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Medienrundschau:

News zum Single-Dasein

 
   
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News vom 01. - 15. Dezember 2002

 
       
     
     
     
   
Spruch des Monats:
"Vereinfacht formuliert gibt es unter den sogenannt »Alleinlebenden« eine Art sozialer Polarisierung: Auf der einen Seite finden sich unter den Alleinlebenden - und dies gilt primär bei Männern - beruflich-sozial klar desintegrierte Menschen, und es ist beispielsweise diese Gruppe sozial desintegrierter alleinlebender Männer, welche - etwa im Vergleich zu gleichaltrigen verheirateten Männern - ein überdurchschnittliches Sterblichkeitsrisiko aufweisen. Auf der anderen Seite findet sich unter den Alleinlebenden - und dies gilt primär bei Frauen - um eine bedeutsame Gruppe hoch integrierter, beruflich-sozial hoch kompetenter Menschen. Das Alleinleben bei dieser Gruppe ist ein spezielle Form des beruflich-sozialen Erfolgs."
(Elisa Streuli in "Alleinleben in verschiedenen Lebensphasen" 2002)
 
       
   
  • DOTZAUER, Gregor (2002): Es gibt kein Leben nach der Ironie,
    in: Tagesspiegel v. 15.12.
    • Kommentar:
      DOTZAUER hat den Slogan "Irony is over" von
      Jarvis COCKER Song "The Day After the Revolution" auf dem 1998er Pulp-Album "This is Hardcore" über Christian KRACHT bis zu Jedediah PURDYs "Elend der Ironie" verfolgt. Am Ende steht DOTZAUER im Nirgendwo zwischen Neuer Ernsthaftigkeit und ironischer Losgelöstheit. Dort trifft er sich wohl mit Reinhard MOHR...
 
     
   
  • IJO (2002): Die sexuelle Konterrevolution,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 14.12.
    • Kommentar:
      IJO beschäftigt sich mit der Kritik von Catherine MILLET an den "Ökologen des Sex" im Nouvel Oberservateur vom 05.12.2002:
        

            
      "Dieser Ausdruck eröffnet eine interessante mentalitätsgeschichtliche Überlegung: Sollte die sexuelle Revolution ihr Ende nicht erst mit dem Aufkommen von Aids gefunden haben, sondern tatsächlich bereits den entscheidenden Dämpfer erhalten haben, als aus wilden Anarchisten betuliche Biotop-Warte wurden? Niedrig im Verbrauch der Geschlechtspartner zu sein, war nun wahrlich kein proklamierter Wert der 68er. Penetration und Promiskuität machten einen erheblichen Teil des revolutionären Elans aus. Während umgekehrt der zentrale Begriff der Öko- Bewegung, der der Nachhaltigkeit, logischerweise auf Monogamie hinausläuft. So gesehen müsste man die Geschichte der Protestbewegung, die bisher an einer Kontinuität zwischen außerparlamentarischer Opposition und Ökologiebewegung, zwischen dadaistischem Sit-in und Sitzblockade in Mutlangen festhielt, radikal umschreiben.
      (...).
      Mit anderen Worten: Die geistig-moralische Wende war bereits eingeleitet, lange bevor der Pfälzer Kanzler dies forderte.
      "    
            
      Diese Erkenntnis ist weder revolutionär, noch ist sie neu!    
            
      IJO hätte das Buch "Lebensphasen - Liebesphasen" von Günter BURKART lesen sollen. BURKART datiert die Veränderungen der Lebensformen auf die kurze Zeitspanne zwischen 1965 und 1975:     
            
      "Heirats- und Geburtenraten, Haushaltsstrukturen und Wohnformen - alles änderte sich zwischen 1965 und 1975 mit großer Geschwindigkeit." (1997, S.37).     
            
      Für die USA datiert BURKART die Remoralisierung auf Mitte der 70er Jahre:    
            
      "Auf die erste Welle sexueller Liberalisierung folgte eine konservative Renaissance, in den USA bereits Mitte der siebziger Jahre. Ihre Vertreter beklagten einen Verlust an commitment, einen Anstieg von Egiosmus und Narzißmus. Teilweise wurde der ehrwürdige Treue-Anspruch wiederbelebt." (S.201).     
            
      Statt Promiskuität ist sexuelle Monogamie zur neuen Norm geworden.    
            
      Svende MERIANs Bestseller "Der Tod des Märchenprinzen" ist ein Dokument dieser geistig-moralischen Wende in der Alternativszene am Ende der 70er Jahre.
 
   
  • Tagesthema: Das neue Tarifsystem der Bahn AG.
    Ab Sonntag ist Bahnreisen ein Sport für Frühbucher und Planungsgurus. Die taz verrät Ihnen, wie Sie am günstigsten reisen,
    in: TAZ v. 14.12.
 
   
  • MEHNERT, Ute (2002): Singles reisen mit der Börse billiger,
    in: Saarbrücker Zeitung v. 13.12.
    • Kommentar:
      Die Bahn nimmt erste Korrekturen an ihrem singlefeindlichen Tarifsystem vor und gründet eine eigene Mitfahrbörse im Internet: 
        

            
      "Vorgemacht haben es findige Studenten und der Verkehrsclub Deutschland, nun geht die Deutsche Bahn selbst in die Offensive: Zum Start ihres neuen Preissystems am Sonntag gründet sie eine eigene DB-Mitfahrerbörse im Internet. Ab dem heutigen Freitag können Einzelreisende unter der Adresse www.bahn.de nach Mitfahrern suchen und so in den Genuss der günstigen Mitfahrerrabatte kommen. Gleichzeitig startet die Bahn ein Pilotprojekt, bei dem zwei Mitfahrzentralen in Berlin und Dresden bundesweit Zug-Fahrgemeinschaften vermitteln und sogar die Tickets besorgen."
 
     
   
  • BARTSCH, Michael (2002): Der Osten altert schneller.
    Generationen in Ostdeutschland. Abwanderung, demografische Falle und Generationenkonflikt werden von zwei Studien untersucht,
    in:
    Freitag Nr.51 v. 13.12.
 
   
  • WEDEL, Judith (2002): Verwöhnte Westgören,
    in:
    Freitag Nr.51 v. 13.12.
    • Inhalt:
      WEDEL rechnet mit der Jammergeneration Ally ab.
 
   
  • Brigitte-DOSSIER: Sehnsucht nach der großen Liebe.
    Sie kommt nicht immer zur richtigen Zeit. Aber Widerstand ist zwecklos. Nichts im Leben kann mit der Liebe konkurieren,
    in: Brigitte Nr.26 v. 11.12.
    • JARDINE, Anja (2002): "Liebe lässt sich nicht unterdrücken".
      In seinen Roman fegt die Leidenschaft wie ein Wirbelsturm über die Menschen. Trotzdem sieht der japanische Schriftsteller Haruki Murakami das größte aller Gefühle als eine innere Angelegenheit: Die Liebe ist eine Reise zu sich selbst,
      in: Brigitte Nr.26 v. 11.12.
      • Inhalt:
        Gespräch mit dem japanischen Pop-Literaten Haruki MURAKAMI.
 
   
  • Thema: Statistisches Jahrbuch Berlin

    • KÜPPER, Mechthild (2002): Die Berliner sterben nicht aus.
      Dank Zweitwohnungssteuer und Studentenprämien wächst die Bevölkerung der Hauptstadt wieder,
      in:
      Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 12.12.
    • TSO/DPA (2002): Single und Heiratsmuffel.
      Das Statistische Jahrbuch bringt es an den Tag: Berlin wächst wieder. 28.600 Neuberliner erblickten 2001 das Licht der Welt. Ihre erwachsenen Mitbewohner leben am liebsten allein. Erst nach dem Tod zieht es sie verstärkt ins Umland,
      in: Tagesspiegel v. 11.12.
 
   
  • HANKEL, Wilhelm (2002): Wir sind keine Schmarotzer.
    Der streitbare Wirtschaftsprofessor Wilhelm Hankel, 73, widerspricht stern-Autor Walter Wüllenweber: Ihr Jungen habt keinen Grund, uns Alten Mundraub vorzuwerfen,
    in: Stern Nr.51 v. 12.12.
 
   
  • GASCHKE, Susanne (2002): Die Stillstandslüge.
    Warum dieses Land nicht unmittelbar vor dem Untergang steht,
    in: Die ZEIT Nr.51 v. 12.12.
    • Kommentar:
      GASCHKE - Miss Generation Berlin - bekommt Raum für einen Nachtrag zu einer abgeebten Debatte um die Feuilleton-Revoluzzer. 
        

            
      GASCHKE geht es primär nicht um inhaltliche Divergenzen, sondern um eine Stilfrage. Der Sozialabbau soll familienverträglich und im Konsens gestaltet werden und deshalb sollen die politischen Eliten und nicht die Wirtschaftseliten das letzte Wort haben.     
            
      Im Gegensatz zu den selbsternannten Bevölkerungspolitikern schätzt GASCHKE die politischen Steuerungspotentiale skeptisch ein:   
            
      "Ein zwingender Zusammenhang mit der Gebärfreudigkeit lässt sich nicht herstellen. In Schweden mit seiner vorbildlichen Kinderinfrastruktur sinkt die Quote gerade wieder – kein Mensch weiß, warum."    
            
      Den letzten Halbsatz muss man jedoch nicht ernst nehmen, denn GASCHKE weiß trotzdem genau, was die Politik leisten muss:    
            
      "Die Politik kann allenfalls langfristig ein Klima fördern, in dem Menschen sich wohl und sicher genug fühlen, um die Verantwortung für Nachwuchs auf sich zu nehmen".    
            
      In der Stilfrage - letztlich natürlich eine Frage nach der wahren Powerelite - unterscheiden sich klassische neoliberale Besitzstandwahrer bzw. -mehrer in der Wirtschaft und ihr Generation-Berlin-Pendant in der politischen Klasse:    
            
      "Aufbegehren sollen die zornigen Bürger ja nur, solange es gegen Kündigungsschutz, Flächentarifverträge, Steuererhöhungen und die sozialstaatliche »Hängematte« geht. Schließen sie sich diesem Programm nicht rückhaltlos an, wird schnell sehr unfreundlich über sie gesprochen. »Die überwältigende Mehrheit der Bürger ist wohlhabend, satt und bequem. Beunruhigungen sind ihr zuwider. Doch auch diese Welt ist kaum weniger trügerisch als die Welt der Politik«, schreibt der Chefideologe des Rucks, Meinhard Miegel, in seinem Buch Die deformierte Gesellschaft. Wenn Politik und Bürger, wie Miegel meint, tatsächlich die »Wirklichkeit verdrängen«, ist es natürlich logisch, dass nur noch die Wirtschaftsentscheider übrig bleiben, um objektive Erkentnisse über die wahren Bedürfnisse des Landes zu vermitteln."
 
   
  • SPÖRRLE, Mark (2002): Ein teures Unternehmen.
    Birgitt und Siegfried Schmidtke klagen vor dem Bundessozialgericht. Sie wollen keine Rentenbeiträge mehr bezahlen. Mit ihren drei Kindern, so sagen sie, investieren sie genug in die Gesellschaft,
    in: Die ZEIT Nr.51 v. 12.12.
    • Kommentar:
      Jürgen BORCHERT, der Robin Hood der wohlhabenden Mittelschichtfamilien und Singlefeind bereitet die nächste Etappe im Krieg der Eltern gegen Nicht-Eltern vor. 
        

            
      Die ZEIT flankiert dies mit einem wohlmeinenden Porträt über eine Revolution im Reihenhaus, an der Konrad ADAM, die Feuilleton-Revoluzzer der FAZ und Vordenker der Sessel-Demonstranten wie MÜLLER-VOGG sicher ihre Freude haben werden.
 
     
     
     
   
  • KOCH-MEHRIN, Silvana (2002): Geld gebiert keine Kinder,
    in: Welt v. 12.12.
    • Inhalt:
      Das FDP-Vorstandsmitglied plädiert für eine Familienpolitik mit der Zielgruppe Mütterelite.
 
     
   
  • JÜTTE, Robert (2002): Vermehret euch!
    Martin Fuhrmann untersucht die deutsche Bevölkerungspolitik,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 11.12.
    • Inhalt:
      JÜTTE rezensiert das Buch
      "Volksvermehrung als Staatsaufgabe? Bevölkerungs- und Ehepolitik in der deutschen politischen und ökonomischen Theorie des 18. und 19. Jahrhunderts" von Martin FUHRMANN
 
   
  • WALTHER, Rudolf (2002): Pflastersteine.
    Ein neues Pariser Manifest,
    in: Frankfurter Rundschau v. 11.12.
    • Daniel Lindenberg - Die neuen Reaktionäre
 
   
  • LÜPPEN, Karin (2002): Wer geht meilenweit für einen Job?
    Ledige Arbeitslose sollen Stellen in ganz Deutschland annehmen,
    in: Ostfriesen-Zeitung v. 10.12.
    • Inhalt:
      LÜPPEN kritisiert die Zumutbarkeitskriterien der HARTZ-Vorschläge: "Auch ein Lediger lebt ja nicht auf der Straße, sondern hat Familie, Freunde, einen Lebenspartner, vielleicht ein eigenes Haus, die er nicht ohne weiteres aufgeben kann. Hinter der Absicht, den Druck auf die Arbeitslosen weiter zu verschärfen, versteckt sich die alte Stammtisch-Parole der Satten und Zufriedenen: »Wer wirklich Arbeit will, der findet auch welche.«"
 
   
  • KIESERLING, André (2002): Vier Felder sollt ihr bewirtschaften und euren Frauen Arbeit geben.
    Nein, es war nicht Max Weber. Der Gründer der modernen Gesellschaftstheorie hieß Talcott Parsons und wurde vor einhundert Jahren geboren,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 10.12.
    • Kommentar:
      KIESERLING würdigt in einem gehaltlosen Artikel - den US-amerikanischen Soziologen Talcott PARSONS.
        

            
      Der Strukturfunktionalist hat wie kein anderer die Vorstellung von der amerikanischen Normalfamilie der 50er Jahre geprägt. Seine Familiensoziologie kann man als Rechtfertigung der Hausfrauenehe lesen, die er allen anderen Familienformen als überlegen betrachtete. 
            
      Vor diesem Hintergrund muss man KIESERLINGs Attacke gegen die Politik der Vereinbarkeit von Beruf und Familie lesen, wenn er PARSONS' Vorschläge zur Schwächung des Nachkriegsdeutschlands referiert:  
            
      "Durch weibliche Berufstätigkeit könne die Stellung der Ehemänner und Väter innerhalb weniger Generationen so stark geschwächt werden, daß davon keine Gefahren für den Nachwuchs mehr ausgehen".  
            
      Im Novemberheft des Merkur hat sich Hans-Peter MÜLLER profunder mit Leben und Werk von Talcott PARSONS beschäftigt.   
            
      Wer sich für die gesellschaftspolitischen Folgen des Familienverständnisses von PARSONS interessiert, dem sei Arlene SKOLNICKs Buch "Embattled Paradise" empfohlen.
 
   
  • RUTSCHKY, Michael (2002): Eigentlich ging alles gut.
    Die Existenzangst und die Kultur der Beschuldigung,
    in: Frankfurter Rundschau v. 10.12.
    • Kommentar:
      Michael RUTSCHKY berichtet von der guten alten Zeit als es noch einen Unterschied zwischen Angestellten und Selbständigen gab. Da er die Gegenwart immer noch in den Kategorien der 70er Jahre denkt, ist ihm noch nicht aufgefallen, dass sich das Kategoriensystem der McWorld verschoben hat. GENAZINO lesen!
 
   
  • ZDF-Fernsehspiel "Fifty Fifty"

    • Kommentar:
      Das Neue-Mitte-Feuilleton hat bereits seit längerem eine Suchanzeige aufgegeben: Coole Mütter als Vorzeigemodelle für die Spaßgesellschaft verzweifelt gesucht. Inzwischen mehren sich die Angebote für den Club der schönen Mütter. "Fifty Fifty" zeigt das neueste Modell zur Lösung dieses Vereinbarungsproblems...
    • BURG, Susanne (2002): Ledig, jung, allein erziehend.
      Die "Party-Mütter" Celine und Natty versuchen Kind und Spaßgesellschaft zu vereinen. "Fifty Fifty" (ZDF, 0.55 Uhr) zeigt, wei mühsam das ist, vor allem wenn man von den Vätern getrennt lebt,
      in: TAZ v. 09.12.
    • KELLER, Harald (2002): Expedition in die Wirklichkeit.
      Das ZDF zeigt einen bemerkenswerten Nachwuchs-Film über den Alltag zweier junger Mütter,
      in: Frankfurter Rundschau v. 09.12.
    • MARTENS, René (2002): Kampf.
      "Fifty-Fifty": ZDF-Dokumentation über junge Mütter und Väter,
      in: Süddeutsche Zeitung v. 09.12.
 
   
  • SCHWARZ, Patrik (2002): "Wir haben keine Angst vor der Macht".
    Warum Matthias Berninger, einst jüngster Abgeordneter im Bundestag, nicht neuer grüner Parteichef werden wollte,
    in: TAZ v. 09.12.
    • Inhalt:
      Patrik SCHWARZ konfrontiert BERNINGER mit seiner Generationenzugehörigkeit:
       

            
      "Auch jenseits der Politik ist die Generation der Wohlstandskinder um die 30 nicht gerade als risikofreudig berühmt.
      Da legen einige von den 68ern eine ziemliche Salonlöwen-Haltung an den Tag. Am Arbeitsmarkt sieht man doch zurzeit, dass Entlassungen vor allem auf die Knochen der Jungen gehen. Die legen nicht die Hände in den Schoß.
      Die Risikofreudigen finden sich also außerhalb der Partei?
      Wir Jüngeren haben zum Beispiel der Partei mit der Familienpolitik ein Thema zugemutet, als man bei den Grünen das Wort Familie nicht mal erwähnen durfte. Da haben wir mit unserer Erfahrung vom Leben mit Kindern maßgeblich den Kurs geändert. Unser Politikstil ist halt ein anderer, als die Altvorderen sich das in seliger Erinnerung an ihre wilden Jahre wünschen. Unser Weg besteht darin, nicht alles abzukupfern."
 
   
  • Titelgeschichte: Hotel Mama. Besser , billiger, bequemer.
    Generation Nesthocker. Immer mehr junge Leute bleiben bei ihren Eltern,
    in: Focus Nr.50 v. 09.12.

    • Kommentar:
      In Zeiten, in denen der Single-Begriff durchweg negative Gefühle weckt, muss man das Thema "Singles" unter einem anderen Label behandeln, um ihm positive Seiten abgewinnen zu dürfen.
      MORCHÉ folgt Harald SCHMIDTs Hymne auf die Nesthocker und hat aus einer Kolumne eine Titelgeschichte gemacht.
       
            
      Nächste Woche kann der FOCUS dann wieder über die Singles als Sozialschmarotzer hetzen und niemand wird die Heuchelei bemerken, dass die positiven Nesthocker einen Großteil der "Sozialschmarotzer" stellen.  
            
      Kennzeichnend für die porträtierten Nesthocker im mittleren Lebensalter ist eine Einliegerwohnung im Elternhaus. Damit sind diese Nesthocker aber statistisch gesehen Singles!
      Wenn MORCHÉ plötzlich wieder die Großfamilie heraufziehen sieht, dann ist dies Heuchelei, denn diese Art von Großfamilie erscheint in keiner amtlichen Haushaltsstatistik, sondern wird nur vom Deutschen Jugendinstitut (z.B. Walter BIEN) unter dem Begriff "multilokale Mehrgenerationen-Familie" erfasst.
       
            
      Den Nesthocker kann man als eines der Ergebnisse der "Revolution im Reihenhaus" (GASCHKE) bezeichnen. Er ist ein Wohlstandsphänomen der Neuen-Mitte-Familie.  
            
      War bis vor kurzem noch überall - außer bei Single-dasein.de - zu lesen, dass Singles die höchste Kaufkraft besitzen. So wird spätestens beim Lesen des  FOCUS-Titel klar, dass die
      Untergruppe der Singles, die hier als "Nesthocker" bezeichnet wird
      und die seit dem Bestseller "Hotel Mama" (1992) von Elke HERMS-BOHNHOFF auch Thema wissenschaftlicher Untersuchungen ist, jene Gruppe junger Singles mit der höchsten Kaufkraft ist:
       
            
      "Dass 18-jährige Lehrlinge, die im selben Betrieb wie er arbeiten, sich durch zusätzliches Jobben ihr eigenes Ein-Zimmer-Apartment finanzieren, imponiert Jan Oliver nicht. Warum auch? Bei Papa hat er viel Platz. Die Doppelhaushälfte misst über 160 Quadratmeter."  
            
      Als einzige kritische Stimme gibt es ein Interview mit der Entwicklungspsychologin Christiane PAPASTEFANOU, die der Nesthocker-Generation eine düstere Zukunft prophezeit:  
            
      "Sie könnten bald zu den Verlierern unserer modernen Leistungsgesellschaft werden, weil sie die Grundbedingungen Selbständigkeit und Flexibilität nicht mitbringen".  
            
      Zum Abschluss zählt MORCHÉ noch ein paar prominente Nesthocker auf, um seine These zu belegen, dass Nesthocker kaum mehr "Hohn und Spott über vermeintliche Lebensunfähigkeit" zu hören bekommen.
            
      Unter dem Label "Nesthocker" kann man sogar WESTERWELLE etwas Positives abgewinnen, während er unter dem Label "Single" abgewatscht wird. Der Begriff macht eben den Unterschied!
      • Hallgrimur Helgason - Nesthocker in Reykjavik 
    • MORCHÉ, Pascal (2002): Hotel Mama.
      Auf und davon aus dem Elternhaus? Das war einmal. Die Jugend weiß, wo es am schönsten ist: zu Hause!,
      in: Focus Nr.50 v. 09.12.
    • MORCHÉ, Pascal (2002): Das Nesthocker-Problem.
      Die Psychologin Papastefanou beklagt den Service im Hotel Mama. Es macht die Jugend unselbständig,

      in: Focus Nr.50 v. 09.12.
 
   
  • Die Rente ist kaum zu retten. Sollen wir also arbeiten bis zum Umfallen, das heißt mindestens bis 80?
     
    • SEIDL, Claudius (2002): Pro.
      Altern macht jünger,
      in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 08.12.
    • ZIELKE, Anne (2002): Contra.
      Jünger des Alters,
      in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 08.12.
 
   
  • HUISSELING, Mark van (2002): Jane Birkin über Coolness, wilde Nächte mit Serge Gainsbourg und das Leben danach,
    in: Berliner Zeitung v. 07.12.
    • Kommentar:
      Wirkungsvoller als eine "bevölkerungsbewusste" Familienpolitik scheint offensichtlich die Popmusik zu sein:
       

            
      "Der Journalist Roger Willemsen vermutet, die halbe Generation Golf sei zu »Je t’aime« gezeugt worden.
      Deshalb bin ich stolz darauf. Das Stück wurde kürzlich zum »Sexiest Song« aller Zeiten gewählt."
 
   
  • MAGENAU, Jörg (2002): Die Abseitssteher.
    Helden haben einen zweifelhaften Ruf. In der jüngeren deutschen Literaturproduktion steht zu lesen, dass nur eine Tugend zählt: nicht die gute Tat, sondern die klasse Performanz. Ein Abgesang auf eine selbstzufriedene Gattung,
    in: TAZ v. 07.12.
    • Kommentar:
      Während MAGENAU noch einen Abgesang auf die klassischen Helden schreibt, werden hierzulande fast täglich neue Helden ernannt. Selbst Loser sind heldentauglich, wenn - wie bei Florian ILLIES - die Performance stimmt...
 
   
  • NEUMANN, Brigitte (2002): Wolfgang Schömel: Die Schnecke. Überwiegend neurotische Geschichten,
    in: Büchermarkt. Sendung des DeutschlandRadio v. 06.12.
    • Kommentar:
      In Zeiten des Sozialpopulismus ist es üblich geworden das Phänomen der Einpersonenhaushalte auf das Problem von Einsamkeit und Partnerlosigkeit zu reduzieren.
      Dies mag zwar einerseits das Leben von frustrierten Eltern und beziehungsgeschädigten Paaren in strahlenderem Glanze erscheinen lassen und andererseits den entronnenen Einsamen und Partnerlosen das wohlige Gefühl vermitteln, dass man das Schicksal mit Vielen geteilt hat.
      Das sind jedoch die Lebenslügen einer Gesellschaft, die sich ein selbstgerechtes Selbstbild zu Recht gelegt hat, weil sie es nicht ertragen kann, dass die Realität ganz anders aussieht.
        

            
      Einpersonenhaushalte sind nicht die Folge einer Gesellschaft der Partnerlosen, sondern die Konsequenz einer Politikstrategie, die ihren Kulturkampf mittels amtlicher Statistiken ausficht. Diese Politikstrategie zielt auf das Unsichtbarmachen von Paar- und Familienformen, die diese Gesellschaft in ihrer Mitte prägen.   
            
      Partnerlosigkeit ist in dieser Gesellschaft nicht häufiger als in vergangenen Gesellschaften.  
            
      "Die Zerstörung der tradierten Rituale und Konventionen und Bräuche ist etwas, was als Erfolg gefeiert wird. - Die Freiheit des Subjekts. Aber in Wirklichkeit liefert sie das alleingelassene Subjekt ohne seinen familiären gesellschaftlichen, rituellen religiösen Bindungen ungepolstert der Wirklichkeit des Marktes aus. Und dem Konsum. (...). Diese Zerschlagung der Bräuche und Bindungen führt nicht zum persönlichen Glück, sondern meistens zur Vereinsamung. Davon gibt es in der Tat auch mehrere Hunderttausende allein in einer Stadt wie Hamburg von solchen Menschen, die im Grunde genommen mit nichts dastehen"   
            
      zitiert die Rezensentin das SCHÖMEL-houellebecqsche Credo der Familie als letztes Bollwerk gegen den Kapitalismus.
            
       Leider ignoriert diese romantische Wehklage die geschichtliche Tatsache, dass Familie und Verwandtschaft in erster Linie eine schlechte Zwangsgemeinschaft war und erst unsere moderne Welt die Überwindung der grundlegendsten Nöte ermöglichte. Vor diesem Hintergrund muss man dieses Luxusgejammer einordnen.  
            
      Hat man das begriffen, dann kann man SCHÖMELs Kurzgeschichten als das lesen, was sie sind: Geschichten über einsame Partnerlose in unserer Paar- und Familiengesellschaft. Dann ist das sozialpopulistische Pathos eines Widerstandskämpfers, mit dem der Moralist seine Normalbiografie zur besonderen Biografie überhöhen möchte, unnötig, wenn nicht gar lächerlich.
      • Beate Küpper - Partnerlose im beziehungsfähigen Alter
 
   
  • HEINZEL, Sebastian (2002): Die Pop-Praktikanten von MTV.
    Viele Unternehmen beschäftigen Praktikanten als billige Arbeitskräfte, aber der Musiksender MTV kann sie mit der Aussicht bei Laune halten, vor der Kamera Videoclips präsentieren zu dürfen. Das System funktioniert so gut, dass über ein Drittel der Mitarbeiter des Fernsehkanals Praktikanten sind,
    in: TAZ v. 06.12.
    • Kommentar:
      Diedrich DIEDERICHSEN hat Mitte der 80er Jahre den Umbruch des Jobsystems aus der Sicht der "Second-Order-Hipness-Generation" beschrieben:
       

            
      "Ich war Schlafwagenschaffner, Bauarbeiter, Metallarbeiter, Versicherungsangestellter, Verkehrsplanungsassistent, Hauslehrer und meistens Lagerist. Was für ein Lebenslauf! Knut Hamsum, Charles Bukowski und Bob Dylan haben nicht so viel erlebt, bevor sie berühmt wurden, und in Bohemia hat jeder mindestens so einen Lebenslauf.
      (...).
      Diese Kultur der Jobs ist heute unwirksam geworden. Die Jobs werden nicht mehr als Lebenserfahrung und Individuationsetappe verstanden (...). Sie sind mittlerweile bittere Realität weil, wer sie heute annimmt, dies in dem Glauben tun muß, daß er unter Umständen für ein Leben so arbeiten muß. (...).
      Und aus einem anderen Grund ist diese Kultur gestorben. Wie wir gesehen haben, hat Bohemia ein kleines, scheinbar sinnvolles Pöstchen für jeden, der zur Selbstausbeutung als Kellner, Schallplattenverkäufer und New-Wave-Boutiyuen-Aushilfe bereit ist. Wer einen solchen Job annimt, tut das ja im Glauben, nichts Unentfremdetes zu tun."
       

            
      Was DIEDERICHSEN hier in "Sexbeat" zu Beginn der Popmoderne beschreibt, das klingt aus der Sicht der Karriere-"Generation Ally" von Katja KULLMANN schon weniger bohemienhaft verklärt:  
            
      "Einige kamen aus dem Praktikantentum gar nicht mehr heraus, hangeln sich seitdem von Job zu Job und besuchen nie ein Jahrgangstreffen, denn sie haben Angst, im Vergleich zu ihren Ex-Mitschülern als Versager dazustehen. Die Hamburger Band Die Sterne widemete dieser Gattung 1994 einen Song, er heißt Universal Tellerwäscher und erzählt von einem jungen Mann, der sich jahrelang als Aushilfskraft in Ton- und Film-Studios herumtreibt, inder Hoffnung auf die Chance seines Lebens."  
            
      Während KULLMANN den Praktikantenstatus als prägende Erfahrung zwischen Unterforderung, Überforderung und Überflüssigkeit beschreibt, wird bei HEINZEL das Fortwirken des alten Boheme-Mythos im MTV-Gewand deutlich.
 
   
  • MERKEL, Rainer (2002): Ohne Rente.
    Ein Notruf aus der Generation der Verlierer, 
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 06.12.
    • Kommentar:
      Vom "Jahr der Wunder" ist es nur ein kleiner Schritt zum "Jahr des Jammerns".
 
   
  • MILLET, Catherine (2002): Les écologistes du sexe.
    Tous
     ceux qui s’inquiètent du développement exponentiel de la pornographie ne sont pas des puritains attardés.Ce sont parfois même des libertins
    in: Nouvel Observateur Nr.1987 v. 05.12.
    • Inhalt:
      Catherine MILLET, deren Skandalbuch "Das sexuelle Leben der Catherine M." vor einiger Zeit auch in Deutschland erschienen ist, kritisiert die kulturpessimistische Sicht, die einen direkten Zusammenhang zwischen dem Sexualleben und der Darstellung von Sex in den Medien konstruiert. Stattdessen sieht sie einen Zusammenhang zwischen der Sozialisation der Kritiker und deren Kritik an der Mediendarstellung:
       

            
      "Ce qui est nouveau dans les débats actuels, c’est que certains de ceux qui sont pour la restriction ou le contrôle de la circulation de ces représentations sont parfois eux-mêmes des libertins. Mais des libertins à la façon du xviiie siècle, aristocratique, qui jugent que les héros de Michel Houellebecq, par exemple, consommateurs des plaisirs simples de la société porno-démocratique, gâchent la cause. Je soupçonne que certains d’entre eux ont dû recevoir une éducation stricte, religieuse peut-être, qui les a contraints de faire leur éducation sexuelle dans la plus grande clandestinité, ce qui, selon un processus bien connu des psychanalystes, conditionne désormais leur plaisir. Pour eux, celui-ci ne peut se trouver que dans le mystère de l’alcôve et ils répugnent à voir celle-ci brutalement éclairée par des projecteurs de cinéma."  
            
      Single-dasein.de hat bereits Anfang letzten Jahres ähnlich argumentiert:
 
   
  • MERKUR SPEZIAL: Rente - Bedrohter Konsens. Sicherungssysteme vor dem Kollaps

    • BÜSSER, Muriel (2002): Rentenniveau.
      Sicher ist nur, wer selbst spart,
      in: Rheinischer Merkur Nr.49 v. 05.12.
    • WUTTKE, Walther (2002): Neue Zielgruppe.
      Das Alter zu ehren kann sich lohnen,
      in: Rheinischer Merkur Nr.49 v. 05.12.
    • LOJEWSKI, Günther von (2002): Solidarität. Sollen sich die Ruheständler an der Sanierung der leeren Kassen beteiligen?
      Kein Geld für Tricks. Mit einem Beitrag der älteren Generation werden nur Etatlöcher gestopft. Deshalb darf sie sich verweigern,
      in: Rheinischer Merkur Nr.49 v. 05.12.
    • RADIGER, Till (2002): Ein Cappuccino im Alter.
      Sicherungssysteme International. Der Staat ist immer dabei,
      in: Rheinischer Merkur Nr.49 v. 05.12.
    • MEHLITZ, Johannes (2002): "Die Bevölkerung wird unterschätzt".
      Demografie. Neue Grundlagen. Selbst eine höhere Geburtenrate kann die Folgen des demografischen Wandels nicht beheben,
      in: Rheinischer Merkur Nr.49 v. 05.12.
      • Inhalt:
        Interview mit Axel BÖRSCH-SUPAN, Mitglied der "Rürup"-Kommission.
    • SCHÖNEBERGER, Markus (20029: In der Altersfalle.
      Frühverrentung. Alle fordern einen Paradigmenwechsel. Leere Kassen und der gleichzeitig drohende Mangel an Facharbeitern zeigen: Vorruhestand ist der falsche Weg,
      in: Rheinischer Merkur Nr.49 v. 05.12.
    • TREMMEL, Jörg (2002): Teilen statt einseitig belasten.
      Jugend. Düstere Zukunft. Von Gerechtigkeit wird viel geredet. Aus Sicht der jungen Menschen wird aber nicht danach gehandelt,
      in: Rheinischer Merkur Nr.49 v. 05.12.
 
   
  • SCHWERINER VOLKSZEITUNG (2002): Gute Familienpolitik tut not.
    Forschungsschwerpunkt zwei: Die Geburtenentwicklung,
    in: Schweriner Volkszeitung v. 05.12.
    • Inhalt:
      Die SVZ berichtet über die Forschungen von Jan HOEM und Michaela KREYENFELD.
 
   
  • CLAUSS, Ulrich (2002): Tausche Klempner gegen Babysitter.
    Der Steuerstaat drängt die Bürger aus der Geldwirtschaft - ein Widerstandsmodell,
    in: Welt v. 05.12.
 
   
  • Der singlefeindliche Beitrag:
    SPERBER, Katharina (2002): Der private Generationenpakt.
    Ein moderner Staat muss das Sozialstaatsprinzip der gerechten Verteilung ernst nehmen und endlich umsetzen - heißt: Gestaltungsspielräume, die sich die Menschen selbst geschaffen haben, nutzen und gegebenenfalls sinnvoll unterstützen,
    in: Frankfurter Rundschau v. 04.12.
    • Kommentar:
      SPERBER greift die Unterscheidung von Marc SZYDLIK zwischen öffentlichem (Sozialstaat) und privatem Transfersystem (familieninternes Solidarsystem) auf, ohne jedoch dessen Kritik an der Verkürzung der Debatte auf die Generationengerechtigkeit zu beherzigen.
       

            
      Stattdessen spielt sie die generationeninternen Ungleichheiten zugunsten einer von Jürgen BORCHERT entliehenen Phraseologie herunter, um die Umverteilung zwischen Kinderlosen und Eltern - jenseits der Frage nach Armut oder Reichtum - zu rechtfertigen.
      • Christoph Butterwegge - Kinderarmut und Generationengerechtigkeit
 
   
  • Der singlefeindliche Beitrag:
    DEM (2002): Konsumkinder,
    in: Frankfurter Rundschau v. 04.12.
    • Kommentar:
      Der Autor sucht einen Sündenbock für die gegenwärtige Konsumunlust und findet ihn in den Kinderlosen.

            
      DEM konstruiert einen Zusammenhang zwischen "Demographie und Kaufneigung". Gäbe es bei uns nicht so viele verwöhnte Einzelkinder, dann sähe es bei uns noch schlechter aus.
            
      Die Schlussfolgerung lautet konsequenterweise: Umverteilung von "Kinderlosen" und armen Eltern auf wohlhabende Akademikerfamilien.
            
      Elinor BURKETT hat in ihrem Buch "Baby Boon" die Folgen einer solchen Klientel-Familienpolitik für wohlhabende Akademikerfamilien beschrieben. "Kinderlose" können in diesem Buch bereits heute nachlesen, was Deutschland in den kommenden Jahren noch bevorsteht.  
 
     
   
  • BAUMBUSCH, Kirsten (2002): Heidelberg hat ein dickes Plus bei den jungen Singles.
    Noch steigt die Zahl der Bevölkerung liecht, doch der Mangel an preiswerten Wohnungen treibt Familien verstärkt ins Umland,
    in: Rhein Neckar Zeitung v. 03.12.
 
   
  • Der informative Beitrag:
    SZYDLIK, Marc (2002): Von wegen alte Hüte.
    Klassische Unterschiede und neue Herausforderungen: Generationen statt Schicht?,
    in: Frankfurter Rundschau v. 03.12.
    • Inhalt:
      Der Generationenforscher Marc Szydlik unterscheidet drei Ansätze der gegenwärtigen soziologischen Ungleichheitsdebatte:

            
      Die kulturalistische Perspektive interessiert sich nur noch für Freizeitorientierungen und nicht mehr für Einkommenshöhen.
            
      Ungleichheitsforscher wie Peter A. BERGER haben dagegen die klassischen Dimensionen der Ungleichheit um Alter, Geschlecht usw. erweitert, während sich die öffentliche Debatte der "neuen" Ungleichheitsdimension "Generation" im Sinne einer Ansammlung von Geburtsjahrgängen zugewandt hat.  Hier dreht sich die Debatte um wohlfahrtstaatliche Verlierer- und Gewinnergenerationen.
      Diese Zuspitzung auf Generationen als Motoren sozialer Ungleichheit hält SZYDLIK für nicht gerechtfertigt:

            
      "Politikvorschläge zugunsten der Verringerung einer Generationenungleichheit nehmen (...) die Vergrößerung der Ungleichheit zwischen Sozialschichten in Kauf. Wer sich auf der Basis von Renditegesichtspunkten den Ausstieg aus der gesetzlichen Rentenversicherung wünscht, vernachlässigt ein wesentliches Element des Generationenvertrages, nämlich die Generationensolidarität. (...).
      Falsch wäre es auch, eine Senkung der Beitragsleistungen zu fordern, weil die gegenwärtigen Rentenbezieher insgesamt überversorgt seien. Hohe Alterseinkommen sind auf eine bestimmte Personengruppe beschränkt. Diese Gruppe ist in der Regel besonders gut ausgebildet und hat bereits während des Erwerbslebens hohe Einkommen erzielt. Es wäre also weniger die Einforderung der so genannten "Generationen"gerechtigkeit angebracht als eine Diskussion über die Verringerung der sozialen Ungleichheit im Alter durch eine stärkere Umverteilungskomponente von Reich zu Arm."
 
   
  • ENGELMANN, Jan (2002): Aufstand in der Anstandsidylle.
    Public Enemies unter sich: Sex mit Hans Peter Duerr und Arnulf Baring,
    in: TAZ v. 03.12.
    • Kommentar:
      Jan ENGELMANN widmet sich nun nachträglich jenem Aspekt, den Single-dasein.de bereits am 21.11. an der BARING-Kritik der TAZ vermisst hat:

            
      "Trotz aller Diskussion über Arnulf Barings Rundumschlag neulich in der FAZ, mit dem er schlappe Politiker und ihre willigen Untertanen abwatschte, wurde über den entscheidenden Satz einfach hinweggelesen: »Abgesehen von der Sexualität sind bei uns alle Themen tabuisiert, zum Beispiel die Probleme des Bevölkerungsrückganges in Deutschland.«"
 
   
  • ILLIES, Florian (2002): Wie werde ich Cowboy?
    Jedediah Purdy warnt vor ironischen Ausritten,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 03.12.
    • Kommentar:
      Florian ILLIES' Motto heißt "Schröder rezensieren"! Er preist "Das Elend der Ironie" von Jedediah PURDY als Bibel der Bürger, die auf Barrikaden gehen und sieht in den Grünen eine neoliberale Öko-FDP. ILLIES hätte seine Playmobilwelt nicht verlassen sollen...
 
   
  • LUCIUS, Robert von (2002): Der Mythos des Wohlfahrtsstaats vergeht.
    Soziale Sicherung im Umbruch: Schweden verabschiedet die "Volkspension",
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 03.12.
    • Kommentar:
      Die FAZ beginnt mit diesem Beitrag eine Reihe über die "Reform sozialer Sicherungssysteme in ausgewählten Industriestaaten".
 
   
  • FUHR, Eckhard (2002): Der Bevölkerungspilz - das neue Zeichen der Apokalypse.
    Wehrt euch, leistet Widerstand: Weil die Renten alles verstrahlen, wird die Generation Golf zur Protestgeneration,
    in: Welt v. 03.12.
    • Kommentar:
      Eckhard FUHR - ein Angehöriger der 78er-Generation - leistet ideologische Vorarbeit für die Generation Golf und deren Protest:

            
      "Nicht ziviler oder militärischer Atomwahn setzt die Zukunft aufs Spiel, sondern der Sozialwahn der Rentenpolitiker. Der Atompilz ist zum Bevölkerungspilz geworden, der alles unter sich begräbt, was seine Sporen erst noch verdienen will.
      Unter dem Zeichen des Bevölkerungspilzes sammelt sich eine neue Protestgeneration. Sie hat sich bisher eher einem komfortablen Angepasstsein hingegeben, nachtblaue Hosen gebürstet und in den Erinnerungen an eine ereignislose Playmobil-Kindheit gekramt. Ihre Existenz schien so geregelt und für alle Zukunft gleichförmig, dass sie schon in jungen Jahren ihren Biografen fand. Über die Generation Golf war alles gesagt.
      Bis sie den Bevölkerungspilz entdeckte. Im Spätherbst 2002. Da war das Umdrehen der Bevölkerungspyramide zwar schon mindestens ein Jahrzehnt lang Gegenstand sozialpolitischer Debatten. Aber jetzt kam diese Kunde im Feuilleton an".

            
      FUHR zitiert den Filmkritiker Andreas KILB (FAZ v. 25.11.2002) als Gewährsmann seiner Revolte und träumt schon mal:
            
      "Bald werden die ausgemergelten Massen der Generation Golf durch die Straßen ziehen und (...) die gerontokratischen Charaktermasken des Achtundsechziger-Systems wissen sich nur noch mit der berittenen Polizei zu helfen."
            
      So sehen die Zaungast-Phantasien einer gescheiterten Generation aus, die sich nun durch eine andere Generation rächen lassen möchte...
 
   
  • Alice Schwarzer zum 60. Geburtstag:

    • KULLMANN, Katja (2002): Die Heldin mit dem Monopol.
      Heute wird Alice Schwarzer 60 Jahre alt. Mit aufklärerischem Eifer, ungebrochener Kampflust und ihrer Zeitschrift "Emma" stritt sie wie keine Zweite für Emanzipation und Gleichberechtigung, als beides noch undenkbar schien. Genau darin liegt auch das Problem: Es gibt nur eine Alice Schwarzer,
      in: TAZ v. 03.12.
      • Inhalt:
        Katja KULLMANN weiß bereits wie Alice SCHWARZER heute in der Neue-Mitte-Presse porträtiert wird:

              
        "Heute werden die Zeitungen wieder einmal voll von Schwarzer-Porträts sein, und nicht wenige Schreiber werden sich in Hohn und Häme versuchen, wofür in Porträts über männliche Jubilare nur selten Platz ist."
              
        Katja KULLMANN setzt diesem Hennenkampf mit hohem Neidfaktor ihre eigene Würdigung - mit Seitenhieb auf die TAZ - entgegen:
              
        "Ja, es wäre wirklich toll, wenn es neben der Emma noch andere Magazine gäbe, die Frauen nicht nur als Konsumentinnen-Zielgruppe behandeln, und wenn es neben Schwarzer noch andere gäbe, die die Ungerechtigkeit und die Gefahr des Backlash mit solcher Ausdauer thematisierten. Es wäre prima, wenn es verschiedene Stimmen, Tonfälle, Dialekte gäbe, die die Idee des Feminismus weitertragen, nicht nur den Schwarzer-Tenor. Mag sein, dass Schwarzer die Boxhandschuhe angezogen hat, um sich den Platz zu erkämpfen, den sie heute hat. Schade, dass andere Frauen sie zur Monopolistin werden ließen und nicht ebenso kampflustig in den Ring stiegen. Gäbe es viele verschiedene Vorstreiterinnen, die sich Gehör verschafft hätten wie Schwarzer und auch die Niederungen der Massenmedien nicht gescheut hätten, könnte jede junge Frau sich heute eine aussuchen und wäre empathischer an die Zeitgeschichte angebunden. Und würde vielleicht lautstark protestieren, wenn die Chancengleichheit rücklings wieder bedroht ist.
        Alice Schwarzer wird heute 60. Es gibt nur eine, und es sei ihr gratuliert."
          
    • FETSCHER, Caroline (2002): Emmas Mama.
      Feministisch, praktisch,gut: Alice Schwarzer zum 60.,
      in: Tagesspiegel v. 03.12.
    • LAU, Mariam (2002): Alice Schwarzer und das Glück.
      Noch mit 60 spricht die Prophetin des Feminismus Sätze voller Hass und Ekel - über Frauen,
      in: Welt v. 03.12.
      • Alice Schwarzer - Alice im Männerland
 
   
  • OY, Gottfried (2002): Die Ohne-Mich-AG.
    Oder doch lieber Jobfloater werden? Die "Glücklichen Arbeitslosen" im Streit mit Bürokratie und Leistungsethik,
    in: Frankfurter Rundschau v. 02.12.
    • Guillaume Paoli - Die glücklichen Arbeitslosen
 
   
  • EISENHAUER, Bertram (2002): Du betrittst eine Welt, die der Schmerz regiert:
    Die Generation Spar: Vaterland ist abgebrannt, und wir sitzen betreten in der ersten Reihe,
    in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 01.12.
    • Kommentar:
      EISENHAUER beschreibt den Paradigmenwechsel bei der Bestimmung der Nachfolgegeneration der 68er. Statt der "Erlebnisgemeinschaft Golf" seien nun existentiellere Modelle gefragt!

            
      Danach reiht sich EISENHAUER in die Klagegemeinschaft der "Generation Spar" ein:
            
      "für mich und meine Jahrgangsnachbarn - all jene, die um die Mitte der sechziger Jahre und nicht allzu lange danach geboren wurden - (besteht) so gar keine Aussicht auf Glamour".
            
      Für die Untervierzigjährigen seien nunmehr nicht mehr Soziologen, sondern Bevölkerungswissenschaftler zuständig, meint EISENHAUER, der die Anklageschrift der Älteren schuldbewusst und unreflektiert wiedergibt:
            
      "Schwerlich zu bestreiten ist (...), daß, was die Rentenversicherung betrifft, viele von uns den Generationenvertrag de facto aufgekündigt haben, weil sie darauf verzichtet haben, Kinder zu bekommen."
            
      Tatsache ist jedoch erstens, dass der Generationenvertrag bereits Mitte der 70er Jahre aufgekündigt wurde und zwar von der Politik! Mit dem Abschied von der Vollbeschäftigung war das heutige erwerbsarbeitszentrierte Sozialsystem zum Tode verurteilt.
            
      HEINZEN und KOCH haben diesen Abschied für die erste akademische Nachkriegsarbeitslosengeneration folgendermaßen beschrieben:
            
      "Die wenigen besorgten Lehrerstudenten diskutierten über den Pillenknick, und ich hörte irritiert zu. Ich ahnte langsam, daß der ganze schöne Vertrag, den der Staat einmal in der kurzen Zeit des Reformismus mit mir unbegrenzt Ausbildungswilligem abgeschlossen hatte, nicht so ernst gemeint war. Natürlich hatten sie mich vor Jahren aufgerufen, Lehrer zu werden, um der Nation über den Bildungsnotstand hinwegzuhelfen. (...).
      Doch die Freunde der freien Marktwirtschaft (...) beschlossen nun, das Problem von der entgegengesetzten Seite anzugehen. Wenn es nicht zu wenige Schüler gebe, argumentierten sie, dann seien es eben zu viele, und damit auch zu viele Lehrer und Lehrerinnen. (...). Alle waren zuviel."

            
      Zum zweiten gibt es nicht zu wenige Kinder, sondern zu wenige Beitragszahler. Die Erhöhung der Geburtenzahl kann das heutige Rentensystem deshalb nicht retten.
            
      Hätte es in den 70er Jahren keine Reduzierung der Geburtenzahl gegeben, dann hätten wir es heute mit zukünftigen Problemen der Überbevölkerung wie im SF-Film "Soylent Green" zu tun. Dagegen sind unsere heutigen Probleme beneidenswert gering!
            
      Nicht zuletzt ist keineswegs sicher, dass die Untervierzigjährigen jenes Geburtendefizit verursachen werden, das die Bevölkerungswissenschaftler ihnen aufgrund pessimistischer Annahmen über das Lernverhalten der Menschen zuschreiben. Bevölkerungswissenschaftler wie Herwig BIRG betreiben bewusst eine Strategie der Krisenrhetorik, die den Feuilleton-Revoluzzern kaum nachsteht.
            
      Selbstkritisch bemerkt EISENHAUER inmitten seiner Jammeriade:
            
      "Der Unmut allerdings, der der Bundesregierung auch aus unseren Reihen jetzt entgegenschlägt, der Ruf »Mitbürger! Kameraden! Besetzt die Finanzämter!« enthält einen gehörigen Anteil an Scheinheiligkeit". 
 
   
  • MARGUIER, Alexander (2002): Die Revolte wird abgesagt.
    Seid so lieb und kommt wieder runter von den Barrikaden - die Achtundsechziger wollen ihre Ruhe haben! Und Schröder sowieso alles ändern. Hat er ganz doll versprochen,
    in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 01.12.
    • Kommentar:
      MARGUIER darf auf fast einer halben Seite die Revolution absagen!

            
      Anscheinend hat die FAS Probleme ihre leeren Seiten zu füllen und muss deshalb ausführlich über den Aufstand von 20 Rentnern schreiben, die LEHNARTZ' Ruf gefolgt sind. Die FAS beugt sich nun dem Drang der Konsumbürger, die lieber ihre Weihnachtseinkäufe besorgen...
 
   
  • ANKOWITSCH, Christian (2002): Angst ist ein Gefühl mit Zukunft.
    Wir halten nicht Schritt. Was kommt, ist ungewiß. Und es gibt Feinde, die unsichtbar sind. Gründe, der Angst eine große Karriere vorherzusagen.
    in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 01.12.
 
   
  • ALBERS, Markus (2002): Sind wir Deutschen faul geworden?
    Weltweit hält man uns für fleißig und pflichtbewusst. Coh die Arbeitsmoral der Bundesbürger ist schlecht wie nie. Eine Spurensuche,
    in: Welt am Sonntag v. 01.12.
    • Kommentar:
      Für den wahren Faulen beschreibt MÜLLER-VOGG die Couch-Revolution...
 
   
  • MÜLLER-VOGG, Hugo (2002): Wie der Steuer-Untertan im Sessel demonstrieren kann.
    Das Finanzamt wird zum Symbol eines Staates, der leitstungswillige Bürger um einen erheblichen Teil ihrer Erträge bringt und sie gleichzeitig mit einem unüberschaubaren Dickicht unverständlicher Vorschriften drangsaliert,
    in: Welt am Sonntag v. 01.12.
    • Kommentar:
      MÜLLER-VOGG beschreibt Demonstrationsformen für Couch-Potatoes.

            
      Wer nach Ulrich "Die Ehrlichen sind die Dummen" WICKERT noch einem Aufstand der anständigen 1000-legale-Steuertricks-Mitte den Touch einer konservativen Revolution verpasst, der hat den Bankrott unserer Elite offensichtlich nicht begriffen. Er ist nicht die Lösung, sondern nur Teil des Problems...
 
     
       
       
   

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Zu den News vom 23. - 30. November 2002

 
       
   
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