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Medienberichte über single-dasein.de
 
 
 
   

News vom 01. - 14. Juni 2015

 
 
     
 
   

Zitat des Monats:

 In Deutschland werden doppelt so viele Paare vom Tod geschieden wie vom Scheidungsrichter

"Doppelt so viele Paare werden in Deutschland vom Tod geschieden wie vom Scheidungsrichter. Im Jahr 2012 zählte das Statistische Bundesamt 179.147 Scheidungen und 349.352 neu Verwitwete. Insgesamt sind in Deutschland knapp sechs Millionen Menschen verwitwet.
Witwen, vor allem junge, kommen in unserer Gesellschaft öffentlich fast gar nicht vor. Es sei denn, sie sind prominent. Die Wahrnehmung endet nach der Beerdigung. Danach verschwinden sie in der Versenkung.
Witwen orten wir bewusst sowieso nur ab dem Alter 50 plus. Wenn es halt Zeit für den Opa ist, zu gehen."
(aus: Regine Schneider "Paul ist tot", 2014, S.11)

 
       
       
   

HOLLERSEN, Wiebke (2015): Anleitung zum Alleinsein.
Die Vereinzelung in der Gesellschaft nimmt zu. Kaum ein Mensch wird dem entgehen. Jedoch kann man lernen, dabei nicht einsam zu sein,
in: Welt am Sonntag v. 14.06.

"»In unserer Gesellschaft, die immer mehr Freiheiten bietet und in der es zugleich weniger Kontinuität gibt, müssen wir uns mehr mit dem Alleinsein auseinandersetzen«, sagt etwa Dietrich Munz. Er ist der Vorsitzende der Psychotherapeutenkammer und hat zusammen mit anderen einen Band über eine Psychoanalytiker-Tagung zur »Fähigkeit zum Alleinsein« herausgegeben",

liest man bei Wiebke HOLLERSEN. Wäre es nicht seriös gewesen zu schreiben, dass die Tagung bereits im Jahr 2008 statt fand und der Band 2009 erschienen ist und seit 2011 in 2. Auflage vorliegt?

"In Deutschland leben 16 Millionen Menschen allein. Meistens wird dieser Satz in einem besorgten Tonfall ausgesprochen. Man stellt sich Menschen vor, die verhärmt in dunklen Wohnungen sitzen",

heißt es passend zum Thema Einsamkeit. Im gestrigen Focus heißt es dagegen:

"15 Millionen Singles hierzulande. Damit lebt jeder Fünfte - in den Großstädten gar jeder Vierte - nicht in einer Partnerschaft."

Im Mittelpunkt der Focus-Titelgeschichte stehen nämlich nicht die einsamen Alleinlebenden, sondern die große Freiheit der Singles.

Die derzeit aktuellen Zahlen zu Einpersonenhaushalten stammen aus dem Jahr 2013. Damals gab es in Deutschland 16,176 Millionen Einpersonenhaushalte, aber nur 15,757 Millionen Alleinlebende, weil zu den Einpersonenhaushalte sowohl Haupt- als auch Nebenwohnsitze gezählt werden.

Amtsstatistiker und Haushaltsfetischisten unter den Soziologen und Ökonomen definieren ein Paar amtsstatistisch durch das gemeinsame Haushalten, während sich in der Bevölkerung immer weniger Paare durch einen gemeinsamen Haushalt definieren, obgleich sie sogar in einer gemeinsamen Wohnung leben, im gleichen Haus, in der gleichen Stadt oder aber aus beruflichen Gründen eine Fernbeziehung führen. 

 
   
FOCUS-Titelgeschichte: Single.
Die neue Lust aufs Leben. So funktioniert der Solo-Lifestyle

HARTMANN-WOLFF, Elke & Jennifer REINHARD (2015): Die große Freiheit.
Von wegen traurig und einsam - Forscher beweisen, dass das Glück nicht vom Beziehungsstatus abhängt. Sechs Singles zeigen exemplarisch, wie ein erfülltes Leben ohne Partner gelingt,
in: Focus v. 13.06.

Die Focus-Autorinnen können sich nicht entscheiden über was sie eigentlich schreiben wollen. In einem Kasten mit der Überschrift Das Wesen der Singles werden 4 Grafiken präsentiert, deren Herkunft nur unzureichend gekennzeichnet ist. Sind mit Singles Einpersonenhaushalte, Alleinlebende oder Partnerlose gemeint?

Die Überschrift spricht von 6 Singles, während im Artikel 7 Personen vorgestellt werden. "Ich bin Teilzeit-Single" wird ein 53jähriger Partnerloser zitiert. Teilzeit-Single, weil er am Wochenende mit seinem Sohn zusammenwohnt. Teilzeit-Singles wären aber doch eher - wenn überhaupt - jene Alleinlebenden, die eine Wochenendbeziehung führen.

Drei der vier Grafiken zum Wesen der Singles zielen eindeutig auf Partnerlosigkeit und nicht auf das Alleinwohnen ab. Die Grafik Auf Solopfaden untergliedert Singles nach dem Alter, aber nicht nach dem Geschlecht. Es werden keine absoluten, sondern lediglich Prozentzahlen angegeben. Nur im Text ist von 15 Millionen Singles die Rede und zwar für das Jahr 2014. Mikrozensus-Zahlen gibt es aber bislang nur für das Jahr 2013.

Die 7 Vorzeige-Singles des Focus sind zwischen 33 und 57 Jahre alt. Gemäß Single-Grafik des Focus repräsentieren diese damit gerade einmal 38 % der Singles, wenn man die Altersgruppe der 30-59Jährigen betrachtet. Die drei Single-Frauen sind 33, 55 und 57 Jahre, die vier Single-Männer dagegen 36, 42, 50 und 53 Jahre alt. Typischerweise ist das Single-Dasein im mittleren Lebensalter von 30-49 Jahren männlich, während das Alter weiblich ist. Dies wird im Artikel verschwiegen. Es ist nur ersichtlich, dass 46,2 % der Singles gemäß Focus-Grafik 60 Jahre und älter sind.

Dass die Singleforschung in Deutschland quasi nicht existiert, ist daran zu erkennen, dass lediglich zwei Soziologen zum Thema zitiert werden: zum einen der emeritierte Lifestyle-Soziologe Stefan HRADIL, dessen Single-Studie bereits 20 Jahre zurückliegt, und zum anderen Stephan BAAS, Mitautor des 2008 erschienenen Buches Singles im mittleren und höheren Erwachsenenalters. Und im Grunde recycelt die jetzige Titelgeschichte mehr oder weniger nur die Titelgeschichte des Jahres 2008. Statt Online-Partnerbörsen sind nun jedoch Dating-Apps wie Tinder im Trend. Und natürlich darf der Modebegriff "Mingle" nicht fehlen, der das "Swinging Single"-Klischee der 1960er/1970er-Jahre zeitgeistig erneuert.

Die exemplarischen Singles entsprechen mit ihren Berufen dem individualisierten Akademikermilieu (Kreative, Unternehmensberater usw.) bzw. dem Bobo-Stereotyp des neuen Bürgertums. Hier gilt: wenn jemand schon nichts anderes als ein "Angestellter im öffentlichen Dienst" ist, dann muss er wenigstens in der Freizeit ein wenig Bohème Glamour ausstrahlen und sei es nur indem er als Statist am Theater mitwirkt. Das Bauer sucht Frau, Schwiegertochter gesucht oder Single mit Kind-Klientel gehört definitiv nicht zur Focus-Zielgruppe.

Die vorgestellten Single-Frauen sind entweder kinderlos oder haben Kinder, die bereits ausgezogen sind. Dies entspricht z.B. nicht der Single-Definition des Buches Singles im mittleren und höheren Erwachsenenalters, passt aber zum in der Titelgeschichte verwendeten "Teilzeit-Single"-Begriff, bei dem sogar das nur zeitweilige Zusammenleben mit einem Kind den Single-Status "beschädigt". In Zeiten, in denen Kinderlose zunehmend diskriminiert werden und der in die Defensive geratene Alleinerziehenden-Verband sich verzweifelt um Abgrenzung zu Singles bemüht, da wird der Single-Begriff gesäubert und - zumindest auf rhetorischer Ebene - auf Kinderfreiheit verengt. Die Vorzeige-Singlefrauen des Focus sind 33 Jahre alt oder 55 und 57 Jahre, d.h. zwischen 35 Jahren und 55 Jahren hat die Akademikerin späte Mutter zu sein und damit definitiv nicht Single. Der Mann dagegen darf sich auch im Familienlebensalter als Single austoben.       

Ein Kasten mit der Überschrift Was das Solo-Leben leichter macht gibt Tipps für den "Alltag ohne Partner". So verschwindet Einsamkeit z.B. durch positives Denken ("Veränderung der Wahrnehmung") oder Meditation, was der neubürgerlichen Ethik der Einsamen entspricht: wer einsam ist, ist lediglich selber schuld!

 
   

HAGELÜKEN, Alexander (2015): Flickwerk.
Samstagsessay: Immer mehr Mütter und Väter wollen arbeiten - und trotzdem Zeit mit der Familie verbringen. Geht aber oft nicht! Die deutsche Gesellschaft ist gerade dabei, eine Generation von Eltern zu zerreiben, die es anders machen möchte,
in: Süddeutsche Zeitung v. 13.06.

Alexander HAGELÜKEN kritisiert das Betreuungsgeld, Elterngattensplitting und Kindergeld. Mit Blick auf Frankreich plädiert er für mehr Kinderbetreuung und ein Familiensplitting. Schweden gilt ihm als Land der Gleichberechtigung, in dem nicht wie in Deutschland die Präsenzkultur in der Berufswelt dominiert.

 
   

VICIANO, Astrid (2015): Aus dem Eis.
Bislang führt eine Krebstherapie häufig zur Unfruchtbarkeit. Mithilfe tiefgefrorener Eierstöcke und Eizellen können sich Frauen den Kinderwunsch dennoch erfüllen,
in: Süddeutsche Zeitung v. 13.06.

 
   

NIEDER, Heike (2015): Der Herzenswunsch.
Ein Paar möchte ein Kind adoptieren. Sie wenden sich an das Jugendamt, besuchen Elternkurse und schreiben Lebensläufe. Nach einigen Monaten sollen sie tatsächlich ein Kind bekommen. Doch dann kommt alles anders,
in: Süddeutsche Zeitung v. 13.06.

 
   

ANGELE, Michael (2015): Ein Happy End für die Popliteratur.
Joachim Lottmann: Würdevoll Altwerden ist ein großes Problem in der Popkultur. "Happy End" schlägt eine bestechende Lösung vor,
in: Freitag Nr.24 v. 11.06.

"In den scheinbar so evidenten Generationenlogiken in ihren 10- oder 30-Jahreszyklen lassen sich eine ganze Reihe von Figuren finden, die quer zur regelmäßigen Abfolge der Generationen stehen. So lassen sich narrativ auch Zwischenfiguren entwerfen, wie beispielsweise die Figur des Nachzüglers oder jüngeren Bruders. Dieser jüngere Bruder steht zwar in der Logik der Familie in der gleichen Generationsstufe wie seine Geschwister. Er mag aber kulturell ganz anders geprägt sein und kann dadurch gegenüber den Kindern seiner Geschwister eine ganz andere Rolle einnehmen als diese selbst. Da er sich auch der Zuschreibung als »Vater« entziehen kann, hat er die Chance zu einer ganz besonderen generationenüberschreitenden Kommunikation mit der Generation seiner Nichten und Neffen. Ein Beispiel für diese Beobachterposition liefert Joachim Lottmann in seinem Roman Die Jugend von heute. Lottmann entwirft hier die Erzählerfigur des Onkel Jolo, der durchaus wohlwollend die Jugend seiner Neffen begleitet und beschreibt. Nicht zu Unrecht tituliert Generationenarchivar Bernd Kittlaus diesen Roman als »Onkelliteratur«",

heißt es in dem 2011 erschienenen Buch Doing Generation von Björn BOHNENKAMP zur Stellung des Onkels im Generationengefüge. Nun entdeckt Michael ANGELE angesichts des aktuellen Romans Happy End von Joachim LOTTMANN die Veronkelung sogar als Lösung für die seit Anfang des Jahrtausends totgesagte Popliteratur. Alternativ gilt ihm der "weibliche Dandy" als mögliche Entwicklungslinie:

"Ein Problem hat natürlich auch die Popliteratur, die insofern an Oscar Wilde anschließt, als sich viele Popliteraten als Nachfahren des klassischen Dandys verstehen. Und nicht nur Männer: Erkennen wir in Ronja von Rönne nicht die Gestalt des »weiblichen Dandys« am Horizont der Popliteratur? Die These kann hier leider nicht ausgeführt werden, aber ich denke, dass sie eine gute Lösung finden wird."

 
   

KAUBE, Jürgen (2015): Besser ohne Diamantring.
Der Sonntagsökonom: Glückliche Eheleute haben für ihre Hochzeit wenig ausgegeben, aber viele Gäste eingeladen,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 07.06.

 
   

BALZTER, Sebastian (2015): 30 Stunden täglich.
FAS-Serie Atemlos - Wie wir Zeit gewinnen (11): Kinder und Karriere passen auch für junge Väter wunderbar zusammen. Sie müssen sich nur entscheiden, worum sie sich zuerst kümmern wollen,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 07.06.

 
   

LOHAUS, Stefanie (2015): Land ohne Kinder.
Seit Jahrzehnten haben wir die niedrigsten Geburtenrate der Welt. Dass die Jungen keine Lust auf Kinder haben, liegt auch an den Alten,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 07.06.

"Meine Generation - ich bin 1978 geboren - umfasst circa ein Viertel weniger Menschen als die Generation meiner Eltern. Schulen werden dicht-, Pflegeheime aufgemacht. Wenn nicht dagegen gesteuert wird, droht ein Rückgang der Wirtschaftsleistung, ein Versagen der sozialen Sicherungssysteme, Pflegenotstand, Altersarmut. (...).
Dabei war die niedrige Geburtenrate noch nie ein Ausdruck egoistischer Akademikerinnen im Gebärstreik. Sie ist eine Gemeinschaftsfehlleistung von Eliten in Politik, Wirtschaft und Medien", schreibt Stefanie LOHAUS.

 
   

BUJARD, Martin (2015): Folgen der dauerhaft niedrigen Fertilität in Deutschland.
Demografische Projektionen und Konsequenzen für unterschiedliche Politikfelder,
in: Comparative Population Studies v. 03.06.

"Der Geburtenrückgang und der demografische Wandel erfahren in Deutschland in Politik, Medien und Wissenschaft eine enorme Beachtung (vgl. Barlösius/Schiek 2007; Stock et al. 2012), inzwischen wird sogar von einem eigenen Politikfeld »Demografiepolitik« gesprochen (Hüther/Naegele 2013; Mayer 2012)",

schreibt Martin BUJARD. Auf single-generation.de wurde diese Entwicklung viel früher vorausgesehen. Dort heißt es seit dem Jahr 2002: Die Autoren der Generation @: Erwachsenwerden im Zeichen der Demografiepolitik. Damit sind die nach der Generation Golf kommende "Generation" der 1976 ff. Geborenen gemeint.

Martin BUJARD will die Folgen von Schrumpfung und Alterung in Deutschland abschätzen. Dabei bedient er sich nicht der fortschrittlichsten, sondern der dominanten Methode, obwohl diese offensichtlich nicht in der Lage ist, eine solche Abschätzung überhaupt leisten zu können:

"Bevölkerungsprojektionen, die sowohl Projektionen für die Bevölkerungsgröße als auch die Alterung umfassen, gibt es u.a. von den Vereinten Nationen für den Zeitraum bis 2100 (UN 2012) und vom Statistischen Bundesamt (2009a/b) für Deutschland bis 2060. Dabei werden bisherige Trends der demografischen Parameter fortgeschrieben, wobei ein Spektrum unterschiedlicher Annahmen und ihrer Kombinationen berechnet wird. Diese Projektionen verstehen sich explizit nicht als Prognosen, trotzdem werden die mittleren Varianten faktisch oft als solche interpretiert. Allerdings sei auf zwei ernst zu nehmende Kritikpunkte an diesen Projektionen hingewiesen: Zum einen wird die Auswirkung des angenommenen durchschnittlichen Gebäralters auf das Fertilitätsniveau teilweise nicht berücksichtigt (Goldstein et al. 2011), was bei der Vorausberechnung des Statistischen Bundesamtes (2009a) angesichts eines ab 2020 nicht mehr steigenden Gebäralters in der mittleren Variante zu einer anschließenden Unterschätzung der TFR führen kann. Zum anderen kritisieren probabilistische Ansätze die deterministische Beschaffenheit klassischer Projektionen und dass die Unsicherheit durch verschiedene Varianten abgebildet und nicht anhand von Konfidenzintervallen quantifiziert wird (Werte für Deutschland siehe: Scherbov et al. 2008: 40-41). Allerdings können auch probabilistische Ansätze die Wahrscheinlichkeit von Systembrüchen und zukünftigen Entwicklungen der Annahmen nicht vorhersagen. Die Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes sind Grundlage der demografischen Analysen in Abschnitt 3 und 4, da sie in der Anwendung in Deutschland dominant sind."

Hinzu kommt, dass BUJARD nicht die aktuelle 13. Bevölkerungsvorausberechnung (BVB) aus dem Jahr 2015, sondern die völlig veraltete 12. BVB aus dem Jahr 2009 verwendet. Im aktuellen Frühjahrsthema Deutschlands Zukunft im Spiegel der Öffentlichkeit von 1990 bis heute werden vergangene Vorstellungen von Deutschlands Zukunft betrachtet und was daraus geworden ist. In einem der nächsten Themen wird genauer auf die Analyse von Martin BUJARD eingegangen werden. 

 
   

GOTTSCHALK, Katrin (2015): Liebe ohne Sex.
FR-Serie: Das Internet gilt als Moloch der Pornografie. Dabei finden sich dort auch diejenigen, die auf all das keine Lust haben - weil sie asexuell sind,
in: Frankfurter Rundschau v. 03.06.

 
   

BURCHARDT, Matthias (2015): Change, Reform und Wandel.
Matthias Burchardt über das Alphabet der politischen Psychotechniken,
in: Telepolis v. 03.06.

"Der Begriff »Wandel« verschleiert (...) wunderbar, dass die vermeintlich zwingenden Verhältnisse zuvor politisch geschaffen oder zugelassen worden sind, nicht zuletzt, um die Partikularinteressen von globalen Finanz- und Machteliten zu realisieren. Zugleich stellt die Logik des »Sachzwanges« infrage, dass es - was jedoch stets der Fall ist - Alternativen zur vermeintlich einzig möglichen Reform gibt.
Diese Logik findet ihre Anwendung aber auch bei weniger konstruierten Veränderungen wie beispielsweise dem sogenannten Demografischen Wandel, dem eben durch gekonntes Spin Doctoring der gewünschte »Dreh« verpasst wird: Die Sozialsysteme müssen zu Lasten der Rentner und zum Wohle der Versicherungswirtschaft umgebaut werden. Dadurch werden politische Freiheits- und Gestaltungsspielräume rhetorisch auf einen einzigen Ausweg verengt, der mit quasi naturgesetzlicher Notwendigkeit beschritten werden müsse.
Sie sollten also in jeder politischen oder öffentlichen Diskussion im Moment sofort hellhörig werden, wenn jemand von »Wandel« oder »Reform« spricht. Denn Sie erkennen hieran den Beginn einer neoliberalen Argumentation wider die Öffentliche Daseinsfürsorge etc",

erläutert uns Matthias BURCHARDT. Nur neu ist das nicht, denn diese neoliberale Strategie wird auf dieser Website bereits seit über einem Jahrzehnt als Sozialpopulismus kritisiert. Im Wörterbuch des Sozialpopulismus wurde 2004 das Neusprech der Reformer auseinander genommen. Zu den Bevölkerungsvorausberechnungen heißt es dort z.B.:

"Wissenschaftliche Modellrechnung, die zum sozialpopulistischen Rechtfertigungsinstrument verkommen ist. Langfristvorausberechnungen über Zeiträume von 50 oder gar 100 Jahren sollen die Alternativlosigkeit der Agenda 2010-Reformen beweisen."

Dass der demografische Wandel zu allererst eine Ideologie ist, das wurde hier thematisiert und in welchem Ausmaß andere Aspekte als der "demografische Wandel" die "Krise" des Rentensystems verursacht, das kann hier nachgelesen werden. 

 
   

KLÖPPER, Anna & Anna LEHMANN (2015): Voll verrechnet.
Bildung: Fast überall in Berlin wird der Platz in den Schulen knapp - in Kreuzberg hat das paradoxe Folgen,
in: TAZ Berlin v. 02.06.

KLÖPPER & LEHMANN beschreiben am Beispiel Berliner Bezirk Lichtenberg, wie demografische Entwicklungen verschlafen werden:

"Schon 1994 hatte der schwarz-rote Senat beschlossen, die Flächen rund um die Rummelsburger Bucht, einen Seitenarm der Spree, städtebaulich zu entwickeln. Ein neues Quartier mit 5.400 geförderten Wohnungen, Gewerbe und öffentlicher Infrastruktur sollte entstehen. Doch der Boom blieb zunächst aus: Die Stadt zog sich aus dem Projekt Rummelsburger Bucht in den Jahren nach der Jahrtausendwende finanziell zurück und verkaufte die Flächen »eigentumsorientiert«.
Auf der Lichtenberger Seite siedelten nun Baugruppen und errichteten Reihenhäuser. Fast 3.500 Menschen leben heute an der Rummelsburger Bucht, darunter viele Familien mit Kindern. Allein: Eine neue Schule wurde hier nicht gebaut. "Aus der Erfahrung der 90er und frühen 2000er Jahre war ein Kinderreichtum, wie wir ihn heute erleben, nicht anzunehmen", sagt Schulstadträtin Kerstin Beurich (SPD). Entsprechende Mittel seien bezirksseitig auch gar nicht vorhanden gewesen."

Was nutzen also Bevölkerungsvorausberechnungen bis zum Jahr 2060, wenn diese zum einen bereits nach 3 Jahren vollkommen überholt sind und zum anderen kleinräumige demografische Entwicklungen den angeblichen Großtrends entgegenlaufen?

"Es muss etwas geschehen. Nirgendwo kommen weniger Kinder zur Welt als hier",

schwadroniert heute Marc BEISE in der Süddeutschen Zeitung ("Hilfen für Großfamilien"). Merkwürdig nur, dass man es in Deutschland trotzdem nicht schafft, genügend Schulen für die angeblich nicht vorhandenen Kinder zu bauen.

Wie wäre es eigentlich, statt auf die vergangenen Geburtenratenartefakte zu starren, kleinräumige und kurzfristige Geburtentrends sowie die Wanderungsbewegungen von Familien besser vorherzusagen? Offenbar ist das doch viel schwieriger als globale Trends auszuposaunen, die wenig hilfreich sind um konkrete Planungen, z.B. im Schulsektor, anzuleiten.   

 
   

HILDEBRANDT, Julia (2015): "Ich persönlich schätze Treue".
FR-Serie: Autorin Amelie Fried spricht im Interview über die Liebe auf den ersten Blick, warum sie teure Geschenke unromantisch findet und wie eine langjährige Beziehung gelingen kann,
in: Frankfurter Rundschau v. 01.06.

 
   

SCHARNIGG, Max (2015): Keine Kinderüberraschung.
Neue Studien sehen Deutschlands Geburtenrate auf dem letzten Platz - weltweit,
in: Süddeutsche Zeitung v. 01.06.

Max SCHARNIGG berichtet nicht über die Geburtenrate (TFR bzw. CFR), sondern über die rohe Geburtenziffer, in die auch die Alterstruktur einer Gesellschaft einfließt und die deshalb keine Aussage über die Geburtenentwicklung eines Landes ist. Zudem wird nicht erwähnt aus welchem Jahr diese rohen Geburtenziffern der einzelnen Ländern stammen, sodass daraus auch keine Trends für die Zukunft abgelesen werden können. Angeblich habe Deutschland sogar Japan als Schlusslicht abgelöst. Dies lässt sich jedoch nicht überprüfen, weswegen ein solcher Artikel nicht für die Qualität der Zeitung spricht. Vielmehr besteht hier der Verdacht, dass mit veralteten Daten wieder einmal der Fachkräftemangel beschworen werden soll, der angeblich droht.  

 
   

HAARHOFF, Heike (2015): Schwesigs Luftnummer.
Künstliche Befruchtung: Paare ohne Trauschein werden trotz der Initiative der Familienministerin bei der staatlichen Förderung ihres Kinderwunsches leer ausgehen,
in: TAZ v. 01.06.

 
   

HERRMANN, Ulrike (2015): "Die Zukunft ist prinzipiell unsicher".
Wirtschaftswissenschaft: Vor zehn Jahren gründete Gustav Horn das gewerkschaftsnahe IMK, nachdem ihn das DIW im Streit über die Agenda 2010 entlassen hatte. Gert G. Wagner gratuliert seinem Exkollegen,
in: TAZ v. 01.06.

 
   
GEO Magazin-Titelgeschichte: Freundschaft

LANGER, Fred & Bertram WEISS (2015): Freunde. Warum sie wichtiger sind denn je.
Wie wenig wussten wir bisher über das Wesen der Freundschaft! Erst seit die traditionelle Familie an Bedeutung verliert, rückt dieses kaum erforschte Alltagsglück in den wissenschaftlichen Blickpunkt. Soziologen entdecken neue Facetten der Freundschaft. Und fragen: Kann ihr Kraft womöglich eine zukünftige Gesellschaft tragen?
in: GEO, Juni

 
   

CORNELIßEN, Waltraud & Walter BIEN (2015): Frühe Elternschaft.
Junge Väter und Mütter,
in: beziehungsweise, Juni

 
   

STEEG, Lena (2015): Aufstehen für die Liebe.
Kochen, Spaziergänge, Netflix-Endlosschleifen - das Spektrum der Dinge, die Paare in ihrer Freizeit gemeinsam unternehmen, ist überschaubar. Wieso werden wir Selbstverwirklichungsjunkies, die sich sonst in jeder Hinsicht optimieren wollen, bloß so träge, sobald wir zu zweit sind? Und führen Paare mit einem gemeinsamen Hobby am Ende die bessere Beziehung?
in: Neon, Juni

 
   

STEEG, Lena (2015): Die ganze Welt liest mit.
Warum sollte man Freunden von komplexen Liebesproblemen erzählen, wenn man ihnen auch blitzschnell Screenshots der Chat-Konversationen mit der aktuellen Affäre schicken kann? Eben! Die Screenshotting-Technik verändert die Liebe,
in: Neon, Juni

 
   

BUCHHOLZ, Jenny (2015): "Die Leute denken, dass sich böse bin".
Ehrliche Kontaktanzeigen. Nichts als die Wahrheit: NEON-Singles erzählen aufrichtig von ihren Macken - und erklären, warum es sich trotzdem lohnt, sie kennenzulernen,
in: Neon, Juni

 
       
 

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