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News vom 01. - 08. August 2015

 
 
   
  • Sommerthema: Sind Singles schuld an der Wohnungsnot in Deutschland? - Eine Bibliografie der Debatte
 
 
   

Zitat des Monats:

 Die Bevölkerungsentwicklung in Japan im Vergleich zu Deutschland

"In Japan verläuft der Alterungsprozess (...) schneller als in Deutschland und ist weiter vorangeschritten (...). Das liegt daran, dass erstens die japanischen Babyboomer früher geboren wurden, daher älter als die deutschen sind und damit früher in das Rentenalter eintreten. Zweitens verzeichnet Japan eine höhere Lebenserwartung als Deutschland, wodurch der Alterungsprozess beschleunigt wird. Drittens verfügt Japan nicht über eine Zuwanderung, die Alterungseffekte mildern könnte. (...).
Japan ist aufgrund eines nicht funktionierenden Heiratsmarktes durch eine niedrige Verheiratungsquote gekennzeichnet, was quasi automatisch eine hohe Kinderlosigkeit bedeutet. In Deutschland besteht dieser Zusammenhang auch, ist aber deutlich entkoppelter. Alleinerziehende und nichteheliche Lebensgemeinschaften mit Kindern sind gesellschaftliche Normalität, in Japan kommen diese Lebensformen kaum vor. Daher erscheint in Deutschland ein Geburtenanstieg leichter realisierbar zu sein als in Japan. Versuche der japanischen Regierung, pronatalistisch zu agieren, sind bislang fehlgeschlagen."
(Jürgen Dorbritz & Gabriele Vogt "Rasanter demografischer Wandel – Deutschland und Japan im Vergleich" in Bevölkerungsforschung aktuell Nr.4 vom 28.07.2015, S.6f.)

 
       
       
   

Sind Singles schuld an der Wohnungsnot in Deutschland? - Eine Bibliografie der Debatte

HAIMANN, Richard (2015): Mini-Wohnungen gesucht.
Der Neubau legt zu, doch die Planer denken zu wenig an Single-Haushalte. Kleine Einheiten sind angesichts hoher Mieten jetzt besonders gefragt,
in: Welt v. 08.08.

In dem einflussreichen 1995 erschienenen Gutachten Die »Single-Gesellschaft« von Stefan HRADIL heißt es mit Verweis auf die stadtsoziologische Yuppieforschung:

"Es führt in die Irre, darauf hinzuweisen, daß nur 15 % der Mietwohnungen kleine Ein- und Zweizimmerwohnungen sind und Einpersonenhaushalte, die ja 35 % aller Haushalte ausmachen, somit in große Wohnungen ausweichen müßten. Von den Singles jedenfalls sind die großen Wohnungen keine widerwillig hingenommenen Fehlallokationen infolge Mangels an kleinen Wohnungen. Singles, nicht so sehr die älteren Alleinlebenden, wollen in großen Wohnungen leben, die wenn möglich in den begehrten Innenstadtrandzonen gelegen sind. Darin sind sich alle Untersuchungen einig. (Droht und Dangschat 1985, S.175; Weber und Gaedemann 1980) Dieser Umstand ist von großer Bedeutung für die Wohnbaupolitik". (1995, S.37)

20 Jahre später wird nun deutlich, dass der überzeugte Single nicht das Leitbild der Moderne war, sondern nur mehr noch ein "Leidbild" und in der Immobilienwirtschaft wird der Ruf nach verstärktem Bau von Ein- und Eineinhalbzimmerwohnungen immer lauter. Nicht mehr die Lebensform des "überzeugten Singles", sondern die Lebensphase Single wird mit einer solchen Wohnform verbunden.

Und spielten in den 1990er Jahren wirklich nur die Wohnwünsche der Alleinlebenden die entscheidende Rolle, wie HRADIL suggeriert oder spielten nicht Profitinteressen der Wohnungswirtschaft die entscheidende Rolle. Dies lässt zumindest der Artikel von Richard HAIMANN vermuten, der auf die hohen Erstellungskosten der Kleinwohnungen hinweist:

"(Die) Erstellungskosten pro Quadratmeter für Kleinwohnungen (seien) um bis zu 20 Prozent höher (...) als bei Zwei- und Dreizimmerwohnungen.
»Die Kosten für den Einbau von Toilette, Dusche und sämtlicher Versorgungsstränge sind identisch - egal, wie groß eine Wohnung ist«", sagt Pink. Für Bauträger und Wohnungsunternehmen bedeutet dies, dass sie für die Erstellung eines Quadratmeters in einer Kleinwohnung mehr Euro aufwenden müssen als bei größeren Wohnungen. »Für die Unternehmen war es in der Vergangenheit schlichtweg rentabler, größere anstatt kleinerer Wohnungen zu bauen«, sagt der Analyst. Zumal letztere bis vor wenigen Jahren kaum am Markt gefragt waren. Die überproportional hohen Erstellungskosten würden dazu führen, dass die Mieten pro Quadratmeter bei Kleinwohnungen überproportional hoch ausfallen, sagt Nittka."

Erst die Hartz-Gesetzgebung und die steigenden Mietpreise in attraktiven Großstädten führen nun dazu, dass "Singles mit unterdurchschnittlichem Einkommen" wieder vermehrt wahrgenommen werden, obwohl diese Gruppen auch bereits in den 1990er Jahren nicht die Ausnahme waren, aber durch das vorherrschende Yuppie-Stereotyp ausgeblendet wurden.

Erst die zunehmende Flüchtlingsproblematik scheint nun den Bau von Kleinwohnungen auch zum profitablen Geschäft für die Immobilienwirtschaft zu machen.

 
   

Eva Maria Bachinger - Kind auf Bestellung

"Es gibt kein Recht auf ein Kind" heißt die allgemeine Abwehrformel gegen reproduktionsmedizinischen Fortschritt. Wer dafür eintritt, der sollte zu allererst für die Gleichberechtigung von Eltern und Kinderlosen eintreten. Dies würde bedeuten sich gegen Forderungen nach einem Familienwahlrecht oder eine Rente nach Kinderzahl auszusprechen oder ganz allgemein: sich gegen Bevölkerungspolitik zu engagieren. Alles andere wäre mehr als verlogen.

Oftmals verbirgt sich jedoch hinter dem Satz "Es gibt kein Recht auf ein Kind" lediglich die Ansicht: Es gibt kein Recht auf ein Kind für ganz bestimmte Bevölkerungskreise (z.B. die "Unterschicht" bzw. Sozialhilfeempfänger, gleichgeschlechtliche Paare, Partnerlose usw.).

PAWLIK, Michael (2015): Nachwuchs ist für alle da.
Vom Eizellen-Einfrieren bis zur Leihmutter in Indien: Ein Buch gegen den selbstgerechten Konsum der Reproduktionsmedizin,
in: Welt v. 08.08.

LENZEN, Manuela (2015): Der unbedingte Kinderwunsch.
Die Journalistin Eva Maria Bachinger unterzieht die Angebote zu assistierter Fortpflanzung einer harten Kritik,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 08.08.

 
   

WALK, Klara (2015): Nicht ohne meinen Partner.
Beim Stellenwechsel erwarten Professoren auch für ihre Lebenspartner ansprechende Perspektiven. Ein Fall für den Karriereplaner der Hochschule. Sie sind gefragter denn je,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 08.08.

 
   

KREYENFELD, Michaela (2015): Was soll dieser Vereinbarkeitspessimismus?
Familie oder Beruf? Mit siebzig Prozent berufstätigen Frauen liegt Deutschland noch vor Frankreich, doch das täuscht,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 08.08.

Die Soziologin Michaela KREYENFELD hat Wehklagen aus ganz unerwarteten Richtungen vernommen, die sich gegen die neoliberale,  bevölkerungspolitische Wende der Familienpolitik richtet:

"Feministinnen monieren den familienpolitischen Kurswechsel. Sie klagen darüber, dass die familienpolitischen Reformen vor allem durch profane ökonomische und demographische Beweggründe motiviert waren. Und Väter stellen plötzlich ihr gewähltes Familienmodell, mit dem nicht nur sie, sondern auch ihre Frauen Karriere machen, in Frage: Karriere und Familie könnten nicht in Einklang gebracht werden, meinen die Autoren Marc Brost und Heinrich Wefing und bringen ihr Dilemma auf den Begriff »Vereinbarkeitslüge«. Selbst die Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard, die sich lange für die Vereinbarkeit von Kind und wissenschaftlicher Karriere eingesetzt hatte, sagte jüngst in einem Interview mit der »Zeit«, dass wahre Wissenschaft und Kindererziehung doch nicht vereinbar seien und schließlich nicht »alle Kinder kriegen müssen«".

KREYENFELD wirft dagegen ein, dass es sich bei der Mehrheit der berufstätigen Frauen nicht um Spitzenmütter an der Belastungsgrenze handelt und nimmt sich deshalb die EUROSTAT-Statistik für das Jahr 2014 vor. Statt jedoch, wie man annehmen müsste, die Erwerbstätigkeit von Müttern zu betrachten, vergleicht KREYENFELD die Frauenerwerbstätigkeit, bei der Deutschland vor dem angeblichen familienpolitischen Musterland Frankreich liegt. Mit diesem statistischen Kniff lenkt KREYENFELD den Blick auf die Tatsache, dass Deutschlands Frauenerwerbstätigkeit nur deshalb so hoch ist, weil es hierzulande über 20 Prozent kinderlose Frauen gibt. Das liegt weit unter den noch vor wenigen Jahren prognostizierten ein Drittel Kinderloser, die es hierzulande angeblich geben sollte. Ein weiterer Grund seien die vielen "marginal beschäftigten Mütter", während die Vollzeiterwerbstätigkeit stagnierte. Erst seit 2007 - also seit Einführung des Elterngeldes - sei ein Anstieg erkennbar. Danach lenkt KREYENFELD den Blick auf Ostdeutschland, wo die Vollzeiterwerbstätigkeit von Müttern - im Gegensatz zum Westen - selbstverständlich sei. Vor allem im Ausbau der Kinderbetreuungsinfrastruktur sieht KREYENFELD den Hauptfaktor, der zur Erhöhung der Müttererwerbstätigkeit - jenseits der "marginal beschäftigten Mütter" - beitrug. Außerdem weist sie darauf hin, dass - weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit - die Kinderlosigkeit unter Akademikerinnen rückläufig sei.

Ein Hindernis sei insbesondere, dass die Unternehmen "vom voll flexibel einsetzbaren männlichen Ernährer" verwöhnt sei. KREYENFELD plädiert deshalb dafür, dass sich die "Vereinbarkeitspessimisten" lieber für einen diesbezüglichen Wandel der Arbeitswelt einsetzen sollten, statt lediglich zu jammern.     

 
   

BRANDSTETTER, Barbara (2015): Finanzamt beteiligt sich an der Ausbildung.
Nachwuchs ist teuer - vor allem, wenn er studiert. Doch die Kosten müssen Eltern auch bei erwachsenen Kindern nicht allein tragen,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 08.08.

 
   

EHRENSTEIN, Claudia (2015): Mit Betreuungsgeld-Milliarde das Kindergeld erhöhen.
Nach dem Karlsruher Urteil wird über die freien Mittel heftig gestritten. Aus dem Osten kommt nun eine neue Idee,
in: Welt v. 07.08.

 
   

HERPELL, Gabriela (2015): "Freiheit ist kapitalistischer Mainstream".
Die Mittelschicht schafft sich ab, Bildungsabschlüsse verlieren an Wert, und der Neoliberalismus vereinnahmt selbst diejenigen, die ihn bekämpfen sollten - beste Voraussetzungen, um das ganze Gesellschaftssystem ins Wanken zu bringen, meint die Soziologin Cornelia Koppetsch,
in: SZ-Magazin Nr.32 v. 07.08.

Die Soziologin Cornelia KOPPETSCH sieht mit der Generation Maybe eine unpolitische und angepasste Generation heranwachsen:

"Generation Maybe. Die Generation der nach 1975 Geborenen. Sie sind die erste Generation, die mit den Folgen der Globalisierung aufwächst und unter sehr viel schlechteren Bedingungen in das Erwerbsleben einstiegt als ihre Eltern. Dennoch wollen die jungen Leute ihre Probleme nicht im gesellschaftlichen Rahmen deuten."

 
   

SCHULZ, Josephine (2015): Vielen Dank, das erste Kind reicht!
Wenn das erste Kind unglücklich macht, gibt es wahrscheinlich keine Geschwister. Wissenschafter haben Eltern zu ihrem Wohlbefinden befragt.,
in: TAZ v. 06.08.

Josephine SCHULZ berichtet über die Studie Parental Well-being Surrounding First Birth as a Determinant of Further Parity Progression von Rachel MARGOLIS & Mikko MYRSKYLÄ.

Das Thema Regretting Motherhood erfreut sich seit April dieses Jahres große Aufmerksamkeit. Mit dem SZ-Artikel Ich will mein Leben zurück von Esther GÖBEL vom 4. April begann die Debatte im Mainstream-Deutschland. Die Entwicklung zum Medienhype hat Anna SAUERBREY im Tagesspiegel beschrieben. In der aktuellen Frauenzeitschrift Emma hat Esther GÖBEL im Schwerpunkt Regretting Motherhood den Medienhype aus ihrer Sicht beschrieben. Dort behauptet sie, dass die Debatte in weiten Teilen ein Missverständnis gewesen sei:

"Es geht um die Frage, ob das Mutterbild, wie es hierzulande noch immer gilt, nicht schlicht an der Realität vorbeiläuft".

BARTENS, Werner (2015): Babyblues.
Nach dem ersten Kind werden viele Paare plötzlich unzufrieden,
in: Süddeutsche Zeitung v. 06.08.

 
   

KRUG, Uli (2015): Sophistication for the masses.
JW-Serie (3): Aus dem Blues machten die Mods in England etwas bislang Unbekanntes: Rock. Mit der Adaption einer neuen Tanzmusik aus Detroit schließlich wurde ihre Subkultur zum Massenphänomen,
in: Jungle World Nr.32 v. 06.08.

 
   
FR-Tagesthema: Geld sucht Pflege-WG.
Der Bund fördert Wohngemeinschaften für pflegebedürftige Menschen - doch niemand nimmt die Millionen in Anspruch

BAUMANN, Daniel (2015): Pflege-WGs geben Rätsel auf.
30 Millionen Euro stehen pro Jahr für ambulant betreute Pflegegruppen zur Verfügung. Nur wenige Menschen rufen Förderung ab,
in: Frankfurter Rundschau v. 05.08.

 
   

HIRSCH, Joachim (2015): Machtlose Akteure.
"(Ohn-) Mächtige Städte in Zeiten der neoliberalen Globalisierung": Werner Heinz analysiert die prekäre Entwicklung der Städte und macht ein paar nüchterne Vorschläge,
in: Frankfurter Rundschau v. 05.08.

 
   

HUTTER, Michael (2015): Wer nimmt hier wen in Geiselhaft?
Griechenland ist nicht das Opfer einer neoliberalen Politik - und schon gar nicht des "Kolonialismus",
in: Süddeutsche Zeitung v. 05.08.

Eine Erwiderung auf Stephan LESSENICHs SZ-Artikel.

 
   

MARGOLIS, Rachel & Mikko MYRSKYLÄ (2015): Parental Well-being Surrounding First Birth as a Determinant of Further Parity Progression,
in: Demography v. 04.08.

In der Pressemitteilung Macht das erste Kind unglücklich, kommen seltener Geschwister der Max-Planck-Gesellschaft zur Studie von MARGOLIS & MYRSKYLÄ heißt es:

"Die Forschungsergebnisse helfen, einen inzwischen schon lange andauernden Widerspruch zu erklären: Immer noch wünschen sich die meisten Deutschen zwei Kinder. Tatsächlich liegt die Zahl der Geburten pro Frau aber seit 40 Jahren unter 1,5. Während als Ursache häufig der steigende Anteil von Kinderlosen diskutiert wird, wird vernachlässigt, dass immer häufiger zwar ein erstes Kind kommt – dann aber nicht mehr das ursprünglich gewollte zweite. Lag der Anteil an Ein-Kind­Familien noch bei 25 Prozent für Mütter, die Ende der 1930er-Jahre geboren wurden, hat er für die jetzt etwa 45-jährigen Mütter der späten 1960er-Jahrgänge schon 32 Prozent erreicht. Zum Vergleich: In England und Wales liegt der Anteil für die späten 1960er-Jahrgänge nur bei 21 Prozent."

Abgesehen von der Tatsache, dass die angebliche Kluft zwischen Geburtenrate und Kinderwunsch gar nicht in dieser Weise existiert, wird hier von einem neuen Trend zur 1-Kind-Familie gesprochen, obwohl in Ostdeutschland traditionell die 1-Kind-Familie dominiert. Lediglich im Westen dominierte angeblich weiterhin die 2-Kind-Familie. In der Studie von MARGOLIS & MYRSKYLA heißt es nun dazu:

"In Germany, relatively low transition rates to parity 2 is an important component of persistent low fertility. The proportion of mothers who stopped at having one child has been increasing rapidly, from 25 % for the 1935–1939 birth cohort to 32 % for the 1965–1969 birth cohort (Kreyenfeld and Konietzka forthcoming)."

Jürgen DORBRITZ vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung ist seit den 1990er Jahren von einer Polarisierung zwischen Kinderlosen und Zwei-Kind-Familien in Deutschland ausgegangen. So heißt es etwa bei DORBRITZ & GÄRTNER im Bericht 1995 über die demographische Lage in Deutschland:

"Während bei den zweiten und folgenden Kindern kaum Veränderungen vorausgeschätzt werden, ist eine Umverteilung von den Frauen mit einem Kind zu den Kinderlosen zu erwarten. (...). Die Schätzungen von Birg und Flöthmann geben für die jüngeren Geburtsjahrgänge (Anmerkungen des Autors: 1965 und 1970 Geborene) einen Kinderlosenanteil von über 30 % an. (...). Dagegen ist die Familienerweiterung von der Geburt des ersten zur Geburt des zweiten Kindes, wenn man sich einmal für das Biographiemuster Ehe und Kinder entschieden hat, kaum abgeschwächt." (S.373)"

Diese Argumentation wurde bislang von Jürgen DORBRITZ mehr oder weniger ungebrochen weiter verfochten. Diese Polarisierungsthese wurde auf dieser Website von Anfang an kritisiert, konnte aber erst anhand der empirischen Erfassung der tatsächlichen Paritätsverteilung der Geburten in den letzten Jahren widerlegt werden. Im Jahr 2012 wurde im Rahmen einer Kritik der Debatte um die Geburtenentwicklung anhand neuer Erkenntnisse dieser  Aspekt ausführlich dargelegt (mehr hier).

Die Studie geht also von einer anderen Prämisse aus: Nicht die Kinderlosigkeit, sondern die Familienerweiterung, die bislang im Rahmen der Polarisierungsthese weitgehend beschönigt wurde, wird als eigentliches Problem der deutschen Geburtenentwicklung gesehen. Während bislang die Zunahme der späten Mutterschaft und die damit verbundene Fruchtbarkeitskrise als Ursache betrachtet wurde, geht die Studie von MARGOLIS & MYRSKYLA dagegen von einem Zusammenhang zwischen Geburtenentwicklung und der Unzufriedenheit von Eltern mit ihrer Lebenssituation aus.

Auf dieser Website wurde bereits anlässlich eines ZEIT-Artikels von Ulrich GREINER im Jahr 2001darauf hingewiesen, dass aufgrund der hysterischen Demografiedebatte die Unzufriedenheit von Eltern im allgemeinen medialen Diskurs ein Tabuthema ist. Statt die eigene Situation realistisch darzustellen wurden dagegen Singles als Projektionsfläche bzw. Identitätsstabilisator missbraucht. Mit dem verblassenden Glanz des Single-Daseins in der Hartz-Gesellschaft rückten die Mutterkriege in den Mittelpunkt der medialen Aufmerksamkeit.

Warum wird ausgerechnet jetzt die Unzufriedenheit mit der Elternrolle thematisiert? Ist das Tabuthema unzufriedene Eltern überhaupt ein Alltagsproblem oder nur ein Diskursphänomen, das im Zusammenhang mit demografischen Problemdefinitionen und politischen Lösungsstrategien steht?

Nachdem das Elterngeld durchgesetzt war, rückte die Idealisierung der Mutter in den Mittelpunkt der Medienkritik. So erregte 2007 das Buch No Kid der Französin Corinne MAIER Deutschland. Und Sandra KEGEL schrieb in der FAZ:

"Wer (...) kinderlos ist, aber ernsthaft erwägt, Nachwuchs zu bekommen, sollte die Streitschrift (...) lieber gar nicht erst zur Hand nehmen".

Als die kinderlose Schriftstellerin Antonia BAUM letztes Jahr in der FAZ erklärte: Man muss wahnsinnig sein, heute ein Kind zu kriegen folgte zwar eine lebhafte Debatte, die jedoch dem üblichen Schema verhaftet war: Es ging darum, warum Kinderlose kein Kind wollen, aber nicht darum, warum Eltern kein zweites oder gar drittes Kind wollen. Die Debatten der Vergangenheit waren Ausdruck der nationalkonservativen Polarisierungsthese, die Kinderlose hauptsächlich für den Geburtenrückgang verantwortlich machte. Langsam bahnt sich nun in der demografischen Debatte ein Paradigmenwechsel an: Es geht nun vermehrt um die Frage, warum Eltern nicht weitere Kinder bekommen. Inwieweit sich damit eine Abkehr von der nationalkonservativen Polarisierungsthese abzeichnet muss abgewartet werden.

 
   

DESTATIS (2015): Zahl der Zuwanderer in Deutschland so hoch wie noch nie,
in: Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes v. 03.08.

 
   

SOLDT, Rüdiger (2015): Revolution der Alten.
Eine neue Partei mischt Baden-Baden auf. Ihre Mitglieder sind keine Wutbürger, sondern reiche, zufriedene Rentner,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 02.08.

Rüdiger SOLDT beschreibt die Gemeinderatfraktion Freie Bürger für Baden-Baden (FBB) um den Immobilienmakler Martin ERNST als Anwalt der jungen Generation.

 
   

AMANN, Melanie u.a. (2015): Familie für alle.
Recht: Die Reproduktionsmedizin und neue Formen des Zusammenlebens verändern den Begriff von Familie und Abstammung. Die Gesetze sind dafür nicht geschaffen. Die Bundesregierung ist überfordert,
in: Spiegel Nr.31 v. 01.08.

 
   

METZGER, Jochen (2015): Weiß das Netz, wer zu mir passt?
Millionen von Deutschen suchen einen Partner per Internet. Die großen Datingbörsen arbeiten mit Erkenntnissen aus Persönlichkeitspsychologie und Beziehungsforschung. Aber liefern sie deshalb zuverlässige Ergebnisse? Findet man im Netz den richtigen Mann, die richtige Frau?
in: Psychologie Heute,
August

 
   

REICHENBACH, Roland (2015): Über Bildungsferne,
in: Merkur Nr.795,
August

 
   

CHAIMOWICZ, Sascha (2015): Love hates you!
Wie kaum eine Generation vor uns glauben wir an die große Liebe. Zugleich haben wir wenig Geduld. Dreißigjährige haben heute deshalb schon mehr schmerzhafte Trennungen hinter sich als ihre Großeltern im ganzen Leben. Was macht das mit uns?
in: Neon,
August

 
   

HAAF, Meredith (2015): "Die Leute sind zu recht angepisst".
Die Bestsellerautorin Laurie Penny kämpft für Feminismus und gegen Kapitalismus. Sie findet: Um eine gerechtere Welt zu schaffen, brauchen wir nichts weniger als eine Revolution. Was macht ihr Hoffnung?
in: Neon,
August

 
   

KITTLITZ, Alard von (2015): Das Glück der Mutigen.
Deutschland ist reich und stabil. Trotzdem sind alle am Jammern. Auf einer Reise durch das Land haben wir verstanden, warum. Und was wir ändern müssen,
in: Neon,
August

 
   

BUCHHOLZ, Jenny (2015): "Mich kann man prima ausnutzen".
Ehrliche Kontaktanzeigen. Nichts als die Wahrheit: NEON-Singles erzählen aufrichtig von ihren Macken - und erklären, warum es sich trotzdem lohnt, sie kennenzulernen,
in: Neon,
August

 
       
 

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Bernd Kittlaus
[email protected] Stand: 11. April 2016