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Medienrundschau:
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Zitat
des Monats:
Facetten der
Einsamkeit
"Einsam ist der Teenager in der Kleinstadt, der das Gefühl
hat, irgendwie anders zu sein als alle, die er hier kennt.
Einsam ist der Mann, der von seiner Frau verlassen wurde und mit
keinem über seinen Kummer redet, sondern sich stattdessen in
One-Night-Stands flüchtet. Einsam ist die Frau, die realisiert,
dass sie zwar mit ihrem Partner noch zusammen lebt, aber er sein
Leben schon seit Jahre nicht mit ihr teilt. Einsam ist der Mann,
der denkt: »Die anderen sind sowieso nur Idioten, ich
brauche gar keinen davon« - und nur manchmal nachts, ganz leise,
in sich spürt, dass das vielleicht nicht seine hundertprozentige
Wahrheit ist."
(aus: Sonja Niemann
"Niemand da"
in der Zeitschrift Brigitte Nr.8 v. 29.03.2017, S.105)
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15.04.2017
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KROHN, Philipp
(2017): Die falsche Armutsdebatte.
Es wird zu wenig über
Armutsvermeidung und zu viel über Kennziffern diskutiert,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 15.04.
Philipp KROHN verspricht uns, dass er zwischen den Positionen in der
Armutsdebatte vermitteln möchte, tut aber das genaue Gegenteil:
"Die Sozialpolitik federt
Unterschiede in den Markteinkommen so effektiv ab, dass sich das
Ungleichheitsmaß Gini-Koeffizienz von 0,5 vor auf 0,29 nach
Sozialtransfers reduziert (der Wert o markiert eine vollständige
Gleichverteilung",
erklärt uns KROHN und suggeriert
damit, dass es in der Armutsdiskussion nicht um materielle
Umverteilungspolitik gehen darf. Wie KROHN jedoch selber schreibt, ist
der Gini-Koeffizienz kein Armutsmaß, sondern ein "Ungleichheitsmaß",
das über die Armut in einem Land nichts aussagt. Zur Problematik des
Gini-Koeffizienzen heißt es bei Wikipedia:
"Je nach Statistik kann ein Land
die unterschiedlichsten Gini-Koeffizienten der Einkommensverteilung
haben; dies liegt an der Art der Berechnung. Angaben können nur dann
gut für Vergleiche eingesetzt werden, wenn für alle Angaben die
gleichen Berechnungsmethoden (die gleiche Quantilisierung, die gleiche
Einkommensart usw.) angewandt wurden. Korrekterweise müsste zusammen
mit dem Gini-Koeffizienten immer angegeben werden, welche
Messauflösung ihm zugrunde liegt, denn die Ungleichheit innerhalb der
Quantile wird nicht erfasst." (Seitenabruf: 15.04.2017)
Vor diesem Hintergrund ist die
Kennziffer, die uns KROHN präsentiert nicht aussagekräftig.
KROHN missbraucht den Ressourcenansatz von Amartya SEN um ihn
gegen verteilungspolitische Maßnahmen auszuspielen.
"Für Alleinerziehende war der
Krippenausbau und die Einführung des Elterngelds förderlich, damit aus
dem familiären Status keine Armutsfalle wird",
meint KROHN. Das Elterngeld aber
dient keineswegs armen Alleinerziehenden, weil Hartz IV-Empfängerinnen
bekanntlich davon nicht profitieren. Am meisten profitieren
besserverdienende Akademikerinnen vom Elterngeld. Der Krippenausbau
nützt bildungsfernen Alleinerziehenden auch nichts, weil der
Krippenbesuch nicht verpflichtend ist. Auch hier profitieren jene, die
schon begünstigt sind am meisten.
"Eine effektive Armutsvermeidung
setzt im Kindergartenalter an und stärkt die Resilienz der Jüngsten",
behauptet KROHN. Warum aber erst im
Kindergartenalter. Und warum Resilienz? Bekanntlich ist
Resilienz ein psychologischer Begriff, der lediglich auf die
psychischen Ressourcen fokussiert, statt auf
strukturellen Defizite in der Ressourcenausstattung.
Fazit: Zur Armutsvermeidung hat
KROHN nichts Bedeutsames beizusteuern. Vielmehr blenden seine
Vorstellungen wichtige Dimensionen der Armutsvermeidung aus und
verharmlosen die materielle Ungleichheitsdimension.
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PIPER, Nikolaus (2017): Was heißt hier gerecht?
Samstagsessay: Der Wahlkampf in
diesem Jahr ist mehr denn je eine Auseinandersetzung um Begriffe.
Besonders wenn es um die Frage geht, wem was zusteht, spielt
Irreführung eine Rolle,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 15.04.
Der neoliberale Einpeitscher der SZ, Nikolaus PIPER, missbraucht den
Gerechtigkeitsbegriff - wie schon Jürgen KAUBE
in der FAS - um die Interessen der
oberen Mittelschicht und der Oberschicht gegen den Rest der
Gesellschaft zu verteidigen.
Wie schon SCHÄFER & PENNEKAMP
in der FAZ
wendet sich PIPER gegen die Forderung nach gebührenfreien Kitas und
macht sich damit scheinbar zum Anwalt der wirklich Bedürftigen:
geringverdienende Alleinerziehende. Dies wird jedoch sofort als
Scheinargument sichtbar, wenn er Unigebühren auch für Arbeiterkinder
fordert, weil damit die Elitenbildung besser finanziert werden
könnte.
"Seit Beginn der Armuts- und
Reichtumsberichterstattung liegt der Fokus auf drei
Betroffenengruppen: Arbeitslose, Alleinerziehende und Ausländer
oder Menschen mit ausländischen Wurzeln. Die alten zählten nicht
dazu - auch wenn in der Politik das Gegenteil suggeriert wird",
erklärt uns Philipp KROHN heute
in der FAZ. In das gleiche Horn stößt PIPER, der den
Hauptteil seines Artikels darauf verwendet, gegen die Rentenpolitik
zu polemisieren.
So verstoße die
Ostrentenanpassung gegen die Generationengerechtigkeit. Ob
jedoch das geplante Gesetz überhaupt einen Effekt erzielen kann,
bleibt außen vor. Denn bereits durch die Rentenanpassungen von 2016
und 2017 wurde der Ostrentenwert so stark an den Westrentenwert
angepasst, dass das Gesetz eher wie ein Placebo erscheint.
Bestand im Jahr 2015 noch eine Differenz von 2,16 Euro, so
schrumpfte sie bereits vor Inkrafttreten des Gesetzes auf 1,34 Euro
zusammen. Die gesetzliche Angleichung soll bis 2025 erfolgen und
wird bei der gegenwärtig bestehenden Lohn- und
Arbeitsmarktentwicklung möglicherweise sogar von der Realität
überholt. Die Ostrentenangleichung kann also kaum als Beleg für die
angebliche Generationenungerechtigkeit dienen. Schon gar nicht, weil
die Massenarbeitslosigkeit der Anfangsjahre nach der
Wiedervereinigung eher die älteren Arbeitnehmer trifft.
Der gerne neoliberal vereinnahmte
Ressourcenansatz von Amartya SEN legt zudem nahe, dass der
Befähigungsansatz zuallererst auf die Jungen gemünzt ist, während
die Benachteiligung der Älteren nach Umverteilungspolitik verlangt.
Dieser Sachverhalt bleibt in der neoliberalen Perspektive
unterbelichtet.
PIPER erklärt den
Gerechtigkeitsbegriff für obsolet und möchte an dessen Stelle den
Ungleichheitsbegriff setzen, denn:
"Was sozial gerecht bedeutet,
was also wem zusteht, muss eine Gesellschaft immer wieder neu
herausfinden. Wenn man dies nicht eingesteht, wird der Begriff zur
Forderung nach immer höheren Sozialleistungen",
behauptet PIPER, nur um den
Problemfokus zu ändern:
"Ungleichheit ist nicht das
Ergebnis eines ausgedünnten Sozialstaats, sondern des technischen
Wandels".
Nicht die neoliberale Politik ist
also das Problem, sondern die angebliche Alternativlosigkeit eines
Sachzwangs. Ganz offensichtlich wird das Besitzstandswahrerinteresse,
wenn PIPER die Vorstellung der Linkspartei kritisiert, die
Beitragsbemessungsgrenze heraufzusetzen und dafür die
Rentensteigerung mit steigender Einkommenshöhe zu verringern. Die
Schweiz ist hier bekanntlich radikaler: Zur AHV-Rente müssen alle
Einkommen beitragen und die Rentenhöhe wird gedeckelt. Aber PIPER
geht schon der wenig radikale Vorschlag der Linkspartei zu weit. Er
heult uns vor, dass dann die erfolgreichen Akademiker Renteneinbußen
verkraften müssten.
Aber die Unverschämtheit von
PIPER erreicht ihren Höhepunkt erst dann, wenn er schreibt:
"Der wichtigste Teil der
Altersvorsorge für deutsche Arbeitnehmer sind Rentenansprüche. Die
aber in der Statistik nicht als Vermögen gerechnet werden.
Berücksichtigt man diesen Effekt, wird die Vermögensverteilung in
Deutschland relativ normal."
Man muss sich das vorstellen:
PIPER möchte reine Anwartschaften, deren Ausmaß erstens unbekannt
ist und zweitens fiktiv mit Vermögen gleichsetzen. Dazu verführt
eine DIW-Studie, die jedoch - anders als PIPER - auf die Problematik
hinweist:
"Was unterscheidet einen
Angestellten mit einem Geld- und Sachvermögen von 100.000 Euro und
einem zusätzlichen Vermögen aus Rentenanwartschaften in Höhe von
100.000 Euro von einem Selbständigen ohne Rentenansprüche, aber
mit einem Geld- und Sachvermögen von 200.000 Euro?
Der Unterschied hat mit dem weitgehend fiktiven Charakter des
Alterssicherungsvermögens zu tun. So kann man
Alterssicherungsvermögen nicht beleihen und kann es sich auch
nicht vorzeitig auszahlen lassen. Außerdem hat es keinen
festgelegten, privatwirtschaftlich gesicherten Wert, weil in der
gesetzlichen Rentenversicherung nur Entgeltpunkte gesammelt werden
und der Rentenwert von der Politik neu festgelegt werden kann. Das
heißt, es gibt durchaus verschiedene Argumente, warum diese
Versorgungsansprüche nur eingeschränkten Vermögenscharakter
haben." (DIW-Pressemitteilung
v. 18.01.2010)
Davon abgesehen, ist es ein
Euphemismus, wenn PIPER von einer "relativ normalen
Vermögensverteilung" spricht: Die zugehörige DIW-Pressemeldung heißt
dagegen: "Renten- und Pensionsansprüche dämpfen Ungleichverteilung,
aber hohe Konzentration bleibt bestehen".
Fazit: Unsere neoliberale Eliten
wollen uns für dumm verkaufen. Sie schießen sich auf den
Gerechtigkeitsbegriff ein, den der SPD-Kanzlerdandidat Martin SCHULZ
ins Spiel gebracht hat. SCHULZ ist jedoch nur zum Kanzlerkandidat
gewählt worden, weil er der Liebling unserer neoliberalen Eliten
ist. Links blinken und rechts überholen, heißt das Motto von SCHULZ,
der für die neoliberale Europapolitik steht! Seine kargen Äußerungen
und seine Anbiederung an die FDP nach der Saarland-Schlappe zeigen,
dass SCHULZ kein Anwalt der einfachen Leute ist.
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Altersrassistischer Wutjournalismus der Fakten ignoriert
KAISER, Tina
(2017): Kommt Zeit, kommt Wut.
Früher waren es die jungen Wilden,
die auf die Barrikaden gingen. Jetzt sind es die Frührentner.
Während die jüngere Generation immer unpolitischer wird,
radikalisiert sich die Generation 50 plus. Die "Welt" hat drei
Wut-Rentner getroffen,
in:
Welt v. 15.04.
"Es gibt Tausende Deutsche
wie ihn, Diplomingenieure, Betriebswirte oder Oberstudienräte
a.D., die früh in Rente gegangen sind und auf einmal eine neue
Aufgabe suchten. Sie gingen in sich und wurden wütende, weiße
Männer, die sich in Bürgerinitiativen organisiert und dort, die
Kontrolle übernommen haben",
erklären uns die wütenden,
weißen Männer in der Welt, die deshalb eine Frau an die
Schreibfront geschickt haben. Tina KAISER lehnt sich mit ihrer
Beschreibung an das Buch Die neue Macht der Bürger. Was
motiviert die Protestbewegungen? (2013) von Franz WALTER und
andere an:
"Die Organisatoren des Protests
sind etliche Stunden in der Woche für ihre Formation unterwegs.
Nicht jeder Mensch ist dazu zu jeder Zeit der Biographie in der
Lage. Insofern findet man in der Trägergruppe des Protests
auffällig viele Hausmänner, Teilzeitangestellte, Freiberufler,
Schüler, Pastoren, Lehrer und - ganz besonders Vorruheständler,
Rentner und Pensionäre. Sie alle haben entweder reichlich freie
Zeit oder doch das Privileg, über ihren Zeithaushalt
vergleichsweise individuell und autonom disponieren zu können"
(2013, S.302),
schreibt Franz WALTER. Das
Problem des Buches ist jedoch, dass hier keineswegs eine
repräsentative Untersuchung des Bürgerprotests vorgelegt wurde,
sondern eine Reihe von Einzelfallstudien mit Befragung von
Aktivisten die Grundlage bildet. Diese Selektivität könnte zum
Zerrbild beitragen, denn wo sind eigentlich die neuen Hausfrauen,
die sich z.B. in Elternvereinen organisieren? Der Anteil der
einzelnen Altersgruppen schwankt zudem aufgrund der
Protestinhalte: Gegen Studiengebühren protestieren eher Eltern und
Studenten statt Rentner. Folglich ist das Bild vom Bürgerprotest
sehr einseitig, je nachdem welche Proteste gerade herausgegriffen
werden aus der großen Vielfalt.
Und wie kommt eigentlich ein
Diplomingenieur oder Betriebswirt an die abschlagfreie Rente mit
63? Haben die etwa mit 10 Jahren ihren Studienabschluss beim Lotto
gewonnen? müsste man im Hinblick auf HERZINGERs Artikel fragen.
Und warum wird gegen
Bürgerinitiativen polemisiert? Möchte man lieber in der Türkei
unter einem autokratischen Herrscher leben? Es zeigen sich hier
bedenkliche postdemokratische Tendenzen.
Ein beliebtes Totschlagargument
in Deutschland gegen unliebsamen Bürgerprotest sind die Weimarer
Verhältnisse. Erinnert sich heute eigentlich noch jemand an den
neoliberalen Aufstand um den pensionierten Historiker Arnulf
BARING und dessen
kläglichen Rentneraufstand, den die FAS nach der
Wiederwahl von Gerd SCHRÖDER organisiert hatte?
HERZINGER, Richard (2017): Ein Biotop für den Gestus des radikalen
Dagegenseins.
Die Systemopposition der Älteren
ist ein Aufstand von Verhinderern und Zerstörern des Neuen,
in:
Welt v. 15.04.
"Die Zahl der Frührentner
nimmt massiv zu. Es gibt immer mehr noch leistungsfähige und gut
ausgebildete Menschen, die viele Jahre aktiven Lebens vor sich
haben, nachdem sie aus dem Arbeitsleben ausgeschieden sind. Das
verändert die politische Kultur der Republik signifikant. So ist
das Phänomen »Wutbürger« nicht zuletzt ein Produkt des
anwachsenden Frührentnertums bei gleichzeitig steigender
Lebenserwartung. Im Jahr 2011 wählte bereits fast jeder zweite
Deutsche, der in Rente ging, den vorzeitigen Ruhestand. Mit der
2014 erfolgten Einführung der abschlagsfreien Frührente für
Arbeitnehmer ab 45 Berufsjahren hat diese Tendenz weiter
zugenommen. 2015 waren es schon 70 Prozent der Versicherten, die
sich vorzeitig aus dem Arbeitsleben in die Rente
verabschiedeten. Das Durchschnittsalter der Neurentner liegt
nunmehr bei knapp 62 Jahren",
ärgert sich Richard HERZINGER
(Die Online-Version gibt es
hier), der das Protestpotenzial gegen den Neoliberalismus
durch Arbeitszwang für Ältere beheben möchte. Seine Zahlen hat er
sich aber offenbar selber ausgedacht, denn
der Spiegel meldete zu Entwicklung des tatsächlichen
Renteneintrittsalters in Deutschland:
"Lag das Renteneintrittsalter
im Jahr 2000 noch bei 62,3 Jahren, kletterte es bis 2014 auf
64,1 Jahre. (...). Doch 2015 ist das Eintrittsalter wieder auf
64,0 Jahre gesunken".
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STOCKER, Frank (2017): Am demografischen
Scheideweg.
Die Alterung der Bevölkerung hat
eine neue Phase erreicht. Nun drohen den Staaten Minuswachstum und
Kostenlawinen. Doch es gibt Profiteure,
in:
Welt v. 15.04.
Frank STOCKER, Jahrgang 1968, greift sich aus den
widersprüchlichen Theorien zum demografischen Wandel jene heraus,
die seiner PR am besten entspricht. Er präsentiert uns Zahlen zur
Entwicklung der Weltbevölkerung, deren Herkunft er verschweigt:
"So wird die Zahl der
erwerbsfähigen Personen in Deutschland, also der Menschen zwischen
15 und 65 Jahren, von 53,4 Millionen im Jahr 2014 bis 2030 auf
rund fünf Millionen zurückgehen, in den folgenden Jahren dann
nochmals um über zehn Millionen."
Bei den Zahlen ist auffällig,
dass die Definition der erwerbsfähigen Bevölkerung nicht mit der
aktuellen 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des
Statistischen Bundesamtes übereinstimmt, die mit den Altersgrenzen
20-60, 20-65 und 20-67 Jahren operiert. Die Konsequenz der Wahl von
STOCKER ist, dass der Rückgang des Erwerbsfähigenpotenzials
dramatisiert wird, zumal Zahlen für 2060 reine Kaffeesatzleserei
ist.
STOCKER behauptet, dass der
Rückgang der Erwerbsfähigen nicht durch die Erhöhung des
Renteneintrittsalters, der Frauenerwerbsquote oder der Zuwanderung
kompensiert werden könne. Die
Möglichkeiten der Produktionssteigerung durch Digitalisierung und
Roboterisierung bleiben also unberücksichtigt.
STOCKER macht sich die
Position der Bank of America und ihrer Ökonomin Evelyn Hermann
zu eigen, die Investitionshemmnisse auf den demografischen Wandel
zurückführt. Das passt zu STOCKERs Polemik gegen den deutschen
Sozialstaat und insbesondere der Rentenpolitik. STOCKER verkündet
"griechische Verhältnisse" in Deutschland - und (fast) der ganzen
Welt. Als Ausweg wird uns Indien gepriesen:
"Geldanlagen in den indischen
Aktienmarkt könnten daher auch für deutsche und europäische
Anleger ein Ausweg aus der Demografiefalle in eigenen Land oder
anderen westlichen Ländern werden."
Als eine weitere Alternative wird
uns der "Silver Economy Index" der Investmentbank Société Génèrale
gepriesen, der auf Unternehmensgröße und Wirtschaftssektoren setzt,
die angeblich vom demografischen Wandel profitieren sollen. Man
fragt sich hier höchstens, ob STOCKER für diese PR auch noch Geld
bekommt.
Fazit: Seriöser Journalismus
sieht anders aus!
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SEITH, Anne
(2017): Revolution ohne Garantie.
Betriebsrenten: Die geplante Reform
soll schaffen, was Riester nicht gelang: die sinkenden gesetzlichen
Altersbezüge auszugleichen. Doch sie macht alles noch viel
komplizierter,
in:
Spiegel Nr.16 v. 15.04.
Anne SEITH betrachtet das Betriebsrentenstärkungsgesetz aus dem
Blickwinkel der Globalisierungsgewinner, die mobil im Job sind und
genügend Geld für die Altersvorsorge haben:
"Als Faustregel gilt: Wer
zweimal mit einer Betriebsrente den Job wechselt, der macht
wahrscheinlich eine negative Rendite",
wird eine Vertreterin der
Verbraucherzentrale zitiert.
Der Begriff "Kleinbetrieb" wird auf das Fallbeispiel einer
Internetagentur mit wenigen Mitarbeitern reduziert. Kleinbetriebe
werden uns dann als Nutzer von Direktversicherungen präsentiert und
deshalb das geplante Sozialpartnermodell in Frage gestellt. Peter
SCHWARK (GDV) wird als Gegner des Garantieverbots zitiert.
"Würde das Garantieverbot
aufgeweicht, hätten die Versicherer einen entscheidenden
Wettbewerbsvorteil in der neuen Betriebsrentenwelt. Pensionskassen
nämlich erfüllen nicht die nötigen Eigenkapitalvorschriften",
erklärt uns SEITH dazu. Die CSU
und der CDU-Abgeordnete Peter WEIß werden uns als Kämpfer gegen das
Sozialpartnermodell vorgestellt. Während die CSU das Garantieverbot
aufweichen will (Argument: niedriger Anteil von
Altersvorsorgeprodukte ohne Garantien), will WEIß die Opt-out-Regel
und die Pflicht der Weitergabe von Teilen der Sozialabgabenersparnis
der Arbeitgeber auf andere Varianten der Betriebsrente ausweiten.
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ZHANG, Wei (2017): Gib uns die tägliche Apokalypse.
Konfuzius greift nicht mehr - in
China herrscht in Sachen Moral beträchtliche Verwirrung,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 15.04.
"Die Verherrlichung deutscher
Tugenden reicht von der Hymne auf die Qualität deutscher Kochtöpfe
bis zum Lob der Ordnung im aufgeräumten Kabelraum einer deutschen
Fabrik. Die hohe Qualität deutscher Produkte wird auf die
moralisch integre Haltung der Hersteller zurückgeführt",
schreibt die Publizistin Wei
ZHANG über das moderne China. Das dürfte in etwa so stimmig sein wie
das China-Bild, das ein Buch von Amy CHUA vor Jahren über die
chinesische Erziehungsmethoden vermittelte.
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13.04.2017
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NIEDEN, Felix zur & Alexandros ALTIS
(2017): Lebenserwartung von Beamtinnen und Beamten.
Befunde und Auswirkungen auf
künftige Versorgungsausgaben,
in:
WISTA, Heft 2 v. 13.04.
Aus der folgenden Tabelle ist die
fernere Lebenserwartung der Gesamtbevölkerung im Vergleich zu den
Beamtinnen und Beamten gemäß der Sterbetafel 2010/2012 ersichtlich:
Tabelle:
Vergleich der ferneren Lebenserwartung in ausgewählten
Altersjahren für die
Gesamtbevölkerung sowie für Beamte und Beamtinnen 2010/2012 |
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Vollendetes Alter in
Jahren |
Männer |
Frauen |
|
Gesamt-bevölkerung |
Beamte |
Differenz |
Gesamt-bevölkerung |
Beamtinnen |
Differenz |
|
Jahre |
|
25 |
53,4 |
56,4 * |
+ 3,0 |
58,3 |
60,5 * |
+ 2,2 |
|
60 |
21,3 |
23,7 * |
+ 2,5
** |
25,0 |
26,9 * |
+ 1,9 |
|
65 |
17,5 |
19,5 * |
+ 2,1
** |
20,7 |
22,4 * |
+ 1,7 |
|
70 |
13,9 |
15,5 |
+ 1,6 |
16,6 |
18,1 |
+ 1,5 |
|
80 |
7,7 |
8,4 |
+ 0,7 |
9,2 |
10,2 |
+ 1,0 |
|
90 |
3,7 |
3,9 |
+ 0,2 |
4,2 |
4,6 |
+ 0,4 |
|
100 |
1,9 |
1,9 |
± 0,0 |
2,1 |
2,1 |
± 0,0 |
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Quelle: NIEDEN & ALTIS 2017, Heft 2, Tabelle 1, S.117
Anm.: * Schätzwerte unter Berücksichtigung von Annahmen; **
Abweichungen durch Rundungs-
differenzen |
Die Annahmen, die den
Schätzwerten unterliegen beschreiben NIEDEN & ALTIS folgendermaßen:
"Vor Alter 70 basieren die
Verläufe auf der Annahme, dass sich Sterblichkeitsunterschiede
zwischen Beamtinnen und Beamten und der Gesamtbevölkerung erst ab
Alter 26 und im Laufe des weiteren Erwerbslebens aufbauen, bevor
sie entsprechend des beobachtbaren Anpassungstrends wieder
abnehmen." (2017, S.116)
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Der
5. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung und
Pressemitteilung
1.026.000 Empfänger von Grundsicherung im Alter und bei
Erwerbsminderung im Dezember 2016 des Statistischen
Bundesamtes in den Medien
BUTTERWEGGE, Christoph
(2017): "Not vieler Familien verharmlost".
Der Politikwissenschaftler
Butterwegge kritisiert den fünften Armuts- und Reichtumsbericht der
Bundesregierung. Ein Gastbeitrag,
in:
Frankfurter Rundschau v. 13.04.
Christoph BUTTERWEGGE bemängelt, dass im Regierungsbericht das
Wort Kinderarmut nur in Fußnoten vorkomme. Außerdem werde die
Altersarmut mit Hinweis auf den Bezug der Grundsicherung im Alter
verharmlost:
"(E)ine altersgruppen- und
geschlechterspezifische Datenauswertung (ergäbe), dass die
Armutsbetroffenheit alleinlebender Greisinnen weit über dem
Bevölkerungsdurchschnitt liegt. Außerdem ist die Dunkelziffer
extrem hoch."
BUTTERWEGGE sieht zudem mit
Blick auf die hohe Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern
nach 1990 eine wachsende Altersarmut auf Deutschland zukommen.
CREUTZBURG, Dietrich
(2017): Ein Armutsbericht, viele Deutungen.
Die soziale Lage hat sich laut
Bundessozialministerium positiv entwickelt. Ministerin Nahles betont
aber vor allem Schattenseiten,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 13.04.
CREUTZBURG, Dietrich
(2017): Grenzen des Sozialen.
Kommentar,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 13.04.
Dietrich CREUTZBURG missbraucht den
OECD-Bericht über die Abgabenlast, um gegen den Sozialstaat
und dessen angeblich zu große Umverteilung zu polemisieren.
Der OECD-Bericht gibt aufgrund
seiner eingeschränkten Datenlage eine solche Kritik gar nicht her.
ÖCHSNER, Thomas
(2017): Weniger arme Alte.
Zahl der Empfänger von
Grundsicherung sinkt - aber nur leicht,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 13.04.
"Einfluss auf den Rückgang
hatte eine zum 1.1.2016 in Kraft getretene Reform des Wohngelds.
Bisherige Bezieherinnen und Bezieher von Grundsicherung gemäß
SGB XII profitieren seitdem unter Umständen von höheren,
vorrangig zu gewährenden Wohngeldbeträgen. Zudem führte eine
Rentenanpassung zum 1.7.2016 zu steigendem Einkommen für
Bezieherinnen und Bezieher von Rentenzahlungen. Dies gilt
insbesondere für Personen über der Altersgrenze, für die dadurch
möglicherweise kein Anspruch mehr auf Leistungen der
Grundsicherung nach dem SGB XII besteht",
heißt es beim Statistischen
Bundesamt zum Rückgang des Leistungsbezugs, der gerne als
Armutsdefinition missbraucht wird. Die Sozialverbände weisen
deshalb darauf hin, dass es eine verdeckte Armut gebe, weil Leute
aus Unwissenheit oder Scham die ihnen zustehende Leistung nicht in
Anspruch nehmen.
RIEL, Aert van
(2017): Pakt mit den Reichen.
ND-Tagesthema Armut und Reichtum in
Deutschland: Die Bundesregierungen machen seit Jahren Politik für
Wohlhabende. Ergebnis ist eine verfestigte Ungleichheit,
in:
Neues Deutschland v. 13.04.
RIEL, Aert van
(2017): Zahl der Hartz-IV-Kinder steigt seit Jahren.
ND-Tagesthema Armut und Reichtum in
Deutschland: Gegenüber 2011 ist die Zahl der Unter-18-Jährigen in
Bedarfsgemeinschaften um mehr als sechs Prozent gewachsen,
in:
Neues Deutschland v. 13.04.
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GROSSARTH, Jan (2017): Jugendstil.
Ein Künstler wagt den Neuanfang in
Görlitz. Mit achtzig. Das ist eine typische Geschichte für diese
Stadt, die alt ist und doch sehr in Bewegung. Jeder Vierte zog weg.
Aber für viele ist das zurückgelassende Paradies aus Barock und
Jugendstil, tief im Osten, wie ein Magnet,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 13.04.
Jan GROSSARTH betreibt Stadtmarketing für Görlitz, in deren
Altstadtsanierung Investoren viel Geld investiert haben, das sich
jedoch nicht wirklich rentiert, weil sich der Zuzug in Grenzen hält.
Nicht nur in GROSSARTH haben die Investoren einen Marktschreier:
"Die Stadt hatte 1990 noch rund
85.000 Einwohner, nach langem Schwund stagniert die Einwohnerzahl
nun bei rund 56.000. (...). Je schwächer die Wirtschaft, je mehr
Menschen Arbeit im Westen oder in Dresden und Leipzig suchen,
desto günstiger wurde das Wohnen: Der Kaufpreis für sanierte
Altbauten ist auf rund tausend Euro je Quadratmeter gesunken. Nach
Görlitz kommen arme westdeutsche Rentner und reiche Investoren,
Träumer und Hippies, denen Kellnern reicht."
Das zeigt die ganze Misere.
Görlitz fußt im Grunde nur auf einem Steuersparmodell:
"Die Investoren kaufen
Altbauhäuser, sanieren sie und mindern damit ihre Steuerlast. Nach
zwölf Jahren verkaufen sie die Wohnungen oft. Görlitz' Schönheit
ist ein Steuersparmodell. Fast schon gibt es mehr sanierte
Wohnungen als Menschen."
GROSSARTH porträtiert jene paar
Leute, die viel in die Stadt investiert haben und nun darauf warten,
dass der Ansturm auf die Stadt einsetzt. Trotz großer medialer
Aufmerksamkeit, scheint der Erfolg jedoch bisher auszubleiben,
weshalb uns GROSSARTH im besten Marketingdeutsch Görlitz als
"Baden-Baden des Ostens", d.h. als Rentnerparadies anpreist:
"Das westdeutsche Rentnermilieu
erinnert an Weimar. Ohne diese Alten, ihre Ersparnisse und
Pensionen wäre Görlitz heute nicht so weit restauriert. Und den
Alten gehört hier die Zukunft. Bis zum Jahr 2030 wird der Anteil
der Einwohner von mehr als achtzig Jahren in Görlitz um 40 Prozent
wachsen, sagt die Bertelsmann Stiftung voraus. Die
Gesamtbevölkerung werde bis dahin nochmals um gut zehn Prozent
schrumpfen. Görlitz ist schon heute die Region in Sachsen mit der
im Durchschnitt ältesten Bevölkerung."
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Die Altersvorsorge in der Schweiz in der Debatte
SCHÖCHLI, Hansueli (2017): Der Kulturwandel in der
Invalidenversicherung.
Der finanzielle Druck hat die
Politik zu diversen Reformen bei der Sozialversicherung inspiriert,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 10.04.
Nach der Reform ist immer nur
vor der Reform, weshalb uns Hansueli SCHÖCHLI nun das nächste
Projekt vorstellt: die Invalidenversicherung, d.h. das
schweizerische Äquivalent zur deutschen Erwerbsminderungsrente.
Den Neoliberalen ist die finanzielle Lage von
Sozialversicherungssystemen nie gut genug, weshalb SCHÖCHLI die
finanzielle Situation schlechtredet, bevor er sich dem Kern der
IV-Reform zuwendet. Den Unter-30-Jährigen soll nach dem Willen der
Arbeitgeber und ihren Lobbyvertretern auf keinen Fall mehr eine
Erwerbsminderungsrente zustehen. Die Regierung ist dagegen ein
Mindestalter festzusetzen. Gegen eine solche Grenze spricht auch
eine Studie, wonach bei ca. 60 Prozent der Fälle die frühe
Berentung durchaus gerechtfertigt ist.
FERBER, Michael (2017): "Junge Alte" schaffen neue Märkte.
Demografische Entwicklung hat
Folgen für Arbeitsmarkt und Alterspflege,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 10.04.
Weil die NZZ nun schon zum dritten Mal zur Veröffentlichung
der Lebenserwartung in der Schweiz nur in Sachen Rentenreform
berichtet, soll der Artikel von Michael FERBER vortäuschen, dass
des hier um mehr ginge. Grundlage ist eine
8-seitige Broschüre des neoliberalen Think Tanks Avenir SUISSE.
FERBER ist die Broschüre aber
nicht ausreichend dramatisch genug, was den Anstieg der "Rentner"
(über-65-Jährige) angeht. In der Broschüre Alterspyramide auf
solidem Fundament heißt es dazu:
"Gemäss den neusten
Referenzszenarien des Bundesamts für Statistik (A-00-2015) wird
die Zahl der 65-Jährigen und Älteren von 2015 bis 2035 um 61 %
steigen, von 1,5 Millionen auf 2,4 Millionen Personen. Im
gleichen Zeitraum wird die Bevölkerungsgruppe der 20- bis
65-Jährigen lediglich um 7 % zunehmen."
Bei FERBER heißt es dagegen:
"Gemäss BfS werden zwischen
2020 und 2035 die geburtenstärksten Jahrgänge dieser Generation
pensioniert. Die Behörde geht für die Periode 2015 bis 2045 von
einer massiven Alterung der in der Schweiz lebenden Bevölkerung
aus. In einem Referenzszenario erwartet die Behörde, dass die
Zahl der über 65-Jährigen in diesem Zeitraum um 84 % wächst,
während diejenige der 20- bis 64-Jährigen lediglich um 9 %
zulegt."
Zieht man das Referenzszenario
der Bevölkerungsvorausberechnung des BfS zu Rate, dann zeigt sich,
dass sich der Anteil der 65-Jährigen und Älteren in der Schweiz
von 18,0 % im Jahr 2015 auf 26,4 % erhöhen soll (vgl.
BFS 12.11.2015, Tabelle 7, S.76).
Bevölkerungsvorausberechnungen über 30 Jahre sind aber nicht mehr
als Kaffeesatzleserei.
Außerdem missfällt FERBER die
Schlussfolgerungen des Papiers, denn er behauptet das genaue
Gegenteil dessen, was im Papier steht. Während FERBER behauptet,
dass für ein flexibles Rentenalter plädiert werde, verficht die
Avenir Suisse eine Erhöhung des Renteneintrittsalters:
"So wünschbar eine
Flexibilisierung des Rentenalters für den Arbeitsmarkt auch ist,
leistet sie zur Stabilisierung der AHV-Finanzen keinen Beitrag.
Die Flexibilisierung des Rentenalters erfolgt in der AHV nach dem
Prinzip der Kostenneutralität . Wer früher in Pension geht,
erhält weniger Rente dafür länger, und umgekehrt. In der Summe
bleibt die gesamte Auszahlung gleich. Nur wenn für eine gegebene
Rente das Referenzrentenalter erhöht wird, werden die
AHV-Finanzen entlastet. Diese Massnahme entfaltet gleich eine
doppelte Wirkung: einerseits leisten Arbeitgeber und Arbeitnehmer
länger AHV-Beiträge, anderseits wird die Bezugsdauer der Rente
verkürzt." (2017, S.4)
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12.04.2017
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Der
OECD-Bericht
Taxing Wages 2017 und die RWI-Gutachten
Steuer- und Abgabenlast in Deutschland in den Medien
GAMMELIN, Cerstin (2017): Auf Werbetour mit Schäubles Milliarden.
SZ-Tagesthema Abgaben in
Deutschland: Neue Studien befeuern die Debatte: Pläne für
Steuersenkungen werden den Wahlkampf prägen,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 12.04.
Cerstin GAMMELIN vereinnahmt die Ergebnisse der Studien für die
Forderung nach Steuerentlastung. Die wichtigen Fragen werden
deshalb ausgeklammert. Ziel ist die Verdummung, denn wie anders
ist es zu erklären, dass zwar die Abgabenhöhe, aber nicht die
dafür geleisteten staatlichen Versorgungsleistungen
mitberücksichtigt werden.
Statt einer aussagekräftigen Bilanzierung werden uns Informationen
geliefert, die keine Aussagekraft haben. Was nützt es mir, wenn
ich in anderen Ländern eine niedrigere Abgabenlast habe, dafür das
Versorgungsniveau ein viel geringeres ist? Der Methodenanhang
nennt diese Problematik ausdrücklich unter der Rubrik
Einschränkungen:
"Because of the limitations
on the taxes and benefits covered in the Report, the data cannot
be taken as an indication of the overall impact of the
government sector on the welfare of taxpayers and their families.
Complete coverage would require studies of the impact of
indirect taxes, the treatment of non-wage labour income and
other income components under personal income taxes and the
effect of other tax allowances and cash benefits. It would also
require that consideration be given to the effect on welfare of
services provided by the state, either free or below cost, and
the incidence of corporate and other direct taxes on earnings
and prices." (S.576)
Unsere Journalisten
interessiert das indes nicht im Geringsten!
Vergleicht man die einzelnen
Presseartikel, dann fragt man sich als Leser, ob die jeweiligen
Journalisten möglicherweise ganz andere Studien gelesen haben.
GAMMELIN fokussiert auf den "alleinstehenden
Durchschnittsverdiener", ein Konstrukt, das nur auf den ersten
Blick einleuchtend erscheint, denn alleinstehend meint lediglich "unmarried",
also unverheiratet, d.h. die Haushaltssituation bleibt
unberücksichtigt. Zudem variiert die Erhebung des
Durchschnittseinkommen von Land zu Land, weshalb sich Differenzen
ergeben die beim Vergleich berücksichtigt werden müssen. So werden
für Deutschland nur Vollzeitkräfte berücksichtigt:
"An adult full-time worker in
the industry sectors covered whose wage earnings represent the
average for workers" (Methodenanhang,
S.564)
In vielen anderen Ländern
werden dagegen die Teilzeitkräfte in Vollzeitäquivalente
umgerechnet, z.B. Schweden oder die USA (vgl. Methodenanhang,
S.566f.). Gerade in Deutschland ist jedoch Teilzeitarbeit stark
verbreitet, weshalb die Ergebnisse gravierend verfälscht werden.
Der Durchschnittsverdienst liegt also in Deutschland viel zu hoch
im Vergleich zu anderen Ländern. Diese Einschränkungen werden uns
von GAMMELIN vorenthalten.
Im OECD-Bericht wird zwischen 8
Typen von Steuern- und Abgabenzahlern unterschieden. So werden bei
den Alleinstehenden 4 Typen unterschieden: 3 ohne Kinder (67 %,
100 % und 167 % des Durchschnittslohns) und 1 mit zwei Kindern mit
einem Verdienst von 65 % des Durchschnittslohns.
GAMMELIN legt viel Wert darauf,
die Abgabenlast zu dramatisieren:
"Normalverdiener (werden) so
besteuert wie früher nur Spitzenverdiener. Im Jahr 2005 (...)
zahlten rund 1,2 Millionen Arbeitnehmer den Spitzensteuersatz.
Momentan schätzt das Bundesfinanzministerium die Zahl auf mehr
als zwei Millionen. Auch gut bezahlte Facharbeiter, die in der
Automobilbranche oder im Anlagenbau arbeiten, zählen inzwischen
zu den Spitzenverdienern.
Im Jahr 2005 musste ein Spitzenverdiener doppelt so viel
verdienen wie der Durchschnitt. Heute ist es nur noch das
1,6-fache."
Die absoluten Zahlen sind wenig
aussagekräftig, wenn die Anzahl der Arbeitskräfte gestiegen ist.
So lang die Zahl der versicherungspflichtigen Arbeitnehmer im Jahr
2006 noch bei ca. 25 Millionen, während er 2014 bereits bei ca. 29
Millionen lag. Nur der Prozentanteil der Spitzenverdiener
wäre aussagekräftig. Zudem wird unterschlagen, dass seit 2007 ein
Reichensteuersatz von 45 % gilt.
Markus SIEVERS erklärt uns
dagegen in der heutigen FR, dass sich für den
alleinstehenden Durchschnittsverdiener die Situation seit 2003
verbessert habe. Denn damals musst er noch 53,2 Prozent seines
Bruttolohnes abführen, während 2016 nur noch 49,4 Prozent gewesen
sei.
Zum RWI-Gutachten erklärt uns
GAMMELIN:
"Ihr Ergebnis deckt sich mit
der (...) OECD-Studie über Lohnbesteuerung in Industrieländern."
GAMMELIN unterschlägt uns, dass
die OECD Daten für das Jahr 2016 liefert, während sich das RWI mit
seinen Angaben auf das Jahr 2015 bezieht.
Fazit: Wichtiger als eine
Entlastung bei den Steuern wäre für Gering- und
Schlechterverdiener eine breiter angelegte Finanzierung der
Sozialsysteme, z.B. durch Abschaffung der Beitragsbemessungsgrenze
in der Rentenversicherung und der Deckelung der Rentenhöhe, sodass
Reiche stärker zur Finanzierung herangezogen werden. Maßnahmen,
die die Einnahmesituation der Sozialversicherungen verschlechtern
sollten dagegen bekämpft werden.
KAISER, Tobias (2017): Was vom Gehalt übrig bleibt.
Die Steuer- und Abgabenlast ist
hierzulande weitaus höher als in anderen wohlhabenden
Volkswirtschaften. Dabei greift der Staat Singles tiefer in die
Taschen als Familien,
in:
Welt v. 12.04.
Tobias KAISER streicht vor allem die geringen Lasten der
Alleinverdienerehe in Deutschland heraus und nennt Ländern, in dem
die Lastenverteilung zwischen Alleinstehenden und Eheleuten noch
größer ist: Luxemburg, Tschechische Republik und Kanada.
KAISER berichtet zudem, dass es
der OECD in erster Linie um die Arbeitskosten der Unternehmen
geht, d.h. die Abgabenlast der Arbeitnehmer ist nur Mittel zum
Zweck, sozusagen ein Abfallprodukt. KAISER stellt deshalb auch die
Sozialversicherungsabgaben in den Vordergrund. Das neoliberale
Schweden wird uns als "Muster-Wohlfahrtsstaat" gepriesen, weil
dort Singles geringer besteuert würden als in Deutschland.
Als einziger nennt KAISER auch
die Einkommenshöhe des Durchschnittsarbeitnehmers für Deutschland:
"Zudem gehen die Experten
davon aus, dass ein Arbeitnehmer, der Vollzeit arbeitet,
hierzulande im vergangenen Jahr durchschnittlich 47.809 Euro
brutto verdient hat."
Die Zahl ist in der
Online-Publikation, S.290 nachzulesen. Andere Journalisten haben
sich die Mühe offensichtlich nicht gemacht!
SIEVERS, Markus
(2017): Die Mitte zahlt.
Die Finanzierung des deutschen
Sozialstaats ist nicht gerecht verteilt.
in:
Frankfurter Rundschau v. 12.04.
Markus SIEVERS fokussiert
darauf, dass Geringverdiener ganz andere Sorgen plagen als Besser-
und Spitzenverdiener. Nicht die Einkommenssteuer, sondern die
Verbrauchssteuern müssten in deren Interessen gesenkt werden.
GREIVE, Martin & Dana HEIDE (2017): Ruf nach Reformen.
Ein weltweiter Vergleich unter
Industriestaaten zeigt: Nur in Belgien ist die Steuer- und
Abgabenlast für Singles höher als in Deutschland. Dennoch ist
ungewiss, ob es nach der Wahl Entlastungen gibt,
in:
Handelsblatt v. 12.04.
Wie der SZ geht es dem
Handelsblatt um Steuersenkungen, wobei Carsten LINNEMANN
(CDU-Mittelstandsvereinigung), Hermann Otto SOLMS (FDP) und
Johannes KAHRS (SPD) zitiert werden.
CREUTZBURG, Dietrich
(2017): Staat nimmt Mittelschicht halbes Einkommen.
Nicht nur die Spitzenverdiener
müssen die Hälfte ihres Bruttoeinkommens an den Staat abgeben.
Manche Normalverdiener zahlen sogar noch mehr,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 12.04.
Im Kommentar wütet Holger
STELTZNER Deutschland sei Weltmeister im Schröpfen und in der Welt
kommentiert Jan DAMS: Der Bürger wird geschröpft. Blickt man in
die Neue Zürcher Zeitung, wird uns dort ein Schaubild präsentiert,
bei dem die Schweiz weit oben und Deutschland weit unten rangiert.
Natalie GRATWOHL nörgelt jedoch, dass die Schweiz zu gut weg
komme, weil die OECD-Statistik die tatsächlichen Belastungen
verzerre:
"So müssen hierzulande neben
Steuern und Abgaben auch obligatorische Beiträge an
nichtstaatliche Institutionen (Krankenkasse, berufliche Vorsorge)
entrichtet werden."
Ist also die Abgabenlast in
Deutschland nur deshalb scheinbar so hoch, weil in anderen Ländern
das Sozialsystem anders organisiert wird und deshalb die
Abgabenlast verzerrt wird? Davon lesen wir hierzulande nichts,
denn die Mainstreampresse, die die Interessen der oberen
Mittelschicht vertritt, will empören und davon ablenken, dass die
präferierten Steuerentlastungen für Gering- und
Schlechterverdiener für diese weniger profitabel sind als für die
Besser- und Spitzenverdiener.
GRATWOHL, Natalie
(2017): Wo lohnt sich die Arbeit?.
In der Schweiz ist die Belastung
der Lohnempfänger nicht einmal halb so hoch wie in Deutschland,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 13.04.
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KROHN, Philipp
(2017): Eliten.
Bekommen die da oben noch mit,
worüber die da unten sich Sorgen machen? Politiker, Manager, Medien
und staatliche Institutionen erleben eine Vertrauenserosion. Wie
konnte das passieren? Antworten aus der Spitze der Wirtschaft,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 13.04.
Philipp KROHN hat drei Angehörige der Eliten befragt, als ob eine
solche Befragung neue Erkenntnisse geben könnte. Die Einstellungen
unserer Eliten hat der Soziologe Michael HARTMANN wesentlich
umfangreicher erhoben. Die Untersuchung hat deutlich gezeigt, dass
die meisten Eliten in einer eigenen Welt leben, die mit der Welt, in
der die Bevölkerung lebt, wenig zu tun hat. Der Artikel zeigt
deutlich, dass sich daran in der Zwischenzeit nichts wirklich
geändert hat. Die Eliten sehen das Problem in "Fehlleistungen"
Einzelner und Strukturen, die sie nicht zu verantworten haben. Die
Lösung des Problems sehen sie in einer besseren Information der
Nichtwissenden, also der Nicht-Eliten.
"Für einen Irrglauben hält
Frank-Jürgen Weise, dass die Arbeitsmarktreform vor eineinhalb
Jahrzehnten die Spaltung verschärft habe",
wird uns erklärt. Anders
formuliert: Wer die Agenda 2010 für falsch hält,
muss nicht ernst genommen werden, sondern höchstens zum richtigen
Glauben bekehrt werden. Dies zeigt bereits, dass es keinen Konsens
mit unseren Eliten geben wird.
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Gebietsreformen in der
Debatte
NEIßE, Wilfried
(2017): "Banane" wird zweigeteilt.
Brandenburg: Landesregierung
korrigiert Pläne zur Kreisreform. Kein Einheitskreis im Süden,
in:
Neues Deutschland v. 12.04.
Wilfried NEIßE berichtet über
den Rückzug der rot-roten Landesregierung von ihrer ursprünglichen
Kreisreform. Dies könnte der erste Schritt zum Scheitern der
Reform sein, die erbittert von einer "Volksinitiative" bekämpft.
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LASCH, Hendrik
(2017): Auf dem Land spielt die Musik.
Wie Bürgermeister Andreas Brohm in
Tangerhütte den Altmark-Blues vertreibt,
in:
Neues Deutschland v. 12.04.
"Von 2008 bis 2025 sagte das
Statistische Landesamt voraus, werde die Einwohnerzahl um 25
Prozent sinken. Dabei wohnt hier schon jetzt kaum jemand:
Tangerhütte mit seinen 30 weit verstreuten Ortsteilen hat zwar mit
295 Quadratkilometern mehr Fläche als Frankfurt (Main), aber nur
ein Zweiundsechzigstel der Einwohnerzahl: exakt 11.005, Tendenz
fallend",
berichtet uns Hendrik LASCH über
die Gemeinde
Tangerhütte im Landkreis Stendhal in Sachsen-Anhalt, die mit
ihrem Bürgermeister einen eloquenten Vermarkter der Landgemeinde hat
und dadurch überregionale Aufmerksamkeit erhält. Inwiefern dadurch
der Abwärtstrend gestoppt werden kann, wird die Zukunft zeigen
müssen.
LASCH, Hendrik
(2017): Landlust bei der Regierung.
Sachsen-Anhalt denkt über neues
Staatsziel nach,
in:
Neues Deutschland v. 12.04.
Hendrik LASCH geht auf den
Stimmungswechsel im Land Sachsen-Anhalt ein, das im Jahr 2004 mit
dem Strategiepapier 68-seitigen Sachsen-Anhalt 2020 des
SPD-Politikers Jens BULLERJAHN eine Abkehr von der Gleichwertigkeit
der Lebensverhältnisse einleiten wollte:
"Für ländliche Räume und
Ballungsgebiete wird des unterschiedliche Entwicklungswege geben
müssen",
zitiert LASCH. Heute fordert vor
allem Reiner KLINGHOLZ Vielfalt statt Gleichwertigkeit. Die
Grünenpolitikerin Claudia DALBERT will dagegen die Gleichwertigkeit
der Lebensverhältnisse in die Verfassung des Landes aufnehmen, das
von derzeit von einer CDU/SPD/Grünen-Koalition regiert wird.
"In Sachsen-Anhalt leben nach
Angaben der Regierung 1,7 Millionen Menschen auf dem Land, 80
Prozent der Gesamtbevölkerung. Im ländlichen Raum werden zudem 75
Prozent des sachsen-anhaltinischen Bruttoinlandsprodukts erzeugt",
berichtet LASCH über das
ostdeutsche Bundesamt.
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LACHMANN, Harald
(2017): Geschäfte mit dem Tod.
Fast die Hälfte der Krematorien in
Deutschland arbeiten inzwischen privatwirtschaftlich,
in:
Neues Deutschland v. 12.04.
"Für 2016 fehlt noch die
Statistik, doch jene 925.200 Bundesbürger, die allein 2015 zu
Grabe getragen wurden, bedeuteten einen sehr deutlichen Sprung
gegenüber dem Jahr zuvor. Das erste Mal seit 1991 überstieg in der
latent alternden Gesellschaft diese Zahl wieder die Markte von
900.000.
(...)(In) Landau bei Kaiserslautern, eröffnete (...) das überhaupt
erste rein privatwirtschaftlich betriebene Krematorium der
Republik.
Erst 20 Jahre ist das her. (...) Von den 159 Krematorien arbeiten
inzwischen 72 als Kapitalgesellschaften. Lediglich 87 Krematorien
werden (...) noch kommunal geführt, so wie jenes im thüringischen
Gotha, das 1878 als erstes im deutschsprachigen Raum (...)
entstand",
berichtet Harald LACHMANN über
die Entwicklung der Feuerbestattungen in Deutschland. Immer mehr
Angehörige lassen zudem ihre Verstorbenen in den Niederlanden oder
der Schweiz bestatten, weil dort keine Friedhofspflicht für die
Urnen besteht.
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SEESSLEN, Georg
(2017): Heimat, Volk und Elite.
Schlagloch: Drei Begriffe, die man
früher von links denken konnte. Das geht heute nicht,
in:
TAZ v. 12.04.
Georg SEESSLEN liefert einen
Parforceritt durch die Demokratiegeschichte, die dann in einer
Schwarz-Weiß-Malerei zu endet:
"Wenn es die Aufgabe einer
demokratischen Regierung ist, die Interessen der Eliten ebenso zu
vertreten wie die des Volkes, so gibt es wohl zwei Möglichkeiten,
nämlich entweder für einen sozialen und materiellen Ausgleich zu
sorgen (der skandinavische Weg...) oder aber für ein
wirtschaftliches Wachstum (»um jeden Preis«), der auch uns, dem
Volk, eine stetige Verbesserung in Aussicht stellt."
Skandinavien ist keineswegs mehr
das Wohlfahrtsidyll als das es noch in den 1980er Jahren galt,
sondern dort ist der Rechtspopulismus früher als hierzulande
erfolgreich gewesen und auch die Neoliberalisierung ist an
Skandinavien keineswegs spurlos vorbeigegangen. Nur Nostalgiker wie
SEESSLEN können darüber hinwegblicken.
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11.04.2017
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MENKENS, Sabine
(2017): Gehören Kinderrechte wirklich ins Grundgesetz?
Ein breites Bündnis spricht sich
für eine Neufassung des Artikels aus. Kritiker befürchten, dass sich
der Staat noch mehr in die Familien einmischt,
in:
Welt v. 11.04.
SPOERR, Kathrin
(2017): Die Feinde der Kinder.
Kommentar,
in:
Welt v. 11.04.
Für Kathrin SPOERR sollen Kinderrechte die Prenzlauer Berg-Eltern
gängeln, statt dafür zu sorgen, dass Sozialhilfemütter und -väter
ihre Sozialhilfe nicht versaufen und ihre Kinder nicht
vernachlässigen
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REINSCH, Melanie
(2017): Ein schwieriger Weg ins Leben.
Leidartikel: Die Eizellspende ist
in Deutschland verboten, aber viele Paare weichen ins Ausland aus.
Sollte es dabei bleiben? Oder wäre es doch angemessen, das Verfahren
gesetzlich zu regeln?
in:
Frankfurter Rundschau v. 11.04.
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LOOMAN, Volker (2017):
Dividenden sind kein Ersatz für Rendite,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 11.04.
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Der Bericht
World
Economic Outlook des IWF in den Medien: Face-Liftung des
Neoliberalismus
GAMMELIN, Cerstin & Alexander
HAGELÜKEN (2017): Neoliberal war einmal.
Immer mehr internationale
Organisationen sorgen sich um die Ungleichheit. Eine Lösung: höhere
Steuern für Reiche,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 11.04.
GAMMELIN & HAKELÜGEN wollen
eine Trendwende erkennen, weil sich die Rhetorik der neoliberalen
Organisationen OECD und IWF geändert hat. Für den Neoliberalismus
stellt Ungleichheit einen Arbeitsanreiz dar, der wiederum die
Profite und das Wirtschaftswachstum steigern soll. Aus dieser
Sicht kann Ungleichheit dysfunktional werden. Das ist keine neue
Einsicht, sondern gehört zu den Glaubensgrundsätzen Neoliberaler.
Ungleichheit kommt in neoliberaler Sicht also erst dann in den
Blick, wenn die Profite und das Wirtschaftswachstums bedroht
erscheinen. Mit Trendwende hat das also nichts zu tun, sondern
damit, dass sich die Bedingungen neoliberaler Politikdurchsetzung
verändert haben.
Fazit: Eine Ende des
Neoliberalismus ist nicht in Sicht, solange die Definition der
Ungleichheit an den Bedürfnissen des Finanzkapitalismus und nicht
an den Bedürfnissen der Bevölkerung orientiert ist.
SIEVERS, Markus
(2017): Arbeitnehmer sind die Verlierer.
Internationaler Währungsfonds führt
sinkende Lohnquote auf technischen Fortschritt zurück,
in:
Frankfurter Rundschau v. 11.04.
Markus SIEVERS stellt der
Ursachenzuschreibung des IWF eine alternative Deutung des DGB und
dessen Verteilungsbericht gegenüber. Danach ist die
Finanzialisierung, d.h. die Investition der Unternehmen in den
Kapitalmarkt statt in die Realwirtschaft das Problem, das die
Belegschaften in die Defensive bringt.
Man könnte sagen, der DGB
stellt seinen Einzelgewerkschaften ein schlechtes Zeugnis aus,
denn schließlich soll das mit dem Betriebsrentenstärkungsgesetz
geplante Sozialpartnermodell gerade die Finanzialisierung mit
Hilfe der Belegschaften stärken. Oder anders formuliert: Die
Gewerkschaften ziehen sich selber mit ihrer Strategie den Boden
unter den eigenen Füßen weg! Wer in der Altersvorsorge die
Kapitaldeckung stärkt, ist Teil des Problems und nicht die Lösung.
SIEVERS, Markus
(2017): Von oben nach unten.
Kommentar: Moderne Politik muss
umverteilen,
in:
Frankfurter Rundschau v. 11.04.
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KOLBE, Uwe
(2017): "Aber das konnten Sie doch gar nicht wissen".
In heutigen Integrationsdebatten
hilft ein Blick auf die Geschichte - Klaus Bade liefert einen Abriss,
in:
Neues Deutschland v. 11.04.
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10.04.2017
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HEIDENREICH, Ulrike (2017): Oma schafft das.
Eine Studie weiß: Gebildete
Großmütter bekommen mehr Enkel,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 10.04.
Die Demografin Maria Rita TESTA ist bekannt dafür dem Zeitgeist
hinterher zu hecheln. Rief sie noch Mitte der Nuller Jahre mit ihren
Zunftkollegen die
Niedrigfertilitäts-Falle aus (die von Frank "Panik" SCHIRRMACHER
im Buch "Minimun" popularisiert wurde), wonach die Geburtenrate
zwangsläufig immer stärker sinken müsse, weil sich eine Kultur der
Kinderlosigkeit unter den Hochgebildeten gebildet habe, so erklärt
sie uns nun - welch ein Wunder - das genaue Gegenteil: Hochgebildete
sollen nun mehr Kinder als die Ungebildeten bekommen.
Genauso wie die
Niedrigfertilitäts-Falle ist das nur zeitgeistiger Unsinn, denn
TESTA hat lediglich KinderWÜNSCHE untersucht, die bekanntlich wenig
über die tatsächliche Kinderzahl aussagen - und Ursachenerklärungen
lassen sich mit Querschnittsdaten sowieso nicht belegen!
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BALSER, Markus (2017): Betriebsprüfung im Bundestag.
Die Verwaltung soll falsche
Rentenbescheide erstellt haben,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 10.04.
Eine erstaunliche Leistung: Nach Jahrzehnten wird nun bekannt,
dass einem Teil der Bundestagsabgeordneten ihre Rente nach
West-Rentenwerten abgerechnet wurde, obwohl ihre Arbeitsstelle im
Osten liegt und deshalb der niedrigere Ost-Rentenwert zu gelten
hätte. Man darf also gespannt sein, ob nun eine Lex Bundestag
verabschiedet wird, um die Rente der Abgeordneten zu retten!
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PFEIFFER, Hermannus
(2017): Lieber ohne Mann.
Verdient eine Frau mehr als ihr
Partner, verwaltet sie ihr Geld lieber allein,
in:
Neues Deutschland v. 10.04.
Bericht über die Studie
When My Money Becomes Our Money: Changes in Couples Money Management
von
Yvonne Lott, die von der Hans-Böckler-Stiftung
vorgestellt wurde.
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FRIEDRICH, Sebastian
(2017): Eine neue Klassenpolitik.
Warum wir die Kritik an der AfD mit
einer Kritik an der herrschenden Politik verbinden sollten,
in:
Neues Deutschland v. 10.04.
Abdruck aus dem gerade erschienenen Buch
Die AfD: Analysen - Hintergründe - Kontroversen von
Sebastian FRIEDRICH. In der AfD verbindet sich für den Autor
Neoliberalismus und Nationalkonservatismus, weshalb er ein neues
linkes Projekt fordert, das nicht an das traditionslinke
Klassenkonzept anknüpfen kann, sondern die Entwicklungen zur neuen
Klassengesellschaft berücksichtigen muss.
Ein Problem der Linken ist es
jedoch, dass sie im neoliberalen Zeitgeist mitgeschwommen sind. Dazu
zählt er auch Didier ERIBON ("Rückkehr nach Reims"),
dessen sozialer Aufstieg sich in diesem Kontext vollzog:
"Letztlich ist ein Teil der
Linken ein gewolltes oder ungewolltes Bündnis mit dem »weltoffenen
Neoliberalismus« eingegangen - auch und gerade im Sinne des
eigenen sozialen Aufstiegs. Das hat kaum jemand anschaulicher
beschrieben als der französische Philosoph Didier Eribon."
Im Gegensatz dazu sieht sich
Didier ERIBON nicht als Neoliberaler, sondern er verortet seinen
Aufstieg in der homosexuellen Pariser Szene. FRIEDRICHs Zitat zur
"sozialistischen Linken" in Frankreich könnte hier einen falschen
Eindruck erwecken. Historische Gelegenheitsstrukturen kanalisieren
jedoch die sozialen Aufstiege in den jeweiligen
Gesellschaftskontexten. Ändern sich die Kontexte, so ändern sich
auch die Aufstiegswege. In diesem Sinne sind heutige Kritiker in
einer privilegierten Situation, denn die historischen
Gelegenheitsstrukturen haben sich mittlerweile geändert. FRIEDRICH
setzt auf ein neues Bild von der Arbeiterklasse, denn:
"Eine Neue Klassenpolitik kann
die Kämpfe der Neuen Linken nach 68 nicht vergessen.
Der Schlüssel für eine Klassenpolitik auf der Höhe der Zeit liegt
darin, die realen Unterschiede innerhalb der Lohnabhängigen nicht
zu verwischen, sondern sie zum Ausgangspunkt für die Analyse und
die Praxis zu machen."
Man könnte darauf antworten: Auch
der Verrat der 68er an der Arbeiterklasse lässt sich nicht
ausblenden. So wie die Sozialdemokratie an ihrer Agenda-Politik
gemessen wird, so wird die Neue Linke an der Abwendung von der
Arbeiterklasse gemessen werden. Dazu liest man jedoch bei FRIEDRICH
- und auch anderen - nichts. Aber genau das ist ein Problem jeden
neuen linken Projektes.
FRIEDRICH sieht die neuen
Klässenkämpfe nicht auf den Arbeitsplatz beschränkt, sondern auch
das Wohnen soll Teil der Kämpfe werden. Auch hier gilt:
Hausbesetzerszene und Gentrifizierungsproteste fokussierten viel zu
lange die Mittelschichtprobleme von Studenten und Akademikern,
während die Interessen der Nicht-Akademiker außen vor blieben. Dass
sich das erst in der Flüchtlingskrise und unter dem Druck des
Rechtspopulismus änderte, steht einer bruchlosen Umdeutung linker
Projekte im Wege.
Fazit: Eine neue Klassenpolitik
einfach nur zu proklamieren ist zu wenig, um neue Wählergruppen zu
erreichen. Dazu ist das Image der Linken zu ramponiert!
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HEIN, Dörthe
(2017): Zuerst ist Karlsruhe am Zug.
Sachsen-Anhalt braucht ein neues
Kita-Gesetz, will aber auf Vorgaben vom Verfassungsgericht warten,
in:
Neues Deutschland v. 10.04.
"An diesem Mittwoch wird sich
das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe mit den Zuständigkeiten
für die Kitas in Sachsen-Anhalt befassen. Diese waren 2013 von den
Gemeinden auf die Landkreise und kreisfreien Städte übertragen
worden",
berichtet Dörthe HEIN. Das neue
Kinderförderungsgesetz soll die Qualität der Kinderbetreuung
verbessern helfen, einer Gebührenfreiheit wird dagegen aus
Kostengründen eine Absage erteilt.
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NEUES DEUTSCHLAND-Tagesthema:
Digitale Finanzgeschäfte
DYER, John
(2017): Fondsmanager haben ausgedient.
BlackRock ersetzt im Aktiengeschäft
zunehmend Menschen durch Algorithmen,
in:
Neues Deutschland v. 10.04.
BlackRock vewaltet ca. 5.000 Milliarden Dollar berichtet Hermannus
PFEIFFER in seinem Artikel Die unbekannte Börsenmacht. Da nehmen
sich die 30 Milliarden Dollar (weniger als 1 %), die von
aktiv auf passiv gemanagte Fonds umgestellt werden und im Artikel
von John DYER zum Aufhänger des Tagesthema werden, mehr als
mickrig aus. Entscheidender ist hier wohl der Siegeszug von
ETF-Indexfonds, der insbesondere von der kapitalgedeckten
Altersvorsorge getrieben wird.
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DPA
(2017): Kryptische Briefe der Assekuranz.
Lebensversicherer lassen Kunden im
Unklarheit,
in:
Frankfurter Rundschau v. 10.04.
Die Agenturmeldung befasst sich
mit den so genannten Standmitteilungen von Lebensversicherern, die
Aufschluss über den Stand der privaten Altersvorsorge geben soll.
Dass die Kritik an den Standmitteilungen vor allem von Konkurrenten
im Geschäft mit den Lebensversicherern kommt, ist ein Armutszeugnis
für den deutschen Verbraucherschutz. So kritisiert der
Versicherungsmathematiker Henning KÜHL von Policen Direkt-Gruppe:
"Das Unternehmen, das Policen
ankauft, hat nach eigenen Angaben in diesem Jahr bisher 2.500
Mitteilungen von Renten- und Kapitallebensversicherungen unter die
Lupe genommen. Das Ergebnis: Um zu ermitteln, wie viel eine
Lebensversicherung wert ist, fehlten häufig wichtige
Informationen. Dazu gehörten etwa der Rückkaufwert, die Leistung
im Todesfall oder die Summe der bisher eingezahlten Beträge."
Die genannten Angaben würden vor
allem das Geschäft dieser Zweitverwerter profitabler machen. Es ist
deshalb schon eine Ironie, wenn Konkurrenten zu Verbündeten der
Versicherer werden müssen, um den Verbraucherschutz vor sich her zu
treiben.
Die Finanzmarktwächter der
Verbraucherzentralen haben dagegen gerade einmal 68
Standmitteilungen unter die Lupe genommen und auch nur klassische
Kapitallebensversicherung. Dieses Segment wird jedoch von immer
weniger Lebensversicherungen bedient, weil diese ihre Garantien
loswerden wollen und stattdessen das Risiko auf die Versicherten
abwälzen.
Fazit: Kündigung oder
Beitragsfreistellung werden uns als die beiden Optionen von
Versicherten beschrieben, bei denen Standmitteilungen eine Hilfe
sein sollten, aber dank ineffizientem Verbraucherschutz nicht sind!
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Oliver Nachtwey - Die Abstiegsgesellschaft
HAFNER, Urs (2017): Wenn die Leiter wankt.
Oliver Nachtwey riskiert eine
Zeitdiagnose: Wir leben in einer "Abstiegsgesellschaft",
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 10.04.
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Die Altersvorsorge in der Schweiz in der Debatte
STADLER, Rainer (2017): SRG steckt viel Geld in die Pensionskasse.
Schwarze Zahlen im Betriebsjahr
2016,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 10.04.
"Der öffentliche Rundfunk stellte im Jahr 2013 auf den
Beitragsprimat um und garantierte dabei, bei einer Senkung des
technischen Zinssatzes die entstehende Finanzlücke während fünf
Jahren zu schliessen. Dafür setzte die SRG bereits 230 Millionen
Franken ein, weshalb sie 2015 und 2012 mit tiefroten Zahlen
abschloss", vermeldet Rainer STADLER.
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09.04.2017
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HANK, Rainer & Bettina WEIGUNY
(2017): Public Private Partnership.
Die Familie war einmal eine private
Angelegenheit. Heute ist sie ein Staatsunternehmen zur Disziplinierung
wickelfauler Väter,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 09.04.
Wenn die Profitinteressen der Wirtschaft auf dem Spiel stehen,
dann können die FAS-Autoren richtig gehässig werden.
Public-Private-Partnership ist eigentlich eine Lieblingsvokabel der
Neoliberalen, die uns bei Privatisierungen als Nonplusultra
gepriesen wurde. Wenn aber nicht Unternehmen, sondern Familien (im
Grunde eigentlich nur die Frauen) die Partner des Staates sind, dann
werden Neoliberale zu Neokonservativen: Die Familie soll das letzte
Bollwerk gegen den Kapitalismus bleiben - was sie sowieso nur für
das (Groß-)bürgertum war, denn die Unterschichten waren seit dem
Aufstieg des Bürgertums immer schon deren Disziplinierungsobjekte.
Athen wird uns dann zum Vorbild empfohlen, natürlich nur die Antiker
und nicht die heutigen Griechen:
"Dass aber der Staat sich in
das Kleinunternehmen Familie einmischt, war nicht erwünscht, sieht
man einmal von der Armenhilfe ab."
Armenhilfe klingt natürlich viel
besser als Disziplinierung.
Die Profitinteressen der Wirtschaft erscheinen bei HANK & WEIGUNY
als Individualinteressen der Männer:
"Karriere macht nach wie vor,
wer mindestens 40 oder 50 Stunden schuftet. (...) und das gilt es
zu unterbinden, damit die gläserne Decke, der »Gender Pay Gap« und
die Altersarmut unter Frauen ein für alle Mal der Vergangenheit
angehören. Genau wie der Macho und Alleinverdiener, der schon
lange zum Übel dieser Gesellschaft zählt und dafür entsprechend
zur Kasse gebeten wird,"
heulen uns die FASler die
Ohren voll. Man möchte da eigentlich nur wissen, seit wann das
Ehegattensplitting in Deutschland abgeschafft wurde, das die
Alleinkarrieristen mit ihrer Hausfrau an der Seite bevorzugt. Leben
HANK & WEIGUNY in einer Parallelwelt?
"Das Elterngeld von jährlich
mehr als sechs Milliarden Euro spendiert jungen
Doppelverdiener-Paaren eine familiäre Auszeit. Das entspricht dem
Geschmack der Generation Y, die schon beim Vorstellungsgespräch
nach einem Sabbatical fragt und die Elternzeit gerne auf staatlich
subventionierten Reisen verbringt",
keifen HANK & WEIGUNY. Das
Elterngeld ist bei ihnen also nicht deshalb umstritten, weil es ein
Instrument der qualitativen Bevölkerungspolitik (Die Kinder von
Akademikern sollen mehr wert sein als jene der Nicht-Akademiker)
ist, sondern weil es die Profite der Wirtschaft schmälert. Statt
Auszeiten zu nehmen, sollen die Männer schließlich schuften und die
Frauen ihre Kinder selber erziehen! Statt die Familie zu
subventionieren, sollte also die Wirtschaft subventioniert werden.
Das Elterngeld ist den Autoren aber nicht zuwider, sondern nur zu
ineffizient:
"Das Elterngeld sollte einen
Babyboom unter Akademikern auslösen (da tut sich ein bisschen was,
obwohl Ausländerinnen fruchtbarer sind)".
Die Falschen bekommen also nach
Meinung von HANK & WEIGUNY immer noch zu viele Kinder und die
Richtigen zu wenig.
"Fragt man (...), wer denn mehr
Geld kriegen soll, kommen die Armen zum Schluss, Schulen und Kitas
für die Mitte dagegen rangieren ganz vorne."
Wenn es um die
Wirtschaftsinteressen geht, dann wird die FAS plötzlich zum Anwalt
der Armen. Geht es um die Erhöhung des Kindergeldes oder der
Hartz-IV-Sätze, dann geifern sie: Mehr Geld für die Armen? Unnötig!
Das wird sowieso nur versoffen. Ziemlich verlogen, oder nicht?
Den Staat wollen HANK & WEIGUNY
auf einen Nachtwächterstaat zurückschrauben, der nur noch für
"äußere und innere Sicherheit" zuständig ist. Ein Sozialstaat wäre
in diesem Sinne nur in dem Maße funktional wie er zur inneren
Sicherheit beiträgt. Er hat also in neokonservativer Sicht eine
Befriedungsfunktion. Dann stellt sich jedoch die Frage, wann der
Sozialstaat in dieser Sicht dysfunktional wird. Darauf gegen uns die
FASler keine Antwort, denn darüber könnte man sich dann
endlos streiten!
HOLZER, Boris (2017): Ungleich, aber gerecht?
Soziale Systeme: Ernüchternde
Neuigkeiten zu der Frage, warum Frauen im Schnitt weniger verdienen
als Männer,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 09.04.
Boris HOLZER untermauert die Polemik von HANK &
WEIGUNY auf der Wissenschaftsseite mit einer passenden
Interpretation einer Untersuchung, die die Gender Pay Gap als
gerecht beschreibt und die Elternzeit zum Nachteil für Frauen
stilisiert. Wenn es der Sache dient, dann werden die FAS-Autoren
sogar zu Volksverstehern, auch wenn ansonsten das Volk außen vor zu
bleiben hat und die Eliten das Sagen haben.
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GUMBRECHT, Hans Ulrich (2017): Wie viel Moral passt
in Hass?
Maxim Billers "Tempo"-Kolumnen
"Hundert Zeilen Hass" erscheinen als Buch. Warum man sie auch heute
noch lesen muss. Ein Vorabdruck,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 09.04.
Hans Ulrich GUMBRECHT stellt uns die Kolumnen von
Maxim BILLER aus den Jahren 1987 bis 1999 vor - also aus der
glorreichen Zeit, als der Neoliberalismus in Deutschland noch ein
unschuldiges Versprechen war. Identität ist ein Konzept, das
GUMBRECHT ablehnt und dadurch erst überhöht. An die Stelle der
Identität tritt bei BILLER das Konzept "Leben":
"Alles, was zum
Nervenzusammenbruch führen kann, steht in Billers Beschreibungen
für »Leben« (...). Leben ist das Gegenteil von Betulichkeit".
Die Großstadt wird da zum
Inbegriff von Leben. Eine Ironie des Schicksals ist, dass die
heutige Großstadt durch die neoliberale Gentrifizierung zum
Gegenteil von Leben geworden ist: Ein Ort suburbaner Betulichkeit!
BILLER ist quasi ein früher Wutbürger (Eine Einordnung, die ihm
sicherlich nicht gefallen würde). Der typische BILLER-Sound ist
bereits in dem 1991 erschienenen Buch
Die Tempojahre nachzulesen. Und es gibt wohl keinen
BILLER-Satz, der treffender wäre und heutzutage mehr denn je gilt:
"sie reproduzieren lediglich
alte Verhaltensweisen, die einst rebellisch und ein bißchen weise
waren, heute aber nichts anderes als bequem".
Das gilt auch für die GUMBRECHTs
dieser Welt, die lieber Opfer als Täter wären - also ihre Identität
wechseln würden.
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KAUBE, Jürgen (2017): Gerechtigkeit von Sankt
Martin.
Der Sonntagsökonom: Mehr
Gerechtigkeit wird gefordert. Was ist das? Je näher man den Begriff
anschaut, desto willkürlicher erscheinen sie,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 09.04.
Gerechtigkeit? Lieber spricht
Jürgen KAUBE über die Interessen der oberen Mittelschicht, denen es
um Besitzstandswahrung geht und denen deshalb alles ein Gräuel ist,
was diese Ordnung stören könnte. Wer "intergenerationelle Mobilität"
steigern wolle, der müsse dafür sorgen, dass die Kinder der
Begünstigten ihren Eltern weggenommen werden müssen. Damit ist für
KAUBE dieses Thema totgeschlagen. Dieses Totschlagargument hat er
dem Soziologen Andrew ABBOTT entnommen - aber auch vorher schon, war
KAUBE ein Gegner jeglicher Verbesserungen sozial Benachteiligter,
denn Besitzstandswahrern ist das ganz recht. Sie argumentieren, dass
Unterschiede der sozialen Herkunft gerecht sind, weil sie ökonomisch
sind und dadurch Umverteilung überflüssig ist. oder wie es KAUBE
formuliert:
"Es gibt mithin Ungleichheiten,
die erwünscht sind."
Dass die erwünschte Ungleichheit
zufällig im Interesse der oberen Mittelschicht ist, ein Zufall?
KAUBE kennt als Ursachen für Erfolg (und nicht etwa Leistung!) nur
folgende Kategorien:
"Investitionsverhalten,
Erbschaft, Berufswahl, Diebstahl, Glück oder Immobilienbesitz."
Die entscheidende Frage jedoch,
ob Erfolg überhaupt individuell zuordenbar ist, bleibt dabei außen
vor. Eher ist es umgekehrt: Aus bestimmten Umständen wird auf
individuellen Erfolg geschlossen, so könnte man diese Liste
ebenfalls interpretieren.
Fazit: Die Strategie von
Besitzstandswahrung läuft darauf hinaus, die Hinterfragung der
gesellschaftlichen Zustände zu verhindern. Die Beweislast wird den
anderen zugeschoben. Volà: Alles kann dann beim Alten bleiben!
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Zu den News vom 01. -
08.
April 2017
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