dem Setzkasten zusammenbaut (...) so zeigt man auch gern Weltläufigkeit im Eigennamen. Man geht nicht mehr in die Welt hinaus und zeigt seine Herkunft." Denn der "Bestand an Vornamen ist größer als je zuvor. Die Erlebnisgesellschaft hat in Urlaubsbekanntschaften, Seriendarstellern, Popmusikern und Sportgrößen aus aller Welt ein gigantisches Reservoir an Vorbildern gefunden. Deren Namen umglänzt Verehrung oder auch nur Sympathie. Kevin Keegan, Kevin Costner und die Flut kleiner deutscher Kevins illustrieren die Bedeutung der Populärkultur in einer Zeit, die sich vielfach vom Herkommen gelöst hat. Das macht Vornamen auch schlicht und einfach zu Modeartikeln."
            
      Kulturkritik ist eben chic und wer Alfons heisst, den identifiziert man namensmässig zwangsläufig mit untergegangenen Zeiten.
 
   
  • KLÜVER, Reymer (2002): Gelähmt in ein anderes Leben.
    Tumorpatienten werden medizinisch bestens betreut–aber wer hilft den Zurückgebliebenen, auf den Trümmern ihrer Familien wieder gehen zu lernen
    in: Süddeutsche Zeitung v. 19.01.
 
   
  • KÄPPNER, Joachim (2002): Ein Professor für die CSU.
    Wie ein akademischer Außenseiter die Angst schürt, die Deutschen würden zur Minderheit im eigenen Land
    in: Süddeutsche Zeitung v. 19.01.
    • Kommentar:
      KÄPPNER berichtet über die Vorstellung des Gutachtens von Herwig BIRG (siehe FR vom 18.01.) und den daran anschliessenden Professorenstreit zwischen BIRG und seinen Kollegen BADE und OBERNDÖRFER. KÄPPNER behauptet, dass die Prognosen von BIRG wissenschaftlich unumstritten seien. Dies mag vielleicht für Deutschland stimmen, aber nicht international! Die deutsche Praxis wird z.B. von dem belgischen Demografen Ron LESTHAEGE kritisiert.
  • OBERNDÖFER, Dieter (2002): Altersheim Deutschland.
    Ein drastisches Plädoyer für mehr Zuwanderung,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 19.01.
    • Kommentar:
      Der Freiburger Politikwissenschaftler OBERNDÖRFER kritisiert nicht die - keinesfalls unumstrittene - Prognose von BIRG, sondern forciert dessen Rhetorik des Aussterbens noch, indem er sogar Voraussagen bis zum Jahr 2075 vorträgt. Offenbar möchte er nur BIRGs These, dass eine Trendwende beim demografischen Wandel ohne Zuwanderung möglich sei, widerlegen. Eine solche Strategie ist um keinen Deut besser als jene von BIRG, sondern geht auf Kosten der Singles.
      Singlefeindlichkeit statt Fremdenfeindlichkeit, das darf nicht die Alternative sein!
 
     
   
  • RUTSCHKY, Michael (2002): Putzfrau
    in: Frankfurter Rundschau v. 18.01.
    • Kommentar:
      Die neue Mitte hat ein Problem: "Fast jeder beschäftigt unterdessen eine; und immer wieder gibt es Schwierigkeiten zu erzählen - Schwierigkeiten, welche die Putzfrauen machen, keinesfalls die Herrschaft."
            
      Im Gegensatz zu Susanne RIEDEL widmet sich der Essayist den zentralen Problemen in den Mitte-Haushalten der Berliner Republik, die nicht wie RUTSCHKY in einem großbürgerlichen Haus wohnen.
            
      Früher in den guten alten autoritären, frühliberalen Zeiten der Erstmoderne löste die Dienstmädchenkammer das Dienstbotenproblem auf elegante Weise.
            
      Vielleicht hilft in diesem Fall Florian ILLIES' "Anleitung zum Unschuldigsein" zur Überwindung dieser mentalen Barriere auf dem Weg in die frühliberale Zweitmoderne.
 
   
  • HÖFLER, Barbara (2002): Generation Kukident.
    Zu alt fürs Leben? Im Kölner "Büro Zeitsprung" wehren sich wackere Mittsechziger gegen die Altersdiskriminierung.
    in: Frankfurter Rundschau v. 18.01.
    • Kommentar:
      Die alternde 68er-Generation ist zur "Generation Kukident" geworden und bereitet gerade die zweite Revolution vor, diesmal jedoch keine Jugend- sondern eine Altersrevolte.
            
      Der Verein "Büro gegen Altersdiskriminierung" wendet sich gegen die "neueste" Form der Diskriminierung. Seit Demografen nur noch verachtend von "Alterslasten" und "Vergreisung" parlieren, ändert sich das gesellschaftliche Klima.
            
      Die stärkste Altersgruppe stellt zur Zeit die Generation Golf als Inbegriff der Neuen MItte. Sie wird deshalb von allen Parteien umworben.
            
      Bis sich das Gewicht zugunsten der Älteren verschiebt, bleibt den 68ern deshalb nur die Aufklärung mittels eigener Website: www.altersdiskriminierung.de
 
   
  • GRIESE, Inga (2002): Reicher ER sucht ebensolche SIE.
    Seit über 25 Jahren bahnt sich bei Claudia Püschel-Knies etwas an. Die Annoncen ihrer Partnervermittlung haben längst Kultstatus. Ein Besuch bei der Heiratsvermittlerin
    in: Welt v. 18.01.
 
   
  • RIEDEL, Sabine (2002): Illegal.
    Geschichte einer "Perle" aus dem Osten,
    in: Frankfurter Rundschau v. 18.01.
    • Kommentar:
      RIEDEL erzählt die Geschichte einer tschechischen Haushaltshilfe, die im Alter von 18 Jahren als Au-Pair-Mädchen mit einem Touristenvisum nach Deutschland einreiste und im Haushalt einer Vorstadtmittelschichtfamilie arbeitete. Nach Ablauf ihres Visums arbeitete sie illegal für eine städtische Mittelschichtfamilie weiter.
            
      RIEDEL liefert zwischendurch die spärlichen offiziellen Fakten, die über solche Haushaltshilfen bekannt sind und über die politische Debatte um Teillegalisierung im Anschluss an eine grossangelegte Polizeirazzia, die diese Praxis exemplarisch aufdeckte.
 
   
  • HSF (2002): Spricht das Ruhrgebiet bald Türkisch?
    Sprach- und Integrationsprobleme in den Grossstädten des alten Industriereviers,
    in: Neue Zürcher Zeitung v. 18.01.
    • Inhalt:
      HSF hat in Gelsenkirchen eine Grundschule ausfindig gemacht, in der die Ausländer in der Mehrheit sind, um Herwig BIRGs Bedrohungsszenario zum Thema machen zu können:
            
      "So schockierte gerade Heinz Birg, Bevölkerungswissenschafter an der Universität Bielefeld, in einem Zeitungsinterview die Öffentlichkeit: «Wir denken immer, wenn wir von Integration sprechen, an eine ‹deutsche› Mehrheitsgesellschaft, in die eine Minderheit zu integrieren ist. Es kommt aber genau umgekehrt. In den Grossstädten kippt bei den unter 40-Jährigen schon ab 2010 das Mehrheitsverhältnis Deutscher zu Zugewanderten. Integration bedeutet dann: Wie integriere ich mich als Deutscher in eine neue Mehrheitsgesellschaft aus Zugewanderten?»"
            
      HSF zitiert hier die Welt vom 02.01.2002. Dies war sozusagen die inoffizielle Eröffnung des STOIBER-Wahlkampfes, denn BIRG hat im Auftrag der bayrischen Landesregierung ein Gutachten (siehe FR vom 18.01.) erstellt, das die Kontroverse Familien contra Singles forcieren wird.
  • FRANKFURTER RUNDSCHAU (2002): "Von Zuwanderung profitiert vor allem der Migrant, nicht der Staat".
    Was der Bielefelder Bevölkerungsforscher Herwig Birg im Auftrag des Landes Bayern herausgefunden hat / Die Zusammenfassung seines Gutachtens
    in: Frankfurter Rundschau v. 18.01.
    • Kommentar:
      Die FR dokumentiert BIRGs Gutachten für die Bayrische Landesregierung. Die zentrale Aussage ist:
            
      "Die bis 2020 nur mäßige Abnahme des Arbeitskräftepotenzials um rd. 8 Prozent bietet den benötigten zeitlichen Spielraum zur Vorbereitung und Durchführung einer von Zuwanderungen unabhängigen, demographisch orientierten Familienpolitik zur Anhebung der Geburtenrate. Dies bedeutet, dass das Ziel, langfristig zu einer demographisch nachhaltigen Bevölkerungsentwicklung zurückzukehren, nicht unerreichbar ist."
            
      Der Begriff "demographisch orientierte Familienpolitik" ist die neudeutsche Sprachregelung für Bevölkerungspolitik. Wie ist dies zu erreichen?
            
      "Um das Ziel einer bestandserhaltenden Geburtenrate von zwei Kinden pro Frau zu erreichen, müsste sich die Familienpolitik vor allem auf einen Abbau der lebenslangen Kinderlosigkeit konzentrieren."
            
      Eine solche Zielsetzung läuft zwangsläufig auf eine Verschärfung der Kontroverse "Familien contra Singles" hinaus.
            
      Frankreich ist BIRGs Vorbild. Obwohl dort Bevölkerungspolitik eine lange Tradition hat, ist die dortige Geburtenrate kaum höher als in Deutschland. Da Frankreich länger als Deutschland ein Agrarstaat war, dürfte dort der Geburtenrückgang erst noch bevorstehen.
            
      Dreh- und Angelpunkt des Überfremdungsarguments ist der angebliche Zuwanderungsdruck aus den Mittelmeeranrainerstaaten:
            
      "Wer über Zuwanderung spricht, muss auch die demographische Entwicklung in den potenziellen Herkunftsländern berücksichtigen. In unmittelbarer Nachbarschaft zu Deutschland und Europa - in den südlichen Anrainerstaaten des Mittelmeers von Marokko über Algerien, Tunesien, Libyen und Ägypten bis zur Türkei".
            
      Gerade diese Länder zeigen jedoch, dass die Bevölkerungsentwicklung nicht so voraussehbar ist, wie BIRG das gerne behauptet. Im Maghreb, den ehemaligen französischen Kolonien Algerien, Marokko und Tunesien hat nach einem Bericht des französischen Nachrichtenmagazins L'Express vom 25.01.2001 in den letzten 30 Jahren ein dramatischer Geburtenrückgang stattgefunden: von 7,5 Kinder auf etwas mehr als 2 Kinder pro Frau. Würde man BIRGs Prinzipien einer linearen Fortschreibung von Geburtenraten auf diese Länder anwenden, dann gäbe es dort in 30 Jahren eine Region ohne Volk. Keiner würde jedoch so etwas für realistisch halten. Aber genau nach diesem Grundmuster sind BIRGs Prognosen für Deutschland gestrickt!
 
     
   
  • OXFORT, Christina (2002): Den Generationenvertrag "leben".
    Großes Interesse am Projekt "Gemeinschaftliches Wohnen"/Haus in der Blücherstraße im Visier,
    in: Wiesbadener Kurier v. 17.01.
    • Inhalt:
      Bericht über ein Projekt, bei dem Alleinerziehende, Singles und Familien verschiedener Altersstufen, Berufen und Interessen das gemeinschaftliche Wohnen praktizieren wollen.
 
   
  • HÖPFNER, Marc (2002): Ich habe einen Traum,
    in: Die ZEIT Nr.4 v. 17.01.
    • Kommentar:
      Der britische Bestsellerautor Nick HORNBY träumt von San Franzisco und erzählt von seiner nicht-konventionellen Familie, die jeden Statistiker alter Schule die Haare zu Berge stehen lassen würde.
            
      Polarisierer wie Herwig BIRG oder Jürgen BORCHERT würden sich die Hände reiben, denn HORNBY ist in ihren statistikblinden Augen ein Single, weil er nicht mit seinem Sohn zusammenwohnt, sondern "ein paar Meter entfernt wohnt" von seiner Ex-Frau.
            
      Warum er seinen Traum nicht lebt, erklärt er damit, dass seine Familie die Immobilität erfordert. Auch so kann das angeblich hochmobile Singleleben aussehen!
 
   
  • GREFE, Christiane/MAYER, Susanne/THADDEN, Elisabeth (2002): Was Familien jetzt brauchen.
    Alle wissen, das Leben mit Kindern ist schwierig. Aber wie helfen? Zum Schluss der ZEIT-Serie über Familien fragen wir nach Ideen: bei der zuständigen Ministerin, einem Verfassungsrechtler, einem Jugendforscher, einer Grünen-Politikerin,
    in: Die ZEIT Nr.4 v. 17.01.
    • Kommentar:
      Die ZEIT beendet ihre Familienserie mit 4 Interviews. Die Familienministerin Christine BERGMANN darf über Kinderbetreuung ihre sonstigen altbekannten Positionen reden.
            
      Der konservative Verfassungsrechtler Paul KIRCHHOFF darf seine Vorstellungen über das Erziehungsgeld für Eltern verbreiten. Offensichtlich ist er der etwas naiven Ansicht, dass die Angleichung der Erziehung an die Erwerbsarbeit auf den finanziellen Aspekt begrenzbar bleiben könnte. Idylle pur! Wahrscheinlicher ist jedoch, dass der Beruf Mutter dann endgültig von der biologischen Mutterschaft abgelöst werden wird. Das Leistungsprinzip muss dann auch im Privathaushalt eingeführt werden - Kapitalismus pur und nicht Familiensozialismus!
            
      Während der Fragesteller vom SPD-Familienbegriff "Familie ist da, wo Kinder leben" (Familie als Familienhaushalt) ausgeht, antwortet KIRCHHOF jedoch, indem er einen statistisch nicht erfassten, alltagssprachlichen Familienbegriff benutzt: "Menschen, die keine Kinder haben, sei es, dass sie keine Kinder wollen oder dass ihnen dieses Glück nicht beschieden ist". Während also der Fragesteller Familie als Minderheit stilisiert, spricht KIRCHHOFF von Familie als Mehrheit, aber so, als ob dies die angesprochene Minderheit wäre. So einfach lässt sich aneinander vorbei argumentieren. Dies ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel bei der Scheinkontroverse Familien contra Singles.
            
      Ingo RICHTER spricht über GASCHKEs "Erziehungskatastrophe". Im Gegensatz zu GASCHKE sieht er hier jedoch das Problem nicht in den Mittelschicht-, sondern bei den Migrantenfamilien und fordert deshalb Jugendhilfe, statt Bildung.
            
      Zuletzt darf die grüne Familienrebellin Katrin GÖRING-ECKARDT aus der Generation Golf ihre neoliberale Familienpolitik vertreten. GÖRING-ECKARDT sieht zumindest realistisch, dass eine kompensatorische Bildungspolitik nur erfolgreich sein kann, wenn man denjenigen Eltern Zeit mir ihren Kindern wegnimmt, die ihre Kinder selbst erziehen wollen. Aus diesem Grunde vertritt sie konsequenterweise die Interessen der neuen Mitte: "Am liebsten würde ich überall kostenlose Programme für die Bildungsverlierer auflegen. Aber die Eltern im Engagement für ihre Kinder einschränken: das nicht."
 
   
  • JESSEN, Jens (2002): Revolution als Mode.
    Das Bunte, das Laute, die Siebziger und ihre Gewaltfantasien. Rückblick auf ein Jahrzehnt, das keine Erwachsenen duldete
    in: Die ZEIT Nr.4 v. 17.01.
    • Kommentar:
      "Das Runde muss ins Eckige", das ist der Buchtitel von Helmut SCHÜMANNs Bundesligageschichte und es ist gleichzeitig das Motto von Jens JESSEN, der sich als Anwalt des Eckigen darum bemüht das Runde zu parieren.
            
      Das Runde sind die 70er Jahre - nach Meinung von JESSEN ein Jahrzehnt des Schreckens. Dem möchte er die goldenen 50er Jahre entgegensetzen. Seit Gerd KOENEN die 70er Jahre recyclet hat, ist das Bild dieses Jahrzehnts festgeschrieben.
            
      JESSEN spitzt die 70er Jahre nun auf die Kontroverse "Familien contra Singles" zu und bringt dies in Zusammenhang mit dem Terrorismus. Er spricht zwar vom Jugendwahn und den "Erwachsenen als maginalisiertes Volk". Er umkreist damit das Thema nur, ohne es zu nennen. Jugendlichkeit ist für JESSEN jedoch gleichbedeutend mit Kinderlosigkeit und Single-Dasein, während das Erwachsensein die Gründung des eigenen "Familienhaushalts" voraussetzt:
            
      "Wer seinen Topschnitt in RCDS-Versammlungen trug und bei Muttern wohnte, konnte alle Hoffnung auf Geschlechtsverkehr begraben. Die frühen siebziger Jahre waren die ersten, die einen Außenseiterhass züchteten, wie ihn Houellebecq beschrieben hat."
            
      HOUELLEBECQ ist unverzichtbares Zitierzeug für Kulturpessimisten wie JESSEN und dann kommt er doch noch zum Kern, wenn er Selbstverwirklichung mit "Freiheit von den natürlichen Reproduktionszusammenhängen" gleichsetzt:
            
      "Die Frau, die sich nicht runden durfte, war die Frau, die nicht schwanger und nicht Mutter, also niemals erwachsen werden sollte."
            
      JESSEN übersieht jedoch, dass es ohne die 70er Jahre heute keine als Familienpolitik umschriebene Bevölkerungspolitik geben könnte.
            
      In jenem Jahrzehnt wurde die Bevölkerungspolitik der BRD institutionalisiert. 1973 wurde das Institut für Bevölkerungsforschung gegründet und 1975 erschien die erste Ausgabe der "Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft". Offenbar waren damals nicht die regressiven Kinder an der Macht, um ihre Kinderrepublik zu errichten.
            JESSEN übernimmt mit seiner Kritik an den 70er Jahren das Selbstverständnis der 68er-Generation.
      Diese 68er-Generation hat die Single-Gesellschaft genauso bekämpft wie JESSEN heutzutage. Sein Vordenker könnte sehr gut der 68er Jörg FAUSER sein, der über seine Generation schreibt:
            
      "vergiß nicht: wir sind eine Generation von Trümmerkindern, erst später hat man uns Computersilos und Zuckerfassaden auf die Trümmer gestellt, aber wir vergessen sie nicht. Und wenn wir am Ufer des Babylon im Schatten des Molochs sitzen, wir brauchen nur über den Fluß zu blicken, dort rauchen noch immer die Trümmer. Manche werden von solcher Sehnsucht nach ihnen erfaßt, daß sie bei Nacht und Nebel über den Fluß gehen (...). So groß kann unsere Liebe zu dieser Welt, die man uns vorgesetzt hat, niemals sein, daß wir uns nicht alle nach den alten Trümmern sehnen".
            
      Dieser Text ist nicht im Anschluss an den 11. September entstanden, sondern im Jahr 1979 erschienen. In diesem Roman, der "Alles wird gut" heisst, beschreibt FAUSER - ein Denker des Eckigen - die eigene Wurzellosigkeit und projeziert sie auf die Grossstadt München. Seine aus den Trümmern des Nachkriegsdeutschland entwachsene Weltsicht kumuliert in einem Satz:
            
      "Es ist die Berührungsangst, die Zärtlichkeitsangst, die Lebensangst, die wie ein endloser Winter durch dieses Land wandert; ihrer Kälte entkommst auch du nicht".
      JESSEN kämpft noch immer die alten Kämpfe der 68er Trümmerkinder und kann nicht akzeptieren, dass Familie und Single-Dasein keine Gegensätze sind, sondern normale Phasen im Lebenslauf.
 
   
  • STEPHAN, Cora (2002): Hauptsache wenigstens schwul.
    Ein "Minderheitenstatus" verhilft auch dem größten Langweiler noch zum farbigen Auftritt,
    in: Welt v. 16.01.
    • Kommentar:
      Cora STEPHAN, die Kämpferin im Namen der politischen Korrektness der neuen Mitte und Weggefährtin des glücklichen Globalisierers Matthias HORX, macht sich Gedanken darüber, warum Angelika MERKEL keine Chancen als Kanzlerkandidatin hatte: "die Minderheitenposition ist ein modernes Schutzschild geworden" ist ihre Begründung.
            
      Dies ist so wahr wie falsch, wenn das Stigmata im Geschlecht gesucht wird. Auch Antje VOLLMERs Analyse "Die Solitäre steht allein" im Tagesspiegel vom 13.01. liegt deshalb knapp daneben.
             MERKELs Problem war nicht, dass sie eine Frau ist, sondern dass sie erstens kinderlos, zweitens geschieden und damit drittens eine "männliche" Frau ist.
             Man stelle sich einen Familienwahlkampf vor, in dem sich der Kandidat nicht in den wahlentscheidenden Homestories als Widerstandskämpfer der Anti-Singlegesellschaft präsentieren kann.
            
      Undenkbar in Zeiten, in denen Vorbilder gefragt sind und Konzepte durch den schönen Stil ersetzt werden. Dank der Väterinitiative von Christine BERGMANN sind jetzt nicht Mütter gefragt, sondern neue Väter. Wer ist also der bessere neue Vater? LandesVATER stoiber oder der VÄTERliche schröder? Diese Frage wird den Bundestagswahlkampf entscheiden.
            
      Michael KÖHLER hat in der Süddeutschen Zeitung vom 12.01.2002 ("Vaterpass - oder von der Liebe zum Leben") bereits einen Vorgeschmack auf das geliefert, was MERKEL erwartet hätte.
            
      Der "New Journalism" à la KÖHLER stellt das Vater-ICH und die Mutterschaft der Frau in den Mittelpunkt des Kulturkampfes der neuen Mitte und kinderlosen, berufstätigen Frauen - also den typischen Vertreterinnen des 70er Jahre Feminismus - wird jegliche Kompetenz abgesprochen: "Von der (kinderlosen) Gynäkologin hat sie gewechselt zu einem Frauenarzt, der Vater von drei Kindern ist", schreibt KÖHLER mit dem
      Stolz eines Widerstandskämpfers im Namen der Minderheit Familienhaushalt.
             Dass Scheidung ein Stigma für Familienwahlkämpfer ist, das hat das Beispiel Hessen gezeigt. Dort brachte die Ministerin Marlies MOSIEK-URBAHN ihren Rücktritt mit einer Scheidung in Zusammenhang. REINICKE kommentiert dies im Tagesspiegel vom 21.08.2001 folgendermassen:
            
      "Die Ex-Ministerin schreibt, dass die Trennung von ihrem Mann 'die Glaubwürdigkeit der werteorientierten Familienpolitik' behindere. Eine Geschiedene darf nicht Familienministerin sein. Offenbar soll in Hessen die heile Familie als stählerne Norm gelten, alles andere als minderwertige Abweichung. In Kochs Country soll nicht nur die Sozialpolitik aus Wisconsin herrschen - sondern auch die stickige Moral des 'Bibelgürtels' der USA. In Wiesbaden riecht es streng nach Werte-Fundamentalismus. Ohne Doppelmoral. Zumindest für Frauen."
            
      Kein Kommentar zum Rücktritt MERKELs von der Kanzlerkandidatur wies auf diesen Aspekt der Ehe- und Familienlosigkeit hin, aber süffissant wurde verlautbart, dass die GESCHIEDENE, KINDERLOSE angelika merkel ihre Kandidatur zurückgezogen habe, keiner versah STOIBER mit Familienstandsattributen. Die wirkliche politische Korrektheit manifestiert sich in der Nachricht selbst und nicht in den nachgereichten Kommentaren!
 
     
   
  • KOTHENSCHULTE, Daniel (2002): Der Nomade im Speck.
    Mobile Möbel für das Gepäck des modernen Wanderers: Flüchtiges von der Kölner Möbelmesse,
    in: Frankfurter Rundschau v. 16.01.
    • Inhalt:
      "Die Leute ziehen oft um, und kaufen dann spontan das eine oder andere dazu, was sie sich leisten können und irgendwie zu dem passt, was sie schon haben", zitiert KOTHENSCHULTE den Chef-Designer Per WEISS. Sein Markenzeichen: "Unter jedem Tisch und Schemel stehen (...) die schlichten Rollen von Krankenhausbetten für Mobilität." Besser gefällt dem Autor jedoch die Idee des Jobnomadentums "durch den Zeltstoff ausgedrückt, der sich als ähnlich universell einsatzfähiger Werkstoff erweist wie einst Pantons Kunststoffe."
 
   
  • KLINGENSTEIN, Susanne (2002): Generationstexte.
    Ende der Verschiedenheit,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 16.01.
    • Kommentar:
      KLINGENSTEIN referiert über ein Treffen der Literaturwissenschaftler. Sie endet ihren Bericht damit, dass sie einen Zusammenhang zwischen Literatur und Gesellschaftsform herstellt:
            
      "Verbindliche Kriterien für den Umgang mit Texten gibt es nur in dogmatischen Gesellschaften. Für Demokratien gilt Emersons Wort: 'Jede Generation muß ihre eigenen Bücher schreiben.'"
            
      Die neue Website www.single-generation.de wird sich u.a. in diesem Sinne zukünftig dem Generationenthema widmen.
 
       
       
   

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Zu den News vom 01. - 15. Januar 2002

 
       
   
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