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Medienrundschau:

News zum Single-Dasein

 
   
News: 01.-10. Januar 2003 25.-31.Dezember 2002
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15.-28. Februar 2002
01.-14. Februar 2002
16.-31. Januar 2002
01.-15. Januar 2002

16.-31.Dezember 2001
01.-15.Dezember 2001
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News vom 11.- 20. Januar 2003

 
       
     
     
     
   
Zitat des Monats:
"Wer jugendlich ist, überschreitet permanent die Grenze zwischen Berufsleben und Privatleben und damit auch das Modell der Kleinfamilie als Ort der Regeneration. Diese Jugend ist daher dem Phänomen des Outburn ausgesetzt. Niemand hält einem mehr den Rücken frei. Im Gegenteil, die Patchwork-Familie verlangt mindestens genauso viel Management wie die eigene Karriere. Beziehungen, Ehen, Familien und Freundschaften gehören längst der gleichen Innovationslogik an und bilden keineswegs mehr den lebensweltlichen Gegenpol zur Teilnahme am Markt als Person."
(Leander Scholz in: Freitag Nr.3 vom 10.01.2003)
 
       
   
  • SCHÜTZE, Elmar & Jan THOMSEN (2003): "Die Jungen werden weniger".
    Bevölkerungswissenschaftler Rainer Münz sagt für die Hauptstadt einen Alten-Boom voraus,
    in: Berliner Zeitung  v. 20.01.
    • Inhalt:
      Rainer MÜNZ stimmt dem Vorurteil über Berlins junge Einwohnerschaft nicht zu:

            
      "Das Durchschnittsalter ist etwa so hoch wie im Rest Deutschlands. Vor der Wende war das mal anders. Ins alte West-Berlin zogen junge Männer, die sich die Wehrpflicht ersparen wollten, andere kamen wegen des Lebensgefühls. Und in Ost-Berlin lebten gerade in Marzahn und Hellersdorf fast nur junge Familien, die oft aus anderen Teilen der DDR herzogen. Inzwischen wandern viele Jüngere aus Berlin ab".
 
   
  • KNIPPHALS, Dirk (2003): Dorn am Auge.
    "Ich bin ein Spießer": Der Handballer Stefan Kretzschmar unterläuft mit Piercings und öffentlichen Bekenntnissen den Zwang zur Subversion,
    in: TAZ v. 20.01.
    • Kommentar.
      Das neue Bürgertum formiert sich und KNIPPHALS betätigt sich als sein scheinbarer Frontkämpfer.

            
      In Frankreich ist man als Ex-Hippie gerade stolz ein Reaktionär zu sein. In Deutschland ist man deshalb nun stolz ein Spießer zu sein.
            
      Das ist ungefähr so originell, als ob man sich 1967 als Hippie geoutet hätte oder 1983 Mut zur Erziehung gehabt hätte.
            
      Was KNIPPHALS hier sagen will, das hat Maxim BILLER bereits in den Tempojahren (1991) geschrieben:
            
      "Wandten sich die Beats gegen die »squares«, die Spießer, so sind ihre Schüler, Nachfolger und Enkel heute selbst nichts als »squares« (...), sie reproduzieren lediglich alte Verhaltensweisen, die einst rebellisch und ein bißchen weise waren".
            
      »Hip to be squares«, mit diesem Schlachtruf aus den Yuppie-Jahren, lassen sich nur noch offene Türen einrennen. Der konservative Journalist David BROOKS hat vor Jahren den Bobo entdeckt. Diese Mischung aus Ex-Hippie und Yuppie ist das Markenzeichen der Bobokratie, die sich gerade in der Festung "Neue Mitte" verschanzt. KNIPPHALS ist einer von ihnen. 
 
   
  • DOTZAUER, Gregor (2003): Wir leben in einer gefallenen Welt.
    Der amerikanische Schriftsteller Denis Johnson über Christentum, Willensfreiheit und die Sucht nach Drogen,
    in: Tagesspiegel v. 20.01.
    • Inhalt:
      DOTZAUER unterhält sich mit Denis JOHNSON, Jahrgang 1949, der 2001 in den USA den Reportagenband "Seek: Reports from the Edges of America & Beyond" veröffentlicht hat, in dem es auch um die als Feindbild heiß geliebten Hippies geht:

            
      "In mehreren Ihrer Texte, besonders in der Reportage „Hippies“, schimpfen Sie auf den Aufbruchsgeist der 60er Jahre. Wollten Sie nie gegen Ihre Eltern rebellieren?
      Ich fühle mich von der FlowerPower-Ideologie regelrecht abgestoßen. Wir waren die Generation, die im Weißen Haus einen Joint rauchen wollte, und die glaubte, dass es nie mehr Krieg geben würde, wenn wir nur endlich an die Macht kommen würden. Das ist doch alles Quatsch, Die Vereinigten Staaten sind das prüdeste Land, das es gibt. Man kann sich nicht mal mehr eine Zigarette anzünden, ohne gleich verhaftet zu werden. Und es ist meine Generation, die dafür verantwortlich ist. Wir wollten die Welt befreien, und jetzt halten wir es nicht aus, jemandem zuzuschauen, der seinen Spaß hat. Ich bin also sehr ärgerlich, und bei jeder Gelegenheit, die sich mir bietet, haue ich erneut in diese Kerbe. Wir sind eine Bande von Heuchlern, schlimmer, als es unsere Eltern je waren."
 
   
  • MINKMAR, Nils & Volker WEIDERMANN (2003): Meine Generation - was ist das eigentlich?
    Die Schriftstellerin Judith Hermann gibt erstmals Auskunft über ihr langes Schweigen und ihr neues Buch,
    in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 19.01.
    • Kommentar:
      Als "Fräuleinwunder" schrieb sie "Sommerhaus, später". Als "Mutterwunder" kehrt sie nun mit "Nichts als Gespenster" wieder. HERMANN erzählt wie aus einer orientierungslosen Schulabgängerin durch Stipendiatentum ein Schriftstellerin per Zufall wurde. Die Handlungsorte des neuen Romans sind ebenfalls die Folge von Stipendien. Als Teil der Masse Generation möchte sich HERMANN jedoch nicht fühlen... 
 
   
  • CASDORFF, Stephan-Andreas/MONATH, Hans/ULRICH, Bernd (2003): Ist Ihre Stimmung besser als die Lage, Herr Fischer?
    Der Außenminister will den Sozialstaat grundlegend verändern - und bei den Krankenkassen eine prämie für Jogger. Wie ihn,
    in: Tagesspiegel v. 19.01.
    • Inhalt:
      Joschka FISCHER verteidigt u.a. die Entlassungen von Singles zugunsten sicherer Beschäftigungsverhältnisse von Familienvätern und nennt Gründe für die schlechte Stimmung bei der Generation Golf:

            
      "Vor zwei Jahren wurden in der Boom-Phase in vielen Branchen Verträge mit jungen Leuten abgeschlossen, die besser dotiert waren als die Einkommen der Vorgängergeneration am Ende eines langen Berufslebens. Da wurden Erwartungshorizonte geschaffen bei der jüngeren Generation, die natürlich mit dem Zusammenbrechen der Spekulationsblase zu einem entsprechendem Absturz geführt haben".
            
      Damit ist FISCHER beim zentralen Thema Generationengerechtigkeit, das die soziale Ungleichheit innerhalb von Generationen ausblendet.
            
      FISCHER legitimiert mit der Generationengerechtigkeit zum einen den neoliberalen Abbau des Sozialstaats (er begrüßt eifrig das Strategiepapier aus dem Kanzleramt) und andererseits wird mit dem Begriff "Erbengeneration" selbst Unterschichtler zu Gewinnern im Generationenkrieg umgedeutet:
            
      "Ich halte gar nichts davon, sich vom Grundgedanken der Solidarität zu verabschieden. Aber auf der anderen Seite haben wir nach über 50-jährigem Frieden eine Vermögensbildung in Westdeutschland, an der auch breite mittlere und teilweise untere Schichten teilhaben. Deshalb kann die Frage, welchen eigenen Anteil die Menschen zu ihrer sozialen Sicherung beitragen, anders gestellt werden als noch in den 70er oder 80er Jahren. Wir haben nun eine Generation von Erben. Da entstehen auch neue Verantwortlichkeiten".
            
      Eine solche Aussage ist durch die empirische Sozialforschung keinesfalls gedeckt. Der Soziologe Marc SZYDLIK verweist im Gegenteil auf die erhöhte soziale Ungleichheit gerade innerhalb der Erbengeneration hin.
 
   
  • FR (2003): Schwester Alpha: Chagrin d'amour/Liebeskummer,
    in: Frankfurter Rundschau v. 18.01.
    • Inhalt:
      Was hilft gegen Liebeskummer, fragt Schwester Alpha und gibt sich selbst die Antwort:
      "Nichts! Eine unglückliche Liebe ist eine harte Erfahrung, die weder mit Alkohol, noch Schokolade und erst recht nicht durch kluge Ratschläge leichter wird. Was bleibt ist der Trost, dass Liebeskummer auch die Kraft hat, das Leben zu verändern. Nach einer großen Starre beginnt oft eine sehr produktive Phase, in der sich das Leid ins Gegenteil wandelt. Ist die Verzweiflung überwunden und stellen Sie sich dem Leben wieder, werden Sie mehr über sich wissen, als Häschen jemals ahnen konnte.
      Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Sie jetzt erst mal Single sind. Und wie sich das anfühlt, weiß am besten der Franzose, in diesem Fall Jean-Paul Sartre: »Wer einsam lebt, hat selten Grund zu lachen.«
      Neues Spiel, neues Glück!
      Cherchez la femme - ou cherchez l'homme!"
 
   
  • ASSMANN, Aleida (2003): Druckerpresse und Internet.
    Auf dem Weg von einer Gedächniskultur zu einer Kultur der Aufmerksamkeit: Oberfläche, Geschwindigkeit und Supermarkt,
    in: Frankfurter Rundschau v. 18.01.
    • Inhalt:
      ASSMANNs zentrale These lautet:

            
      "Gedächtnis und Aufmerksamkeit stehen für die unterschiedlichen Strategien mit denen man im typographischen und elektronischen Zeitalter auf die explosionsartige Vermehrung von Wissen und Information reagiert".
            
      Mit Georg FRANCK sieht sie im Internet eine "Ökonomie der Aufmerksamkeit" walten, die keineswegs mit einer Demokratisierung der Kultur eingeht:
            
      "es ist keine Frage, dass die voraussetzungsreiche und aufwendige Infrastruktur der neuen Technologien neue soziale und kulturelle Ungleichheiten schafft. (...). Ungleichheit in Form von Hierarchien stellt sich im Internet auf eine neue Weise wieder her. Die neuen Riesen entstehen durch Verdichtung medialer Aufmerksamkeit. (...). Die Aufmerksamkeitsökonomie gilt als die neue Ökonomie des Informationszeitalters, denn wo die Produktion von Informationen ins Gigantische wächst, wird das, was Informationen einen Wert zuweist, immer knapper und wichtiger, nämlich: Aufmerksamkeit.
      Die Riesen des Informationszeitalters sind die Stars und Prominenten".
 
   
  • KEIL, Frank (2003): Armut und Askese.
    Ein Eis muss reichen: Wie der "Kinderreport Deutschland" die Problemgeschichte des Nachwuchses erzählt,
    in: Frankfurter Rundschau v. 18.01.
    • Kommentar:
      Im Gegensatz zum typischen Sozialpopulismus à la BORCHERT und KIRCHHOFF unterscheidet KEIL zwischen wohlhabenden und armen Kindern.

            
      Der "Kinderreport Deutschland", über den KEIL berichtet, muss mit diesem Dilemma der Polarisierung von Kindheit leben. Die Folge ist ein:
            
      "Ton des Relativierens bei gleichzeitiger Bereitschaft, das Dramatische nicht gänzlich aufzugeben, (...) ein beständiges Gas-Geben bei gleichzeitigem Bremsen".
 
   
  • HOFF, Hans (2003): Ein Lob den schütteren Stimmen.
    1967 war unser Autor zwölf Jahre alt. Die Frühpubertät im Rheinland war grausam. Dann aber traten die "Bee Gees" in sein Leben. Jetzt ist es Zeit für ein spätes Dankeschön - und für einen letzten Gruß an den leisen Maurice,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 18.01.
    • Inhalt:
      HOFF outet sich als leidgeprüfter, frühpubertärer Zwangs-Hippie (The Who und The Beatles waren den Eltern zu progressiv):

            
      "Man kam (...) als Anhänger der Gibbs gut an bei den Mädchen, die mit einem Bee-Gees-Fan auf einer Fete gerne Blues tanzten, da man als solcher gemeinhin als zärtlichkeitsbegabt galt. (Geknutscht haben sie trotzdem mit den Hendrix- Fans.) Mit anderen Jungs konnte man über die Bee Gees nicht diskutieren".
 
   
  • OESTREICH, Heide (2003): "Wovor haben Sie Angst?"
    Gretchen Dutschke wird vor allem als Pressesprecherin ihres toten Mannes gesehen. Ein Gespräch über Männer & Frauen, ungeliebten Kinderdienst sowie Ökonomie & Gewalt 1968 und heute,
    in: TAZ v. 18.01.
    • Kommentar:
      Die 68er gelten allgemein als Idealisten bzw. als Verfechter postmoderner Werte. Tatsächlich muss manches wohl wesentlich nüchterner betrachtet werden, z.B. die Heiratsfrage:
      "Warum haben Sie eigentlich geheiratet? Das tat man doch gar nicht?
      Uns war egal, was die anderen taten und was nicht. Außerdem bekam man in Berlin Geld, wenn man heiratete. Und wir hatten kein Geld."
 
   
  • KUNZ, Harry (2003): Unsicher im Wandel.
    Das Konzept der Grundsicherung trägt nicht. Es soll nur den Abbau von Sozialleistungen kaschieren. Stattdessen sollten lieber Ehrenamt und Erziehungsarbeit honoriert werden,
    in: TAZ v. 17.01.
    • Inhalt:
      "Ein verändertes Arbeitsverständnis, das durch eine Aufwertung von Erziehungsleistungen und ehrenamtlichem Engagement deren gesellschaftliche Relevanz auch finanziell honoriert", fände KUNZ prima.
 
   
  • STREERUWITZ, Marlene (2003): Als weißer Mann kann eine Frau schon überzeugen.
    Warum Frau Merkel die Geschlechterfrage nicht stellt: D.H. Lawrence' "Liebende Frauen" wiedergelesen,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 17.01.
 
   
  • WEGMÜLLER, Philip (2003): Das Disco-Beben.
    Eine bunte neue Party-Generation zelebriert das Saturday-Night-Fieber. Techno-Ideologie ist draussen - die Klubs sind voll und heiss,
    in: Facts Nr.3 v. 16.01.
 
   
  • ZEIT-Serie "Land ohne Leute" - Teil 3

    • NIEJAHR, Elisabeth & Marcus ROHWETTER (2003):
      Lasst sie jung aussehen.
      Sie haben Geld, Zeit und Lust: Die Wirtschaft entdeckt Menschen jenseits der 50 als Zielgruppe. Willkommen in der Konsumwelt von morgen,
      in: Die ZEIT Nr.4 v. 16.01.
    • YAMAMOTO, Chikako (2003): Ewig bei Kräften.
      Japan - Nation mit dem höchsten Durchschnittsalter: Selbstdisziplin und High-Tech bestimmen den Alltag,
      in: Die ZEIT Nr.4 v. 16.01.
 
   
  • GERSDORFF, Alexander von (2003): "Die Geburtenkrise ist nur durch Reformen zu lösen".
    Rürup-Kommissionsmitglied Axel Börsch-Supan über Konsequenzen für die alternde Gesellschaft,
    in: Welt v. 16.01.
    • Kommentar:
      BÖRSCH-SUPAN hält die typische neoliberale Lösung parat. Diese ist jedoch zu kurz gegriffen, wie Leander SCHOLZ und Iris HANIKA zeigen.

            
      Ein typisches Beispiel für die absurde neoliberale Phraseologie:
            
      "Die statische Betrachtung, es gebe eine feste Arbeitsmenge ist falsch (...). Bis 2030 fehlen acht Millionen Arbeitnehmer, das ist nicht zu ersetzen".
 
   
  • DELL (2003): Westdeutschland,
    in: Frankfurter Rundschau v. 16.01.
    • Kommentar:
      DELL hat SPIEGEL (ungenannt), MERKUR und Willi WINKLER gelesen (über die
      verheerenden Folgen des dort verordneten Atheismus ). DELL erkennt einen Kulturkampf bei der Wiedervereinigung:

            
      "Die großen Weltanschauungskämpfe sind vorbei (...)? Nein! Die Wiedervereinigung läuft noch. Da kann Ines Langelüddecke im Merkur mit Bezug auf Jana Hensels Zonenkinder die Geburt des ersten Vereinigungsklons verkünden; der »Ost-West-Zwitter« bleibt die privilegierte Erfahrung derer, die eine Hälfte ihres Lebens in der DDR und die andere im neuen Deutschland zugebracht haben. Für den älteren Rest gilt: Die Wiedervereinigung ist erst dann geglückt, wenn festgestellt wird, dass man Willy Brandt nicht mehr zitieren kann. Dass zusammenwächst, was zusammengehört, ist zwölf Jahre danach eher wackeliger Wunsch. Ignoranz und Unverständnis heißen die Wehen des nicht endenden Vereinigungsvorgangs. Man kann sich fragen, was der Osten dem Westen getan hat, dass er unverändert voreingenommen betrachtet wird."
 
   
  • BIRKENMAIER, Werner (2003): Gefühlte Rente.
    Die Alten sind nicht schuld an der Misere der Sozialkassen,
    in: Stuttgarter Zeitung v. 15.01.
    • Inhalt:
      BIRKENMAIER verteidigt die Renten der heutigen Rentnergeneration gegen das FAZ/S-Feuilleton.

            
      Seine Kritik richtet sich zum einen gegen Friedrich Wilhelm Graf (27.12.2002) und zum anderen gegen Inge KLOEPER (10.11.2002).
            
      Seine Gegenargumente zum Eckrentner bezieht er aus der SZ vom 08.01.2003. Unter Hinweis auf Meinhard MIEGEL fügt er noch hinzu:
            
      "Davon abgesehen sind die Rentner nicht für ein Zwangsumlagesystem verantwortlich zu machen, auf das sie sich im Alter nun verlassen müssen und das rechtzeitig zu ändern die Politiker und die organisierten Interessen nicht in der Lage waren". 
 
   
  • MISCHKE, Roland (2003): Wie geil ist Geiz?
    Generation Orientierungslos: Wenn Sparsamkeit überlebenswichtig wird,
    in: Welt v. 15.01.
    • Inhalt:
      MISCHKE berichtet aus dem Innenleben der privilegierten Generation Angst:

            
      Lena Ventzki (21) (...) kommt aus etablierten Verhältnissen, die Mutter Sängerin, der Vater im Medienbetrieb. »Aber bei denen läuft jobmäßig auch nicht viel, sie müssen ans Ersparte.« Lenas Jugend bisher: reiten, modische Kleidung, hübsches Moped, Schauspielunterricht, zum 18. Geburtstag eine Lebensversicherungspolice, nach dem Abitur Jobben und Shoppen in New York, ein buntes Autochen – »das alles war normal, das hatten alle in der Klasse. Wir dachten, das würde immer so weitergehen«.
      (...).
      Bestandsaufnahme zur Zeitenwende. Eine Generation, die struktureller Arbeitsplatzvernichtung in ungeahntem Ausmaß ausgeliefert ist wie einer Naturkatastrophe, dem Postkapitalismus, Weltwirtschaftsrezession und Regierungsmurkserei – diese Generation sieht sich als Verlierer. Und blickt neidisch zur Vorgänger-Generation Golf. »Ich wäre gern so um 1970 geboren«, mault Lena, »dann hätte ich zehn fette Jahre mehr gehabt. Stattdessen erwartet uns sinkender Lebensstandard. Ich finde das nicht gerecht.«
      Lena und ihr Freund David Roth (22) wohnen bei einer arbeitslosen Mittdreißigerin, die mal in der IT-Branche jemand war und nie geglaubt hätte, ihre stuckverzierte Altbauwohnung im Stadtteil Schöneberg mit unordentlichem Jungvolk teilen zu müssen."
 
   
  • GREFFRATH, Mathias (2003): Eine Art Turbofeudalismus,
    in: TAZ v. 15.01.
    • Inhalt:
      Der bekennende 68er GREFFRATH versucht sich als Gegenspieler des Sessel-Demonstranten MÜLLER-VOGG.

            
      Statt um einen Steuersenkungsprotest geht es um den Kampf für mehr Staatseinnahmen und die Erhaltung des Sozialstaats:
            
      "Ich schlage lustvolle kleine Anfänge vor, etwa eine freiwillige Steuerwehr, die vor der Deutschen Bank vorfährt, wenn eine ungerechte Steuersenkung ihr Milliardengewinne schenkt, oder die Zufahrtsstraßen nach Liechtenstein blockiert, bis das illegal dorthin verbrachte Geld wieder zurückkommt - ohne Reichenrabatt. Nachts fantasiere ich von gewaltigen Piss-ins, dort, wo die öffentlichen Örtchen kommerzialisiert wurden".
 
   
  • URBAN, Paul (2003): Schwarz-grün sehen,
    in: Jungle World Nr.4 v. 15.01.
    • Inhalt:
      URBAN wünscht Oswald METZGER viel Glück:

            
      "»Also müssen auch nichtmaterielle Werte wieder ins Blickfeld rücken: Nachbarschaftshilfe, ehrenamtliches Engagement, Zeit für sich selbst und die Familie«, empfehlen Sie am Ende Ihres Bewerbungsschreibens, sodass wir uns eigentlich nur noch fragen: Was wollen Sie eigentlich werden unter einem Kanzler Roland Koch? Gesundheitsminister? Wirtschaftsminister? Vizekanzler? Oder brauchen Sie noch viel, viel mehr Zeit für sich selbst? Nein? Na dann, viel Glück!"
 
   
  • SINN, Hans-Werner (2003): Rente nach der Kinderzahl,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 14.01.
    • Eine Abrechnung von Iris HANIKA mit Hans-Werner SINN.
 
   
  • HUININK, Johannes (2003): Zwischen Solidargemeinschaft und Luxusgut.
    Alte und neue Ungleichheiten - die Familie in Deutschland,
    in: Frankfurter Rundschau v. 14.01.
    • Kommentar:
      Der Subtext im Essay von Johannes HUININK besagt über weite Strecken genau das Gegenteil dessen, was der Familiensoziologe als Sozialpopulist zum Thema schreiben muss, um nicht gegen die ungeschriebenen Regeln der Familienlobby zu verstoßen.

            
      HUININK führt zwar breit aus, dass sich die Bedeutung der Familie radikal verändert habe. Diese Änderungen hatten jedoch so gut wie keinen Einfluss auf die Ungleichheitsdimension:
            
      "Die Schichthomogamie unter den Paaren der Elterngeneration ist zwar immer noch relativ hoch, und Bildungs- und Berufschancen werden, wie die Pisa-Studie zeigt, nach wie vor »vererbt«. All das beruht aber nicht mehr auf sozialen Regeln, sondern ist das Ergebnis individueller Interessen und struktureller Opportunitäten".
            
      Die Herkunft ist also nach wie vor der entscheidende Faktor bei der Zuweisung von Lebenschancen. Das ist nicht nur materialistisch zu verstehen, sondern auch im Sinne des Milieus, wie Michael HARTMANN anhand einer empirischen Studie bewiesen hat.
            
      HUININK entfaltet dann das typische sozialpopulistische Szenario. Er bedient die Neidgefühle von Eltern auf Kinderlose (ohne den identitätstheoretischen Aspekt zu erwähnen) und argumentiert unter Vernachlässigung von Alters- und Geschlechtseffekten bei der Einkommenssituation, dass Eltern gegenüber Kinderlosen generell benachteiligt seien. Eine solche Position bezeichnet Christoph BUTTERWEGGE dagegen als sozialpolitische Demagogie.
            
      Nach fast der Hälfte der Ausführungen kommt jedoch die entscheidende Wende, indem HUININK fragt, ob nicht umgekehrt die Kinder- oder Familienlosigkeit im Lebensverlauf als eine neue Form sozialer Deprivation angesehen werden muss.
            
      Diese Umkehrung der Perspektive wird jedoch nur halbherzig vorgetragen, obwohl HUININK im Laufe der Argumentation deutlich vor Augen führt, dass die Herkunft auch bei den Chancen bei der Familiengründung das Drehbuch schreibt. So schreibt er zwar, "dass wirtschaftlich benachteiligte Männer ohne qualifizierte Ausbildung und Tätigkeit erst spät und vergleichsweise häufig gar nicht heiraten oder keine Kinder bekommen". Erwähnt wird jedoch nicht, dass ein Großteil dieser Männer die größte Grupppe der Alleinlebenden im mittleren Lebensalter stellen.
            
      Für die USA - das Musterland des Neoliberalismus - hat Sylvia Ann HEWLETT in ihrem umstrittenen Buch "Creating a Life" darauf hingewiesen, dass unter den erfolgreichen Männern nur 19 % kinderlos sind. Leider wird nicht nach den Herkunftsmilieus unterschieden, sodass der Anteil der Herkunft auf die Kinderlosigkeit unklar bleibt. In der oberen Mittelschicht sind Kinder also ein Symbol für Erfolg.
            
      Was im mittleren Lebensalter bereits ein Nachteil ist, das wird im Alter weiter verstärkt.
      Die Rückkehr der Altersarmut ist bereits unter der Regierung KOHL vorprogrammiert worden und wird von der jetzigen Regierung weiter forciert. Kinderlose werden nicht vorrangig aufgrund des Pflegeproblems - das in sozialpopulistischen Darstellungen an erster Stelle steht - im Alter schlechter dastehen, sondern weil kaum jemand von ihnen den Status eines "Eckrentners" erreichen wird.
      HUININK geht davon aus, dass sich die wirtschaftliche Bedeutung der Familie wieder den vormodernen Zeiten annähern wird. Diese Prognose ist sicherlich nicht zu gewagt.    
 
   
  • HAAS, Lucien (2003): Klein heißt keineswegs rein.
    Haushalte mit wenig Personen verbrauchen mehr Natur,
    in: Frankfurter Rundschau v. 14.01.
    • Kommentar:
      HAAS verbreitet die selben Halbwahrheiten wie KÜCHEN, nur ausführlicher. Naturschützer sollen nicht nur die Natur, sondern gleich die Großfamilie mit schützen!
      Länderübergreifende Haushaltsvergleiche, die sich als Vergleiche von Lebensverhältnissen ausgeben, sind mehr als fragwürdig.

            
      Bereits innerhalb eines Landes divergieren die Erhebungsverfahren. Zwischen den Ländern jedoch sind die Probleme noch viel größer. Der Demograph Christopher PRINZ hat im Jahr 1995 in dem Buch "Cohabiting, Married or Single?" den Vergleich der Lebensformen in Europa aufgrund fehlender Daten so einschränken müssen, dass von einem Vergleich verschiedener Lebensformen nur bedingt gesprochen werden kann.
            
      Der französische Soziologe Jean-Claude KAUFMANN weist 1994 darauf hin, dass sich die Haushaltskonzepte in Europa danach unterscheiden lassen, ob das Wirtschaften oder das Wohnen Ausgangspunkt ist.
            
      In Dänemark, Frankreich und Spanien existieren allein aufgrund der Tatsache, dass jede Person nur einen einzigen Haushalt führen kann, weniger Haushalte. Hier ist also die Identität von Alleinwirtschaften und Alleinwohnen gegeben. Dagegen ist in Deutschland die doppelte Haushaltsführung möglich.
            
      Zum Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland heißt es z.B.:
            
      "les sous-locataires et pensionnaires font partie du ménage en France alors qui'ils sont comptés séparément en Allemagne".
            
      In Großbritannien verkündet Dr. Jonathan SCALES im Jahr 2002 stolz, dass man nun mit dem Britischen Haushalts-Panel Survey die Gruppe der "Living apart together", also Paare ohne gemeinsamen Haushalt erfassen kann.
            
      Seit über 20 Jahren ist dieses Phänomen bekannt.
      Jetzt entdeckt man plötzlich den Mythos Single. Bisher hatte man Paare und Partnerlose nicht unterscheiden wollen. Nun ist jedoch die große Sehnsucht nach der Liebe angesagt und es ist das möglich, was die ganze Zeit schon möglich gewesen wäre. Es existieren also für die vergangenen 30 Jahre in Großbritannien keine Daten zu diesem Phänomen.

            
      Wenn also nicht nur die europäischen Länder gravierende Unterschiede bei der Erfassung aufweisen, wie groß müssen die Unterschiede erst bei 141 verglichenen Ländern sein? Wenn diese Wissenschaftler dann noch behaupten, dass sie die Lebensverhältnisse vergleichen können, dann grenzt dies an Hybris.
 
   
  • SCHIMMANG, Jochen (2003): Die gestörte Nachtruhe der Nation.
    Eine Anthologie und eine Ausgabe der "Neuen Rundschau" sind den Themen Schlaf und Schlaflosigkeit gewidmet,
    in: TAZ v. 14.01.
    • Kommentar:
      "Der Schlaf und sein negatives Pendant, der unerträgliche Wachzustand, rücken immer dann ins Blickfeld des allgemeinen Interesses, wenn die gesellschaftliche Befindlichkeit zwischen den Extremen der Hyperaktivität und der Erschöpfung pendelt. Diesen Zustand scheinen wir erreicht zu haben, worauf der Kollaps des Neuen Marktes ebenso hindeutet wie das erste Atemholen der Berliner Republik und der Generation Berlin.
      Über den Schlaf und seine Schwester, die Schlaflosigkeit, sind in der vergangenen Zeit mehrere Romane erschienen, und dem Zeitgeist entsprechend beschäftigt sich das letzte Heft der Neuen Rundschau mit dem Schlaf respektive seiner Abwesenheit", schreibt Jochen SCHIMMANG geradewegs als ob er keinen Anteil daran hätte.

            
      Der Rezensent hat jedoch zum einen mit dem Buch "Die Murnausche Lücke" das Thema selbst ausführlich behandelt und zum anderen mit "Aus der Müdigkeit kommend" einen Beitrag zu dem Neuen-Rundschau-Heft geliefert.
 
   
  • DPA (2003): Kritik an Zweitwohnungssteuer.
    Bund der Steuerzahler spricht sich gegen neue Abgabe in Frankfurt aus,
    in: Welt v. 14.01.
    • Kommentar:
      Auf die Reflexe des Bundes der Steuerzahler kann man sich genauso verlassen wie auf das Amen in der Kirche.

            
      Aber ohne diese Reflexe würde der Bürger erst gar nicht erfahren, warum Haushalte und ihre Erfassung nicht nur ein statistisches Problem sind, sondern auch politische Interessen die Haushaltsstatistik beeinflussen.
 
   
  • KÜCHEN, Marina (2003): Der Single-Haushalt ist schuld!
    Die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft belastete die Umwelt schwer,
    in: Welt v. 13.01.
    • Kommentar:
      KÜCHEN argumentiert sozialpopulistisch korrekt:

            
      "der Pro-Kopf-Verbrauch von Energie und Ressourcen ist in Single-Haushalten höher als in Familien. Kurz gesagt: Single-Haushalte schädigen die Natur mehr als Familien".
            
      Diese Argumentation klingt nur auf den ersten Blick plausibel, denn KÜCHEN vergleicht Äpfel (Haushalte) mit Birnen (Familien). Der Gegensatz zu Single-Haushalten sind Familienhaushalte und nicht Familien!
            
      Dies mag manchem wie Haarspalterei erscheinen, gehört stattdessen jedoch zur zentralen Lebenslüge unserer Gesellschaft.
            
      Verfolgt man die Argumentation weiter, dann kommt man zum entscheidenden Fehlschluss der Autorin:
            
      "Zunächst bedeuten mehr Haushalte mehr Wohneinheiten, für die mehr Land und Baumaterial beansprucht wird."
            
      Dies ist eine Halbwahrheit! Es gibt viel mehr Haushalte als Wohnungen.
      Die Vermehrung der Haushalte hat u.a. auch steuerpolitische Gründe.

            
      Das zeigt uns eine Nachricht der OSTSEE-ZEITUNG von heute. Silke ZSCHÄCKEL schreibt dort über eine geplante Zweitwohnungssteuer in Greifswald:
            
      "Die Statistik geht von 5340 Nebenwohnern aus. Da die Steuer aber auf die Wohnung und nicht pro Kopf erhoben wird, könnte die Stadt für rund 1100 Nebenwohnungen Steuern kassieren."
            
      Im Zuge des Nachdenkens über neue Einnahmequellen haben die Universitätsstädte eine Vorreiterrolle bei der Zweitwohnungssteuer eingenommen. Früher hat oftmals ein Student seinen Zweitwohnsitz erst gar nicht angemeldet.
            
      Viele Alleinwirtschaftende leben in Wohngemeinschaften oder als Paar, beziehen also keineswegs eine eigene Wohnung.
            
      Von der  Haushaltsgröße kann also keineswegs direkt auf einen erhöhten Ressourcenverbrauch geschlossen werden.
            
      Die Zunahme der Single-Haushalte ist zum einen ein statistisches Artefakt der Erhebung oder das Ergebnis politischer Interessen und nur zum anderen Teil die Folge eines vermehrten AlleinWOHNENs!
            
      Hinzu kommt, dass der Mobilitätszwang das Problem erhöht, denn nicht nur Studenten und Singles, sondern auch Familienväter gehören zu jenen, die die Anzahl der Single-Haushalte in die Höhe treibt. Bei ZSCHÄCKEL liest man über die steuerpolitische Seite:
            
      "Die Mitglieder des Finanzausschusses stehen der Zweitwohnungssteuer (...) recht aufgeschlossen gegenüber. Sie betonen aber, dass das erstrebenswertere Ziel sein müsste, (...) lieber mehr Leute für einen Hauptwohnsitz zu gewinnen. Parallel zur Zweitwohnungssteuer müssten also die Anreize steigen, den Hauptwohnsitz in Greifswald zu nehmen. Dies trifft natürlich in erster Linie auf die Studenten und Singles zu. Leute, die hier arbeiten und deren Familie an einem anderen Ort lebt, werden kaum Haupteinwohner".
            
      Die erste - zwar mit Bundes- und Landesmitteln finanzierte, aber keineswegs befriedigende Studie - zu diesem virulenten Thema wurde gerade unter dem Titel "Mobil, flexibel, gebunden" veröffentlicht. Dort wird nur die Spitze des Eisbergs sichtbar, da die Datenlage mehr als unbefriedigend ist.    
 
   
  • AUGSTEIN, Jakob (2003): Fürchtet euch nicht!
    Steht die Union vor einer konservativen Revolution?,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 13.01.
    • Inhalt:
      AUGSTEIN schreibt über die allgemeine Begriffskonfusion hinsichtlich dessen, was Konservatismus bedeutet.

            
      Ausgehend von Angela MERKELs ordnungspolitischen Vorstellungen, die er in die Nähe des Thachterismus rückt, geht er anhand der Konservatismusbegriffe von Paul NOLTE (24.10.2002 in der ZEIT), Oswald METZGER und Hans D. BARBIER der fehlenden konservativen Substanz nach, um festzustellen:
            
      "Wenn die Mitte das Normale ist und das Vernünftige allen offensteht, wofür braucht es dann aber eines konservativen Projekts? Was bleibt zu verteidigen, wenn nichts mehr angegriffen wird? Auf den wenigen Plätzen, die noch umkämpft sind, gewinnt Roland Koch: Ausländer, das deutsche Blut. Aber sonst?"
            
      Damit ist AUGSTEIN wieder bei Angela MERKEL angekommen, der er eine thatcheristische Revolution nahe legt:
            
      "Wenn hierzulande das Verhältnis von Freiheit, Pflicht und Gerechtigkeit tatsächlich umgepolt würde, wäre das ein radikales Projekt. Nur eines wäre es nicht: konservativ. (...). Für die Bundesrepublik wäre es eine andere Weltanschauung, ein neues Gesellschaftsmodell. Solche Revolutionen brauchen ihre Helden, solche Botschaften ihre Propheten. Wie Margaret Thatcher es war – und Angela Merkel es ist?
 
   
  • KREYE, Andrian (2003): Hauptstadt des Jetzt.
    Die Bohème ist weitergezogen: New York entwickelt sich vom Kraftzentrum der Künste zum Umschlagplatz der Kulturindustrie,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 13.01.
    • Kommentar:
      Die Bohème ist hier nicht mehr, behauptet Andrian KREYE. Hier - das ist das mythische Manhattan:

            
      "Modern und Free Jazz, Abstrakter Expressionismus, die Beatniks, Pop Art, Punk, Performancekunst und Hip Hop waren allesamt Bewegungen, die ihren Ursprung auf den 26 Quadratmeilen felsigem Boden zwischen dem Hudson und dem East River nahmen".
            
      Schuld ist für KREYE die Globalisierung, die die Stadtsoziologin Saskia SASSEN in ihren Auswirkungen für die Städte beschrieben hat. Bei KREYE liest sich das so:
            
      "Der Paradigmenwechsel der Kulturstadt New York ist der Endpunkt einer Entwicklung, die der New Yorker Bankier David Rockefeller fast im Alleingang in Bewegung setzte – eine grundlegende Umwälzung der örtlichen Geografie, die keinen Platz für für Experimente ließ".
            
      Die Folge ist für KREYE:
      "Die letzten Nischen sind nun erobert. Die Bohème ist weitergezogen. Nach Brooklyn erst, dann auch nach Queens und in die Bronx. Doch hier funktioniert das Urbanlabor nicht mehr. Die einzigartige Geografie von Manhattan sorgte all die Jahre dafür, dass Kulturindustrie, Sub- und Hochkulturen auf engstem Raum nebeneinander existierten."
            
      Am Ende bleibt eine visionslose Vision:
      "Vielleicht ist die Suche nach einem Ort der Impulse bald schon so antiquiert wie die Nostalgie nach der Pariser Bohème des 19. Jahrhunderts (...). Vielleicht waren die Pop- Phänomene von Manchester, Seattle und Berlin nur das letzte Aufbäumen eines Weltbildes, das sich bald überholt. Und wenn die Zukunft kein Zentrum mehr hat, dann ist New York schon bereit. Denn am Ufer des Hudson etabliert sich die einstmals zukunftsweisende Metropole als mächtige Hauptstadt des Jetzt."
      Vielleicht kommt es aber auch ganz anders, denn nach der Bohème ist vor der Bohème. Man muss sich nur von dem Gedanken verabschieden, dass diese zukünftig von der Jugend getragen wird...
 
   
  • SCHMITT, Peter-Philipp (2003): Vorläufig ausgeludert.
    Verona, Naddel und Co. passen nicht mehr in die schlechten Zeiten,
    in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 12.01.
    • Kommentar:
      Schluss mit lustig ist nach SCHMITT jetzt in der Luderliga. Hatte Katja KULLMANN in "Generation Ally" die Luder noch als Bedrohung erlebt, so entdeckt SCHMITT wieder das gutbürgerliche Konzept der Schlampe, um die Luderliga auseinander zu dividieren.

            
      In der Bundesliga spielen nur noch Verona FELDBUSCH und die Salem-Schülerin Ariane SOMMER. Abgestiegen sind dagegen Jenny Elvers und Naddel. Sie haben das Klassenziel nicht erreicht:
            
      "wichtigestes Ziel eines Luders: die Ehe mit einem wohlhabenden und vorzugsweise schon ergrauten Mann".   
 
   
  • MM (2003): Jenseits.
    Moral mit Houellebecq,
    in: Frankfurter Rundschau v. 11.01.
    • Inhalt:
      Der Autor widmet sich HOUELLEBECQs Stellungnahme im Le Figaro, bei der es um die "moralische Lufthoheit" geht:
            
      "Houellebecq (...) bleibt (...) ein Meister der Luftblase, ein exzellenter Provokateur, der unter den polemischen Girlanden seines Textes eine klare Botschaft formuliert. Sie lautet: Die politischen Grabenkämpfe, die sich das intellektuelle Frankreich diesen Herbst liefert, sind pseudo-politisch und werden längst auf dem Terrain der Moral ausgefochten."
 
   
  • SCHIMMANG, Jochen (2003): Wer fernsieht, braucht eigentlich gar nicht mehr raus.
    Gartenzwerg, Eigenheim und Regionalexpress: Kolja Mensing erzählt grandiose Geschichten vom Weltkulturerbe der Provinz,
    in: Frankfurter Rundschau v. 11.01.
    • Inhalt:
      Jochen SCHIMMANG, der in dem Bestseller "Der schöne Vogel Phönix" (1979) die Flucht aus der ostfriesischen Provinz ins Berlin des roten Jahrzehnts zum Thema gemacht hat, lobt MENSINGs Geschichten, die die Veränderungen seit jener Zeit sichtbar machen:

            
      "wohin? In die Metropole natürlich, ins neue Berlin, wo Kolja Mensing in der Kochstraße den Literaturteil der taz redigiert und wo alle sich furchtbar Mühe geben, das Metropolengefühl herzustellen und der von Heinz Bude diagnostizierten »Generation Berlin« anzugehören. Dass die ökonomische Potenz keineswegs in Berlin konzentriert und die kulturelle Deutungsmacht nach wie vor auf viele Submetropolen verteilt ist, ficht den Neometropolitaner nicht an. Und der ist es schließlich, der das neue Berlin mangels einer alten Hauptstadtpopulation überhaupt erst schafft, denn unablässig strömt er aus Schwaben, aus dem Ruhrgebiet, aus Westerstede oder aus Franken dorthin. Und deshalb kommt Mensing zu dem so melancholischen wie zutreffenden Resümee, dass der Siegeszug Berlins in Wahrheit der der Provinz ist, und fragt: »Einst ging man in die Stadt, um der Provinz zu entkommen. Aber wohin soll man gehen, wenn überall Provinz ist?«
      Die Frage lässt sich schwer beantworten. Dagegen kann man mit gutem Gewissen sagen, dass dies das Klügste ist, was seit sehr langer Zeit über die Provinz in Deutschland geschrieben worden ist."
 
   
  • MESSMER, Susanne (2003): Strapazen der Entgrenzung.
    Wenn die Welt alles ist, was im Fall ist: Wohin fällt dann, wer sich Hals über Kopf in sie stürzt?,
    in: Frankfurter Rundschau v.11.01.
    • Inhalt:
      MESSMER geht bis zum 1. Weltkrieg zurück und beschreibt das Umkippen des Dadaismus anhand der beiden Protagonisten Hugo BALL und Richard HÜLSENBECK.

            
      Die unterschiedlichen Entwicklungen der beiden Dadaisten erklärt MESSMER als Reaktionen auf die damalige tödliche Langeweile, die sie auch in der Popliteratur wieder erkennt. Dies exemplifiziert sie an den Büchern "Angela Davis löscht ihre Website" von Andreas NEUMEISTER und an Marc FISCHERs "Jäger".
            
      Ihre Sympathie gehört eindeutig ersterem und sie erteilt der neuen Ernsthaftigkeit in der Tradition von Ernest Hemingway eine klare Absage:
            
      "nicht nur, weil im Buch immer wieder von Ernest Hemingway die Rede ist, fühlt man sich immer wieder an dessen Schilderungen einer verlorenen Generation nach dem Ersten Weltkrieg erinnert. Wie diese sind auch Marc Fischers Männer Zivilisationskritiker, die ihre verlorene Stärke mit Sportsgeist und Durchhaltevermögen, einer Vorliebe für alles Triebhafte, für Bewährungssituationen und pausenlosen Aktivismus, mit Fischen, Boxen, Saufen und Sex kompensieren.
      Die Grenzsituation des Todes, der Gewalt, des individuellen Kampfs mit der Natur, dieser ungebrochene, pathetische Heroismus und diese unerträglich übertriebene Männlichkeit wirkt bei Marc Fischer geradezu abgeschrieben. Vergeblich sucht man nach letzten Resten von Ironie"

            
      In den beiden Protagonisten erkennt MESSMER Ähnlichkeiten zu lebenden Personen:
            
      "Seine beiden Helden sind Männer aus dem Medienbetrieb. Der eine, Gursky, ein Art Stefan Raab, ist ein erfolgreicher Showmoderator ohne Vornamen, dessen Job darin besteht, Zeitungsartikel zu kommentieren und seine Gäste zu beleidigen. Der andere, Lukas von Schweitzer, der stark an Christian Kracht erinnert, ist ein Schriftsteller, der viel Geld hat, dauernd auf Reise ist und nur Beige trägt; sein erstes Buch »Villeroy & Boch«, wird als Revolution in der deutschen Literatur gefeiert weil er »voller Haß und Verachtung Deutschland beschreibt, egal ob es um Nazis, Hans-Josef Strauß, den Nemax, Euro oder Zuwanderer geht«."
 
   
  • KÄMMERLINGS, Richard (2003): Der Diskurs tanzt.
    Volle Speicher: Moritz Baßlers Pop-Literaturwissenschaft,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 11.01.
    • Inhalt:
      KÄMMERLINGS versucht STUCKRAD-BARREs hymnische Rezension der neuen CD von Herbert GRÖNEMEYER im SPIEGEL mit dem popkulturellen Avantgarde-Selbstverständnis in "Tristesse Royale" anhand von Moritz BAßLERs Theorie über den deutschen Pop-Roman zu erklären und ist damit mitten in einer Rezension zu BAßLERs Buch "Der deutsche Pop-Roman".
 
   
  • HUMMEL, Katrin (2003): Kinder, Kinder, Kinder.
    Im Landkreis Cloppenburg wären die Renten noch sicher - wenn es den Rest Deutschlands nicht gäbe,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 11.01.
    • Kommentar:
      HUMMEL berichtet aus Emstek, dem kinderreichsten Ort in ganz Deutschland. 189 Neugeborene bei 10.250 Einwohnern im Jahr 2000 meldet HUMMEL.

            
      Gleichzeitig ist dort die Arbeitslosenquote am niedrigsten, aber es herrscht Überproduktion von Schweinefleisch ("jede Stunde werden 600 Schweine geschlachtet").
            
      Ob die Renten sicher wären, wäre jedoch keineswegs ausgemacht, denn wer sollte denn das ganze Schweinefleisch essen, wenn es Restdeutschland nicht gäbe?    
 
   
  • SPIEß, Katharina & Gert WAGNER (2003): Gutscheine statt Kindergeld.
    Ein besonderes Problem in der Armutsbekämpfung,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 11.01.
 
   
  • Thema des Tages: Müssen Kinderlose höhere Beiträge zur Pflegeversicherung zahlen?

    • THURNER-FROMM, Barbara (2003): Urteil mit Tücken.
      Unterschiedliche Pflegebeiträge
      in: Stuttgarter Zeitung v. 11.01.
      • Inhalt:
        THURNER-FROMM weist auf die Probleme hin:
        "Die Bundesregierung will den Auftrag durch unterschiedliche Beiträge für Eltern und Kinderlose erfüllen. Doch das hat Tücken.
        Die Probleme beginnen schon damit, dass das Urteil die Neuregelung nur für diejenigen verlangt, die gesetzlich versichert sind. Wenn aber schon Familienförderung bei der Pflege, warum dann nicht für alle, egal ob privat oder sozial versichert? (...). Und wie lange sollen Eltern in den Genuss der Besserstellung kommen? Bis die Kinder aus dem Haus sind oder lebenslang?"
    • ADAM, Konrad (2003): Was Kinder wert sind,
      in: Welt v. 11.01.
      • Kommentar:
        Konrad ADAM dankt dem Bundesverfassungsgericht. Ansonsten gibt es nur Altbekanntes aus der Feder eines Singlefeindes.
 
   
  • WINKLER, Willi (2003): In Tirannos!
    Über das inzwischen folgenlose Pathos der veröffentlichten Meinung,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 11.01.
    • Kommentar:
      Willi WINKLER regt sich über das "ewige Jaccusieren" der Leitartikler auf und kommt dabei nicht zufällig auf BARING und die Feuilleton-Revoluzzer zu sprechen:

            
      "Arnulf Baring, der seinen späten Ruhm dem Fernsehen verdankt (ob es nicht doch blöd macht, das Fernsehen?), rief mirabeauesk zum Ballhaus-Schwur auf. »Bürger, auf die Barrikaden!« forderte er und wies wenigstens zwei Jahrhunderte oder doch drei Spalten in die Schranken. Vom Bürger trompetete er, und meinte doch nur den unterdrückten und ausgebeuteten Leihwagen-Nutzer.
      Diese historische Reprise war nicht ohne Reiz, aber geradezu Franzjosefs-Format gewann der chinaböllrige Aufstand, als die Jammerei wg. erhöhter Dienstwagenbesteuerung usw. gar kein Ende mehr nehmen wollte. Ganz wie im Greuelmärchen aus uralten Zeiten schrie es Skandal! und Schweinerei! und Unrechtsstaat! Vom Zurückweichen von den »Stränden der Zivilisation« wurde gemenefaselt, von »Versteinerungsprozessen in vormodernen, gerontokratischen Gesellschaften« geflennt, zu vergleichen doch nur mit der »ägyptischen am Ausgang des Neuen Reiches«.
      Wem da nicht die hellen Lachtränen in die Augen schießen, der hat den Ernst der Lage noch immer nicht begriffen."

            
      Als Nestbeschmutzer betätigt sich WINKLER jedoch nicht, denn auch bei der SZ könnte man fündig werden.
 
   
  • WACKWITZ, Stephan (2003): Das Buch aus Sand.
    Teddy, der Inkommensurable (1): Die "Dialektik der Aufklärung" von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer als heiliger Text gelesen - um tote Buchstaben mit lebendigem Geist zu erfüllen,
    in: TAZ v. 11.01.
    • Inhalt:
      Stephan WACKWITZ eröffnet eine TAZ-Serie zum 100. Geburtstag von Theodor W. ADORNO. Er erzählt (s)eine Geschichte pubertärer, bildungsbürgerlich inspirierter Konsum- pardon! Literaturerfahrung anhand der "Dialektik der Aufklärung". Oftmals spielt dabei das andere Geschlecht die entscheidende Rolle, so auch hier:

            
      "Im Frühling zuvor, 1970, war ich als Zögling des Uracher »Evangelisch-Theologischen Seminars« ein verlängertes Wochenende zu einem Informationsbesuch und Probewohnen im Tübinger Stift eingeladen (...). Ich lernte an diesem Wochenende (...) ein sehr blondes und meiner Erinnerung nach bestrickend grünäugiges Mädchen kennen, deren unverhohlen demonstriertem Interesse an mir ich trotz heftiger Sehnsucht und Geschmeicheltheit erwartungsgemäß und wie damals üblich aufgrund meiner entsetzlichen Scham, Selbstablehnung und Angst nur mit ironisch-verklemmter Distanz begegnen konnte (...).
      Dieses Mädchen (...) sagte damals, auf einer Böschungsmauer über dem Neckar zwischen Hölderlinturm und Brücke sitzend, wahrscheinlich, um mich zu beeindrucken, sie lese im Deutschunterricht unter der Bank heimlich »Traditionelle und Kritische Theorie« von Max Horkheimer. (...). Ich aber, der ich mit neunzehn das himmelblaue Fischerbändchen mit Horkheimers grundlegendem Aufsatz zwar schon verschiedentlich gesehen, aber immer einen weiten Bogen um es gemacht hatte und mich darüber jetzt plötzlich ganz unverhältnismäßig schämte, beschloss, ihr nicht mehr unter die Augen zu treten, als bis ich nicht nur »Traditionelle und Kritische Theorie« gelesen, sondern mir überhaupt solidere Kenntnisse »in Theorie« verschafft haben würde. (...).
      Und obwohl die ganze schöne Überlegung sowieso nur eine Unehrlichkeit und Lüge vor Gott und den Menschen und vor allem mir selbst gewesen ist, die vergessen machen sollte, dass ich mich nicht getraut und es in der Folge dann vor Verklemmtheit auch wirklich nicht über mich gebracht habe, von der Adresse und Telefonnummer, die sie mir bei unserem Abschied, bevor ich wieder in die Klosterschule zurückfahren musste, in die Hand gedrückt hat, den einzig vernünftigen Gebrauch zu machen und sie einmal anzurufen. (...). Und der Kauf der »Dialektik der Aufklärung« war somit auch der verzweifelt-ungeeignete Versuch, einen Moment auf der Böschungsmauer über dem Neckar zwischen Hölderlinhaus und Brücke wiederzubeleben. Ich hatte von Anfang an vor, den toten Buchstaben mit lebendigem Geist zu erfüllen."
      • Hans-Ulrich Treichel - Don Juan und die Folgen mangelnder Verführungskunst
 
   
  • TAGESSPIEGEL (2003): Schattenkabinett.
    "GQ": Frank Schirrmacher wäre der bessere Bildungsminister,
    in: Tagesspiegel v. 11.01.
    • Kommentar:
      Das Männermagazin GQ  hat einen Headhunter mit der Bildung eines Dreamteams für Deutschland beauftragt. Danach würde der Kanzler Hans-Olaf HENKEL heißen und der würde die vorgeschlagenen Minister gar nicht erst aufstellen, denn HENKEL hat sein Dreamteam bereits in der Zeitschrift Capital Nr.19 vom 05.09.2002 selbst aufgestellt. Darin kommt Frank SCHIRRMACHER nicht vor, dafür jedoch WESTERWELLE statt SCHIRRMACHER und Meinhard MIEGEL.
 
       
   

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Zu den News vom 01. - 10. Januar 2003

 
       
   
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